"Der Kampf muss weiter gehen"

SOL* hat sich mit der Betriebsrätin und Filialleiterin einer der im März geschlossenen Kölner Schlecker-Filialen, in der sie 14 Jahren arbeitete, zusammengesetzt. Im Interview für die TERZ berichtet sie über die prekäre Arbeit und den Stand der Dinge bei der insolventen Drogeriekette.

Wie man es so kennt, arbeiten vor allem Frauen im Verkauf. Sie sind nicht fest angestellt, sondern arbeiten Teilzeit und mit befristeten Verträgen. Wie sieht das bei Schlecker aus?

Bei uns arbeiten ausschließlich Frauen im Verkauf. In den Führungsebenen kommen dann die Männer. Auch im Lager arbeiten überwiegend Männer. Die meisten Frauen bei Schlecker sind teilzeitbeschäftigt. Manche arbeiten 20 Stunden die Woche, die meisten jedoch 15 Stunden. Heute haben wir nur noch Festangestellte. Alle befristeten Verträge haben sie mit Hinblick auf die Schließungen schon auslaufen lassen.

Von Kaiser's ist bekannt, dass die Frauen in 4 Stunden-Schichten arbeiten. Dies erschwert erheblich die Kommunikation und eine Vernetzung unter den Beschäftigten. Kennt ihr dieses Problem auch?

Durch die geringe Stundenanzahl in der Woche treten diese 4 Stunden-Schichten zu Tage. Manche Beschäftigte kommen dann so um die Mittagszeit rum für 4 Stunden, um die Mittagspause abzudecken. Nur wenn eine große Anlieferung kommt, ist es mal möglich, dass mehrere Arbeiterinnen im Laden sind. Ansonsten arbeitet meistens nur eine Person im Geschäft und ist für die gesamte Arbeit gleichzeitig verantwortlich. Die ganze Arbeit ist aber alleine eigentlich gar nicht zu machen in der Zeit. Wird eine Kollegin krank, muss eine andere unter Umständen am gleichen Tag noch einspringen.

Ich kann mir vorstellen, dass der Firmeninhaber Anton Schlecker dem Betriebsrat nicht gerade wohlwollend gegenüber stand. Gab es da in der Vergangenheit Probleme? Kam es gar zu Kündigungen aufgrund gewerkschaftlicher Arbeit?

Jein, also wenn der Betriebsrat erstmal läuft, dann geht's eigentlich. Nur bei der Gründung probierten die ein Spiel mit uns zu spielen. Wir mussten vor Gericht gehen, um die Wählerlisten für den Betriebsrat einzuklagen. Das ist ein altes Spiel, jedes Mal wieder das gleiche. Wir haben seit kurzem einen weiteren Kölner Betriebsrat. Da haben die das auch probiert. Anfangs kam es auch zu Abmahnungen ohne Ende, weil angeblich der Laden katastrophal aussah. Bei den meisten ist es bei einer Abmahnung geblieben.

Die Schließungsliste wurde am 13. März veröffentlicht. Sie kam per Fax in die Filialen. Die Filiale, in der du arbeitest, wird auch geschlossen. Wie wurde das bei euch aufgenommen?

Wir waren schockiert! Es ging alles sehr schnell. Am nächsten Tag schon sollte mit dem Räumungsverkauf angefangen werden, und am 24. März schlossen die letzten Filialen. Niemand hat so richtig damit gerechnet. Alle dachten: "Ok, da passiert was", aber dass es so viele Filialen trifft, damit hat wirklich niemand gerechnet.

Aber es werden doch weniger Läden geschlossen als ursprünglich gesagt wurde?

Also hier in Köln sind es zwei Läden weniger und bundesweit sind es um die 200 weniger, also 2.200 Läden werden geschlossen! Wir hatten, als der Betriebsrat gegründet wurde, 21 Filialen in meinem Bezirk. Dann wurde auf 15 reduziert und jetzt bleiben noch sechs Läden.

Die Gekündigten hätten in die Transfergesellschaft übergehen sollen. Dies hätte die Arbeitslosigkeit um ein halbes Jahr verzögert. Die Betroffenen hätten in der Zeit noch 80 % ihres ursprünglichen Lohnes gekriegt. Dieser Plan ist nun an den Regierungsfraktionen der FDP in Bayern, Niedersachsen und Sachsen gescheitert. Was bedeutet das für die betroffenen Frauen?

11.000 Beschäftigte wurden zum 31.03.2012 gekündigt. Sie wurden ab sofort von der Arbeit freigestellt. Die Kolleginnen hatten schon die ersten Gespräche beim Arbeitsamt. Die Aussichten auf dem Arbeitsmarkt sehen aber nicht gut aus. Die wenigen freien Arbeitsplätze sind bei Bäckereien, McDonalds oder bei Aldi.

Die Transfergesellschaft war ja auch ein Trick, um Tausende von Klagen zu umgehen. Das Geschäft lockt nicht gerade Investoren, wenn unzählige ehemalige Mitarbeiterinnen Kündigungsklagen einreichen. Verdi und der Insolvenzverwalter haben regelrecht Druck auf die Beschäftigten ausgeübt, dass sie in die Transfergesellschaft gehen und nicht klagen. Wie sieht es nun aus; werden die Betroffenen klagen?

Ein Teil der Frauen, etwa die Hälfte, will klagen. Und ich gehe davon aus, dass die meisten auch bereit sind, auf die Straße zu gehen, um auf die Situation aufmerksam zu machen.

In der Vergangenheit hat sich Verdi ja nur auf die Transfergesellschaft gestützt und nicht gerade mit Arbeitskampfmaßnahmen für den Erhalt von euren Arbeitsplätzen hervorgetan. Sind nun Kampagnen geplant und wie sieht ihre Unterstützung aus?

Verdi rät weiterhin von Klagen ab, und von einer Kampagne habe ich bisher noch nichts gehört, obwohl die Beschäftigten die Gewerkschaft dazu drängen. Der Zorn ist wirklich groß. Das Problem bei einer eigenen Kampagne sind die Kosten, die niemand tragen will.

Das Bangen geht auch für die weiter, die bleiben dürfen ...

... ja genau, der Kampf muss auf jeden Fall weiter gehen. Der Insolvenzverwalter wird versuchen, alles zu tun, um das Geschäft attraktiv zu machen. Er wird versuchen, die Tarifverträge im Namen der Insolvenz zu verschlechtern. Sanierung wird das genannt. Die werden versuchen auf dem Buckel der Beschäftigten zu sparen, zum Beispiel beim Weihnachtsgeld und Urlaubsgeld. Und wird für die Zukunft kein Investor gefunden, bedeutet das das Aus und den Verlust von ca. 13.500 Arbeitsplätzen in Deutschland.

Eine wichtige Frage zum Abschluss: Wie könnte praktische Solidarität von außen aussehen?

Das ist eine gute Frage. Medienarbeit ist immer gut, also eine Öffentlichkeit für unsere Anliegen schaffen. Ansonsten denke ich, dass Deutschland eingeschlafen ist, man geht kaum noch auf die Straße, um irgendwas zu erkämpfen.

Vielen Dank für das Gespräch. Wir wünschen euch viel Kraft und Solidarität für den weiteren Kampf.

SOL * SOZIALISTISCHE LINKE NRW

Das ganze Interview findet ihr auf unserer Homepage www.sol-online.tk


Die Geschichte mit Schlecker: Was bisher geschah ...

Ende letzten Jahres ließ der Familienkonzern Schlecker mitteilen, dass die Insolvenz bevorstehe. Mit über 33.000 Mitarbeiter_innen gehörte Schlecker zu den größten Drogerieketten Deutschlands. Diese Arbeitsplätze stehen nun auf dem Spiel.

Wie bei Insolvenzen üblich wurde ein Insolvenzverwalter eingeschaltet, Arndt Geiwitz, der mit der Gewerkschaft, Betriebsrat und Politik am runden Tisch sitzt und über die Zukunft von Schlecker und den Beschäftigten verhandelt. Der stillschweigende Übergang in eine Transfergesellschaft wurde ausgemacht. Verdi und der Betriebsrat machten dieses Angebot allen betroffenen Beschäftigten schmackhaft und sehen von Kampfmaßnahmen ab. Die Transfergesellschaft war keineswegs eine Geste der Nettigkeit und guten Willens, sondern zur Unterbindung von Kündigungsklagen gedacht. Es sollte verhindert werden, das tausende von ehemaligen Schlecker-Arbeiterinnen klagen und sich wehren, denn dies würde ein schlechtes Bild abgeben und den Konzern unattraktiv für Investoren machen. Nun scheiterte dieser Plan aber an den Regierungsfraktionen der FDP in Bayern, Niedersachsen und Sachsen. Diese hatten sich kategorisch geweigert, landeseigene Mittel zur Finanzierung bereitzustellen. 11.000 Beschäftigten wurde in der Folge gekündigt und zahlreiche Filialen wurden geschlossen, davon auch viele in Düsseldorf.

Die verbleibenden Mitarbeiter_innen müssen mit Lohnkürzungen rechnen. Der Insolvenzverwalter hat Personalkostensenkungen von 15% angekündigt. Das heißt, sparen und kürzen bei den Löhnen und den sogenannten "Sonderzahlungen", also Weihnachts- und Urlaubsgeld. Die Gewerkschaft Verdi weist diesen Vorschlag nicht zurück. Sie tue sich nicht leicht damit, würde aber wohl einwilligen bei einer Arbeitsplatzgarantie für die verbliebenen Beschäftigten, lässt die Gewerkschaft verlauten. Die Sanierungstarifverträge sind eine altbekannte Methode, um Unternehmen wieder fit für Käufer zu machen. So handelte Verdi bei der "Unternehmenskrise" von Karstadt 2004 Einsparungen bei den Personalkosten von 50 Mio. Euro pro Jahr aus. Bei der Baumarktkette Praktiker laufen die Verhandlungen gerade und bei vielen weiteren großen Insolvenzen half die Gewerkschaft kräftig mit, bei den Löhnen zu kürzen und so den Profit für die Kapitalisten zu steigern.