Düsseldorf – ein Wintermärchen

Seit Heines 175-jährigem Geburtstag im Jahre 1972 wird stets am 13. Dezember der Heine-Preis verliehen. Jedoch nicht in diesem Jahr. Das Büro von Dirk Elbers hat auf diesen 13. Dezember die Haushaltsdebatte angesetzt. Jürgen Habermas, vom Preisgericht gekürt, muss also noch einen Tag länger auf den Preis warten. Ignoranz oder bewusste Böswilligkeit? Was wäre schlimmer? Die Pisageneration hält langsam Einzug ins Rathaus.

Wie rief doch Heine einst in „Ludwig Börne. Eine Denkschrift“ aus? „O Schilda, mein Vaterland!“ In unserer Provinzpossenstadt folgt ein Heine-Skandal dem nächsten. In der Heine-Preis-Jury hätte fast Torsten Lemmer gesessen, einst lautstark in der rechtsextremen Szene aktiv, bis er sich „still“ als Produzent rechtsradikaler Musiktitel einen Namen machte. Durch den Beitritt eines Ex-Republikaners zu Lemmers so genannten „Freien Wählern“ hatten diese Fraktionsstatus (ab 3 Abgeordneten möglich) erhalten und somit Anspruch auf einen Sitz in der Heine-Jury. Ein Antrag der Linksfraktion, der dies verhindert hätte, wurde von der CDU/FDP-Mehrheit niedergestimmt. Dann wollten die „Freien Wähler“ Peter Kern vorschicken. Die Posse geriet bundesweit in die Schlagzeilen.

Die Uni hat ab Ende Oktober noch einen Heine. Nachdem die Hochschule nach 23-jährigem Kampf ab 1989 endlich auch offiziell Heinrich-Heine-Uni heißen durfte, war der „Heine-Stein“ aufgestellt worden – direkt vor jener Hörsaalwand, auf die der AStA gemeinsam mit der Wandmalgruppe einst immer wieder ein Heine-Porträt gemalt hatte, das die Univerwaltung stets wieder mit Uni-Grau überpinseln ließ. Nach Heinestein folgte die Heinestatue vor der UB, zu der Harry Hönkel 1993 in der TERZ kritisch anmerkte: „Man sollte Heine so lebendig lassen, wie er war. Und das war er vor allem in seinem Wort und Witz.“

Und nun wurde auf der Achse zwischen Mensa und UB zu Ehren des Dichters ein monumentales Buch aufgestellt, das recht kippelig auf einer Riesenschere steht. Laut Rheinischer Post soll Heine „als Kämpfer gegen ‚Gleichschritt und Zensur‘ gewürdigt werden“. Die Rheinische Post, die als RP-Mediengruppe zu den Sponsoren des Denkmals zählt, hat direkt nach Aufstellung selbst ein schönes Beispiel für „Zensur“ gegeben. Den Heine-Text, der in Bronzelettern auf dem monumentalen Buch gesetzt ist, gab sie wie folgt wieder:

„Das Leben ist weder Zweck noch Mittel; das Leben ist ein Recht (…) und die Schwärmerey der Zukunftsbeglücker soll uns nicht verleiten, die Interessen der Gegenwart und das zunächst zu verfechtende Menschenrecht, das Recht zu leben, aufs Spiel zu setzen.“

Das ist ungefähr das genaue Gegenteil von dem, was Heine schrieb und was auf der Bronzeskulptur im Wortlaut korrekt (sogar in Heines altertümelnden Schreibweise) wiedergegeben ist.

Hinter „Das Leben ist weder Zweck noch Mittel; das Leben ist ein Recht“ heißt es nämlich: „Das Leben will dieses Recht geltend machen gegen den erstarrenden Tod, gegen die Vergangenheit, und dieses Geltendmachen ist die Revoluzion.“

Will sagen: Sobald Menschen ihr Recht auf Leben einfordern, wird das systemsprengend sein, da der Kapitalismus nicht auf Bedürfnisbefriedigung, sondern auf Ausbeutung des Menschen durch den Menschen angelegt ist. Dann erst folgt im Heine-Originaltext die Abgrenzung gegen den elegischen „Indifferentismus der Historiker und Poeten“ auf der einen Seite, und gegen „die Schwärmerey der Zukunftsbeglücker“, die ihr eigenes Recht auf Leben vergessen oder verdrängen, auf der anderen Seite.

Hätte Heine das ahnen können? Er hat es nicht nur geahnt, er hat es sogar gewusst. In Frankreich erfolgte damals bereits das Publizieren unter weitgehend kapitalistischen Produktionsbedingungen. Und dieses leide, so schrieb Heine in „Lutezia“, an einer „besonderen Art von Unfreiheit“, die „vielleicht verderblicher ist als unsere transrhenanische Zensur“. In Frankreich seien es nämlich „gewöhnlich Kapitalisten oder sonstige Industrielle, die das Geld herschießen zur Stiftung eines Journals.“ Dadurch gerieten „die Journale in eine beschränkende Abhängigkeit“, wogegen „die Hemmnisse der deutschen Zensur nur wie heitere Rosenketten erscheinen dürften.“ Der „Redakteur en chef“ eines unter kapitalistischen Produktionsbedingungen hergestellten Journals führe ein Kommando wie ein Bandenführer: „Seine Unterredakteure, seine Lieutenants und Soldaten, gehorchen mit militärischer Subordination, und sie geben ihren Artikeln die verlangte Richtung und Farbe.“ Es herrsche die strengste Disziplin des Gedankens und sogar des Ausdrucks: Habe irgendein unachtsamer Mitarbeiter das Kommando überhört, habe er nicht ganz so geschrieben, wie der Rat laute, „so schneidet der Redakteur en chef ins Fleisch seines Aufsatzes mit einer militärischen Unbarmherzigkeit, wie sie bei keinem deutschen Zensor zu finden wäre.“

Wie dichtete doch einst Heine?

»Wenn ich sterbe, wird die Zunge
Ausgeschnitten meiner Leiche;
Denn sie fürchten, redend käm ich
Wieder aus dem Schattenreiche.«

Die Verse standen auch auf dem Kranz, den einst Unistudenten an der ins Monumentale vergrößerten Heine-Totenmaske am Schwanenmarkt niederlegten. Dieses Bronzegebirge – eine „physiognomische Gesichtslandschaft“ – hatte einst Bert Gerresheim geschaffen. Das jetzt in der Uni aufgestellte monumentale Buch ist auch von ihm. Ich erlaube mir die Bemerkung, dass der Künstler am Schwanenmarkt 1981 ein glücklicheres Künstlerhändchen hatte als jetzt in der Heine-Uni.

Übrigens: Beim Zensieren von Heinetexten fand 1945 ff quasi ein „sozialistischer Wettbewerb“ statt. Es existiert ein Buch – die von Heine selbst vorgenommene Zusammenstellung seiner ab 1840 für die Augsburger Allgemeine geschriebenen Parisberichte –, das nach seiner Erstveröffentlichung im Jahre 1854 nie wieder eine Neuauflage in deutscher Sprache erfuhr (ledigl. ein unerschwinglicher Faksimile-Nachdruck für Liebhaber und Wissenschaftler ist auf dem Markt). In französischer Übersetzung dient dieses Buch „Lutezia“ längst als wichtige Quelle für Historiker. Die französische Vorrede war einst in der DDR in jedem Schulbuch abgedruckt. Mit den Artikeln selbst wollte das ZK lieber nichts zu schaffen haben, da Heine sich darin mindestens ebenso häufig sehr kritisch zum Kommunismus äußert, wie er andererseits für ihn Partei ergreift. Aus diesen Artikeln stammen auch obige vergleichende Zeilen über Zensur unter preußischen und kapitalistischen Bedingungen. Die DDR verzichtete auf einen Nachdruck.

Dass im deutschen Westen trotz eifrigen Bemühens von Germanist_innen (unter ihnen auch Professor_innen der Heinrich-Heine-Universität) niemand ein Interesse an einer Neuauflage hatte – wen wundert‘s. Die TERZ druckt hier exklusiv Auszüge aus Heines Parisbericht vom 4. Dezember 1842, der vor exakt 170 Jahren in der Augsburger Allgemeinen erschien:

„Hier in Frankreich herrscht gegenwärtig die größte Ruhe. Ein abgematteter, schläfriger, gähnender Friede. Es ist alles still, wie in einer verschneiten Winternacht. Nur ein leiser, monotoner Tropfenfall. Das sind die Zinsen, die fortlaufend hinabträufeln in die Kapitalien, welche beständig anschwellen. Man hört ordentlich, wie sie wachsen, die Reichtümer der Reichen. Dazwischen das leise Schluchzen der Armut. Manchmal auch klirrt etwas, wie ein Messer, das gewetzt wird. (…) Nachbarliche Tumulte kümmern uns sehr wenig, und nicht einmal das rasselnde Schilderheben in Barcelona hat uns hier aufgestört.“Die Engländer berechneten in dieser Situation, „ob sie die jetzt überflüssigen Kriegsrüstungen im Indischen Meere nicht gegen Japan richten sollen“. An einem „loyalen Vorwande zum Angriff“, werde es nicht fehlen: „Sind es nicht Opiumfässer, so sind es die Schriften der englischen Missionsgesellschaft, die von der japanischen Sanitätskommission konfisziert worden.“
(Heinrich Heine in der AAZ am 4.12.1842)

Thomas Giese