Es lebe die entartete Kunst!

Die Ausstellung über die 1938 in Kairo gegründete Gruppe ART ET LIBERTÉ gastiert nur noch bis zum 15. Oktober im K20. Unbedingt ansehen!

„Es ist wichtig daran zu erinnern, wie schnell die Welt sich ändern kann und wie Länder, die wir nicht mit einem Rückzugsort der Freiheit in Verbindung bringen, die freien Geister zu Beginn und Mitte des 20. Jahrhunderts unterstützen“, mit diesem Satz schließt der Rezensent von „El Independiente“ seine Besprechung von ART ET LIBERTÉ, als die Ausstellung im Januar in Madrid gastierte. Der Standort „Museo Reina Sofía“ war bewusst gewählt. Das Museum beherbergt das Monumentalbild „Guernica“, das Picassos für den Pavillon der Spanischen Republik auf der Pariser Weltausstellung 1937 schuf. Eine Abbildung von „Guernica“ findet sich auch auf dem Cover des Gründungsmanifests von ART ET LIBERTÉ. Auf Französisch und Arabisch ist es mit fetten Lettern überschrieben: „Es lebe die entartete Kunst“. In dem Aufruf von 1938 heißt es: „Lasst uns gemeinsam das Mittelalter besiegen, das im Herzen des Okzidents entsteht.“ Dies Manifest ist von 37 Künstler*innen, Schriftsteller*innen, Journalist*innen und Anwält*innen unterzeichnet, hierzulande zumeist unbekannte Namen: Georges Henein, Kamel el-Telmisany, Inji Efflatoun, Fouad Kamel, Amy Nimr, Samir Rafi, Ramses Younane und dreißig weitere. Die Ausstellung, die vor einem Jahr im Centre Pompidou Premiere hatte, macht noch bis 15. Oktober Station im K20. Danach geht sie zur Tate, Liverpool, schließlich zum Moderna Museet, Stockholm. Der Standort K20 sei ebenfalls bewusste Wahl, betonen die Kuratoren Sam Bardaouil und Till Fellrath. Im K20 befindet sich eine bedeutende Sammlung der Klassischen Moderne, Werke, welche die Nazis einst als „entartet“ aus den Museen aussortiert hatten. Einzigartig ist die Sammlung mit Werken von Paul Klee, der an Düssedorfer Akademie gelehrt hatte, bis ihn die Nazis 1933 aus dem Lehrkörper entfernten.

Das Dröhnen rasselnder Panzerketten

Der erste Eindruck ist beklemmend. Bilder aufmarschierender Truppen werden groß auf die Wand projiziert. Das Dröhnen rasselnder Panzerketten ist förmlich zu hören (tatsächlich sind es Stummfilme). In anderen Bereichen laufen Ausschnitte von Dokumentar-Aufnahmen, die Basar-Treiben, Straßenszenen oder Vergnügungslokale zeigen. Letzteres unterlegt mit dem „St. Louis Blues“, der in penetranter Endlosschleife dudelt. Die Ausstellung ist didaktisch überzeugend aufgebaut. Gut lesbare Einführungstexte strukturieren die neun Sektionen. In Vitrinen liegen Flugblätter, Karikaturen, Zeitungen, Aufrufe, Broschüren aus. An den Wänden die Gemälde, Zeichnungen, Fotografien. Ein Exemplar des Gründungsmanifests ist ausgestellt. Der in arabischer und französischer Sprache verfasste Text findet sich ins Deutsche und Englische übersetzt. „Wir wissen, wie feindselig die heutige Gesellschaft jeglichem literarischen oder künstlerischen Schaffen gegenübersteht“, heißt es da etwa. Diese Feindseligkeit manifestiere „sich heutzutage in den totalitären Staaten – ganz besonders im Hitlerdeutschland – durch die niederträchtigsten Angriffe auf eine Kunst, die einfältige Rohlinge, welche in den Rang allwissender Richter erhoben wurden, als ‚entartet‘ klassifizieren.“ Die Meisterwerke der zeitgenössischen Kunst „von Cézanne bis Picasso (und in der Literatur von Heinrich Heine bis Thomas Mann), die Ausdruck von Freiheit und höchster menschlicher Werte sind“, werden beleidigt, niedergetrampelt und verboten. Die auf Grundlage von „religiösen, rassistischen und nationalistischen Vorurteilen“ urteilenden, selbst ernannten Autoritäten seien „absurd und absolut verachtenswürdig“. Denn Kunst stelle immer „einen permanenten spirituellen und emotionalen Austausch der gesamten Menschheit dar“, hingegen seien jene „regressiven Mythen“ nichts anderes „als wahre Konzentrationslager des Denkens“. Erstaunlich genau wurde in Kairo wahrgenommen, was sich in Europa tat: „In Wien, das in den Händen dieser Barbaren ist, wurden die Gemälde von Renoir zerrissen, die Werke von Freud öffentlich verbrannt. Die größten Werke deutscher Künstler wie Max Ernst, Paul Klee, Kokoschka, George Grosz, Kandinsky und Karl Hofer wurden auf den Index gesetzt“. In Rom habe eine so genannte Kommission zur „Verbesserung der Literatur“ beschlossen, dass „alles, was antitalienisch, antirassistisch, unmoralisch und depressiv ist“ aus der Öffentlichkeit zu verschwinden habe. Am Ende steht der Aufruf: „Lasst uns diese Herausforderung gemeinsam annehmen! Wir stehen voll und ganz hinter dieser entarteten Kunst.“ Dem sich im Westen ausbreitenden Mittelalter müsse der Kampf angesagt werden.

„Subjektiver Realismus“

Völliger Unfug ist die Behauptung, die „ART ET LIBERTÉ“-Künstler*innen seien gescheitert, wie „im art-magazin“ zu lesen war. Gescheitert wären sie, wenn die Faschist*innen gesiegt hätten. Nicht irgendein Kunststil, sondern Picassos „Guernica“ war unübersehbar der Bezugspunkt. Eine Besucherin des K20 merkte an, ihr schienen die präsentierten Werke ebenso stark vom Expressionismus wie vom Surrealismus inspiriert zu sein. Tatsächlich ist im Gründungsmanifest an keiner Stelle von „Surrealismus“ die Rede. Die Arbeiten scheinen vielmehr wie eine Solidaritätserklärung in Bildern. Bewusst und in provozierender Weise werden Stilelemente aufgegriffen, welche von den Faschist*innen diffamiert wurden. Das Bewegende an den Werken ist, dass die Künstler*innen mit ihren bescheidenen Mitteln das leisteten, was sie zu leisten im Stande waren, so wie andernorts Partisan*innen mit zum Teil veralteten Waffen gegen die Militärmaschinerie der Faschist*innen kämpften. Die Arbeiten allein auf eine Solidaritätsadresse an verfolgte Künstler*innen in einem fernen Land reduzieren, wäre allerdings falsch. Die Gruppe wendete sich gleichfalls gegen den Nationalismus im eigenen Land, ein Land, in dem bei Kunstausstellungen immer noch die Künstler*innen streng nach Nationen getrennt präsentiert wurden. Vom Surrealismus wollten sich die Künstler*innen bewusst absetzen. Waren die fragmentierten und mit Krücken mühsam aufrecht gehaltenen Körper auf Dalis Gemälden unverbindliche Spielerei, so stehen die in Lumpen Gekleideten auf den in Kairo geschaffenen Bildern für Armut. Darin zeigt sich ein offener Blick für die Realitäten im eigenen Land. „Zur Zeit von ART ET LIBERTÉ war Kairo eine Stadt extremer wirtschaftlicher Unterschiede. Der Reichtum konzentrierte sich auf eine kleine Zahl von Feudalherren und Wirtschaftstitanen. Mehr als die Hälfte der Bevölkerung, zumeist Landarbeiter und städtische Arbeiter, litt unter bitterer Armut.“(Wandtafeltext) Die „Fragmentierung der menschlichen Gestalt“, war zugleich Protest gegen den in Ägypten gefeierten Symbolismus und Naturalismus, denn: „Selbst die erbärmlichsten Figuren wurden von diesen traditionellen Strömungen idealisiert dargestellt.“

In Abgrenzung zum Surrealismus prägte Ramses Younane den Begriff „Subjektiver Realismus“. Die Künstler*innen nutzten regional vertraute Motive „und bezogen auch das Unterbewusste durch Anwendung meditativer Sufi-Übungen als traditionell islamisches Element in ihr künstlerisches Schaffen mit ein.“ (Die Frage ist, inwieweit Younanes Anspruch, eine neue „kollektive Mythologie“ zu kreieren, nicht bereits wieder eine Verengung ist, ähnlich den sich gegenseitig bitter befehdenden „-ismen“ in den westlichen Metropolen.)

Eine Abteilung der Ausstellung ist den „Women of the City“ gewidmet. „Einflussreiche Frauen wie Amy Nimr, Marie Cavadia und Lee Miller spielten eine entscheidende Rolle bei ART ET LIBERTÈ“, weiß der Wandtext. Hinzu kam, dass 1942 allein in Kairo bis zu 140.000 Soldaten des britischen Empires stationiert waren. Bittere Armut zwang viele Frauen zur Prostitution. „Im Gegensatz zur surrealistischen Praxis, in der vielfach der dominante männliche Blick den weiblichen Körper als Sexualobjekt porträtierte, kritisierte die Gruppe die Erotisierung der Frau“, heißt es in der Ausstellung deshalb.

Die Exhumierung Dalis

„El Pais“ hatte, als ART ET LIBERTÉ im Reina Sofía zu sehen war, eine ausführliche Besprechung gebracht, in Frankreich fand sich eine Rezension nicht nur in „Le Monde“ sondern auch im konservativen „Figaro“, Headline: „Surréalisme: une oasis de liberté à l‘ombre du Nil“ (eine Oase der Freiheit im Schatten des Nil). Die Presse-Resonanz in Deutschland war hingegen beschämend. Unter „Surrealismus“ spuckte mir die FAZ-Suchmaschine lediglich drei Artikel über die Exhumierung Dalis aus, der Schnurrbart sei noch völlig in Takt. Beim „Spiegel“ und in anderen „Leitmedien“ ebenfalls Fehlanzeige. In der „Süddeutschen“ wurde ich fündig. In der subline wurde die „erstaunliche Weitsicht der Kairoer Surrealistengruppe ART ET LIBERTÉ“ hervorgehoben. Weitsicht? Da war bereits die Stadt Guernica von einem deutschen Bombengeschwader in Schutt und Asche gelegt und die Säuberung deutscher Kunstsammlungen so weit fortgeschritten, dass die Nazis das Plündergut als „Entartete Kunst“-Schau durchs „III. Reich“ touren lassen konnten. Schon 1930 hatten in Paris Mitglieder der „Action française“ den Kinosaal, in dem Luis Buñuels „L‘Age d‘Or“ lief, zerlegt, woraufhin nicht die rechtsradikale Schlägertruppe, sondern der Film verboten wurde (erst 1981 wurde er wieder vom Index gestrichen). Das Niederknüppeln von Demonstrationen und das Zensieren von Kunst war bereits Alltag geworden. John D. Rockefeller Jr. ließ 1933 den mexikanischen Wandmaler Diego Rivera, den er beauftragt hatte, eine Wand im Rockefeller-Center zu gestalten, wieder vom Gerüst holen, als ihm nicht gefiel, was der Maler malte. Als Rivera in Mexikos Palacio de Bellas Artes eine zweite Version des Bildes „Der Mensch am Scheidewege“ schuf, ließ er die New York Cops, die in der ersten Version nur im Hintergrund zu sehen waren, auf Demonstrierende einknüppeln, gut sichtbar in der Demonstration das Schild: „WE WANT WORK – NOT CHARITY !“

Filiale am Nil?

Die „Süddeutsche“ wählte als Titel für die Rezension „Filiale am Nil“. Im „art-magazin“ hieß es quasi identisch, ART ET LIBERTÈ habe „eine ägyptische Filiale des Pariser Surrealismus“ gebildet. Und mit der Ausstellung würde nun „ein weiterer weißer Fleck der westlichen Kunstgeschichtsschreibung“ gefüllt. Bardaouil und Fellrath, die sich zu „Art reoriented“ zusammen geschlossen haben, machen im Interview klar, dass sie genau das Gegenteil im Sinn hatten. „So wie Menschen aus der ganzen Welt ihre Ideen nach Paris brachten, und die Metropole zu einem wichtigen Bezugspunkt werden ließen, war auch Kairo einer dieser Bezugspunkte.“ Hinter die Auffassung einer linearen Kunstgeschichte will Fellrath ganz unbedingt ein Fragezeichen setzen. Es gäbe vielmehr verschiedene Punkte in der Welt, die in einen Austausch treten. Sam Bardaouil ergänzt: „Es gab eine griechische Community, die seit Jahrhunderten in Kairo lebte, letzendlich seit der Gründung von Alexandria. Aber auch andere kosmopolitische Communities lebten in Kairo und Ägypten zu dieser Zeit.“

Die kosmopolitische Metropole Kairo zu feiern, wäre falsch. Das ART ET LIBERTÉ-Manifest fand in den ägyptischen Medien kaum Resonanz fand, hingegen bei Journalist*innen in London und anderen Metropolen umso mehr. Es war ein Akt der internationalen Solidarität einer Subkultur am Nil.

Zum Schluss einige kritische Anmerkungen zur Ausstellung und „Barrierefreiheit“. Es ist nicht verständlich, warum der in Düsseldorf aufgewachsene Till Fellrath in dem von der Kunstsammlung NRW ins Netz gestellten Videoclip ausschließlich englisch spricht. Warum wurden seine Statements nicht mit englischen Untertiteln versehen? Und umgekehrt die Bardaouils mit deutschen? Zudem ist anzumerken, dass der Ausstellung ein „Lektorat“ gutgetan hätte. Dass neben vielen Bildern ganze Biografien stehen, überfrachtet die Werke mit Informationen. Dies ist auch deshalb unverständlich, da in der Ausstellung eigens ein Leseraum zur Verfügung steht, wohin ergänzende Informationen hätten ausgelagert werden können. Ein Hinweis am Ende der Ausstellung, dass diese quasi in der ständigen Sammlung mit der Klassischen Moderne ihre Fortsetzung findet, wäre auch hilfreich gewesen.

THOMAS GIESE

Unter https://number32.de finden sich im Netz interessante Begleitinformationen zur Ausstellung.
Die Ausstellung im K20 am Grabbeplatz ist noch bis zum 15. Oktober zu sehen.
Für Düsselpassbesitzer*innen ist der Eintritt frei.