Männerkongress 2012

„Scheiden tut weh. Elterliche Trennung aus Sicht der Väter und Kinder“ - so lautete das Motto des diesjährigen, vom Klinischen Institut für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie veranstalteten „Männerkongresses“. Wie bereits im Jahr 2010 traten Wissenschaftler (Referent_innen waren nicht eingeladen) verschiedener Disziplinen an, um ein gesellschaftliches Phänomen aus „männlicher“ Sicht zu beleuchten. Unter dem Motto „No Männerkongress“ rief ein Bündnis linker und genderkritischer Aktivist_innen zu einer Gegenveranstaltung auf und protestierte vor dem Eingang zur Veranstaltung. Gruppe_f war vor Ort.

Beginnen wir von vorn. Seit Beginn der 2000er Jahre entwickelt sich auch in Deutschland eine explizit antifeministisch orientierte „Männerrechtsbewegung“. Im Gegensatz zur (historischen) Männerbewegung, in der sich seit den 1970er Jahren (wie man heute sagen würde:) genderkritische Männer und Protagonisten der Schwulenbewegung organisiert hatten, geht es der Männerrechtsbewegung nicht um eine kritische Reflexion von Geschlechterrollen und -zuschreibungen und Kritik an den damit verbundenen Diskriminierungen, sondern darum, eine vermeintliche Vormachtstellung der Frau in der Gesellschaft zu bekämpfen. Ausgehend von der These, dass die feministische Bewegung der 1970er/80er Jahre zu einer Abwertung von „Männlichkeit“ und zur allgemeinen gesellschaftlichen Diskriminierung „des Mannes“ in den verschiedensten Lebensbereichen geführt habe, tritt die Bewegung für eine „Rückeroberung“ ihrer Rechte ein. Grund genug also, genau hinzuschauen, in welchem Kontext und unter welchen Voraussetzungen die „männliche“ Sicht der Dinge auf dem Männerkongress verhandelt wurde.

Das Anliegen des Kongresses, die Situation von Vätern bei Trennung der Eltern genauer zu beleuchten, ist legitim, wichtig, und für die genderkritische Auseinandersetzung mit gesellschaftlichen Prozessen notwendig. Zu fragen, welche Auswirkungen die gesellschaftlichen Rollenzuschreibungen auf die psychische wie physische Gesundheit oder die Rechtssituation von Vätern (und Müttern) haben, zu erforschen, wie man Trennungen für alle Beteiligten verträglicher gestalten kann, kurz: zu untersuchen, welche Maßnahmen nötig sind, um Menschen zu helfen, Krisensituationen möglichst unbeschadet zu überstehen, kann dem gesellschaftlichen Zusammenleben nur förderlich sein. Allerdings war zu erwarten, dass die kritische Reflexion des gesellschaftlichen Kontextes bei einem von Medizinern organisierten Kongress eher in den Hintergrund treten und Kategorien wie „Mutter“ und „Vater“, „Sohn“ und „Tochter“ in einem biologistischen Sinne gesetzt sein würden. So wurde denn auch in allen Vorträgen ausschließlich über heterosexuelle, zweigeschlechtliche Partnerschaften mit „leiblichem“ Kind gesprochen; alternative Familien- oder Elternmodelle blieben außen vor.

Dennoch wurden in verschiedenen Beiträgen spannende und wichtige Fragen aufgeworfen: Martin Dinges referierte beispielsweise zur Kulturgeschichte der Trennung und plädierte dafür, historisch gewachsene Idealbilder von Familie, Kinderglück und Mutter-Kind-Beziehungen kritisch zu reflektieren und vom realen Funktionieren der Familien und dem Erleben der Kinder zu trennen. Hans-Christian Prestien legte die Probleme eines fehlenden Kinderanwalts als rechtliche Vertretung des Kindesinteresses bei Scheidungsprozessen dar, Matthias Franz versuchte anhand verschiedener Studienergebnisse zu ergründen, ob Jungen unter der (konflikthaften) Trennung ihrer Eltern anders leiden als Mädchen, und Heinz Hilgers berichtete aus seiner Praxis als Lokalpolitiker in Sachen „Gewaltprävention in Familien“.

Erzkonservative Positionen

Wie die Aktivist_innen von „No Männerkongress“ stellen wir uns allerdings die Frage, warum sich seriöse Wissenschaftler dafür hergeben, populistischen und erzkonservativen Positionen in ihren Reihen ein Forum zu bieten: Gerhard Amendt durfte in einem Vortrag seine Sicht auf das Leiden der Väter bei Paartrennungen schildern, auch wenn dessen Thesen den Moderatoren Matthias Franz und André Karger offenbar so peinlich waren, dass sie mehrfach betonten, wie streitbar diese Positionen doch seien und wie viel Diskussionsbedarf sie sicherlich provozieren würden. Darüber hinaus trat der „agens e.V.“ als Mitveranstalter der Tagung auf und war (neben der Buchhandlung Lehmanns und dem Magazin „Papa-Ya“) während des gesamten Kongresses mit einem Infotisch im Foyer des Hörsaals präsent. Sowohl Gerhard Amendt als auch der ebenfalls anwesende Eckhard Kuhla, die zu den Gründungsmitgliedern von „agens e.V.“ gehören und gegen die sich der Protest der Aktivist_innen vor dem Eingang richtete, machen regelmäßig durch antifeministische und homophobe Statements von sich reden (siehe hierzu auch das Flugblatt von „No Männerkongress“ unter http://nomaennerkongress.blogsport.eu. Beide schlagen hierbei gern einen polemischen Ton an; Amendts Beitrag zum Kapitel „Ideologiekritik und Männerperspektive(n) oder: Die Rosinenpickerei des versteinerten Feminismus“ in dem Sammelband „Befreiungsbewegung für Männer“ trägt beispielsweise den klangvollen Titel „Die Opferverliebtheit des Feminismus oder: Die Sehnsucht nach traditionelle Männlichkeit. Die Zukunft der Männer jenseits der Selbstinstrumentalisierung für Frauen“.

Im großen Plenum hielten sich beide, von einzelnen Ausfällen abgesehen, mit steilen Thesen zurück. Aufschlussreich war hingegen das Faltblatt von „agens“, in dem u.a. „für eine eigenständige Männer- und Frauenpolitik“ geworben wird: „Agens versteht unter ‚eigenständig‘: zurück zur Privatsphäre, d.h. Mann und Frau entwickeln sich in einem gesellschaftlichen Prozess in ihrer jeweiligen Unterschiedlichkeit, ohne staatliche Einflüsse. Dieser Prozess ist ein Abbild einer gelebten, gegenseitigen Ergänzung zwischen Mann und Frau sowie der Bejahung ihrer anthropologischen Besonderheiten und individuellen Lebensentwürfe“ ohne Kampf um Rechte. „agens spürt die kulturellen Wurzeln von ‚Mann‘ und ‚Frau‘ auf und stärkt damit das Miteinander in der Gegenwart. Agens stärkt Mann und Frau in ihrer Rolle in der Familie und begleitet aktiv ihre Neuorientierung in der Arbeitswelt und Gesellschaft.“ So weit, so kryptisch. Worin die „Unterschiedlichkeit“ von Männern und Frauen bestehen möge, welches ihre „anthropologischen Besonderheiten“ seien, die bejaht werden sollen und in welcher Rolle agens Mann und Frau jeweils in der Familie sieht, bleibt erst einmal vage. Erst Kuhlas Beitrag in der „Papa-Ya“-Ausgabe von Mai/Juni 2011 zeigt, wohin die Reise gehen soll und welch verschwörungstheoretische Denke der Arbeit von „agens“ zugrunde liegt: Unter der Überschrift „Die Auferstehung der Männlichkeit. Männerpolitik: Schadensbegrenzung und Wiederaufbau“ schwadroniert Kuhla darüber, dass in allen erdenklichen gesellschaftlichen Bereichen die Frauen gefördert und die Männer diskriminiert würden, was dazu führe, dass trotz Bemühungen um männliche Erzieher in den Kitas die Jungen dort zum Kuchenbacken verdammt seien, anstatt sich mit Fußballspielen, Rennen und Raufen zu verwirklichen. Kuhla wehrt sich gegen angeblich herrschende gesellschaftliche Rollenerwartungen wie „der moderne Vater teilt Haus- und Familienarbeit mit seiner Partnerin“ oder „die moderne Mutter gibt ihr Kind in die Fremdbetreuung“. Durch langjährige feministische Öffentlichkeitsarbeit werde Männlichkeit infrage gestellt, abgewertet und lächerlich gemacht, so dass Männer inzwischen empowert werden müssten, weil sie „das Wohlwollen der Frauenwelt ihnen gegenüber höher einstufen als das eigene Wohlergehen“. Bebildert wird der Artikel mit dem Foto eines halbnackten männlichen Teenagers mit aggressiver Körperhaltung und zum Schrei geöffneten Mund, dessen Hals und Arme mit Fetzen roten Stoffs umwickelt sind. Bildunterschrift: „Weg mit den Femi-Fesseln“. Dass ausgerechnet Eckhardt Kuhla mit der Moderation des samstagabendlichen „Get together“ betraut wurde, ist besonders perfide: Weit besser als in einem Vortrag lässt sich selbstverständlich im direkten Gespräch mit den Kongressteilnehmer_innen, unter denen offensichtlich auch mehrere Väter mit negativen Trennungserfahrungen waren, netzwerken, d.h. agitieren. So bekam Kuhla ausreichend Gelegenheit, seine kruden Thesen im semi-privaten Rahmen unter die Leute zu bringen.

Väter als Opfer

Unklar bleibt allerdings, wie Amendt, Kuhla &Co. ihre widersprüchlichen Thesen zusammenbekommen wollen: Während Amendt einerseits in seinem Vortrag den mangelnden Kontakt von Vätern zu ihren Kindern nach einer Trennung auf Kontaktverhinderung als Strafmaßnahme seitens der gekränkten Mutter zurückführt und für gleiche Rechte der Väter eintritt, scheint die Vorstellung einer gleichwertig verteilten Erwerbs- und Erziehungsarbeit dem von ihm mitbegründeten Verein ein Gräuel. Kritisiert Amendt in seinem Vortrag zurecht die gesellschaftliche Zuschreibung von Männern und Jungen als aggressiv (und führt als Beleg eine Zusammenfassung mehrerer US-amerikanischer Studien an, denen zufolge rund 65% aller getrennt lebenden Männer von ihren Ex-Frauen Gewalt erfahren hätten), kommt für ihn die Schließung eines Bolzplatzes an einer Schule zugunsten eines Kommunikationszentums einer „Bedrohung“ der Jungen gleich, weil ihnen damit verwehrt werde, ihre natürlichen Anlagen zu entwickeln – Jungen sind ja bekanntermaßen allesamt bewegungsorientierte Kinder, die sich gern im Wettkampf messen. Warum Kuhla „Raufen“ für eine adäquate jungenspezifische Freizeitgestaltung hält und seinen Artikel mit einem vor Klischees strotzenden Foto eines aggressiven muskulösen Jungen bebildern lässt, bleibt in diesem Zusammenhang ebenfalls fraglich.

Auch wenn Referenten wie Martin Dinges sich in ihren Vorträgen explizit von Positionen wie diesen distanzierten und darauf verwiesen, dass es sei zu einseitig sei, die Mütter ausschließlich als Gewinnerinnen in Trennungsprozessen zu sehen und es der Sache wenig dienlich sei, wenn sich Väter heute zu Opfern stilisierten, wie dies in den antifeministischen Diskursen heute zum Teil geschehe: Allein durch die Tatsache, dass reaktionäre Positionen mit explizit politischer Agenda gleichwertig neben anderen wissenschaftlichen Beiträgen platziert wurden, wurden diese aufgewertet. Wenn die Organisatoren des Kongresses Leuten wie Amendt und seinem Verein auch in Zukunft ein Forum bieten wollen, machen sie sich gemein mit deren politischen Anliegen. Ob die Heinrich-Heine-Universität sich dafür hergeben will, ist eine politische Entscheidung, die ihre Funktionsträger selbst treffen müssen. Denn es verhält sich mitnichten so, wie Rektor Michael Piper in seinem Grußwort formulierte, dass sich der Protest der „No Männerkongress“-Aktivist_innen auf ein Missverständnis gründete: Vielleicht sei es allein der etwas provokante Titel „Männerkongress“, der doch eigentlich genderkritische Fragen erörtere, an dem man sich stoße... Aus unserer Sicht liegt das „Missverständnis“ eindeutig auf Seiten der Gastgeber: Wer Maskulinisten wie Amendt und Kuhla einlädt, stellt keinen Raum für kritische Genderforschung zur Verfügung, sondern, mit Verlaub, meine sehr verehrten Damen und Herren, liebe Kongressteilnehmerinnen und -teilnehmer: für reaktionäre Scheiße.
Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit.

gruppe_f