Message in a bottle

CrimethInc. Communiques 1996 – 2011

CrimethInc ist ein loses, dezentral organisiertes anarchistisches Kollektiv aus den USA, das sich erstmals ca. Mitte der 90er zu Wort meldete und seitdem etliche anonym verfasste Texte, Poster und Aufkleber verbreitet hat. Ursprünglich in der Punk- und Hardcoreszene verwurzelt und stark subkulturell geprägt, begann rasch eine Entwicklung von einem (oft zurecht kritisierten) Lifestyle- oder Individualanarchismus, der hauptsächlich darauf bedacht war, mit bürgerlichen Zwängen zu brechen und außerhalb der Gesellschaft zu existieren, hin zu einer mehr praktischen, aber auch analytischen Form des Widerstands, dessen offenes Ziel der totale gesellschaftliche Umbruch, also die Abschaffung des Kapitalismus und jedweder hierarchischen Strukturen ist.

"Message in a bottle" versammelt Texte aus allen bisherigen CrimethInc-Phasen und wurde von beteiligten Kollektiv-Mitgliedern dementsprechend in die "romantische", die "praktische" und die "analytische" Periode unterteilt. So wird die oben angesprochene Entwicklung für Leser_innen nicht nur leicht nachvollziehbar widergespiegelt, es wird auch aufgezeigt, wie sehr CrimethInc auf kontinuierliche Entwicklung der eigenen Taktiken und Sichtweisen bedacht war und ist.

Dürfte der erste Teil des Buches für politisch schon länger aktive Menschen von nicht so großer Bedeutung sein, da hier doch sehr romantisiert und verkürzt wird, finden sich im weiteren Verlauf eine Menge an interessanten Ideen und Informationen: Texte zu Repression (die sogenannte "Operation Backfire" durch das FBI in Zusammenhang mit der Earth Liberation Front) und passenden Gegenstrategien, zur Arbeitswelt, zum Begriff der "Masse" und deren Funktionsweisen, zu direkten Aktionen und Gewalt, anarchistische Grundlagen, Analysen zur Entwicklung der Bewegung und so weiter und so fort.

Der vorliegende Band ist also nicht nur ein Dokument des "weltweit einflussreichsten anarchistischen Projekts der letzten fünfzehn Jahre" (Gabriel Kuhn). "Message in a bottle" birgt eine undefinierbare Kraft und bietet Stoff zum Träumen und zur Aktion, zum Streiten und Diskutieren und für unendlich viele Gedanken, die durchaus auch kritischer Natur sein werden. Die verwendete Sprache ist zudem leicht verständlich und bedient sich keiner akademischen Formulierungen, so dass auch sich gerade erst politisierende Menschen, die eventuell kaum über einen theoretischen Background verfügen, das Buch als wahre Fundgrube erleben dürften. "Message in a bottle" ist somit eine klare Empfehlung für alle, die sich irgendwie mit zeitgemäßen Formen des Anarchismus beschäftigen möchten. Schade bloß, dass der Text "Dear Occupiers: A Letter from Anarchists" aus terminlichen Gründen nicht enthalten ist.

OS

Message in a bottle – CrimethInc. Communiques 1996 – 2011,
Unrast Verlag, ca. 290 S., 16 Euro


NarcoZones

Entgrenzte Märkte und Gewalt in Lateinamerika

Für Außenstehende und selbst Mexikaner_innen ist schwer zu verstehen, was in Mexiko und anderen lateinamerikanischen Ländern eigentlich passiert. Mehr als 50.000 Tote wurden im Drogenkrieg in den letzten fünf Jahren gezählt, allein in Mexiko. Wie konnte sich der Drogenkrieg in zehn Jahren so ausweiten? Mittlerweile wird der Konflikt als "innerstaatlicher Krieg" bezeichnet und zieht sich durch die gesamte Gesellschaft. Die Grenzen zwischen staatlichen Behörden, Polizei und Militär sowie den Drogenkartellen sind fließend. Ab und an tauchen auch in den deutschen Medien Berichte auf über Inhaftierungen selbst höchster staatlicher Bediensteter, die den verschiedenen Drogenkartellen angehören. Selbst ehemalige Militärs gründeten mit der Gruppe "Los Zetas" ein eigenes Kartell.

Die verschiedenen Autor_innen des vorliegenden Buches aus dem Verlag Assoziation A versuchen die durchweg unübersichtlichen Hintergründe zu beleuchten. Dazu wurden hauptsächlich einheimische Autoren übersetzt. Es wird nicht nur die Geschichte der verschiedenen Kartelle aufgezeigt, sondern auch, wie sich die Gruppierungen ständig verändern. So sind einige Artikel eher Momentaufnahmen, denn das Geschäft ist geprägt von permanenten Machtverschiebungen. Deutlich wird jedoch gemacht, dass die Kartelle schon längst nicht mehr nur auf Drogen spezialisiert sind. Neben weiteren illegalen Geschäftsfeldern wie Waffenschmuggel, Menschenhandel, Entführung, Prostitution und der Ausbeutung und Versklavung der "illegalen" Immigrant_innen auf dem Weg in die USA findet eine Transformation der Kartelle statt. Sie mutieren immer mehr zu "normalen" Wirtschaftsunternehmen, die ihr Geld in legalen Aktivitäten investieren und sich mit der Wirtschaftselite vermischen. Das Geld wird nicht nur in lateinamerikanischen Ländern angelegt, sondern bevorzugt auch im finanzsicheren Europa. Leider werden gerade bei diesem Punkt die Autoren nicht deutlicher. So wird nur kurz angedeutet, wie wichtig der sichere Finanzhafen Europa ist und damit Europa auch verstrickt ist in die Machenschaften der Kartelle, die die Gesellschaften unterminieren.

Das hat nicht nur in Mexiko gravierende Veränderungen zur Folge. Die Militarisierung der Gesellschaften hat massive Auswirkungen auf die Bevölkerung. Häufig benutzen die staatlichen Stellen den vermeintlichen Kampf gegen die Drogen, um die zivilgesellschaftlichen Proteste in den Ländern zu unterdrücken. Auch die Linke in den jeweiligen Ländern hat lange Zeit die gesellschaftlichen Auswirkungen des "Krieges" unterschätzt. Meist wurde die Schuld auf die USA geschoben, die, das zeigen mehrere Autoren eindringlich, durchaus mitverantwortlich für das Aufkommen der Kartelle ist, jedoch nicht der einzige Grund ist. Erst in den letzten Jahren wurden überhaupt die Tausenden Opfer wahrgenommen. Vorher wurden den Ermordeten durch die Mainstream-Medien eine Mitschuld gegeben. Erst seitdem auch Söhne und Töchter der höheren Gesellschaftsklassen umgebracht werden und sich vor allem Opferverbände Gehör verschafft haben, zeigen sich erste Veränderungen. Mittlerweile gibt es viele Menschen, darunter auch viele Linke, die sich unter Gefahr der Entführung und Tötung gegen die Kartelle und gegen das Militär stellen und die Verbindungen aufzeigen. Bis Ende 2011 sind über 50 Menschenrechtsverteidiger_innen verschwunden und/oder getötet worden. Doch der Widerstand wächst. Eindringlich wird das Beispiel der mexikanischen indigenen Gemeinde Cherán in Michoacán gezeigt, die in Eigeninitiative den Bürgermeister, mehrere Verwaltungsbeamte und die Polizei vertrieben haben, nachdem die Kartelle immer mehr Einfluss auf die 15.000-Menschen-Gemeinde nahm. Heute organisieren sie sich selber. Das Beispiel ist wahrscheinlich nur schwer auf ganz Mexiko zu übertragen, zeigt aber, dass solche Eigeninitiativen, die nicht auf Staat und Polizei vertrauen, durchaus Erfolg haben können.

Doch es ist schwierig, Lösungsansätze zu finden. Die Autor_innen tun sich damit schwer, zu vermischt ist mittlerweile der Konflikt, als dass es einfache Lösungen geben kann. Dennoch werden Möglichkeiten in dem Buch aufgezeigt, die vor allem Denkanstöße geben. Man kommt an diesem Buch nicht vorbei, wenn man den Konflikt in den lateinamerikanischen Ländern und deren Auswirkungen verstehen und nachvollziehen will. Es ist sicherlich das Beste, was es im Moment im deutschsprachigen Raum darüber zu lesen gibt. Die Autor_innen zeigen anschaulich die Hintergründe der Nachrichten über Tote und Verhaftungen auf, die die deutschen Medien erreichen und oftmals ohne nähere Erläuterungen auf der reinen Boulevard-Ebene bleiben.

NarcoZones: Entgrenzte Märkte und Gewalt in Lateinamerika
Anne Huffschmid, Wolf-Dieter Vogel (Herausgeber) , Assoziation A, 18 Euro