„refugees are welcome“

Die Flüchtlingsinitiative STAY ist fünf Jahre alt geworden.
Die Terz sprach mit den Gründungsmitgliedern Nicole und Oliver.

TERZ: Was war der Anlass, STAY zu gründen?

Oliver: Die Idee, einen Verein in Düsseldorf zu gründen, entstand beim Kampf um das Bleiberecht von der Roma-Familie Idic. Damals sollte eine Mutter mit ihren vier minderjährigen Kindern nach 17 Jahren in Deutschland nach Südserbien abgeschoben werden. Der Vater wurde bereits vorher abgeschoben, um Druck auf die Familie auszuüben, das Land zu verlassen. Die Familie erhielt ein Kirchenasyl in der Düsseldorfer katholischen Lambertusgemeinde und konnte somit vor der Abschiebung geschützt werden. Der Fall von Familie Idic erregte bundesweit mediales Aufsehen und wurde zum Synonym für hunderttausend von Abschiebung bedrohter Menschen, die oft jahrelang in sog. Kettenduldung leben mussten.

Nicole: Zum selben Zeitpunkt haben sich Medizinstudierende an der HHU-Uni überlegt, ein medizinisches Versorgungsnetzwerk für papierlose Flüchtlinge ins Leben zu rufen. Zusammen haben wir dann STAY! gegründet.

TERZ: Das MediNetz ist eines der wichtigsten Projekte von STAY!. Was sind die Probleme bei der medizinischen Versorgung von Geflüchteten?

Nicole: Geflüchtete ohne gültige Ausweispapiere für Deutschland, sog. Papierlose, können aus berechtigter Angst vor Weiterleitung ihrer Daten an die Ausländerbehörden und somit drohender Abschiebung nicht zum Arzt oder in ein Krankenhaus gehen. Die Betroffenen wissen nicht, wohin. Oft werden deshalb Krankheiten und Verletzungen wochenlang verschleppt und können lebensgefährliche Folgeschäden nach sich ziehen.

Oliver: Aber auch Geflüchtete, die nur eine Duldung haben, können nicht einfach zum Arzt. Sie brauchen vom Sozialamt eine Bescheinigung. Es gibt immer wieder Ablehnungen von Krankenhilfe, wenn den jeweiligen Sachbearbeiter*innen die Erkrankung als nicht lebensbedrohlich und ausreichend „schlimm“ erscheint. Diese Menschen können zum MediNetz gehen und werden dort zu Fachärzten weitervermittelt.

TERZ: Mit welchen Problemen kommen Geflüchtete zu euch?

Nicole: Probleme der Betroffenen sind Angst vor Behördengängen, vor allem dem zur Ausländerbehörde, der Wunsch, den Aufenthaltsstatus zu verbessern, keine medizinische Versorgung, kein Geld, keinen Wohnraum, Briefwechsel mit Behörden, schlimme Zustände in Asylunterkünften, Asylverfahrensberatung, Verfolgung durch die Ausländerbehörden und die Bundespolizei, Abhängigkeitsverhältnisse zu z.B. Vermieter*innen und Arbeitgeber*innen ...

Oliver: Es standen schon ganze Familie bei uns, die nichts außer ihr Leben und eine Tasche dabei hatten. Dann organisieren wir Anziehsachen oder eine Übernachtungsmöglichkeit. Wir versuchen immer was zu machen. Mittlerweile suchen über 500 Menschen im Jahr unsere Beratungsstelle auf, um sich sozialarbeiterisch und juristisch beraten und medizinisch versorgen zu lassen.

TERZ: Mit eurer Arbeit befindet ihr euch in einer juristischen Grauzone?

Nicole: Ja, denn die Unterstützung von Papierlosen wird in Deutschland immer noch strafrechtlich verfolgt. In der Praxis gab es allerdings in den letzten fünf Jahren nie Probleme mit staatlichen Verfolgungsbehörden. Wir gehen ganz offen damit um, dass Papierlose zu uns kommen und sich Unterstützung holen. Die Polizei hat noch nie vor unserer Beratungsstelle gestanden.

Oliver: Es scheint eher so, als wären auch viele Behördenmitarbeiter*innen froh, dass es so eine Anlaufstelle wie STAY! gibt. Die Ausländerbehörde hat schon häufiger Flüchtlingen unseren Flyer in die Hand gedrückt. Wir versuchen aber auch immer, Papierlose in einen legalen Status zu holen. Im Kern geht es um Staatsbürger*innenrechte. Papierlose Menschen sollen möglichst einen Status bekommen, der sie in ihren Rechten nicht von anderen Mitbürger*innen unterscheidet.

TERZ: STAY! macht aber auch politische Kampagnen. Wie sehen die aus?

Nicole: Mit vielen Veranstaltungen, Plakaten und Medienberichten haben wir auf die schwierige Lebenssituation von Papierlosen und Geflüchteten in Kettenduldung aufmerksam gemacht und die verheerenden Auswirkungen deutscher Asylpolitik kritisiert. Ein Filmtrailer gegen Abschiebungen lief monatelang in allen Düsseldorfer Kinos. Eine größere Kampagne heißt „Keine Schwangerschaft ist illegal“. Wir haben Proteste gegen die Sammelabschiebungen vom Düsseldorfer Flughafen organisiert. Mit ver.di und attac zusammen gab es mehrere Veranstaltungen und einen Kongress zur medizinischen Versorgung von Papierlosen.

Oliver: Wir versuchen immer eine breite Öffentlichkeit für das „Thema Flucht und Migration“ zu sensibilisieren. Wir arbeiten aber auch mit allen möglichen Unterstützer*innen zusammen, das geht von linken Gruppen über die Gewerkschaften bis zur katholischen Kirche. Daraus ergeben sich viele Kontakte und viele Möglichkeiten, ganz unterschiedliche Spektren zu informieren.

TERZ: STAY! united ist auch ein Projekt von euch. Um was geht es da?

Oliver: Es kommen immer häufiger unbegleitete minderjährige Flüchtlinge nach Deutschland. In Düsseldorf hat sich die Zahl in den letzten zwei Jahren verdoppelt. Die Jugendlichen kommen zum Großteil aus Kriegs- und Krisengebieten wie Afghanistan, Irak und Somalia. Aufgrund ihrer Fluchtgeschichte sind die jungen Geflüchtete häufig traumatisiert und psychisch belastet. Oft droht mit dem achtzehnten Lebensjahr die Abschiebung. Hier versuchen wir durch Vermittlung in schulische Weiterbildung und andere Ausbildungsplätze eine Perspektive für die jungen Menschen zu finden. Das muss aber jedes Mal ganz hart gegen die Ausländerbehörde erkämpft werden.

Nicole: Wir wollen mit dem Projekt aber auch die Isolation dieser jungen Menschen durchbrechen. Wir bekommen regelmäßig Freikarten für Fortuna, machen Freizeitangebote wie Fußballspielen und Eislaufen. Das Ganze läuft über das einmal in der Woche stattfindende Cafe united, dass in einem Jugendzentrum in Oberbilk angeboten wird. Hier können die Kids manchmal den ganzen Stress mit Asyl, Zukunftsängste und drohender Abschiebung vergessen.

TERZ: Eine Kampagne von STAY! heißt „Keine Schwangerschaft ist illegal“. Warum?

Nicole: Viele hochschwangere Frauen ohne gültige Aufenthaltspapiere kommen in unsere Beratungsstelle. Die Papierlosigkeit bringt besonders schwangere Frauen in eine belastende, angstbehaftete und mitunter auch lebensbedrohliche Situation. Sie können zu keinen Vorsorgeuntersuchungen gehen, wissen nicht, wo sie ihr Kind zur Welt bringen werden. Wenn sie auf Grund der Schwangerschaft irgendwann nicht mehr arbeiten können, kommen sie oft in Abhängigkeitsverhältnisse zu Männern, die ihre Situation schamlos ausnutzen. Wir beraten die betroffenen Frauen sozialarbeiterisch, medizinisch und vermitteln sie an Ärzt*innen und Krankenhäusern, ohne dass Meldung an die Ausländerbehörden gemacht wird. Sehr wichtig für sie ist auch die rechtliche Beratung, um eventuell eine Aufenthaltserlaubnis für sich und ihr Kind zu bekommen.

TERZ: Gibt es Momente in eurer Arbeit, wo ihr an Grenzen kommt?

Oliver: Ohmmachtsgefühle, nicht weiterhelfen zu können ... die Faust in der Tasche bei Behördengängen.

Nicole: Eine junge Frau hat vor den Augen ihres Kindes einen Selbstmordversuch bei uns in der Beratungsstelle gemacht. Aus Angst, nach Italien zurückgeschoben zu werden ...

Oliver: ... bei einer illegalen Einreise aus Afghanistan nach Griechenland ist eine Familie getrennt worden. Der LKW ist ohne zwei Kinder losgefahren, weil die Polizei gekommen ist. Viele Schicksale und viel Wut auf ein menschenverachtendes System.

TERZ: Hat STAY! bestimmte Forderungen?

Nicole: Ja, klar. Keine Lager für Geflüchtete, Abschaffung der Residenzpflicht, Abschaffung der Kettenduldung, einen anonymen Krankenschein für Papierlose, Arbeitserlaubnis für Asylbewerber*innen, erleichterten Familiennachzug, grundsätzliches Asyl für Menschen aus Kriegs und Krisengebieten, keine Flughafenverfahren, Schließung der Abschiebeknäste ...

Oliver: … Es fehlt sicherlich noch ne Menge. Aber eins sagen wir ganz deutlich: refugees are welcome. Unsere Solidarität ist euch sicher, egal woher ihr kommt und wohin ihr geht!

TERZ: Danke für das Gespräch.


„Wir leben in einem Alptraum ...“

(SLIME)

... ist für viele Flüchtlinge, die versuchen, die Festung Europa zu erreichen, bittere Realität. Wenn sie es geschafft haben, aus den Kriegs- und Armutsgebieten wie Afghanistan, Somalia, Irak und anderen Ländern, in einfachen überfüllten Holzbooten, wochenlang auf LKWs oder in Containern versteckt nach Deutschland zu kommen, erwartet sie oft Isolation und schlechte Unterbringung in Sammellagern oder Flüchtlingsheimen. Oft werden die Asylanträge von Flüchtlingen abgelehnt, weil sie sich nicht richtig auf das Asylverfahren vorbereiten konnten, nicht wussten, was sie wie sagen müssen, damit ihnen geglaubt wird. Viele Flüchtlinge werden deshalb jährlich aus Deutschland abgeschoben, andere tauchen unter und werden so genannte Papierlose oder Illegalisierte. Genau diese papierlosen Menschen unterstützt die Flüchtlingsinitiative STAY!. Wir bieten eine kostenlose medizinische Versorgung, juristische und soziale Beratung an. Wir wollen mit unserem Projekt „denen eine Stimme geben, die keine haben“. In Deutschland ist die Unterstützung von Papierlosen immer noch ein Straftatbestand. Unser Verein STAY! ist rein spendenfinanziert und deshalb brauchen wir euch!

Wenn ihr eine Party oder ein Konzert macht, eine Volxküche organisiert oder ähnliches und es bleibt ein bisschen Geld über, wir können es dringend gebrauchen!!!

Infos unter www.stay-duesseldorf.de

Spendenkonto:
STAY! e.V.
Kto-Nr. 4008408500
BLZ 43060967
GLS-Bank Bochum