Luxus-Probleme

Vor einer „Luxus-Ghettoisierung“ in Düsseldorf warnte der Landesbauminister Michael Groschek (SPD). Die Stadt weist das als „schlichte Polemik“ zurück und lässt ungerührt weiter Pracht-Bauten hochziehen, während bezahlbare Wohnungen fehlen.

In einem Interview mit der WAZ hat der nord­rhein-westfälische Bauminister Michael Groschek (SPD) die hiesige Stadtentwicklungspolitik scharf kritisiert. Der Landeshauptstadt drohe eine „Luxus-Ghettoisierung“, weil bezahlbarer Wohnraum zur Mangelware werde, so der Sozialdemokrat. Düsseldorf müsse sich „für bezahlbare Mieten deutlich mehr engagieren“, forderte er. Groschek zufolge rufen Elbers & Co. noch nicht einmal die vom Land bereitgestellten Fördergelder für sozialen Wohnungsbau in vollem Umfang ab. Während Köln innerhalb der letzten drei Jahre Mittel in Höhe von 222 Millionen Euro beantragte, kam Düsseldorf im gleichen Zeitraum nur auf 28 Millionen.

Oberbürgermeister Dirk Elbers (CDU) verwahrte sich gegen die Vorwürfe. „Das ist schlichte Polemik“, erklärte er und wies der Landesregierung die Schuld an dem Desinteresse der Stadt zu. Die Programme seien unattraktiv, befand der OB, angesichts der hohen Grundstückspreise in der Rheinmetropole lohne es sich für die Investor_innen nicht, sie in Anspruch zu nehmen. „Da muss zunächst das Land seine Hausaufgaben machen und die Zuschüsse anpassen“, verlangte der Christdemokrat.

Die Rheinische Post sprang ihm flugs zur Seite und tat den Vorstoß Groscheks als Wahlkampf-Manöver ab. Obendrein präsentierte die Zeitung noch einen „Experten“, der in abenteuerlicher Dialektik dazu riet, gerade um der lieben Hütten wegen Frieden mit den Palästen zu schließen: „Jede neue Wohnung, die auf den Markt kommt, entlastet den Markt. Auch eine Luxus-Wohnung kann helfen, weil eine Umzugskette ausgelöst wird“, meinte Volker Eichener von der „EBZ Business School Bochum“. Wenn sich also Gabriele Henkel eine geräumigere Villa sucht, macht sie den Platz frei für einen etwas weniger Anspruchsvollen und der wiederum ... was dann irgendwann einmal dazu führt, dass ein Obdachloser von der Parkbank kommt.

Für Menschen, die nicht die Zeit haben, eine solche Ketten-Reaktion abzuwarten, hielt der CDU-Ratsherr Alexander Fils in einem „Center TV“-Interview einen Tipp bereit. Der Vorsitzende des Ausschusses für Planung und Stadtentwicklung wusste von „Wohnungen für fünf Euro pro Quadratmeter, nicht im Zentrum, nicht in In-Gegenden“. Davon wussten sonst nicht viele, also sorgte das parteilose Ratsmitglied Frank Laubenburg für eine Verbreitung der guten Nachricht und schaltete unter Fils’ Namen im Rheinboten eine Anzeige. „Mehrere Wohnungen im Düsseldorfer Süden stehen zur Vermietung an, ab fünf Euro pro qm“, hieß es dort. Bei dem Kunstbuch-Verleger liefen die Telefone heiß, aber freuen mochte er sich darüber nicht. „Mein ganzes Büro war lahmgelegt“, klagte der Immobilien-Scout und zeigte Laubenburg wegen Betrugs an.

Die große Resonanz auf die Annonce zeigt, wie sehr das Wohnraum-Problem in der Stadt pressiert. Unter acht Euro ist kaum noch eine Wohnung zu haben. Allein im letzten Jahr stiegen die Mieten im unteren Segment bei Wiedervermietungen um 8,7 und bei Neuvermietungen um 12,3 Prozent. Es dürfte sogar noch schlimmer werden, denn immer mehr Objekte fallen aus der Sozialbindung. Lag der Anteil geförderten Wohnraums 1987 noch bei 27 Prozent, so sank er inzwischen auf sieben Prozent – und 2012 laufen noch einmal 385 Mietpreis-Deckel­ungen aus. Darüber hinaus entdecken die Investoren zunehmend auch bisher noch preisgünstigere Quartiere wie Oberbilk. „Zahlreiche Verkäufe von Mehrfamilien-Häusern in dem Stadtteil“ vermeldet die Rheinische Post. Neubauten, die für Entlastung sorgen könnten, entstehen indes kaum. Die Zahl der Baugenehmigungen fiel von 2010 auf 2011 um 25 auf 240. Folge dieser Entwicklung: Die Behörden registrierten im April diesen Jahres 1.176 Wohnungsnotfälle und 1.087 Dringlichkeitsfälle.

Nur im hochpreisigen Bereich bewegt sich was. Im Andreas-Quartier, im ehemaligen Theresien-Hospital, im Belsenpark, auf dem Gelände der Reitzenstein-Kaserne, in Grafental und im „Quartier m“ planen Investoren exquisites Wohnen. Über den Absatz müssen sie sich vorerst keine Gedanken machen. „Der Vertrieb der Wohnungen läuft ganz hervorragend“, sagt etwa der Belsenpark-Bauherr Patricia. Auch bei teuren Häusern flutscht es. „Im Preis-Segment über zwei Millionen Euro ist eine deutliche Zunahme der Nachfrage zu beobachten“, konstatiert die Rheinische Post mit Verweis auf eine Studie der Maklerfirma Dahler & Company. Allerdings mehren sich die Zeichen für eine Überhitzung des Marktes. Einige warnen sogar schon vor einer Immobilien-Blase in Düsseldorf.

Die Stadt unternimmt nichts, um regulierend einzugreifen. Sie knüpft Baugenehmigungen nicht an die Bedingung, einen bestimmten Satz preiswerter Wohnungen zu bauen, wie es etwa Hamburg tut, das Investor_innen eine Quote von einem Drittel vorschreibt. Zudem unterlässt es Düsseldorf, auf eigenen Grundstücken erschwinglichen Wohnraum zu errichten. Die Stadt veräußert die Areale wie die auf der Moselstraße lieber teuer und kündigte im Zuge der jüngsten Sparpläne noch mehr solcher Transaktionen an. Sie trennt sich sogar von Wohnungen wie auf der Lindenstraße und befeuert damit den Gentrifizierungsprozess in Flingern noch. Und selbstverständlich denkt sie nicht daran, den Etat der Städtischen Wohnungsgesellschaft zu erhöhen. Stattdessen raten die christlich-liberalen Politiker_innen den Armen, doch ins Umland zu ziehen.

CDU und FDP wollen das Luxus-Ghetto, denn hier müssen SPD-Wähler_innen oder noch schlimmere Zeitgenoss_innen draußen bleiben. Was Brecht der DDR-Regierung beim Aufstand 1953 riet, beherzigen sie: Sie wählen sich mittels einer asozialen Wohnungspolitik eine andere Bevölkerung. Nur auf den ersten Blick sieht das alles wie ein Versäumnis aus.

Selbst Luxus-Wohnheime für Studierende haben Elbers & seine Ghettoboyz bald im Angebot. Appartements mit Echtholz-Parkett und Fußboden-Heizung ab 500 Euro von der Firma Youniq warten auf zahlungskräftige Mieter_innen oder deren Erziehungsberechtigte. Das passende Studienfach für die reichen Hochschüler_innen gibt es hier auch schon: Die EBC-Hochschule an der Leopoldstraße hält das Studienfach „Luxus- und Tourismus-Management“ bereit.

JAN