„Meine Identität ist die Zerrissenheit“

„Halbjüdinnen“ und „Halbjuden“ im Nationalsozialismus

1932, also ein Jahr vor der Machtübertragung an die Nazis, heirateten über 20 Prozent der Jüdinnen und Juden einen nicht-jüdischen Ehepartner, ihre Kinder gehörten der christlichen oder der jüdischen Religionsgemeinschaft an. 1933 wurden alle Menschen mit einem jüdischen Elternteil zunächst als „Jüdinnen und Juden“ eingestuft, mit den rassistischen Nürnberger Gesetzen konstruierten die Nationalsozialisten im Herbst 1935 dann die Kategorie der „Halbjüdinnen und Halbjuden“, als welche die Betroffenen künftig behandelt wurden. Sie wurden zwar nicht ermordet bzw. industriell vernichtet, aber durch immer weiter verschärfte staatliche Verfügungen systematisch aus der „Volksgemeinschaft“ ausgegrenzt. Die Betroffenen erlebten einen zunehmenden gesellschaftlichen Ausschluss, sowohl durch staatliche Exklusionsmaßnahmen und Verfolgung, als auch durch alltägliche Ausgrenzung und Übergriffe seitens der Normalbevölkerung.

Für die Menschen, die als „Halbjüdinnen“ und „-juden“ klassifiziert wurden, steht die Erfahrung – so zeigt Sonja Grabowsky – der Nicht-Zugehörigkeit im Vordergrund. Sie gehörten letztlich weder der Mehrheitsgesellschaft noch der jüdischen Gemeinschaft an. Die Autorin verdeutlicht, dass die Ausgrenzung, die Nicht-Zugehörigkeit für die Betroffenen auch 1945 nicht endete – in der bundesdeutschen Nachkriegsgesellschaft, aber auch in Israel waren ihre Erfahrungen mehrheitlich nicht mitteilbar und tabuisiert. Die Anerkennung ihrer Verfolgung fand kaum statt, und viele Verfolgte gestehen sie sich selbst kaum zu. Die zu „HalbjüdInnen“ gemachten Menschen erleben sich bis heute als „anders“ und „hin- und hergerissen“.

Das Buch beleuchtet eindringlich, wie Menschen, die mit der Zuschreibung „halbjüdisch“ in der NS-Zeit aufwuchsen, die Klassifikation wahrnahmen, wie die Erfahrungen sie geprägt haben, und wie sie damit bis heute umgehen. Dabei stellt sich Ambivalenz als zentrales Muster ihres Lebens heraus. Um dies zu verdeutlichen, stellt die Autorin sechs Lebensgeschichten von Betroffenen exemplarisch dar, und in ausgewählten Interviewpassagen zeigt sich für Leserinnen und Leser gut nachvollziehbar die Ambivalenzproblematik der Betroffenen. Eingeschoben in den Text sind eine Reihe von historischen Exkursen zu Ausgrenzungs- und Verfolgungsmaßnahmen wie Ausbildungs- und Studiumsbeschränkungen, Zwangsarbeit und Konzentrationslager für die sogenannten „Mischlinge“, die wichtige Hintergrundinformationen zu den beschriebenen Erfahrungen liefern. Auch werden im ersten Teil des Buches der aktuelle Forschungsstand zum Thema, theoretische Grundlagen und die Herangehensweise an die Forschungsarbeit fundiert und ausführlich geschildert.

Die Autorin Sonja Grabowsky beschäftigt sich seit Jahren mit dem Thema der „Halbjüdinnen“ und „Halbjuden“ im Nationalsozialismus und promovierte mit dieser Arbeit an der Bergischen Universität Wuppertal. Mit diesem Buch gelingt es ihr, die Erfahrungen der Betroffenen zu würdigen und dieses bislang zu wenig beleuchtete Thema, das mit dem Schwerpunkt „zerrissene Identitäten“ durchaus einen Aktualitätsbezug aufweist, wissenschaftlich fundiert und bei aller soziologischen Terminologie gut lesbar aufzubereiten. Also: sehr empfehlenswert!

Madi

Sonja Grabowsky: „Meine Identität ist die Zerrissenheit“: „Halbjüdinnen“ und „Halbjuden“ im Nationalsozialismus,
ISBN 978-3-8379-2203-5, Psychosozial-Verlag 2012, 266 Seiten, 29,90 Euro.