I furiosi in Bewegung

Mission Seenotrettung

Über 5.000 Menschen sind 2016 bei ihrer Flucht nach Europa im Mittelmeer ertrunken. Bei dem Versuch, sich vor Krieg, Hunger und Tod in Sicherheit zu bringen, nehmen die Menschen ein hohes Risiko auf sich. Die Seenot-Retter*innen von der Sea-Eye versuchen dieses ein wenig zu mindern. Jonas, Teilnehmer einer Mission, berichtete in Düsseldorf über seine Erfahrungen.

Die Route über das Mittelmeer ist gefährlich: Viele Fluchtboote sind für die Überfahrt ungeeignet und chronisch überfüllt. Schlepper verkaufen Rettungswesten zu horrenden Preisen, die sich im Ernstfall mit Wasser vollsaugen und zu „Todeswesten“ für die Betroffenen werden. Auch mit den kleinen Außenbordmotoren, mit denen die Flüchtenden versuchen, Richtung Europa zu steuern, wird ein tödliches Geschäft betrieben: Sogenannte „engine fisher“ lauern den Fluchtbooten als Fischer getarnt auf und rauben den Motor, so dass das Fluchtboot ohne Antrieb auf dem Mittelmeer treibt. In der Regel wird der Motor am Festland an ein neues Fluchtboot verkauft.

Verschiedene NGOs versuchen mit eigenen Schiffen Geflüchtete, die in Seenot geraten sind, zu retten. Jonas war in dieser Mission zwei Wochen mit der Organisation See Eye auf dem Mittelmeer.

Jonas sieht sich selbst als pragmatische Person, die nicht nur in der Theorie etwas ändern möchte. Auf den Schiffen werden Ehrenamtliche gebraucht. Durch seine Ausbildung als Rettungssanitäter, Rettungsschwimmer, Erlebnispädagoge und Sozialarbeiter bringt er viele benötigte Fähigkeiten mit. Er hat genügend Zeit und ist finanziell abgesichert, also fasst er den Beschluss schnell: Er möchte helfen. In seinem Leben soll nicht alles von Beruf und Arbeit bestimmt sein, Jonas will auch sozial und politisch etwas bewirken.

Zu Beginn ist Jonas als Rettungssanitäter an Bord. Er versorgt die Geborgenen medizinisch und unterstützt die mitfahrenden Ärzt*innen. Später wechselt er auf das vorausfahrende Schnellboot, um an die Boote der Geflüchteten heranzufahren. Als as„Kommunikator“ ist es seine Aufgabe, den Erstkontakt zur Bootsbesatzung aufzunehmen. Mit Hilfe eines Protokolls bespricht er mit den Geflüchteten den Ablauf der Rettung, um eine Massenpanik bei der Bergung zu verhindern. Als Sanitäter kommt ihm dabei zu Gute, dass er bereits in dieser Situation einschätzen kann, wie der gesundheitliche Zustand der Passagier*innen ist.
Bei der Frage nach seinem eindrücklichsten Erlebnis wird er emotional. Noch oft kommen ihm die Tränen bei dieser Geschichte.

Der letzte Tag der Mission

Die Crew wird im Morgengrauen geweckt, weil ein Boot entdeckt wurde. Sie fahren mit dem Schnellboot los und versorgen die sich darauf befindenden Menschen mit Schwimmwesten. Dabei fällt auf, dass das Boot ein Leck hat, Wasser strömt ins Innere. Das Schnellboot aber ist mit seinen knapp elf Metern Länge nicht sonderlich groß. Es lassen sich jeweils nur etwa 90 Schwimmwesten auf einmal transportieren, zu wenige für die vielen Männer, Frauen und Kinder. Jonas und seine Crew müssen also wieder zum Basisschiff zurück, um Nachschub zu holen. Jonas sieht die Todesangst, die sich in den Gesichtern der Menschen auf dem leck geschlagenen Boot abzeichnet, als er und die Schnellboot-Besatzung diese wieder verlassen müssen.

Die Flüchtenden fürchten nicht nur das einströmende Wasser, sondern auch, dass ihnen die schwer bewaffneten Schlepper*innen Gewalt antun oder sie im schlimmsten Fall umbringen, weil sie die Hilfe der Retter*innen gesucht und angenommen haben.

Zurück bei dem gefährlich beschädigten Boot tauchen während der Verteilung neuer Schwimmwesten weitere Boote am Horizont auf, die auf den zur Seenotrettung umgerüsteten Fischkutter Sea-Eye zusteuern.

Das erste Boot wird mit Rettungswesten und Schöpfgefäßen ausgerüstet. Das Wasser läuft jedoch schneller ins Boot, als es herausgeschöpft werden kann. Die Zeit wird knapp. Die einzige Möglichkeit: Eine Rettungsinsel zünden, die Menschen umverteilen und somit das Boot entlasten. Eine Evakuierung würde zu lange dauern, und mittlerweile sind drei weitere Boote in Reichweite, die mit Rettungswesten versorgt werden müssen.

Weder die Rettungsinsel noch das leckgeschlagene Boot können ans Festland geschleppt werden. Die Crew fasst einen neuen Plan: Erst sollen alle Boote mit Rettungswesten versorgt werden. Danach sollen die Menschen auf das Schiff der Seenotretter*innen aufgenommen werden. Doch es kommt anders: Mitten im Chaos der Versorgung der anderen Boote driftet das erste Boot immer weiter ab, zurück in die Zone vor der libyschen Küste, die von der Seenotrettung nicht befahren werden darf.

Für Jonas ist dies einer der tragischsten Momente: Als Kommunikator hatte er den Menschen, die Todesängste durchstehen, versprochen, zurückzukommen und sie in Sicherheit zu bringen. Doch nun sind sie plötzlich so weit abgetrieben, dass sie für die Rettungscrew unerreichbar geworden sind.

Im Nachhinein lässt sich nicht abschließend klären, was mit den Menschen im abgedrifteten Boot passiert ist. Die Crew erfährt jedoch, dass die libysche Küstenwache Menschen aufgenommen hat, die Schwimmwesten der NGO trugen.

Zurück an Bord der Sea-Eye hadert die Crew mit sich selber: Das nicht eingehaltene Versprechen, die Unwissenheit darüber, was mit den Menschen geschehen ist, ob sie gerettet wurden, ob sie sich nun in einem Auffanglager in Libyen befinden ... Hat man falsch gehandelt? Hätte es eine andere Möglichkeit gegeben?

Letztendlich konnten alle Flüchtende mit regulären Schwimmwesten versorgt und drei Boote vollständig evakuiert werden. Der Gedanke an die Passagier*innen des ersten Bootes lassen Jonas jedoch nicht los. Es fällt ihm schwer, Freude über die geretteten Menschen zuzulassen. Bis heute empfinden die Beteiligten Hilflosigkeit, Wut und Traurigkeit, wenn sie an diesen schwierigen Tag zurückdenken. Klar ist jedoch: Würde es keine Freiwilligen geben, die unermüdlich dafür kämpfen, Flüchtende aus unsicheren und in Seenot geratenen Booten zu retten, wäre die Situation noch viel dramatischer.

Jede*r kann etwas beitragen

Um die Seenotrettung von Flüchtenden zu unterstützen gibt es viele Möglichkeiten: Bereits kleine Dinge sind sinnvoll, wie zum Beispiel die Arbeit der Organisationen als Botschafter*in bekannter zu machen, Beiträge der NGOs über soziale Medien zu teilen und damit Öffentlichkeit zu erzeugen.

Gibt es die Möglichkeit, die Missionen mit Geld zu unterstützen, ist das sehr hilfreich. Viele Organisationen können finanziell nur bis zu einem Monat im Voraus planen. Seenotrettungsmissionen finanzieren sich ausschließlich über freiwillige finanzielle Zuwendungen und werden weder staatlich unterstützt, noch gibt es nennenswerte Großspender*innen.

Und letztendlich kann man durch eigene tatkräftige Unterstützung vor Ort helfen. Die Auswahlkriterien der meisten Seenotrettungsorganisationen sind streng, in der Regel wird qualifiziertes Personal gesucht: gebraucht werden Ärzt*innen, Sanitäter*innen, Maschinist*innen, Elektriker*innen, Kapitän*innen, Pflegepersonal, teils auch Crew-Köch*innen. Aber auch Menschen aus anderen Bereichen können unterstützen, es gibt zahlreiche wichtige Jobs, die nicht auf den Schiffen selbst stattfinden, wie zum Beispiel internationale Kommunikation oder Medienarbeit.

Jonas nimmt als Fazit mit, dass wir alle etwas tun können, um die Welt ein Stück besser zu machen und dass auch einzelne Personen etwas bewirken können. Er hat sich für weitere Missionen beworben und wird nächstes Jahr wieder auf das Meer hinausfahren.

Während der zwei Wochen hat die Crew der Sea-Eye bei ihrer Mission etwa 1.000 Rettungswesten ausgegeben und 280 Menschen an Bord genommen. Sie evakuierte acht Boote in vier Tagen.

Mehr Informationen, Fotos und das Logbuch der Mission sind unter „http://sea-eye.org/sea-eye-mission-7-in-bildern/“ zu finden.