Leserbrief

In seinem Artikel "Ende der Blockade?" beschreibt der Autor den Stand der Düsseldorfer Schulpolitik. Er sieht politische Kräfte, die eher am althergebrachten dreigliedrigen Schulsystem festhalten, und fortschrittliche Politiker und Pädagogen, die den integrativen Charakter neuer Schulsysteme wie die Sekundar- oder die Gesamtschule fördern wollen.

Dem Autoren missfällt, dass Kinder nach ihrer Klassenherkunft auseinanderdividiert bzw. in frühen Jahren individuelle Entwicklungsmöglichkeiten prognostiziert werden, die die Kinder auf bestimmte schulische Ausbildungswege festlegen.

Hierzu möchte ich ergänzen:

  1. Schule produziert und veredelt den menschlichen Rohstoff für Politik und Ökonomie. In der gewinnproduzierenden Marktwirtschaft sind eine Menge dienstbarer Kräfte mit Grundkenntnissen des bürgerlichen Lebens wie Lesen, Schreiben, Rechnen, Rechtsbewusstsein, Liebe zum Vaterland etc. vonnöten. Auch als potentiell aussortierte Arbeitskräfte haben sie ihr Los geduldig zu ertragen und zu lernen, ihr Elend nur auf staatlich vorgeschriebenem Weg zu bewältigen. Natürlich sind auch gut bezahlte Führungskräfte notwendig, die den Einsatz des billigen menschlichen Arbeitsmaterials geschickt organisieren, damit ihre Chefs eine Bilanz mit schwarzen Zahlen präsentieren können.

  2. Schule muss also so organisiert sein, dass für alle Ebenen des Produzierens und Verwaltens genügend Menschen zur Verfügung stehen. Hierzu werden die Kinder einem Selektionsprozess unterzogen. Ein kleiner Teil der Schüler_innen darf sich dem höheren Bildungsangebot der bürgerlichen Gesellschaft widmen, ein größerer Teil muss sich auf die niederen Tätigkeiten vorbereiten.
    Das Mittel zur Selektion für den Einsatz in der Gesellschaft ist die Notengebung. Hier wird nicht dokumentiert, was der Schüler oder die Schülerin kann oder nicht kann. Vielmehr werden alle Schüler_innen einem gleichen Maßstab unterworfen und unter Bedingungen der Konkurrenz mit Hilfe der Ziffern 1 bis 6 sortiert.

  3. Früher behauptete man, das dreigliedrige Schulsystem habe man der Natur abgelauscht, denn es gebe intelligente und kreative Schüler_innen, die auf’s Gymnasium gehören, daneben brave und fleißige Schüler_innen, mit denen die Realschulen bestückt werden, und herumlungernde Hauptschüler_innen, für die der liebe Gott die Handarbeit vorgesehen habe.
    Heute sieht man die Sache differenzierter. Alle Kinder müssen gefördert werden, aber man muss aufpassen, dass man ein Kind nicht überfordert. Schließlich gebe es schwächere und stärkere Kinder, die so nicht mehr in das Raster des dreigliedrigen Schulsystems passen.
    Ein ausgefeiltes System der inneren und äußeren Differenzierung müsse her, so das Credo der modernen Schulpolitik. Also werden Leistungskurse eingerichtet und Leistungsdifferenzierungen in den Klassen gefordert. So will man heute der menschlichen Natur gerecht werden.

  4. Die Trivialität, dass alle Menschen verschieden sind – der Rheinländer sagt: Jeder Jeck ist anders – wird in der Schulpolitik in ein Urteil über die Leistungsfähigkeit und als Mittel zur Selektion von Menschen verwandelt.

Fazit

Eine kindgerechte Schule wird es unter den Bedingungen der Klassengesellschaft, für die Schule eingerichtet ist, nicht geben. Lernen ist Mittel zur Auslese – ob Gesamt-, Sekundar- oder Montessorischule. Besonders perfide ist, dass die Auslese mit der angeblichen menschlichen Natur begründet wird.

HENRICI