Die kommunistische Hypothese

Anders als Alain Badious vielbeachtete Werke "Logiken der Welt" und "Das Sein und das Ereignis" ist dieses Buch explizit politisch und richtet sich gegen "Libertäre, Liberale, Sophisten und Sozialchauvinisten unserer Zeit" (S. 7, Vorwort von Jan Völker und Frank Ruda). Der Band ist die zweite Veröffentlichung in der Reihe morale provisoire, heraugegeben von den Badiou-Übersetzern Frank Ruda und Jan Völker, die ihr Vorhaben bereits auf dem Kongress "Idee des Kommunismus" 2010 in Berlin vorgestellt haben. Die Publikationen der Reihe verfolgen die Idee einer neuen Grundlegung kommunistischen Denkens.

Bereits auf dem Berliner Kommunismus-Kongress definierte Badiou sein Verständnis von Kommunismus in Abgrenzung zu utopischen Konzepten und Ideen. Diese Bestimmung konkretisiert und verifiziert er in diesem Text: Kommunismus sei kein Ziel, sondern der Versuch, die Praxis, das Handeln, zu transzendieren. Kommunismus ist eine Handlung, die durch ihr universelles Gerichtet-Sein die Bühne der Geschichte zu betreten ermöglicht. Kommunismus ist – ähnlich wie bei Marx – zunächst praktisch einmal die Abschaffung des Privateigentums.

Tatsächlich entwirft Badiou eine Theorie der revolutionären Praxis, die sich durch Eindeutigkeit, konzeptionelle Konsequenz und gradliniges Denken auszeichnet und dadurch von postmoderner Politik, der Poplinken und der Uneindeutigkeit und Offenheit zeitgenössischer Theorien absetzt. Die politische Theorie ist die logische Konsequenz seiner Analyse dreier historischer Ereignisse (Mai 68, Kulturrevolution, Pariser Kommune), aus deren Scheitern er den Aufruf ableitet, der kommunistischen Idee treu zu bleiben. Der Begriff des Scheiterns ist zentral, denn "im 20. Jahrhundert sind die Sozialismen, als einzige konkrete Formen der kommunistischen Idee, vollkommen gescheitert" (S. 11). Diese Erfahrung der "Innerlichkeit des Nihilismus", so Badiou, sei "der gefährlichste Feind der Politik der Emanzipation"(S. 28ff). Als eine wehrhafte Strategie etabliert er im Folgenden die Übertragung der kommunistischen Idee ins Handeln.

Badiou stellt in Anlehnung an die Terminologie Jacques Lacans das "Reale", was die Menschen tun, dem "Imaginären", der historischen Totalität, und dem "Symbolischen", dem "Universellen des Realen" gegenüber. Die kommunistische Hypothese versucht die Frage zu beantworten, wie Aktionen des "Realen" in die Geschichtserzählung eindringen können, denn das Symbolische betreffe die Idee des Kommunismus, indem es die Handlung eines partikularen Subjekts zum universellen Subjekt mache. Daraus folgt seine Achtung der von der postmodernen Theorie zumeist verpönten direkten politischen Aktion: "Ein Flugblatt auf dem Markt zu verteilen, hieß zugleich, die Bühne der Geschichte zu betreten" (S. 157).

Da jedes Scheitern in einem Punkt lokalisierbar sei, zeichnet Badiou anlässlich der Ereignisse Mai 68, Kulturrevolution, Pariser Kommune notwendige Erfahrungen nach: Vom ersten Ereignis bleibt das Bild der "roten Fahne" als "Einheit des Mai 68 jenseits aller vehementen Widersprüche" (S. 43). Die Kulturrevolution habe als Ereignis die "maoistische Strömung ins Leben gerufen, die einzig wahre Neuschöpfung der sechziger und siebziger Jahre" (S. 71). Diese politische Bewertung und die Deutung der Kulturrevolution als "wahre Revolution" (S. 89) brachten ihm den Titel "eiserner Maoist" (Thumfart, Johannes: Der eiserne Maoist, taz, 01.08.2011) ein. Diese Zuordnung ist vermutlich ganz im Interesse Badious, der tatsächlich aus maoistischer Perspektive denkt. Die Pariser Kommune lehrt uns, dass ein Umbruch stets in einer Zusammenführung einer "subjektiven Fähigkeit und einer, vollkommen vom Staat unabhängigen Organisation der Konsequenzen dieser Fähigkeit ist" (S. 151). Das Konzept der Idee des Kommunismus beinhaltet folglich "drei einfach Komponenten: eine politische, eine historische und eine subjektive Komponente"(S. 154). Diese Komponenten sind als Bestandteile des politischen Projektes gedacht, die politische korreliert mit dem Begriff der "Wahrheiten", den Badiou bereits in "Das Sein und das Ereignis" als das politisch Reale bestimmte. Die historische Komponente konkretisiert er als den historischen Moment jeweiliger Wahrheiten, als Einschreibung in die Geschichte der Menschen. Die subjektive Komponente wird als nicht das Subjekt, sondern einzelne Individuen betreffende Möglichkeit der Entscheidung für die Teilhabe am Wahrheitsprozess beschrieben. Die diese Komponenten rahmende Idee ist folglich nach Badiou die Subjektivierung der Relation zwischen einer Einsicht in Wahrheiten und deren Manifestation in der Geschichte der Menschheit.

Badious leicht pathetisches Fazit der Untersuchung ist, dass "eine der Funktionen der Idee" sei, "die Ausnahme in das Gewöhnliche der Existenz zu projizieren, denjenigen, der nichts tut, außer zu leben mit einer Überdosis Unglaublichem auszufüllen"(S. 169).

Der Text lässt zudem seinen eigenen politischen Werdegang von der Gründung der maoistischen "L'Union des communistes de France marxiste-léniniste" UCF-ML (S. 40) bis zur Mitgliedschaft in der "Organisation politique" nachvollziehen, also die politische Transformation eines wichtigen Denkers der französischen Linken. Badiou bezieht hier explizit Stellung zur Frage nach dem Ende der Partei und der Organisierungsfrage. Er folgt seinem Konzept einer Politik der "Minderheit", die er schon anlässlich der Meinungsverhältnisse zur Unabhängigkeit Algeriens erläuterte: Revolutionäre Ereignisse müssen nicht von einer Mehrheit getragen werden, um "wahr" zu sein. Nur konsequent, dass er an der 68er Parole "Wahlen sind Idiotenfallen" (S. 44) festhält. "Die kommunistische Hypothese" ist zugleich eine programmatische Intervention in den Diskurs: "Man muss den Sprachterrorismus, der uns den Feinden ausliefert, beenden" (S. 49), schreibt Badiou und fordert die Erneuerung vieler Begriffe wie "Kommunismus" und "Arbeiter". Sein Vokabular des Politischen ist dementsprechend: "[...] die demokratische Politik, deren wahrer Name Kapital-Parlamentarismus ist [...]" (S. 69).

Der Text besteht aus Versatzstücken, die Badiou teilweise bereits in den 1960er Jahren verfasste. Das kann seiner Aktualität aber genauso wenig anhaben wie die Tatsache, dass er in Frankreich schon 2009 erschienen ist. Anschluss-Schwierigkeiten in das Hier und Jetzt mit der Occupy-Bewegung, den europäischen Sozialprotesten und dem Wachsen der sozialen Unterschiede hat er nicht.

ANI

Badiou, Alain: Die kommunistische Hypothese. morale provisoire #2.
Übertragen und mit einem Nachwort versehen von Frank Ruda und Jan Völker
Merve-Verlag, Berlin, 2011, 188 S., broschiert, 18 Euro.