Herrschaftszeiten, Geschichten von Herrn Keiner

Herr Keiner, der Protagonist in Ulrich Schultes ungewöhnlichen Geschichten, ist einer, der wissen will, was die Welt im Innersten zusammenhält. Darum ist er unzufrieden mit den gewöhnlichen Medien, die detailreich darüber zu berichten wissen, was in der Welt passiert, nicht aber zu ergründen versuchen, warum es geschieht. Weil also "zuviel abgebildet und zu wenig nachgedacht" wird, macht Herr Keiner sich daran, die Gründe dafür zu ermitteln, warum Menschen beispielsweise bei einer Massenparty oder beim Ölbohren zu Schaden kommen.

Bei seinen Nachforschungen stößt der Protagonist auf ein Phänomen namens "gutgläubiges Denken", das dazu führt, dass viele der betroffenen Menschen "nicht zu Kritikern der Logik des Systems, sondern zu Kritikern seiner (vermeintlichen) Unlogik" werden, indem sie nicht das wirtschaftliche Management, sondern das Missmanagement kritisieren. In den folgenden Geschichten unternimmt es Herr Keiner, das gutgläubige Denken zu dekonstruieren, indem er darlegt, dass das Marktwirtschaftssystem gar nicht den Zweck hat, für das Wohlergehen der Menschen zu sorgen. Anschaulich vorgeführt wird dieser menschenunfreundliche Sachverhalt in der Geschichte "Grenzwertiges Ernähren": In Verhältnissen, in denen "auch die Lebensmittel ein Geschäftsmittel sind", könne man sich unmöglich gesund ernähren, weil es selbst die Bio-Branche mit der Qualität ihrer Waren nicht so genau nehme, und zwar mit Rücksicht auf ihre Rendite, wobei ihr die staatlich verordneten Grenzwerte gute Dienste leisten.

"Über das bloße Meinen" heißt jene Geschichte, in der Herr Keiner die allgegenwärtige Unsitte, Gedanken als Meinung vorzutragen, aufs Korn nimmt, wobei er das hochgelobte Recht auf Meinungsfreiheit in Misskredit bringt: "Eine schöne Freiheit ist das! Sie wird einem von denen gewährt, die ihrerseits klar zum Ausdruck bringen, dass ihre Äußerungen nicht mit einer Meinung zu verwechseln sind. Sie haben die Macht und machen Gesetze. Da gibt es kein 'bloß' und nichts Subjektives; was sie zu sagen haben, ist keine Ansichtssache. Die Äußerungen der Oberen nehmen für sich in Anspruch, objektiv gültig zu sein."

Ulrich Schulte gelingt das, was Theodor W. Adorno stets für unmöglich gehalten hat: erzählend Argumente darzulegen, die den Leser_innen Denkprozesse initiieren können, deren Ergebnisse den Verblendungszusammenhang durchbrechen, der das warenproduzierende Marktwirtschaftssystem als Natur und somit als unveränderbar erscheinen lässt.

Übrigens fordert der Autor im Nachwort seine Leser_innen dazu auf, sich in das "Projekt K." produktiv einzumischen, indem sie Stellung nehmen zu den Gedanken, die er in seiner Streitschrift über die herrschenden Verhältnisse äußert. Dergestalt könnte die Hegemonie der wohlmeinenden Meinungen zur Marktwirtschaftsdemokratie, die hierzulande das kritische Denken blockiert, ein wenig ins Wanken geraten.

FRANZ ANGER

Ulrich Schulte:
Herrschaftszeiten, Geschichten von Herrn Keiner
BasisBuch Verlag, Essen 2012, 105 Seiten, 6 Euro