Auf dem Sofa: Militanz, Häuserkampf und Phantasie

Der Sommer ist definitiv vorbei. Schade. Gut dagegen: Jetzt lohnt es sich, ohne Reue auf dem Sofa zu bleiben und zum Roman zu greifen. Zum Beispiel zu „Begrabt mein Herz am Heinrichplatz“ von Sebastian Lotzer – der Geschichte von Paul und seiner radikal-linken Zeit im stürmischen Westberlin der 1980er und 90er Jahre.

Sebastian Lotzer beschreibt in seinem Roman das Leben seines Alter Ego Paul in der autonomen Szene Westberlins zwischen 1980 und 1995. Paul ist in Berlin geboren und stößt als Schüler zur Hausbesetzerbewegung. Nach deren Zerfall beteiligt er sich an den weiteren Aktionen, Kampagnen und Debatten der Autonomen. So ist das Buch in 45 Szenen unterteilt, die in zwei große Blöcke gegliedert und chronologisch aufgebaut sind: Der erste („Nur Stämme werden überleben“) beschreibt die Zeit vor dem November 1989, der zweite („Etwas Besseres als den Tod finden wir überall“) die Zeit danach. Die Figur Paul wird vom Autor durch diese wechselhaften Zeiten konsequent aus gebührender Entfernung ‚begleitet‘, denn Lotzer schreibt über ‚seine‘ Hauptperson stets in der dritten Person („Paul holt sich noch ein Bier …“).

Ein zu großer Teil des Textes besteht dabei aus leider auf die Dauer ermüdend wirkenden Schilderungen von Straßenmilitanz bzw. der Konfrontationen mit der Polizei. Für die autonome Bewegung jenseits von Berlin markante Vorkommnisse wie etwa der Überfall der Polizei auf den Brokdorf-Konvoi bei Kleve im Juni 1986, die Hafenstraßen-Auseinandersetzungen im Dezember 1986 oder die Ereignisse in Rostock 1992 kommen ebenfalls vor. Wichtige szeneinterne Debatten, etwa zum Fall Gerhard Kaindl 1992/93 (dem tödlichen Angriff auf den Neonazi der Partei „Deutsche Liga für Volk und Heimat“), oder zum Verhältnis zu den Revolutionären Zellen, werden genauso angeschnitten. Es muss aber offen bleiben, ob die geschilderten Auseinandersetzungen heute noch verständlich sind – vor allem, ohne die Kenntnis schriftlicher Debattenbeiträge der verschiedenen linksradikalen Strukturen oder Akteur*innen. Dankenswerterweise hat Sebastian Lotzer aber auf der Homepage http://heinrichplatz.bahoebooks.net Texte und Videodokumente zusammengetragen, die – sortiert nach den 45 Szenen seines Romans – hilfreiche Ergänzung sind. Hier kann Lotzer, der laut Verlagswebsite eigentlich ganz anders heißt, vielleicht eine Brücke schlagen zwischen den Zeitdokumenten und dem Wissen um die Geschichte der Bewegung einerseits und den Leser*innen jüngeren Alters andererseits. Lotzer selbst, der vermutlich Zeitzeuge der Ereignisse ist, die er in „Begrabt mein Herz am Heinrichplatz“ anhand seiner Figur Paul erzählt, dürfte heute wohl um die Mitte 50 sein.

Das Buch ist dort stark, wo Lotzer/Paul Unwissenheit und Unsicherheit zulässt, ja von Melancholie angesichts der eigenen „Niederlagen“ und des gesellschaftlichen Trends der postmodernen Individualisierung berichtet. Hier hätte wirklich Neues berichtet werden können. Oft gleiten diese Passagen dann aber in exotisierende Beschreibungen von Reisen nach Rom oder an die baskische Atlantikküste ab. Wie Paul seine nicht zuletzt durch politische Entwicklungen verursachten Krisen verarbeitet, und über welchen konkreten Auseinandersetzungsprozess mit sich selbst oder anderen er seine politische Ethik und sein Engagement aufrechterhalten kann, wird aber am Ende leider nicht wirklich deutlich.

Zwei weitere große, erst recht für das sich widerständig dünkende Leben in aller Widersprüchlichkeit (mit)entscheidende Zusammenhänge fallen ebenfalls durch Abwesenheit auf: Da wäre zum einen die Ökonomie. Außer von einem relativ bequemen Job in Nachtschicht bei der Post zu Anfang der 1980er Jahre kommt Pauls Einkommenssicherung jenseits von Ladendiebstahl nicht vor. Zweitens: Paul ist heterosexuell. Und außer einer wirren „Beziehung“ zu einer Cora, über die die Leser*innen kaum etwas erfahren, kommen Frauen im Roman im Grunde nicht vor. Freundschaften gibt es nur zu Männern, ob diese aber wirklich tragfähig und von Dauer sind, erschließt sich nicht.

In den Schilderungen der Straßenmilitanz und des Lebens in den besetzten Häusern ist das Buch stark, in der Zeichnung des Empfindens und der Motivation des Protagonisten hat es in meinen Augen Schwächen. Der Roman ist aber eines der wenigen Beispiele, in denen das Leben in der radikalen Linken überhaupt literarisch verarbeitet wird. Und schon alleine deswegen ist es wichtig. Selbst dann, wenn er auf einer einzigen Zugfahrt oder binnen einer Handvoll Stunden auf dem Sofa weggeschmökert werden kann 1

BERND HÜTTNER

Sebastian Lotzer: Begrabt mein Herz am Heinrichplatz
bahoe books, Wien 2017, 172 S., 14 EUR.

1 Wer sich weiter reinlesen mag: Einige weitere Beispiele literarischer Texte – von Eva Bude über Raul Zelik und Gerhard Seyfried – finden sich auf „Für eine ‚Geschichte von unten‘ der radikalen Linken – Literaturempfehlungen“ unter https://rosalux.de/news/id/855/zur-geschichte-von-unten-der-radikalen-linken/ (leider schon zehn Jahre alt, mit Stand 2007).