Kulturrevolution an der Seine

Im Jahre 1830 gab es in Paris nicht nur Barrikadenkämpfe, sondern auch eine Kulturrevolution, die europaweit ausstrahlte. Das Heinrich-Heine-Institut zeigt in Kooperation mit der Pariser "Maison de Balzac" noch bis zum 15. Juli die Ausstellung "Schwarze Romantik in Deutschland und Frankreich"

Pariser Julirevolution anno 1830: Barrikadenkämpfe kommen uns spontan in den Kopf und das berühmte Bild Eugène Delacroix‘: die Frau mit blankem Busen, in der rechten Hand die Trikolore, in der linken das Gewehr. Bis zum 15. Juli zeigt eine kleine Ausstellung im Heinrich-Heine-Institut, veranstaltet in Kooperation mit der Pariser "Maison de Balzac", dass parallel zu den Barrikadenkämpfen eine gewaltige Kulturrevolution stattfand. Eine junge Generation französischer Dichter_innen, Schriftsteller_innen, Maler_innen und Musiker_innen wandte sich gegen erstarrte Traditionen und rebellierte gegen den Klassizismus mit seinen festgefügten Normen. Die Welt des E.T.A. Hoffmann, jene "zwischen Realität und Traum, Wirklichkeit und Wahn changierende Welt" – wie es im Begleitheft heißt – brach mit Macht in die Seine-Metropole ein. Gleich in drei verschiedenen Übersetzungen kamen seine Werke heraus. "Wahnsinnige, Somnambule, Drogensüchtige und Automaten, aber auch Vampirismus, Rausch und Verbrechen sind Figuren und Elemente, die aus 'Hoffmanns Erzählungen' in die Werke französischer Romantiker einflossen", so der Ausstellungstext. "Fantastique" wurde zum Pariser Modewort, "femme fatale" ebenfalls – inspiriert von den unglücklichen und Unglück bringenden Frauengestalten im Werk Heinrich Heines.

Das Irrationale auf dem Vormarsch

Die Antriebskräfte des Unbewussten, die Imagination und die dunklen Triebe hielten von Deutschland kommend Einzug in die französische Kultur. Titel der Ausstellung im Heine-Institut: "Schwarze Romantik in Deutschland und Frankreich" An der Seine war es "der ganz besonders starke Stoff", jene "exzentrische Form der Romantik, die man die Schwarze oder Schauerromantik nennt", die faszinierte, unterstreicht Ausstellungskurator Bernd Kortländer im (übrigens kostenlosen) Begleitheft. Diese Kulturrevolution erschütterte das ganze Land und strahlte bis ins 20. Jahrhundert europaweit aus. Baudelaire, sogar die Surrealisten standen noch unter diesem Einfluss. In gewisser Weise sogar der Pariser Mai 1968 mit seiner Parole: Fantasie an die Macht!

Auf dem Ausstellungsplakat wirbt ein über einer mittelalterlichen Stadt fliegender Teufel für die Schau. Es ist das zentrale Blatt einer Serie von Lithografien zu Goethes Faust, die Delacroix 1827 für eine französische Faust-Übersetzung gezeichnet hatte. Damals wurde Delacroix "als eine Hauptstütze der Schule des Hässlichen" attackiert. Nicht der nach Wissen strebende Faust, sondern Mephistopheles als der tanzende Teufel in der Walpurgisnacht steht bei der französischen Rezeption im Zentrum. Eine neue, sehr freie Faust-Übertragung von Gérard de Nerval fand 1830 Goethes uneingeschränktes Lob: Im Deutschen möge er den Faust nicht mehr lesen, "aber in dieser französischen Übersetzung wirkt alles wieder frisch, neu, geistreich." Von Delacroix‘ Faustzyklus war Goethe gleichfalls begeistert.

"De l'Allemagne" als Waffe gegen Gespenster

Manche Franzosen drohten ins Bodenlose, ins Düstere und schauerromantisch Dunkle abzudriften. Heinrich Heine, der 1831 von Hamburg nach Paris übergesiedelt war, leistete hier Aufklärung im besten Sinne. Er holt die deutschen Gespenster wieder auf den geschichtlichen Boden zurück, indem er in "De l'Allemagne" für den französischsprachigen Teil Europas sehr präzise und zugleich in unterhaltsam-populärer Form schildert, wann und unter welchen Umständen die Mythen, Sagen und Gespenstergeschichten entstanden waren. Eine lange Passage widmet er "dem Teufel und seinem Gefolge und erläutert dabei den Zusammenhang mit den durch das Christentum vertriebenen Göttern der Antike". Zugleich macht er auf Quellenmaterial aufmerksam, das in Frankreich noch weitgehend unbekannt war, zum Beispiel die "Deutschen Sagen" und die dänischen Heldenlieder der Brüder Grimm oder Ferdinand Dobenecks "Des deutschen Mittelalters Volksglauben und Heroensagen". Die von Heine in "De l‘Allemagne" erzählten Mythen, Fabeln und Sagen regten wiederum französische Schriftsteller zu eigenen Schöpfungen an, erläutert Kortländer.

"Im Foyer der europäischen Gesellschaft"

Paris war für Heine das "Foyer der europäischen Gesellschaft", wie er es in der von ihm mitgegründeten Zeitschrift "L‘Europe litteraire" nannte. Also kein europäisches Zentrum, sondern eine Empfangshalle, in dem sich die Intellektuellen aus Europa begegnen und austauschen, und in der sich auf diese Weise eine europäische Kultur heranbildet. Äußerungen seiner französischen Schriftstellerkolleg_innen zeigen, wie eng die Beziehungen waren: "Heine hat eine doppelte Aufgabe erfüllt: Er hat nicht nur die historische Schule, die versuchte, das Mittelalter wiederherzustellen, gestürzt, sondern er hat auch die politische Zukunft vorhergesehen, und er hat sie sogar schon im voraus verspottet", schrieb Gérard de Nerval.

Das Deutsche wurde französisch

Der mit Heine ebenfalls befreundete Théophile Gautier bewunderte Heines Fähigkeit, "bei aller Skepsis und Ironie die unschuldige Anmut und den geheimnisvollen Reiz deutscher Sagen und Legenden zu bewahren." Gautier hatte sich von der Sage, die Heine in "De l‘Allemagne" von den "Bräuten, die vor der Hochzeit gestorben sind", erzählt, zum Libretto für das Ballett "Giselle" anregen lassen – heute noch eins der meist gespielten Balletts. Gautier betont zudem, dass erst sein Kollege Nerval mit seiner sehr freien Faust-Neuübertragung "Licht in die Dunkelheit der Gedanken und der Sprache" Goethes gebracht habe. Erst durch Nervals Klarheit "wurde das Deutsche französisch, ohne etwas von seiner Tiefe zu verlieren". Bei Gautier und Nerval und deren Nachfolger_innen war die schwarze Romantik nicht mehr ganz so schwarz, vielmehr oft grotesk, zuweilen zum Schmunzeln oder zu einem lauten Lachen verleitend. In der "L‘Europe litteraire" witzelt Heine: "Ihr Franzosen solltet doch endlich einsehen, dass das Grauenhafte nicht euer Fach und dass Frankreich kein geeigneter Boden für Gespenster jener Art."

Attacke aufs Marineministerium

In "Phantastische Geschichten. Schwarze Romantik in Deutschland und Frankreich" sind Leihgaben aus der "Maison de Balzac", der "Maison de Victor Hugo", dem Musée Carnevalet und dem "Musée de la Vie romantique" zu sehen sowie aus dem Düsseldorfer Goethemuseum. Eine Passage aus der "Symphonie fantastique" von Berlioz ist zu hören. Buch-Illustrationen der vielen Erstausgaben liegen aufgeschlagen in den Vitrinen, zudem Zeichnungen, Radierungen, Lithographien und einige Ölbilder. Besonders beeindrucken die kleinformatigen Drucke von Charles Méryon. Auf der Radierung "Marineministerium" greifen skurille Fische und "Luftschiffe" den Ministeriumskomplex an.

Die Anzahl der Exponate ist bei aller Vielfalt bescheiden. Das Heine-Institut ist nun mal kein e.on-finanzierter Kunstpalast. Bernd Kortländer, der sich mit dieser Ausstellung als stellvertretender Leiter verabschiedet, beklagte bei der Vernissage, dass die Exponate von einem Institutsmitarbeiter mit einem Leihwagen aus Paris geholt werden mussten. Es ist erfreulich, dass die Pariser Kolleg_innen sich auf diese prekäre Transport-Situation eingelassen haben.

Gespenster-Reunions und Toten-Soirées

Bei einem größeren Etat hätte sicherlich auch Heines Rolle bei der Transformation der französischen Romantik mehr herausgearbeitet werden können. Heine hatte in der "L'Europe litteráire" gewitzelt: "Französische Gespenster! welch ein Widerspruch in den Worten! In dem Wort 'Gespenst' liegt soviel Einsames, Mürrisches, Deutsches, Schweigendes", in dem Worte "Französisch" hingegen soviel "Geselliges, Artiges, Französisches, Schwatzendes!" Falls es aber wider Erwarten doch Gespenster in Paris geben sollte, so sei er überzeugt, "gesellig wie die Franzosen sind, sie würden sich sogar als Gespenster einander anschließen, sie würden bald Gespensterreunions bilden, sie würden ein Totenkaffeehaus stiften, eine Totenzeitung herausgeben, eine Pariser Totenrevue, und es gäbe bald Toten-Soirées, wo Musik aufspielt. Er sei sich sicher, "die Gespenster würden sich in Paris weit mehr amüsieren als bei uns die Lebenden." Am Ende seiner Artikel-Serie klärt er die französischsprachige Leser_innenschaft auf, dass bei seiner Übersiedlung nach Paris die mitreisenden deutschen Gespenster sich beim Anblick der am französischen Fahnenmast flatternden Trikolore von ihm verabschiedet hätten. Der Artikel schließt in der "L'Europe littéraire": "Oh! ich möchte mich auf den Straßburger Münster stellen, mit einer dreifarbigen Fahne in der Hand, die bis nach Frankfurt reichte." Wenn "ich dann die rechten exorzierenden Worte dabei ausspräche, die alten Hexen würden auf ihren Besenstielen davonfliegen, die kalten Bärenhäuter würden wieder in ihre Gräber hinabkriechen, die Golems würden wieder als eitel Lehm zusammenfallen", und "der ganze Spuk wäre zu Ende."

THOMAS GIESE