Eine Reise nach Kurdistan

Anfang Juli reisten wir mit einer Frauendelegation, bestehend aus elf Frauen aus Deutschland und England, in den türkischen Teil Kurdistans, auch genannt Nordkurdistan. Die Reise wurde vom Kurdischen Frauenbüro für Frieden – Cenî e.V. initiiert.

Unser Ziel war es, den Austausch zwischen Frauenprojekten, Frauen- und Menschenrechtsinitiativen in Kurdistan und Europa zu stärken und voneinander zu lernen, sowie angesichts der steigenden Repressionen des türkischen Staates gegen die Frauen- und Gewerkschaftsbewegung praktische internationale Solidarität zu zeigen. Wir haben viele Frauenzentren, Frauenberatungsstellen, Gewerkschaftsvertrer_innen, die Frauenakademie, die weltweit einzige Frauennachrichtenagentur Jinha, die Friedensmütter, den Frauenrat, sowie BürgermeisterInnen und Politiker_innen der BDP1 (Partei des Friedens und der Demokratie) besucht. Es war zutiefst beeindruckend, in wie vielen Bereichen Frauen Beratungsstellen, Bildungszentren und Frauenkooperativen aufgebaut haben. Allein in der kurdischen Metropole Diyarbakir (Amed auf kurdisch) gibt es 16 verschiedene Projekte von Frauen für Frauen.

Die starke Repression und die unzähligen Verhaftungen haben die ganze Bewegung sehr geschwächt. Trotzdem übernehmen die Frauen Verantwortung und gehen auf die Posten ihrer verhafteten Freundinnen. Es gibt ca. 9.000 politische Gefangene, davon sind 700 bis 800 Frauen. Viele Beratungsstellen können nur noch teilweise öffnen und viele Schulungen und Seminare finden zur Zeit nicht statt, da so viele Frauenrechtlerin­nen inhaftiert wurden.

Unsere Reise beginnt am 6. Juli in Diyarbakir, der größten Stadt der Region. Durch den Krieg in den neunziger Jahren erlebte die Stadt einen starken Bevölkerungszuwachs von ca. 750.000 auf knapp 3 Millionen Einwohner_innen. Die türkische Armee zerstörte tausende Dörfer in der kurdischen Region der Türkei. Die vertriebenen Familien strandeten hier, wenn sie keine Kraft mehr hatten, in türkische Metropolen zu migrieren. Viele haben Familienangehörige verloren, sind traumatisiert und entwurzelt, außerdem arm, ohne Perspektive und ohne Arbeit. Somit sehen sich auch die Frauenorganisationen stark mit den Problemen von Armut, Gewalt und Kriegstraumata konfrontiert.

Die Frauen, die die Beratungsstellen aufsuchen, berichten zumeist von Gewalt, Vergewaltigung, Zwangsheirat oder sogenannten "Ehrenmorden". Die Frauen suchen mittlerweile zum großen Teil die autonomen Hilfsangebote auf, da ihnen bei den staatlichen Organisationen keine Hilfe zuteil wird. Entweder werden sie wieder weggeschickt oder erleben noch zusätzliche Gewalt und Schmach von staatlichen Behörden. Es gibt zwar Gesetze gegen Gewalt gegen Frauen in der Ehe, jedoch finden Gesetze gegen Unterdrückung und Gewalt kaum Anwendung. Die Frauenorganisationen arbeiten nicht mit staatlichen Institutionen zusammen und hoffen nicht auf positive Gesetzesveränderungen, denn die Gesetze sind nicht das Problem, sondern deren Umsetzung.

Es gibt sowohl Frauenzentren, die von der BDP-regierten Stadtverwaltung unterstützt werden, als auch viele autonome kleinere Projekte. Die Stadtverwaltung wird hierbei nicht als staatliche (türkische) Institution verstanden. In der Stadtverwaltung selber gibt es eine Frauenquote von 40%, außerdem gibt es einige Besonderheiten im Tarifvertrag. Männern, die Gewalt an ihren Frauen ausüben, kann das Gehalt einbehalten werden, oder es wird zur Hälfte direkt an die Frau ausgezahlt.

Seit den neunziger Jahren wurde die Frauenfrage in den Vordergrund der kurdischen Bewegung gerückt und als wesentlicher Bestandteil der Befreiung der Gesellschaft angesehen. Auf allen gesellschaftlichen Ebenen wurden Frauen aktiver und sind bis heute gegen patriarchale Strukturen und staatliche Repression im Kampf. Sie wollen ein neues System aufbauen, anstatt das bestehende zu verbessern.

Im Erdbebengebiet

Wir reisen weiter in die kurdische Provinzhauptstadt Van (kurdisch:Wan). die knapp 400 Kilometer, bzw. etwa acht Busstunden entfernt liegt. Dort sieht die Situation der Frauen natürlich primär ähnlich aus. Allerdings sehen wir überall die Nachwirkungen des Erdbebens vom Herbst 2011. Die Stadt lag in Trümmern, es gab hunderte Tote und Tausende obdachlose Familien. Noch heute sind große Teile der Stadt zerstört oder Gebäude nicht bewohnbar, da sie einsturzgefährdet sind. Es wurden erst vor kurzem Containersiedlungen vom türkischen Staat errichtet. Diese sind jedoch eng und haben keine richtige Infrastruktur, dafür Stacheldraht und Videoüberwachung. Die Frauen von Vakasum (eine kurdische Frauenorganisation) berichteten uns später, dass es in diesen Lagern häufig zu sexuellen Übergriffen durch Soldaten oder Polizei komme.

Wir besuchen dort zuerst die Friedensmütter. Alle Frauen, die bei den Friedensmüttern aktiv sind, haben selbst erwachsene Kinder, die im Zuge des Konfliktes getötet, bzw. ermordet wurden oder im Gefängnis sitzen. Es sind alles ältere Frauen in traditioneller kurdischer Kleidung. Wir sprechen über ihre aktuelle Kampagne. Sie gehen in die Dörfer und versuchen die "Dorfschützer" (Paramilitärs, die in den kurdischen Dörfern die Bevölkerung terrorisieren) zu bewegen, ihre Waffen niederzulegen. Dabei wurden sie des Öfteren vom Militär aufgehalten und versucht sie einzuschüchtern. Sie machen trotz allem weiter, und wir haben sie später auf der Kundgebung am 14. Juli in Diyarbakir wieder getroffen.

Die Arbeit der Frauen ist vor allem sehr praxis­orientiert und lebensnah. Vakasum führte uns zu einem "Waschhaus", einem Alphabetisierungskurs in einer Containersiedlung und einer Teppichknüpferei. Das Waschhaus war in einem Zelt, dort wird die Zeit, während die Waschmaschinen laufen, genutzt zur Kontaktaufnahme, Sozialberatung und auch für Schulungsgruppen, zum Beispiel zum Thema "Gesundheit" oder auch "häusliche Gewalt".

Dies sind alles Projekte der Frauen-Organisation Vakasum. Sie bietet unter anderem Sozial- und Rechtsberatung und psychologische Begleitung an. Außerdem engagieren sie sich politisch für die Verbesserung der Lebensbedingungen und die Rechte der Frauen. Weitere Arbeitsprojekte für Frauen sind in Planung. Es soll beispielsweise nun ein altes Weinanbaugebiet wieder erschlossen werden. Ziel ist es, dass Frauen sich unabhängig machen und sich selbstständig versorgen können.

Großdemo

Wir fahren zurück nach Diyarbakir, um an der Großdemonstration am 14. Juli mit der Forderung "Freiheit für Abdullah Öcalan – Frieden in Kurdistan!" teilzunehmen. Wir begleiteten diese Kundgebung als internationale Menschenrechtsbeobachterinnen. Der Tag beginnt in der BDP-Zentrale. Dort treffen sich Bürgermeister_innen, Abgeordnete und viele weitere Personen. Schon nach den ersten Metern aus dem Gebäude werden wir von der Polizei gestoppt. Wir werden in das Zentrum gefahren und landen im Ofis, welches in unmittelbarer Nähe des verbotenen Versammlungsortes liegt. Auf den Straßen herrscht Chaos. Überall sind Polizeiketten, Panzerfahrzeuge, Wasserwerfer. Es fliegen permanent CS-Tränengasgranaten in die Straßen. Teilweise schießen Polizisten diese direkt auf uns, zum größten Teil aber werden sie aus Hubschraubern zwischen die Wohnhäuser geschossen. Unser Mittel gegen die Reizungen des Gases in den Augen, auf der Haut und in den Atemwegen: Zitronen und Zucker. Viele werden an diesem Tag verletzt und das Demonstrationsverbot wird gewalttätig durchgesetzt.

Mit der Demonstration geht der erste Teil unserer Reise zu Ende. Die meisten Frauen von uns verabschieden sich, und wir fahren mit drei Teilnehmerinnen weiter nach Sirnak und Roboski, nahe der irakischen Grenze.

An der irakischen Grenze

Wir sind in einem Kriegsgebiet. Die ganze Zeit hören wir immer wieder Helikopter über uns kreisen. Das Militär ist ständig und überall präsent. In Sirnak besuchen wir die Frauenberatungsstelle Silan Kadün. Es ist die einzige Anlaufstelle für Frauen vor Ort, da es so viele Verhaftungen im Rahmen der KCK-Verfahren (mehr dazu im nebenstehenden Text) gab. Zur Zeit arbeitet eine Studentin alleine in der Beratungsstelle und hat unsere ganze Bewunderung. Außerhalb der Metropolen wie Amed und Wan ist die Unterdrückung der Frauen innerhalb der Ehen und Familien, durch häusliche Gewalt, Freiheitsberaubung und Ehrenmorden noch viel ausgeprägter.

Anschließend machen wir uns auf den Weg nach Roboski. Ende 2011 wurden dort 34 Kinder, Jugendliche und junge Männer durch das türkische Militär getötet. Sie waren Zivilisten und nicht bewaffnet. In Roboski leben die meisten Familien vom Schmuggel an der türkisch-irakischen Grenze, da es sonst kaum Arbeitsmöglichkeiten gibt. Wir treffen viele Eltern und Geschwister der getöteten Jungen, die uns bitten, ihre Geschichte in Europa zu erzählen, da es ihre einzige Hoffnung auf Gerechtigkeit ist. Bisher gab es noch keinen Prozess gegen die Täter und auch keine Entschädigung. Zusätzlich macht das Leben schwer, dass die Region völlig vermint ist, deshalb kann das Weideland nicht genutzt werden. Es gibt immer wieder Opfer aufgrund der Minen, da die türkische Regierung die Minen noch nicht geräumt hat.

Es waren zwei Wochen mit unglaublich vielen Eindrücken und Erlebnissen. Es war schön und traurig, spannend und aufregend, anstrengend und beeindruckend, erschreckend und motivierend. Es war eine Auseinandersetzung mit Frauen: uns selbst, unserer Gruppe und der Bewegung, aus der wir stammen, und der Frauenbewegung in Kurdistan.

Die kurdische Frauenbewegung weiß, dass sich die Lösung der Frauenfrage nicht aufschieben lässt. Sie muss hier und jetzt gelöst werden, unter großen Anstrengungen, in mühevoller Kleinarbeit und mit einer starken Überzeugung. Wahrscheinlich ist es der Organisierungs- und Bewusstseinsgrad der Frauen in der kurdischen Befreiungsbewegung, der uns Beobachterinnen aus dem Ausland in Kurdistan die Gewissheit gibt: Diese Revolution ist nicht aufzuhalten. Trotz allem und jetzt erst recht.

1 Die Barış ve Demokrasi Partisi (deutsch Partei des Friedens und der Demokratie), BDP, ist eine politische Partei in der Türkei. Sie vertritt laut eigenen Angaben die Interessen der kurdischen Minderheit. Die Partei ist assoziiertes Mitglied der Sozialdemokratischen Partei Europas.


KCK-Verfahren

„Als Koma Civakên Kurdistan oder KCK (etwa: Union der Gemeinschaften Kurdistans) bezeichnet sich eine kurdische Untergrundorganisation, die die Umsetzung des von Abdullah Öcalan am 20. März 2005 deklarierten „Demokratischen Konföderalismus“ zum Ziel hat. Sie soll die Keimzelle einer nichtstaatlichen Gesellschaft bilden. Im Juni 2007 erfolgte die Umbenennung von ursprünglich Koma Komalên Kurdistan (Kurdistan Demokratischer Konföderalismus) in Koma Civakên Kurdistan.“ (wikipedia) Die der KCK will gesellschaftliche Veränderungen auf allen Ebenen durchführen. „Spezielle Komitees kümmern sich dabei um Bereiche wie Wissenschaft und Aufklärung, Volksverteidigung, Sprache und Bildung, Recht, Gesundheit, Ökologie usw. Die Arbeit in den einzelnen Landesteilen Kurdistans (Irak, Iran, Türkei und Syrien) obliegt sogenannten Volksräten.“ (wikipedia). Der Aufbau der KCK geht mit einer Veränderung der politischen Ausrichtung einher. Vorrangig ist nicht der Aufbau eines unabhängigen Staates, sondern der Kampf für die Autonomie innerhalb der bestehenden Staatsgrenzen. Im August 2006 hat die KCK dem türkischen Staat ein Friedensangebot unterbreitet und die Einstellung des bewaffneten Kampfes angeboten, wenn bestimmte Bedingungen erfüllt werden. Auch wenn es wahrscheinlich immer mal wieder Kontakte gab, hat der türkische Staat die Chance nicht genutzt, sondern betreibt die massive Militarisierung in den kurdischen Gebieten. Seit der Wiederwahl Erdogans im Mai 2011 herrscht teilweise Kriegszustand im türkischen Teil Kurdistans. Mit allen Mitteln soll die kurdische Zivilgesellschaft zerschlagen werden. Neben den militärischen Angriffen sind es vor allem Festnahmen, mit denen der Widerstand bzw. zivilgesellschaftliche Organisationen zerschlagen werden sollen. Schätzungsweise über 7.000 Personen befinden sich mittlerweile im Knast. Darunter gewählte Bürgermeister_innen, mehrere Rechtsanwält_innen, Menschenrechtsaktivist_innen, Journalist_innen und Mitglieder verschiedener NGOs, Gewerkschaften und Vereine. Mittlerweile betrifft es nicht mehr nur die kurdischen Gebiete, vielmehr gibt es massive Festnahmen auch in Westtürkischen Großstädten, darunter mittlerweile auch viele linke Türk_innen. Allgemein wird den Beschuldigten „die Mitgliedschaft in einer verbotenen Organisation oder deren Unterstützung“ sowie die „Gefährdung der nationalen Einheit“ vorgeworfen. Die Beschuldigungen beziehen sich auf Gummiparagraphen, die beliebig ausgelegt werden können und so Massenfestnahmen ermöglichen. Menschenrechtler_innen sind sich einig, dass durch die KCK-Prozesse die kurdische Opposition ausgeschaltet und der Friedensprozess torpediert werden soll.