Radschläger und Algerienkrieg

Eine Ausstellung im Düsseldorfer Stadtmuseum zeigt Fotografien von Dirk Alvermann

Ein Junge vor einer Schaufensterscheibe. Lachend sieht er auf die bunte Warenwelt: Puppen, Plüsch-Tiger, Blechspielzeug. Die sich im Schaufenster spiegelnden Erwachsenen und ein Junge gehen fast unter zwischen all den hübschen Spielsachen. Daneben ein Foto von einer Litfasssäule mit Söhnlein-Reklame, vor der ein frierendes Kind im Schneematsch steht. CDU-Plakate vor Häuserruine. Alt- und Neureiche, die sonnenbebrillt und missmutig sich auf der Kö Torten ins Maul schieben, während Radschläger um ein paar Penny betteln. Düsseldorf 1956.

Dirk Alvermann ist gebürtiger Düsseldorfer und als Fotograf Autodidakt. Mit 18 hatte er die Schule geschmissen, begann eine Lehre als Elektromechaniker. Die bricht er auch ab. Auf seinen Streifzüge durch die Stadt ist dann immer die Leica M3 – ein Geschenk der Eltern – dabei. Vor der Kamera produzieren sich Kinder, schneiden Grimassen. Wie lernt man diesen besonderen teilnehmenden Blick? Nicht auf der Kunstschule. Zehn Jahre später lebt und arbeitet er ein ganzes Jahr mit Werftarbeitern in Rostock, bevor er das erste Mal seine Kamera mitbringt. Er müsse die Kollegen erst kennen lernen, sagt er.

Im Eingangsbereich der Ausstellung ist ein kurzer WDR-Beitrag zu sehen, daneben eine Ausstellungsvitrine mit seinen Fotobüchern. Zum Beispiel „Keine Experimente“ von 1961 – Bilder zu Artikeln des Grundgesetzes. In Westdeutschland fand sich kein Verleger, das Buch erschien in der DDR. Die ausgestellten 200 Fotos sind eine Auswahl der Sammlung, die Alvermann dem Museum vermacht hat. „Na ja, so Ausstellungen … Klingt vielleicht etwas überheblich, aber ich mag das einfach nicht“, kommentiert der nun 74-jährige in der Süddeutschen die Schau. Seine Fotografien seien nicht als Einzelkunstwerke zu betrachten.

„Algerien - L‘Algerie“

1958 ging er 21-jährig nach Algerien, wo der Kolonialkrieg tobte. Er wurde zum embedded Journalist, nicht auf Seiten der Besatzer, sondern der Aufständischen. Anfangs wurden drei algerische Partisanen zu seinem Schutz abgestellt, bald nahm er selbst eine Waffe in die Hand. In der Austellung ist auf einem Monitor der von ihm selbst komponierte Fotoband über Algerien zu sehen. Seite für Seite wird umgeblättert. Wie ein Stummfilm ziehen die Bilder an einem vorbei. Großaufnahmen wechseln mit Totalen. Schnitte wie in Eisensteins „Oktober“. Für Alvermann ist Fotomaterial wie Filmmaterial. Erst der Schnitt, die Komposition bringt die beabsichtigte Wirkung. Verlage und Presse gierten nach Fotos von abgeschnittenen Köpfen, verstümmelten Leichen. Keine Opfer, sondern Menschen will er zeigen: Kinder mit Schultafeln, nicht in französischer sondern arabischer Schrift, ein französischer Kolonialbeamter, Frauen, die nach oben starren – die Furcht vor den anrückenden Bombern steht ihnen ins Gesicht geschrieben. Lagebesprechung von Partisanen.

Ursprünglich sollte der Bildband in Kooperation mit Feltrinelli und dem Pariser Maspero-Verlag bei Rowohlt erscheinen. Rowohlt machte einen Rückzieher. Denn nach 1945 stand deutsch-französische Aussöhnung auf der Agenda. Ein derartiges Buch wäre ein Affront gewesen. Der Bildband erschien in der DDR. „Algerien – L‘Algerie“ zählt heute zu den politisch einflussreichsten Fotobüchern. Aus den Fotos wollte er zudem einen Fernsehfilm zusammenstellen. Kurz vor der Ausstrahlung im Jahre 1962 machte der WDR einen Rückzieher.

„E“ wie „England“

1965 reiste er nach Sheffield, um dort einen Film über den Arbeiterclub „Dial House Social Club“ zu drehen. Fotos dienten ihm diesmal als Vorbereitung für den Dreh. Eine Gruppe Stahlschmelzer, Straßenszenen. Immer wieder zeigt er Brüche auf: Ein Lunch in der Chefetage, daneben ein Foto von einer Frau an einer Stanze in einer herunter gekommenen verdreckten Klitsche. Ein Bobby im Stadion vor Fans, Kinder in einer Brache auf einem „Motorradskelett“. Die Fotografien hängen in großen weißen Rahmen auf grau gestrichener Wand. Die Texte zum jeweiligen Bild finden sich auf einem Tisch in der Mitte des Raumes, so dass Besucher_innen stets zwischen Fotografien und Tischen hin- und herrennen müssen. „Bescheuerter kann man es nicht machen“, sagt eine Besucherin. Die Ausstellung ist nicht chronologisch geordnet. Auf „A“ wie „Algerien“ (1958) folgt „E“ wie „England“ (1965), dann „D“ wie „Düsseldorf“ (1956/57), die Buchstabenfolge verwirrt eher als dass sie Orientierung bietet.

„D“ wie „Deutschland“

Demonstrationen gegen Zechenschließung in Gelsenkirchen. Besorgte, sehr ernste Gesichter auf einer Gewerkschaftsversammlung in Oberhausen 1964. Italienische „Gastarbeiter“ in Holzbaracken in Stuttgart-Untertürkheim. Schauerleute auf einer Brücke in Hamburg, Jugoslawische „Gastarbeiter“. Und immer wieder Alvermanns Blick jenseits der Klischees: Zwei Väter kinderwagenschiebend in den 60ern. Das Pendant findet sich im Spanienteil: ein Fischer mit einem Säugling auf dem Arm vor seinem Boot.

„S“ wie „Spanien“

In den verschiedenen Länderabteilungen stehen auf den Tischen Texte, die den jeweiligen Zeithintergrund beleuchten. Die Repression unter Franco und die schlechte wirtschaftliche Lage führten Anfang der 50er Jahre zu Studentenrevolten. „Während viele Sozialisten und Anarchisten mit Unterstützung des Auslandes illegal operieren, setzen die Kommunisten auf legale Tätigkeiten der einheimischen Bevölkerung. So verbinden sie sich mit Sozialisten und der katholischen Arbeiterbewegung in Arbeiterkommissionen (Comisiones Obreras).“ Andererseits entwickelte sich auf kirchlicher Seite die katholische Laienorganisation Opus Dei, „die zu einer einflussreichen Unterstützerin und Bestandteil der Regierung (‚heilige Mafia‘) wird“. Hinter Franco stehen „Vertreter rechtsgerichteter Kräfte von Militär, Kirche, Finanzbourgeoisie und Großgrundbesitzern“. Ich kann nicht mehr weiterlesen, mir schmerzt der Nacken. Die Schrift ist zu klein, die Tischchen zu niedrig. Ist das gewollt? Die Texte sind zum Glück auch im kostenlosen Begleitheft abgedruckt.

Die Fotos aus Spanien 1957/1964: Rekruten, die zum Sonntagsgebet in die Kathedrale von Toledo einrücken. Spanische Soldaten mit Wehrmachtshelmen, Falangisten mit Hitlergruß. Franco war offensichtlich ein Garant für Kontinuität. Schwarzkapuzen mit Kreuzen auf einer Karfreitagsprozession. Eine junge Frau quert die Straße mit einem Jesus im Arm, der sie liebevoll segnend ansieht – aber der Heiland ist nur aus Gips. Alvermann begleitet einen Wanderzirkus aus Andalusien.

„P“ wie „Polen“ ...

Auch hier sind vor allem wieder Menschen bei der Arbeit zu sehen und Alltag, Straßenszenen. Ein Massenaufmarsch, eine Solidaritätsdemonstration mit dem Budapester Aufstand 1956. Eine katholische Beerdigung. Mir fallen die lachenden Romakinder auf. Es ist ein anderer Blick als der, den wir heute aus Rumänien kennen. Des Hin- und Herrennens zwischen Fotos und Tisch müde, studiere ich die porträthaften Einzeldarstellungen.

1965 war Alvermann nach Ostberlin übergesiedelt, „ins Gefängnis“, wie er leicht spöttisch sagt. Der Liebe wegen. Westreisen waren für ihn nun tabu. Nachdem 1979 sein Bildband „Ich liebe Dich“ erschien, legte er die Kamera für immer aus der Hand. Er trat in den Schriftstellerverband der DDR ein, drehte Dokumentarfilme, zog nach Mecklenburg-Vorpommern, arbeitete dort in einer LPG, schrieb Kinderbücher. Alvermann gegenüber Alex Rühle von der Süddeutschen: „Ich kann die ganzen Dissis nicht leiden, wie sie alle so schrecklich unterdrückt wurden. Rowohlt und Steidl sagen doch auch, das Buch hier mach ich nicht und fertig.“

Ästhetisch perfektes Grau

Dass die Ausstellungswände so grau gehalten sind, so frei von jeglichem Text erweckt den Eindruck, als habe der Gestalter das Sagen gehabt. Lediglich im Eingangsbereich finden sich gut lesbare Texte an der Wand. In einem erinnert sich Peter Leyendecker an die 60er, an die Ostermärsche, den europäischen Kampf gegen Atombewaffnung. Eine Delegation von 55 Briten sollte 1963 an den deutschen Ostermärschen teilnehmen, im Gegenzug 30 Deutsche an den englischen. Das Flugzeug aus London wurde auf dem Düsseldorfer Rollfeld von Polizisten umstellt. Nachdem Düsseldorfer Ostermarschierer die Kreuzung Graf-Adolfstraße/Königsallee besetzt hatten – dort erlebte Leyendecker seinen ersten Wasserwerfereinsatz – gab die Polizei ihre Blockade auf und die Briten konnten zum Ostermarsch nach Dortmund fahren. Eins von Alvermanns Fotos zeigt den Ostermarsch durchs Ruhrgebiet von 1964. Dies Foto hängt jedoch nicht neben dem Leyendecker-Text, sondern in einem ganz anderen Raum. Warum?

Protest von gestern

Im Stadtmuseum machte ich dann noch einen Abstecher in die ständige Sammlung. Es gab einst einen Raum, einen schmalen Gang, in dem aktuelle Proteste dokumentiert wurden. Plakate, Objekte. Nach dem Weggang von Wieland König wurde dieser Raum „gesäubert“. Alles ging ins Archiv. Die Fotos von Alvermann sind noch bis zum 30. Dezember zu sehen. Dann wandern auch sie ins Archiv.

Thomas Giese

2011 wurde „Algerien - L‘Algerie“ im Rahmen der „Protest Box“ des Steidl-Verlag neu aufgelegt, der Bildband „Klein-Paris“ erschien im gleichen Verlag.

Die Ausstellung mit Begleitprogramm ist noch bis zum 30. Dezember zu sehen.
Stadtmuseum Düsseldorf, Berger Allee 2, Di-So 11 – 17 Uhr, Mi 11-21 Uhr
Eintritt: 4E/2E, Kinder u. Jugendliche bis 18 Jahre und Düsselpassbesitzer Eintritt frei