Roma im Kosovo und in Serbien

Ein Reisebericht

Im Januar 2012 reiste Kenan Emini mit der Kampagne "alle bleiben!" durch Kosovo und Serbien und besuchte aus Deutschland abgeschobene Romafamilien. Er wird in Düsseldorf einen Film über diese Reise zeigen und anschließend vom Leben der Roma in Deutschland, Serbien und im Kosovo berichten. Diese öffentliche Veranstaltung bildet den Auftakt des bundesweiten Treffens der MediNetze, MediBüros und Medizinischen Flüchtlingsinitiativen vom 08. bis 10. Juni 2012.

Der Düsseldorfer Flughafen wirbt mit einer Zuschauer_innenterrasse, einer App für iPhones, einem breiten Shopping-Angebot u.v.m. Gleichzeitig finden aber auch Abschiebungen von Menschen aus ganz Deutschland in die gesamte Welt statt. Momentan besonders Sammelabschiebungen von Roma nach Serbien und in den Kosovo. Nur wenige Menschen mit deutscher Staatsangehörigkeit wissen etwas über die Schwierigkeiten, einen Asylantrag zu stellen, die prekäre Situation als Asylbewerber_innen oder als Papierlose in Deutschland zu leben und noch viel weniger über die Lebensbedingungen, denen abgeschobene Menschen ausgesetzt sind.

Die Kampagne "alle bleiben", bei der sich auch Kenan Emini engagiert, setzt sich für das Bleiberecht von Flüchtlingen, unter anderem für Roma, ein. Über bundesweite Vernetzungen von Unterstützer_innen werden Protestaktionen gegen Abschiebungen organisiert und wird Aufklärungsarbeit betrieben. Um aus eigener Hand über die Lebenssituation von abgeschobenen Roma berichten zu können, reiste eine Delegation von "alle bleiben" und Roma Center e.V. nach Serbien und in den Kosovo. Die Ergebnisse zeigen, dass die offiziell versprochene Unterstützung vor Ort de facto nicht ausreichend bzw. gar nicht vorhanden ist. Die Menschen sind von Hilfsorganisationen wie UNHCR (United Nations High Commissioner for Refugees) oder von Geldern der im Ausland lebenden Verwandten abhängig. Durch deren Unterstützung reicht es in der Regel aber nicht für eine Wohnung in besseren Neubauten, wie sie z.B. in Priština entstehen. Stattdessen entfliehen sie der Obdachlosigkeit durch selbstgebaute Baracken aus Planen oder hausen in fast zerfallenen Häusern, ohne Wasseranschluss, sanitäre Anlagen oder einer ausreichenden Isolierung, geschweige denn einer Heizung.

Nicht nur in Deutschland werden sie ausgegrenzt und leiden unter Stigmatisierung. Auch in ihren so genannten Heimatländern sind Roma nicht gerne gesehen, werden auf offener Straße bedroht und auch tätlich angegriffen. Von polizeilicher Seite erfahren sie keine Hilfe, und in der Konsequenz bilden sich Siedlungen, aus denen sich die meisten Menschen nicht heraustrauen. Viele Kinder besuchen keine Schule, da die Wege zu weit sind, kein Geld für Unterrichtsmaterial vorhanden ist und Diskriminierung auch durch Lehrer_innen und Mitschüler_innen stattfindet. Diese Umstände werden offiziell abgestritten, Rückkehrprojekte wie "URA 2" vom Bundesamt für Migration und Flüchtlinge werden entwickelt und Integrationshilfen geschaffen. In der Realität versagt all dies. Im Reisebericht von "alle bleiben" erzählt auch der Sachbearbeiter des Büros für Rückkehrer_innen in der Stadt Stimli im Kosovo über die Missstände und fehlenden Kapazitäten des Landes und besonders der Kommunen. Der Kosovo sei "nicht bereit, so viele Leute zu übernehmen". Die vorübergehende Unterstützung für sechs Monate reiche lediglich zur Deckung der Grundbedürfnisse für diesen Zeitraum. Allerdings gebe es elementare Probleme durch fehlende Wohnräume und Arbeit. Eine Integration sei deshalb nicht möglich.

Die gesundheitlichen, sowohl körperlich als auch psychisch, und sozialen Folgen sind katastrophal. Arztbesuche und Medikamente können nicht bezahlt werden, es fehlt an jeglicher Perspektive. Unicef stellte in der Studie "Stilles Leid – Zur psychosozialen Gesundheit abgeschobener und rückgeführter Kinder" im März 2012 fest: "Ein Drittel der rückgeführten Kinder leidet an posttraumatischer Belastungsstörung; fast die Hälfte der Jugendlichen leidet an Depressionen und ein Viertel trägt sich mit Selbstmordgedanken." Der Bericht von "alle bleiben" und Roma Center e. V. zeigt die schwere Traumatisierung ganzer Familien und die Verzweiflung, in der sie sich befinden. Fraglich wie Kinder, aber auch Erwachsene, mit dieser Bedrohung, Entwurzelung und Fremdbestimmung zurechtkommen sollen. Selbst wenn es eine psychotherapeutische Begleitung geben sollte, was nützt diese, wenn die entscheidenden Lebensgrundlagen fehlen?

Die Veranstaltung mit Kenan Emini soll zum Nachdenken anregen. Darüber, was Menschenrechte eigentlich bedeuten, über Verantwortung, Solidarität und Gleichberechtigung.

Kommt am 8. Juni vorbei, informiert euch, diskutiert mit!

Kathrin Sonnenschein
STAY e.V./MediNetz Düsseldorf

Quelle:
http://www.alle-bleiben.info
http://www.stay-duesseldorf.de
http://www.unicef.de/projekte/themen/kinderrechte/roma-kinder-aus-dem-kosovo/

Film und Vortrag:
Freitag, der 08. Juni 2012
Boxring Düsseldorf, Flinger Broich 5
Beginn: 19 Uhr

Beim bundesweiten Treffen diskutieren die Mitglieder der MediNetze, Medibüros und medizinischen Flüchtlingshilfen über praktische Themen, wie Organisation einer Sprechstunde und Umgang mit psychisch kranken Klienten, sowie über politische Inhalte, wie z.B. die Abschiebepraxis in Deutschland und den Anonymen Krankenschein. Das Wochenende soll dem Austausch, der Vernetzung untereinander und der Entwicklung neuer Aktionsmöglichkeiten dienen.