Ein Fußbreit den Faschisten?

Im letzten Monat berichtete das Fußball-Magazin "11 Freunde" auf seinem Online-Portal über Veränderungen in der Fan-Szene von Fortuna Düsseldorf, die auch zu einem Erstarken rechter Kräfte geführt haben.

Mitte Januar verkündeten die Ultras Düsseldorf, ihre Aktivitäten vorerst einstellen zu wollen. "Der rasante Aufstieg unseres Vereins von der Oberliga bis in die Bundesliga und die daraus resultierenden veränderten Rahmenbedingungen wie die massiv gestiegenen Zuschauerzahlen haben uns als Gruppe klar an unsere Grenzen gebracht", hieß es zur Begründung. Gegen Mutmaßungen über andere Motive verwahrten sich die Ultras, die im Stadion immer offen gegen Rechtsextremismus und andere menschenverachtende Positionen eingetreten sind: "Wir weisen hiermit ausdrücklich darauf hin, dass die Entscheidung für eine nun vorgenommene Auszeit zu diesem Zeitpunkt nicht in Konflikten innerhalb der Fan-Szene zu suchen ist."

Ebendies zieht nicht nur die Fußball-Zeitschrift "11 Freunde" stark in Zweifel. Im Internetforum der Fortunafans mehren sich ebenfalls die Stimmen, welche die Auseinandersetzungen mit den Hooligans als Ursache für den Rückzug der Ultras ansehen. In den vergangenen zwei, drei Jahren kam es bereits mehrfach zu gewalttätigen Übergriffen. So wurde der langjährige Stadion-Anheizer und Ultras-Chef Niko verprügelt, weil Mitglieder der Gruppe T-Shirts mit der Aufschrift "Ultras gegen rechts" trugen. Ein anderes Mal reichte ein punkiges Aussehen für eine Attacke. Die folgenreichste Tat dieser Art ereignete sich an Altweiber 2011 in der Altstadt. Da verletzten Hooligans zwei Ultras-Mitglieder schwer. Der früheste Vorfall reicht bis ins Jahr 2010 zurück. Nach dem Versuch der Hooligans, den Ultras im Stadion ein Banner zu entreißen, gerieten Anhänger_innen beider Gruppen in der Gaststätte "Kastanie" aneinander.

Dabei geht es jedoch nicht einfach um einen Kampf "links" gegen "rechts". Dazu sind die einzelnen Riegen auch zu unhomogen zusammengesetzt, und dazu existieren zu viele Querverbindungen zwischen ihnen. Es geht vielmehr um einen Kampf darum, welche Gruppe im Fan-Block dominiert. Und in dieser Kontroverse bildet die politische Ausrichtung der Ultras einen Angriffspunkt. Unter der Parole "Politik hat im Stadion nichts verloren" gingen Hooligans gegen die Ultras vor, kontrollierten ihre Verkaufsstände und verboten etwa unter Gewalt-Androhung das Tragen einschlägiger T-Shirts.

Diese apolitische Haltung hält Verbände wie die "Bushwhackers Düsseldorf" jedoch nicht davon ab, Rechtsextreme in ihrem Block zu dulden. Dabei sind die Düsseldorfer Hooligans keine rechte Schlägertruppe und bekennen sich auch nicht zu rechtem Gedankengut. Die Rechtsextremen in ihren Reihen sind an einer Hand abzuzählen, unter anderem gehören Personen von der ehemaligen Kameradschaft "Nationale Front Düsseldorf-LDU" (LDU=Lichtenbroich, Düsseltal, Unterrath) um Pascal Ried dazu. Aber allein ihre Anwesenheit reicht aus, um die Regel des Unpolitischen aufzustellen. Die Hooligans agieren nach dem Motto: Wir sorgen dafür, dass die Rechten ihre Politik draußen halten, also müssen auch alle anderen ihre Politik draußen lassen.

Auf diese Weise entstand in den vergangenen Jahren Stück für Stück ein neues Klima in der Fanszene, das sich dann durch die größeren Zuschauer_innen-Zahlen im Gefolge des Bundesliga-Aufstiegs noch weiter wandelte. Da die Ultras und andere antifaschistische Gruppen zum Unpolitischen gedrängt werden, haben es Rechtsextreme außerhalb der aktiven Fanszene leichter, offen aufzutreten. So zeigten nach Angaben von Zuschauer_innen beim Spiel gegen Schalke 04 ca. 25 Männer den Hitlergruß. Andere Fans fielen durch das Zeigen des Kühnen-Grußes, das Ausstellen von Symbolen verbotener Organisationen auf ihrer Kleidung oder durch Klamotten der Neonazi-Marke "Thor Steinar" auf. Auch tauchten in Fortuna Düsseldorfs Clubhaus "Bar 95" am Flinger Broich schon Flyer der rechten Band "Freiwild" aus Südtirol auf.

Die Reaktion auf den Artikel in der 11 Freunde ließ in Düsseldorf nicht allzu lang auf sich warten. In der Arena waren Transparente zu sehen mit Aufschriften wie "Wir sind mehr als 11 Freunde und lassen uns nicht vor den braunen Karren spannen" und "gestern Taliban, heute Rassist, morgen Journalist". Zudem fahndeten einige unter den Fortuna-Fans nach Informanten des Journalisten Johannes Malzcaks. Der Blog "Rainer’sche Post" wies die Analyse des Autoren ebenfalls vehement zurück. Der Betreiber vermutete dahinter das Ansinnen, die neu geschmiedete Allianz verschiedener Fan-Gruppen gegen das Sicherheitskonzept der "Deutschen Fußball-Liga" zu hintertreiben – eine Allianz im Übrigen, in der sich auch Angreifer des ehemaligen Kurven-Vorsängers Niko unbehelligt bewegen können. Der Blogger räumt zwar ein, "dass Mitglieder einer linken Gruppe massiv bedroht und auch massiv geschlagen worden sind", bezeichnet sich sogar selbst als links, mokiert sich im gleichen Atemzug allerdings über einen angeblichen "Antifa-Reflex". Dieser führe bedauerlicherweise zu einer strikten Ablehnung des kritischen Dialogs mit den Neonazis und stelle bestimmte Fan-Szenen undifferenziert in die rechte Ecke, moniert der Autor.

Der große Bruder der "Rainer’schen Post", die Rheinische Post, berichtete zwar über die Kontroverse unter den Fortuna-Unterstützer_innen, blendete politische Zusammenhänge dabei jedoch komplett aus. Nur die WZ widmete sich den Vorgängen ausführlich. Das Fan-Portal "95er Forum" war beim Erscheinen des "11 Freunde"-Textes wegen eines Relaunches abgeschaltet, es ging erst am 24. Januar wieder online. Sogleich entzündeten sich Diskussionen zu dem Thema "Rechtsruck", aber die Einträge wurden bald wieder gelöscht.

Und die Fortuna selber? Pressesprecher Tom Koster erklärte sich auf Terz-Anfrage mit dem Artikel des Fußball-Magazins "nicht einverstanden". Man "werde das aufarbeiten" und anschließend das Gespräch mit der Zeitschrift suchen, kündigte er an. Ob es über diese interne Klärung hinaus noch eine öffentliche Stellungnahme des Vereins zu dem Sachverhalt geben wird, darauf mochte sich Koster nicht festlegen – naheliegend erscheint es ihm jedoch nicht gerade. Der WZ gegenüber lockerte er seine Defensive dann etwas und gab sich aufgeschlossener. "Wir werden dem wachen Auges nachgehen", versprach er.

Das wäre auch bitter nötig, und nicht nur auf dem Kleinen Dienstweg, sondern in aller Offenheit, denn in anderen Städten tut sich Ähnliches. So gaben die Aachener Ultras schon vor den Düsseldorfer Ultras auf. Sie mussten sich einer Nazi-Präsenz im Tivoli beugen, die hiesige Verhältnisse weit übersteigt und verwendeten konsequenterweise keine Mühe darauf, das zu verschleiern: "Die Rechten haben gewonnen." Allerdings sind die Fanszenen nicht zu vergleichen. Im Aachen hatten Rechtsextreme seit Jahrzehnten das Sagen in der Kurve. Das antifaschistische Engagement der Aachen Ultras bildete eine totale Ausnahme in der dortigen Fanszene. In Düsseldorf war es seit Mitte der 90er Jahre ganz und gar nicht so. Deswegen sind die Neonazis in Düsseldorf noch weit entfernt davon, die Macht in der Kurve zu übernehmen. Aber ein Fan-Milieu, das die offene Abgrenzung scheut, könnte ihnen einen guten Nährboden bereiten.

Jan