„¡Ni una muerta más!“
„Keine weitere Tote mehr!“

Lesung und Protestaktion anlässlich des „Internationalen Tages gegen Gewalt an Frauen“

Am 25.11.2012, dem „Internationalen Tag gegen Gewalt an Frauen“ trafen sich etwa 50 Menschen zu einer deutsch-spanischen Lesung von Texten und Gedichten aus Ciudad Juárez im zakk. Sie diskutierten über die von den Autor_innen thematisierten massenhafte Morde an Frauen in der mexikanischen Grenzstadt und über Handlungsmöglichkeiten. Abschließend kam es zu einer Protestaktion.

Die nordmexikanische Großstadt Ciudad Juárez liegt direkt an der Grenze zur USA. Dort wurden seit 1993 mindestens 700 Frauen brutal ermordet. Viele Leichen wiesen Spuren von schweren Folterungen und sexueller Gewalt auf. Außerdem werden mehrere tausend Frauen weiterhin vermisst. Es steht zu befürchten, dass ihnen Ähnliches widerfahren ist. Die Stadt ist für viele Frauen zu einer Zone von Angst und Bedrohung geworden. Aber was steckt hinter diesen Morden? Nicht ganz zufällig beginnt die Mordserie kurz vor dem Inkrafttreten des Nordamerikanischen Freihandelsabkommens NAFTA im Januar 1994. Dieses Abkommen zwischen Kanada, den USA und Mexiko ließ die seit den 80ern an der mexikanischen Nordgrenze entstandenen Weltmarktfabriken, die mit Hilfe billiger Personalkosten Konsumgüter für den Weltmarkt produzieren, weiter boomen – und es ließ in den letzten 20 Jahren das gesamte soziale Gefüge Mexikos aus den Fugen geraten: Viele Kleinbäuer_innen mussten ihre Felder aufgeben, denn begünstigt durch die fallenden Handelsschranken überschwemmten billige, subventionierte Lebensmittel der kanadischen und US-amerikanischen Agrarindustrie den Markt. Ganze Gemeinden wurden von ihren Gebieten vertrieben, um dort Bodenschätze abzubauen. Außerdem verloren durch die wirtschaftlichen Verwerfungen ganze Regionen ihre ökonomische Grundlage. Diese Problematiken wurden durch das Freihandelsabkommen zwischen Mexiko und der EU aus dem Jahr 2000 noch verschärft. Immer mehr Menschen trieb die ökonomische Not in die großen Städte und Richtung Norden, an die Grenze zur USA oder darüber hinaus. Neben den Weltmarktfabriken und der export-orientierten Großindustrie boomten insbesondere Waffen-, Drogen- und Menschenhandel.

Tödlicher Freihandel

Opfer der Frauenmorde von Ciudad Juárez sind vor allem Mädchen und junge Frauen, die aus armen Verhältnissen stammen und aus anderen Regionen in die Stadt kamen, um dort in den großen Weltmarktfabriken Arbeit zu fi nden. Sie sind besonders angreifbar: Um frühmorgens oder spätabends aus ihren abgelegenen Vierteln zu den Schichten der rund um die Uhr produzierenden Fabriken zu gelangen, müssen sie lange Wege zurücklegen. Oft gibt es weder öffentlichen Nahverkehr noch beleuchtete Straßen. Die transnationalen Unternehmen und ihre Eigentümer_innen kümmert das wenig, sie profi tieren durch die von der Politik für sie geschaffenen Bedingungen, zahlen kaum Steuern und müssen sich um die Menschen und das Gemeinwesen, die ihnen ihre Gewinne verschaffen, keine weiteren Sorgen machen. Zum Ausbau der öffentliche Infrastruktur fehlt indes das Geld und der politische Wille. Zur besonderen Gefährdung der Frauen trägt außerdem bei, dass sie – neu in die Stadt gekommenen – oft noch keine sozialen Netzwerke gebildet haben. Und die politisch gewollten Sonderregelungen für die Weltmarktfabriken sorgen dafür, dass ihnen dies auch nicht so leicht gelingt: Sie verhindern, dass die Arbeiterinnen sich organisieren. Die niedrigen Löhne und der Akkorddruck zwingen die Frauen zu langer und ermüdender Arbeit. Vereinzelt, austauschbar und nicht organisiert – so wollen die Fabriken ihre Arbeiter_innen.

Trotz allem entwickeln diese jungen Frauen Selbstbewusstsein und ökonomische Unabhängigkeit. Sie haben sich oft alleine aus anderen Teilen Mexikos auf den Weg gemacht, haben sich von den engen sozialen Strukturen ihrer Familie und ihres Wohnortes gelöst und haben in einer von Machismo geprägten Gesellschaft viel Mut bewiesen. Die sexistische Struktur, die auch die Weltwirtschaft prägt, sorgt dafür, dass die Weltmarktfabriken vor allem Frauen einstellen: Sie sind die gesellschaftlich Schwächeren und damit leichter ausbeutbar – so das profi torientierte Kalkül. Aber: Auch wenn ihr Lohn gering ist, zumindest haben sie einen Lohn, während viele Männer arbeitslos sind oder nur in der illegalen Drogen- und Gewaltökonomie ein Auskommen fi nden. Auf diese Weise wird das bestehende Geschlechterverhältnis durcheinandergewürfelt: Ökonomisch unabhängige, selbstbewusste, alleinstehende Frauen und Männer, die sich als „Verlierer“ fühlen, da sie ihre Privilegierung gefährdet sehen. Die Verunsicherung der männlichen Vorherrschaft macht die jungen Frauen für einige Männer zu Feindbildern.

Behörden tun nichts

In Tateinheit mit einem Prozess eskalierender Gewalt um den Drogenhandel in die USA, der jedes Jahr tausende Opfer fordert, und der fast völligen Strafl osigkeit entsteht so ein Klima, in dem diese extrem brutalen und schockierenden Verbrechen möglich werden. 95% der Morde wurden nie aufgeklärt, da es auch fast nie ernsthafte Ermittlungen der Polizei gab. Die Täter haben also wenig zu befürchten. Vielleicht auch, weil sie von den einfl ussreichen Netzwerke der Eliten aus Wirtschaft, Politik, Sicherheitsbehörden und organisierter Kriminalität gedeckt werden, die sich die Profi te aus legaler und illegaler Ökonomie untereinander aufteilen.

Fest steht zumindest: Die Politik auf nationaler, regionaler und lokaler Ebene unternimmt angesichts des massenhaften Mordens viel zu wenig. Die Behörden unterstützen die Opfer und ihre Familien nicht. Außerdem tut der Staat fast nichts zum Schutz von Frauen, zur Verhinderung weiterer Gewalt und zur Bekämpfung der strukturellen Ursachen dieser Gewalt. Er bemüht sich stattdessen, den transnationalen Unternehmen ein möglichst günstiges „Investitionsklima“ zu verschaffen. Und die angeblichen Maßnahmen gegen das organisierte Verbrechen entpuppen sich bei genauerem Hinsehen eher als Parteinahme für das Kartell, mit dem man selbst zusammenarbeitet: Nachdem der mexikanische Präsident 2007 das Militär nach Ciudad Juárez schickte, eskalierte die Gewalt gegen die Zivilbevölkerung und insbesondere gegen Frauen sowohl von kriminellen als auch von staatlichen Akteuren nur weiter.

Gegenwehr

Diesem andauernden Morden und der Gewalt stellt sich eine starke und bewundernswerte Frauen- und Menschenrechtsbewegung entgegen. Sie kümmert sich um die Angehörigen, sie dokumentiert die Fälle, sie bietet Frauen Schutz. In Workshops berät sie Frauen und unterstützt sie dabei, sich zu organisieren und ihre Rechte einzufordern. Mit öffentlichkeitswirksamen Aktionen macht sie die Situation in Mexiko und weltweit bekannt. Zusammen mit Aktivist_innen und Organisationen aus anderen Ländern hat diese Bewegung auch erreicht, dass sich verschiedene internationale Institutionen und Gerichte mit der Situation in der Stadt beschäftigt haben. In ihren Berichten und Urteilen haben sie die mexikanischen Behörden für ihre Untätigkeit bei der Verfolgung und Prävention solcher Taten verurteilt und sie als Hauptverantwortliche für das Fortdauern der Morde benannt.

Deswegen ist diese Bewegung den Profi teuren der Gewalt und des Sexismus ebenso wie den Behörden Mexikos und des Bundesstaates Chihuahuas ein Dorn im Auge. Aktivistinnen wie Norma Esther Andrade, Luz Estela Castro und andere sind immer wieder Ziel von Bedrohungen und Angriffen geworden. Die Aktivistinnen Susana Chávez und Marisela Escobedo wurden sogar ermordet. Die Behörden in Mexiko und Chihuahua haben ihnen trotz Aufforderungen keinen Schutz zuteil werden lassen. Die Angriffe und Morde gegen sie wurden nie wirklich verfolgt und die Täter nicht ermittelt. Die Behörden sind damit für die Gewalt gegen die Aktivistinnen und ihren Tod mitverantwortlich. Ebenso sind sie verantwortlich für die Gewalt, das Verschwinden und den Tod von hunderten und tausenden anderer Frauen aus Ciudad Juárez. Denn seit fast 20 Jahren haben sie keinen echten Willen zur Aufklärung oder Ursachenbekämpfung gezeigt. Es steht daher zu vermuten, dass es in den Behörden auch kein wirkliches Interesse an einem Ende des Mordens und der Gewalt gibt, sondern stattdessen ein Interesse daran, die Täter zu schützen und die strukturellen Ursachen der Gewalt aufrechtzuerhalten.

All dies machten die gemeinsam von ¡Alerta!, kom!ma, Rosa-Luxemburg-Stiftung NRW, Wir Frauen und dem zakk organisierte Lesung am 25.11. zum Thema. Zunächst las das deutschmexikanische Kollektiv tonali aus Köln begleitet von Musik verschiedene Texte aus Ciudad Juárez – einige von ihnen aus der Feder der 2011 ermordeten Dichterin und Aktivistin Susana Chávez. Diesem künstlerischen Zugang aus der Sicht der Betroffenen folgte eine angeregte Diskussion der Teilnehmenden über Ursachen und Handlungsmöglichkeiten. Alle gemeinsam ließen sich am Ende für ein gemeinsames Protestfoto ablichten und unterzeichneten einen Brief an die mexikanischen Behörden. Dieser enthielt konkrete Forderungen, die sich an den Forderungen der Frauen- und Menschenrechtsbewegungen aus Ciudad Juárez orientieren (Nachzulesen ist der Brief unter: http://alertaduesseldorf.blogsport.de/2012/11/27/ciudadjuarez).

Der Protestbrief ging anschließend per Mail an die mexikanische Botschaft in Berlin, den Gouverneur des Bundesstaates Chihuahua, in dem Ciudad Juárez liegt, und auch an den mexikanischen Präsidenten sowie andere Verantwortliche. Außerdem gab eine Delegation der Organisator_innen den Brief samt Unterschriften beim mexikanischen Honorarkonsul in Düsseldorf, Werner Matthias Dornscheidt, ab. Dieser – übrigens gleichzeitig der Vorsitzende der Geschäftsführung der Messe Düsseldorf – hat leider bis heute noch nicht auf unsere Bitte um ein baldiges Gespräch zum Thema reagiert. Wir werden aber dranbleiben!

Von Seiten der Organisationen aus Ciudad Juárez und Mexiko, denen wir neben dem Protestbrief auch das Foto unserer kleinen Protestaktion zuschickten, haben wir hingegen bereits ein „Dankeschön“ erhalten.

¡ALERTA! - LATEINAMERIKA GRUPPE DÜSSELDORF

www.alertaduesseldorf.blogsport.de
www.facebook.com/alertaduesseldorf