Schulpolitik in Düsseldorf

Ende der Blockade?

Der Sekundarschule-Kandidat Motessori-Hauptschule

Nur beim Thema „Wohnen“ wird noch deutlicher als beim Thema „Schule“, für wen CDU und FDP in dieser Stadt Politik machen. Jahrelang haben sich die beiden Parteien erfolgreich dagegen gewehrt, die Einrichtung einer zusätzlichen Gesamtschule zuzulassen. Statt den Weg zur bösen „Einheitsschule“ zu gehen, verteidigen die beiden Parteien mit Händen und Füßen das dreigliedrige System, das die gesellschaftliche Spaltung in Ober-, Mittel- und Unterschicht reproduziert. Dieses Jahr aber startet mit der Montessori-Sekundarschule in Flingern erstmals seit langer Zeit wieder ein pädagogisches Projekt, das einen integrativen Ansatz verfolgt und ein längeres gemeinsames Lernen ermöglichen will.

„Ich krieg’ meine Kinder nicht unter, alle Schulen sind voll!“, klagte im vergangenen Jahr auf einer Veranstaltung der Grünen ein Vater panisch. Vergeblich hatte er versucht, seine Sprößlinge auf einer Gesamtschule anzumelden. Und so wie ihm ergeht es vielen. Rund 250 Schüler_innen müssen die vier Düsseldorfer Gesamtschulen Jahr für Jahr wegen begrenzter Kapazitäten ablehnen. Eine neue will die Stadt aber trotzdem nicht einrichten. Im Schulentwicklungsplan, der für diese Schulform bis 2017/18 einen Mehrbedarf von 197 Plätzen ausgemacht hat, heißt es zur Maßnahmen-Planung 2010-2015 knapp: „In der letzten Integrierten Planung wurden keine schulorganisatorischen Maßnahmen vorgeschlagen.“

Die christlich-liberale Ratsmehrheit meint, sich über den Eltern-Willen hinwegsetzen zu können. Deshalb führt sie auch keine Elternbefragungen durch, wie sie in anderen Kommunen üblich sind. Die meisten der abgewiesenen Kinder hätten eine Hauptschul-Empfehlung gehabt, und eine neue Gesamtschule in alten Hauptschul-Schläuchen bräuchte man nun wirklich nicht, so lautet die offi zielle Begründung von CDU und FDP für ihre Verweigerungshaltung. Den Fakt an sich bestreitet auch die grüne Schulpolitikerin Clara Deilmann nicht, sie relativiert aber die Gültigkeit der Einschätzungen. Diese bilden nach Ansicht der Ratsfrau nur den momentanen Leistungsstand ab, erlaubten aber noch keine sicheren Prognosen über die zukünftigen Fähigkeiten. „Es ist doch absurd, bereits nach dem vierten Schuljahr, wenn die Kinder zehn Jahre alt sind, festzulegen: ‚Der geht in die Richtung, die geht in die Richtung und der geht in die Richtung’. Die sind doch noch völlig in der Entwicklung drin, und da muss man ihnen auch alle Möglichkeiten geben, sich zu entwickeln, und zwar nicht nur innerhalb eines einzelnen Systems, das diese Entwicklung unter Umständen hemmen kann“, meint Deilmann. Darum plädiert sie für ein längeres gemeinsames Lernen.

Schul-Sozialismus

Elbers & Co. sehen darin allerdings den pädagogischen Vorboten des Sozialismus. Deshalb suchen sie die durch die „Einheitsschule“ drohende Klassenverbrüderung im Klassenzimmer mit allen Mitteln zu verhindern. Damit unten schön unten bleibt, Mitte Mitte und oben oben, stützen die Koalitionär_innen das dreigliedrige Schulsystem, das diese „formierte Gesellschaft“ abbildet und permanent reproduziert. Die größte Aufmerksamkeit wenden CDU und FDP dabei dem schwächsten Glied, der Hauptschule, zu. Von den Eltern abgewählt, trachten die beiden Parteien trotzdem mit allen Mitteln danach, ihren Bestand zu sichern. So genehmigten sie beispielsweise Ausnahme-Regelungen, um die Schulen selbst bei geringeren Anmeldezahlen nicht schließen zu müssen. Die Christlich-Liberalen beabsichtigten sogar, zwei der vier in Düsseldorf bestehenden Gesamtschulen zu verkleinern, damit die Hauptschulen wieder genug Schüler_innen bekämen. Aber es half alles nichts. Trotz aller Hilfsmaßnahmen mussten Christdemokrat_innen und Liberale in ihrer Amtszeit schon zwei Hauptschulen schließen.

Ihren Bundesgenossen draußen im Land erging es ähnlich. Besonders in Kleinstädten und in den ländlichen Regionen drohte ein Schulsterben. Darum wurden plötzlich selbst Konservative empfänglich für schulreformerische Ideen. Sie ließen sich auf Gespräche mit der damaligen rotgrünen Minderheitsregierung ein und schlossen einen Schulfrieden. Die Hauptschul-Garantie in der Landesverfassung fi el, und der Artikel 10 erlaubte den Kommunen nun auch, andere Wege in der Bildungspolitik zu gehen. „Das Land gewährleistet ein ausreichendes und vielfältiges öffentliches Schulwesen, das ein gegliedertes Schulsystem, integrierte Schulformen sowie weitere andere Schulformen ermöglicht“, heißt es im Wortlaut. Diejenige integrierte Schulform darunter, welche den pädagogischen Idealen von Rot-Grün ebenso Rechnung trägt wie den Sorgen christdemokratischer Dorf-Bürgermeister_innen, bald überhaupt keine Schule mehr vor Ort zu haben, ist die Sekundarschule, eine Art Gesamtschule ohne eigene Oberstufe, jedoch Kooperationen mit weiterführenden Schulen eingehend. Diese sieht nämlich ein gemeinsames Lernen bis Klasse 10 vor und soll nach dem Willen der Politiker_innen vornehmlich durch den Schließungen abwendenden Zusammenschluss von Haupt- und Realschulen entstehen. Genauere Vorgaben enthält das Schulrechtsänderungsgesetz allerdings nicht. „Wir ermöglichen von unten, wir erlassen nicht von oben“, lautete die von der grünen NRW-Landesvorsitzenden Monika Düker verkündete Devise.

Eine kam durch

Diesen Handlungsspielraum nutzten die Düsseldorfer Mehrheitsfraktionen im letzten Jahr sogleich, um weiter Politik in ihrem Sinne zu machen. Sie wollten jetzt einfach vom Aussterben bedrohte Hauptschulen in Sekundarschulen umwidmen und so das dreigliedrige System erhalten. Die Grünen konnten gar nicht so schnell gucken, wie die christlich-liberale Koalition dafür Schulen aus dem Hut zauberte. „Das Gesetz ist einen Tag vor den Ferien verabschiedet worden. Wie will man die Eltern jetzt bis Jahresende noch umfassend informieren“, warnte ihr Schul-Fachmann Wolfgang Scheffl er im Oktober 2011 vor übereiltem Handeln.

Ein Jahr später war von den CDU-Kandidaten denn auch nicht mehr viel zu hören. Mit einer bloßen Namensänderung war es nämlich nicht getan. „Als sie dann festgestellt haben, dass das alles gar nicht so einfach ist und man dafür auch noch ganz andere Dinge tun muss, sind die Hauptschulen, die CDU und FDP vorgeschlagen hatten, schon abgesprungen“, sagt Clara Deilmann.

Die Montessori-Sekundarschule

Die Flingeraner Montessori-Hauptschule hingegen stand den Prozess durch, der mehr erforderte als eine bloße Umwandlung. „Es handelt sich um eine Neugründung. Die Montessori-Hauptschule schließt an diesem Standort“, so Direktorin Birgit Planken zur TERZ. Es ist nicht einmal ganz sicher, ob sie ihren Posten behalten kann. Auch ansonsten stehen an der Lindenstraße große Veränderungen an. Die Lehrer_innen wollen die Schüler_innen künftig bis zur Klasse 10 gemeinsam unterrichten und gehen damit noch über die Praxis der meisten Gesamtschulen hinaus. Statt einer äußeren Differenzierung in Lernstandsgruppen, die dort meistens erfolgt, beabsichtigen die Montessoris, mehr mit Differenzierungen innerhalb der einzelnen Klassen zu operieren. Für die Projektarbeit planen sie, jahrgangsübergreifende Gruppen einzurichten. Kinder mit Handicap umfasst ihr integrativer Ansatz ebenfalls. Und da der Unterricht im Ganztag erfolgen soll, ist ein Erweiterungsbau geplant. Der Umgang mit der Bezirksregierung, die den Antrag der Stadt genehmigen muss, gestaltete sich allerdings nicht ganz reibungslos. Das lag jedoch nicht daran, dass die vermeintlich grüne Behörde der aus dem schwarz-gelben Düsseldorf kommenden misstraute. Einige Beschäftigte fremdelten vielmehr mit der Sache an sich. „In der Bezirksregierung sind ziemlich viele Schulaufsichtsbeamte, die den neuen Ideen nicht immer aufgeschlossen gegenüberstehen“, erläutert Clara Deilmann. Letztendlich gelang es aber kurz vor Toresschluss doch noch, ein mit der Bezirksregierung abgestimmtes Genehmigungsgesuch einzureichen. Jetzt müssen sich Anfang Februar nur noch genug Eltern für das Modell entscheiden. 75 Anmeldungen braucht die Montessori-Schule. Die Grünen-Politikerin glaubt fest an ein positives Votum und hofft, dass das Montessori-Projekt Schule macht: „In den ganzen Kommunen hat man dann Schulen, die auch als Beispiel für andere Schulen dienen können. Denn ganz viele Leute können sich das nicht vorstellen: ‚Wie soll denn das gehen, wenn da so viele unterschiedliche Kinder in den Klassen sind’. Da gibt es unheimlich große Ängste (...) Und wir wollen halt, dass über diese Begeisterung, die Vorbildschulen ausstrahlen durch die guten Konzepte, die sie umsetzen, der Gedanke verankert wird, dass es geht. Dass schwächere Kinder gefördert werden, aber auch stärkere.“

Clara Deilmann hält zwar weitere Gesamtschulen in Düsseldorf nach wie vor für nötig, erachtet aber die Einrichtung einer Sekundarschule als kolossalen Triumpf. „Ich bin total froh, dass wir bei dieser Regierung, die wir im Moment haben, eine Sekundarschule bekommen. Zum ersten Mal nach gefühlten hundert Jahren wird hier eine Schule eingerichtet, an der unterschiedliche Kinder länger gemeinsam miteinander lernen. Für alle, die sagen, wir wollen eine andere Schulpolitik, ist das der größte Erfolg ever!“

Jan