„Besser fahren auf NSU“

Am Fr., 05. Juli um 19h stellt Wolf Wetzel im ZAKK sein Buch „Der NSU-VS-Komplex“ vor, das sich mit der Frage beschäftigt, wo der „Nationalsozialistische Untergrund“ anfängt und wo „der Staat“ aufhört.

„NSU ... jetzt helfe ich mir selbst“ – ein paar Klicks zuviel und schon ist mensch bei der World-Wide-Web-Suche auf unfreiwillig Komisches gestoßen. Nein, die Recherche beim größten und unsozialsten Online-Versandbuchhandel zielte nicht auf Schrauber- und Frickeltipps für Oldtimer-Besitzer*innen. Vielmehr wollte die eifrige Leserin eigentlich wissen, wieviele Bücher zum sogenannten Nationalsozialistischen Untergrund (NSU) der Büchermarkt mittlerweile ausgespuckt hat und wer die Autor*innen sind. Denn schließlich hatte sie nach der Lektüre des druckfrischen Buches aus der Feder des Journalisten, ehemaligen Aktivisten der Frankfurter L.U.P.U.S.-Gruppe und Vielschreibers Wolf Wetzel das merkwürdige Gefühl, viel Neues und dabei irgendwie zugleich bereits Bekanntes gelesen zu haben.

Vielleicht mag dieses Gefühl daher rühren, dass in der Tat in den vergangenen Monaten zahlreiche Titel zum Thema ‚NSU‘ erschienen sind und für weitere noch vor Erscheinen im Herbst 2013 schon kräftig die Werbetrommel gerührt wird. Ganz abgesehen von der Zahl der Zeitungsartikel, Reportagen, Print-Magazin-Titelthemen und Dossiers, die seit November 2011 – seit der spektakulären ‚Aufdeckung‘ des so genannten Nationalsozialistischen Untergrundes – den Blätterwald mit Meinungen und Informationen füttern. Ein schieres Überangebot an Wissen, käuflich erwerb- und konsumierbar. Meint mensch.

Wie wenig es zumindest bei Zeitungen und Magazinen dann aber um tatsächliche Informiertheit in den Redaktionen oder den Wunsch, von dort aus neugierige und kritische Leser*innen mit Kenntnissen und ‚Aufklärung‘ zu versorgen, geht, das zeigt Wolf Wetzel auf den im April 2013 erschienenen 130 Seiten zum „NSU-VS-Komplex“. In zehn der insgesamt 13 Kapitel macht er sich auf die Suche nach jenen fünf Prozent Erkenntnissen, die nach derzeitiger Informationslage über den ‚NSU‘, seine ‚abgetauchten‘ Mitglieder, seine weggeleugneten Unterstützer*innen-Kreise und die Motive und Tathergänge des Bombenanschlages auf der Kölner Keupstraße, der Morde an neun Menschen und der Tötung einer Polizistin bekannt und öffentlich zugänglich sind. Wetzel interessiert dabei aber nicht, was wir – die aufmerksamen Beobachter*innen und Leser*innen am anderen Ende staatlicher und privater Medienpolitik – über den ‚NSU‘ wissen (können). Vielmehr fragt sich der Autor in nahezu jedem dieser zehn thematisch geschlossenen Kapitel, wie viel „der Staat“ – die Verfassungsschutzämter (VS) des Bundes und der Länder, die Polizeibehörden und der Militärische Abschirmdienst (MAD) – wusste, wissen konnte, oder: bis heute nicht zu wissen vorgibt. Damit greift Wetzel ein Thema auf, mit dem sich auch die Untersuchungsausschüsse des Bundes und der Länder Sachsen, Thüringen und nun auch Bayern beschäftigen: Mit welchem Wissen und – als knappe Zusammenfassung der zentralen Antwort des Autors darauf – mit welcher Verquickung oder Unterstützung wenn nicht sogar Lenkung durch „den Staat“ konnte der ‚NSU‘ in der Zeit seines vermeintlichen Abtauchens agieren, konnten Uwe Mundlos, Uwe Böhnhardt und Beate Zschäpe Menschen erschießen, Bomben legen und zugleich fröhlich und ‚unerkannt‘ auf Usedom an Fitness-Kursen teilnehmen und den Sommer genießen?

Dabei nähert sich Wetzel seiner Antwort auf diese Frage, der er auch sein Schlusskapitel mit der Überschrift „Wieviel Staat steckt im Nationalsozialistischen Untergrund“ widmet, über die Neu-Interpretation von veröffentlichtem Material, das vor allem seine schreibenden Kolleg*innen der Print- und Online-Medien in ihren Essays, Analysen und Berichten bereits genutzt haben. Hier ist es ihm ein Anliegen (und darauf weist er einen Tick zu häufig hin, um es nicht als etwas plumpe, vorauseilende Entkräftigung möglicher Kritik wirken zu lassen), nicht auf der Welle verschwörungstheoretischer Zusammenhangs-Bastelei zu surfen. Vielmehr betont Wetzel, dass die wenigen Informationen, die „der Staat“ überhaupt herauslasse, gegen den Strich zu lesen seien. Denn wer Akten zum Schreddern verschwinden lasse, Sicherungskopien lösche und Dokumentendoppel wegzaubern könne, dem, so Wetzels mal mehr mal weniger dezent formulierte Annahme, sei kaum daran gelegen, Licht ins Dunkel der Ereignisse und Zusammenhänge im „Komplex“ NSU-VS-MAD zu bringen. Im Gegenteil: Seine und die Recherchen der Kolleg*innen und der interessierten Beobachter*innen fänden vielmehr in einem staatlich geschaffenen „Darkroom“ statt (Kap. VI), in dem tastende Interpretationsversuche vorprogrammiert sein müssten. So manche Zeitung, deren Autor*innen die wenigen Informationen zu schüchtern, zu unreflektiert oder zu meinungsgelenkt präsentierten, täte in Wetzels Urteil zudem noch Einiges dazu, Zusammenhänge aus dem Kontext zu reißen oder vor unangenehmen Fragen Halt zu machen. Und so versucht Wetzel, auf solche zwangsweise zum Scheitern verurteilten Suchbewegungen im Stockfinsteren zu verzichten, um stattdessen „zu belegen, dass eine andere Version der Ereignisse genauso plausibel, möglicherweise viel wahrscheinlicher ist“ (43).

Unausgesetzt solcherlei Fragen nach alternativen Lesarten der „Quellen“ und „Informationen“ zu stellen, das ist eine Stärke des Buches, das einen so manches Mal mit vor Staunen offenem Mund zurücklässt. Zum Beispiel, wenn Wetzel wiederholt von der so bezeichneten „Garagenliste“ berichtet, die im Januar 1998 in Besitz der Ermittlungsbehörden kam, als das erstaunlich hochkarätig besetzte Team aus Beamt*innen der Thüringer Polizei, der Abteilung Zielfahndung des LKA Thüringen, Mitarbeitern des Thüringen Verfassungsschutzes und zwei Beamten des BKA die von Beate Zschäpe in Jena angemietete Garage samt Sprengstoff und Rohrbombe hochgehen ließ, ohne es jedoch „verhindern“ zu können, dass die NSU-Mitglieder zu „fliehen“ vermochten, wie es damals im Ermittlungsbericht hieß. Von der Existenz der Garagenliste, „dieser ‚goldenen Landkarte‘ neonazistischen Terrors“ (27), auf der allein über 30 Kontakt- und Unterstützer-Personen der gerade „Geflohenen“ zu finden waren, erfuhr die Welt allerdings erst im Juli 2012 durch einen Artikel in der Süddeutschen Zeitung. Noch 2012, berichtet Wetzel, hätten die „Spezialisten für ‚Rechtsterrorismus‘ […] allen Ernstes“ behauptet, dass sie seinerzeit „die Adress- und Telefonlisten gesichtet und dann … für ‚bedeutungslos‘ erklärt hätten“ (27). Und dies nur eines von vielen schier unglaublichen Beispielen unter vielen. Aber, und das macht das Buch bisweilen mit all seinen kühnen Interpretationen am Ende etwas sperrig: Die von Wetzel neu durchgestrubbelten Informationen aus Presse, Behörden-Statements und der Arbeit der Untersuchungsausschüsse kippen dann doch leichter als wohl geplant ins Spekulative. Aber nichts anderes hatte der Autor versprochen: den Versuch, zu zeigen, dass es anders gewesen sein könnte, als es „der Staat“ glauben machen will.

Und so machen am Ende trotz manch wild überbordender Interpretation auch Fragen einen Sinn, die von Mitwisser-, wenn nicht sogar Mittäterschaft „des Staates“ ausgehen – von den Stay-Behind-Strukturen von Gladio, über das Oktoberfestattentat von 1980 bis zum neonazistischen Terror eines ‚NSU‘. „Welchen Nutzen“, fragt Wetzel in seinem Kapitel zum „Stand antifaschistischer Bewegung“ und den von ihr dringend anzustellenden Überlegungen, „[w]elchen Nutzen haben neofaschistische Gruppierungen für das politische System, für die gegenwärtigen Machteliten?“ (97). Und damit, mit dem Nutzen, den ein vermeintlich tiefer Staat am Neonazi-Terror haben kann, sind wir dann doch wieder bei den Such-Treffern im Bücherkatalog der Versandhandel-Ausbeuter, wenn es hier doch einen Titel zum Auto- und Motorradhersteller „NSU“ gibt, der den schönen Titel trägt: „Besser fahren auf NSU“. Doch kein Witz also? Wenn nicht sogar eine Verschwörung?

Bei allem Zynismus und dem Hauch einer bitter-bösen Groteske, mit der mensch dem Thema in der Tat begegnen könnte: Wenig lustig ist es dann doch – und das könnte mensch sogar als ein vergleichsweise grobes Ärgernis, als quasi technisches Foul empfinden –, dass ein Großteil der in dem Buch veröffentlichten Kapitel bereits zuvor online oder im Printformat zu lesen waren, und nun unverändert und ohne weitere Übergänge oder ohne zusätzliche Verbindungslinien formuliert zu haben, etwas unverbunden nebeneinanderstehen. Das zieht auch nach sich, dass sich Zusammenhänge und Schilderungen manches Mal beinahe wortgleich wiederholen. Das selbst ältere Texte, wie das ansonsten sehr zu lobende, exkursartige Kapitel zu „Faschismustheorien“ und der „Renazifizierung“ der BRD in das Buch aufgenommen wurden, ohne eine Überarbeitung zu erfahren, macht die Sache nicht eben besser: Wo Brigitte Zypries, seit 2009 Ministerin a. D., als „amtierende Bundesjustizministerin“ (107) bezeichnet wird, hätte mensch sich doch gewünscht, einen wohl mindestens drei Jahre alten Artikel etwas auf den aktuellen Stand gebracht präsentiert zu bekommen. Dass Wetzel sein Vorwort mit einer knackigen Formulierung zu den Gründen schließt, „warum ich dieses Buch geschrieben habe“ (10) könnte mensch dann mit ein wenig zickigem Willen als schlechten Witz oder platt: als doofen Versuch, Zweitverwertung zu kaschieren, interpretieren. Wenn das nicht zu verschwörungstheoretisch ist.

Wer Lust hat, mitzuphantasieren – oder wahlweise heute schon lesen mag, was wir morgen dann doch noch „in echt“ aufgetischt bekommen: Zu kaufen ist das Buch von Wolf Wetzel: „Der NSU-VS-Komplex. Wo beginnt der Nationalsozialistische Untergrund – wo hört der Staat auf? (Unrast Verlag) übrigens für 12 Euro bei BiBaBuze oder einem lokalen Bookdealer eures Vertrauens und deutlich charmanter als im Internet!


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