Freiluftwohnen gegen Wohnungsnot!

Bezahlbarer Wohnraum ist in Düsseldorf Mangelware, das bestreitet kaum noch jemand. Wenn man dies allerdings öffentlich kritisiert, bekommt man Ärger. Das Straßenmagazin fiftyfifty soll nun 450 Euro zahlen, weil Wohnungslose vor dem Rathaus protestiert haben.

Manche Dinge werden erst sichtbar, wenn man den Ort wechselt. So setzten sich Wohnungslose anstatt in den Park vor das Düsseldorfer Rathaus. Mitgebracht hatten sie eine Couch, einen Sessel, einen Tisch, eine Stehlampe, einen Teppich und ein Transparent mit der Aufschrift "Gegen Wohnungsnot". Mit dieser Aktion "Freiluftwohnen" wollten sie die städtische Wohnungsbaupolitik und die Wohnungsnot in Düsseldorf kritisieren. "Man findet kaum noch eine bezahlbare Wohnung in Düsseldorf, wenn man Hartv-IV bekommt, ist es fast unmöglich", kritisiert fifty-Verkäufer Rene, der an der Aktion teilnahm. Das Straßenmagazin fiftyfifty hatte die Presse zur Aktion eingeladen. Prompt gab es einen Anruf aus dem Büro des Oberbürgermeisters bei der Polizei, was denn da für eine Veranstaltung stattfinden würde. Schon die Polizeibeamten vor Ort wollten unbedingt einen Verantwortlichen haben. Dabei ist für Wohnungsnot ein höchst spekulativer Wohnungsmarkt verantwortlich und eine städtische Politik, die das zulässt. Das reichte der anwesenden Polizei anscheinend nicht aus. Jetzt bekam fifty-Streetworker Oliver Ongaro einen Strafbefehl zugestellt, er habe mit 15 Wohnungslosen (!), zehn Pressevertreter_innen und 20 Passant_innen eine nicht genehmigte Versammlung durchgeführt. 450 Euro Geldstrafe soll er zahlen. Gegen den Strafbefehl hat der fiftyfifty-Mitarbeiter Einspruch eingelegt, darüber muss jetzt das Gericht entscheiden.

Wieder einmal zeigt sich, wer in Düsseldorf Armut sichtbar macht, bekommt es mit der Justiz zu tun. Nicht umsonst sind täglich 140 (!) Mitarbeiter_innen des städtischen Ordnungs- und Servicedienstes im Einsatz, um arme und wohnungslose Menschen aus dem Stadtbild zu verdammen. Dabei lässt sich in dieser Stadt der Reichen und Schönen ganz einfach aufzeigen, warum Menschen auf der Straße sitzen.

Tausende Wohnungen fehlen in Düsseldorf

20.000 Wohnungen fehlen in Düsseldorf, davon 6.400 mit sozialer Preisbindung. Das belegen gleich mehrere Studien über den lokalen Wohnungsmarkt. Bei einer von der Stadt in Auftrag gegebenen Studie, bei der Expert_innen wie etwa Makler_innen, Mitarbeiter_innen von Wohnungsunternehmen, Architekt_innen, Vertreter_innen der Bauwirtschaft und von Mietervereinigungen befragt wurden, bezeichneten 57 Prozent der Befragten die Situation bei Mietwohnungen als angespannt, weitere 25 Prozent sogar als sehr angespannt. Im unteren Preissegment waren es sogar 84 Prozent der Befragten, die die Situation als angespannt oder sehr angespannt benannten, bei den Sozialwohnungen 88 Prozent.

Fachleute gehen nach eigenen Angaben in den nächsten drei bis fünf Jahren von einer weiteren Verschärfung der Lage aus. Auch nach Berechnungen des privaten Eduard Pestel Instituts fehlen in Düsseldorf aktuell rund 6.400 bezahlbare Mietwohnungen. Aktuell kostet ein Quadratmeter im Altbau (75 qm, 3 Zimmer) je nach Lage zwischen 6,50 und 14,50 Euro, der Neubau zwischen 11 und 18 Euro! Die Prognose, nachzulesen im neuen "Capital Immobilienkompass": In Trend-Stadtteilen wie Unterbilk, Flingern oder Heerdt ziehen die Mieten nochmal um 5 Prozent an!

Obwohl man sich in Düsseldorf oft wie auf einer einzigen Baustelle vorkommt, wurden 2011 gerade mal 413 neue Wohnungen gebaut, damit fällt Düsseldorf weit hinter andere NRW-Großstädte zurück. 2010 wurden noch 978 Neubauten fertig gestellt. Das entspricht einem Rückgang um mehr als die Hälfte. So kritisiert die Vorsitzende des Wohnungsausschusses Antonia Frey, dass künftig kaum noch eine Wohnung in Düsseldorf mit öffentlichen Mitteln so unterstützt wird, dass die Mieten für Normalverdiener_innen bezahlbar seien. Die Zahl der Wohnungen in Düsseldorf mit Sozialbindungen werde erstmals unter 20.000 fallen.

Es geht soweit, dass selbst der Vorsitzende des Rings deutscher Makler Jörg Schnorrenberger kritisiert, es gäbe in Düsseldorf zu wenig bezahlbaren Wohnraum.

Reagiert hat die Stadtverwaltung mit der Einführung eines Runden Tisches, an dem jeweils zwei Vertreter_innen der Fraktionen, der Planungs- und Sozialdezernent sowie die Leiter des Stadtplanungs- und des Wohnungsamtes teilnehmen sollen, um auf die Problematik zu reagieren. Nennenswerte Ergebnisse wurden bisher nicht bekannt.

Kein Wunder, denn Baugelände und Neubauten sind in Düsseldorf längst zu gewinnbringenden Spekulationsobjekten geworden. Angefacht durch die Wirtschaftkrise in Europa und die Angst vor einem Werteverlust des Euros wird versucht, möglichst viel Kapital anzulegen, damit belasten Anleger_innen verstärkt den Immobilienmarkt. So bekommt man im Moment bis zu 25 Prozent mehr für ein Mietshaus in Düsseldorf.

Die Stadt Düsseldorf beteiligt sich munter daran, irgendwie müssen die ganzen anderen Prestigebauten wie z.B. der Köbogen ja auch finanziert werden. Anstatt durch gezielte Steuersenkungen Bauinvestoren für Sozialwohnungen nach Düsseldorf zu holen oder selber in sozialen Wohnungsbau zu investieren. Somit sind die meisten Neubauten in dieser Stadt Luxuswohnungen für Reiche oder es werden Bürogebäude errichtet, die dann meist leer stehen. Das wiederum können die Eigentümer_innen dann als Verlust bei der Steuer absetzen. Schöne neue alte Welt. Es wird auch in Düsseldorf, der Stadt der vermeintlichen Schönen und Reichen, Zeit, dass sich Widerstand regt. Vielleicht sollten wir dem Beispiel aus Berlin folgen und auch Lärmdemos gegen überteuerte Mieten und Wohnungsnot organisieren. Die Aktion "Freiluftwohnen" vor dem Rathaus war hoffentlich nur ein Anfang.

Kommt alle zum Prozess gegen den Streetworker von fiftyfifty!
Termin wird noch bekannt gegeben, achtet auf Ankündigungen!