Worte wie Stacheln

Das Duisburger Institut für Sprach- und Sozialforschung (DISS) legt mit einem Sammelband zum Vergleich der Jungen Freiheit mit der Deutschen Stimme – den „beiden wichtigsten Leitorganen der extremen Rechten“ – eine gründliche Tiefenbohrung in Sachen rechter Propaganda und ihrer Themen vor.

Als „Wochenzeitung für Politik, Wirtschaft, Kultur, Wissen und Debatte“ liegt die „Junge Freiheit“ beim Bahnhofs-Pressefachhändler auf dem Tisch für wöchentlich erscheinende Zeitungen zwischen der Jüdischen Allgemeinen und der Jungle World. Eine schlichte Beobachtung zur alphabetischen Ordnung am Zeitungsstand, über die nur zürnen und kaum lachen kann, wer sich ab und an die Mühe macht, die „Junge Freiheit“ (JF), zu lesen. 1986 als Schüler- und Studentenzeitung gegründet und rasch in burschenschaftlichen Kreisen an bundesdeutschen Universitäten angekommen, verkauft sich das in Berlin erscheinende Rechtsaußen-Blatt mit intellektuell-konservativem Anstrich heute im Durchschnitt wöchentlich über 21.000 mal, Auflage steigend. Der Anblick der „Deutschen Stimme“ (DS), die seit 1976 als Partei-Organ der NPD monatlich erscheint, dürfte an Kiosken, in Pressezentren und Supermärkten (so zum Beispiel in den Geschäften der Lebensmittelkette REWE, die auch in Düsseldorf die DS in ihrem Angebot hat) dagegen künftig stetig seltener werden. Denn trotz wiederholter Sanierungsbemühungen sehen die Bilanzen der NPD-„Monatszeitung für Politik und Kultur“ für den DS-Verlag nicht gut aus.

Äpfel und Birnen? – Kernobst mit verbindenden Ideologemen

Beide Zeitungen einer vergleichenden Analyse zu unterziehen, das haben sich die acht Autorinnen und Autoren um Helmut Kellershohn als Herausgeber des Sammelbandes „Die ‚Deutsche Stimme‘ der ‚Jungen Freiheit‘“ zur Aufgabe gemacht. Mit Blick auf die aktuellen ‚Erfolgslagen‘ scheint dieser Vergleich zwischen der JF als dem „publizistischen ‚Flaggschiff‘ der jungkonservativen Neuen Rechten“ in Deutschland (S. 5) und der DS als scheinbar rostigem ‚Kanonenboot‘ der Neonazi-Partei NPD zwei durchaus sehr unterschiedliche Propaganda-Stimmen des radikal rechten Lagers zusammenzubringen.

Und auch in ihrer Programmatik und Zielgruppen-Orientierung verbindet beide Blätter auf den ersten Blick wenig. Als Sprachrohr der „Konservativen“, heißt es etwa im „Leitbild“ der Jungen Freiheit, versteht sich die JF in ihrem Wertekanon als „national, freiheitlich, konservativ und christlich“ (S. 5, S. 122) und stellt sich in die „jungkonservative Tradition der sogenannten Konservativen Revolution“ (S. 7) der 1920er und 30er Jahre. Ihr Ziel: Anschlussfähigkeit nach rechts herzustellen und hegemoniale Diskurse dort anzuzapfen, wo eine „konservative Basisbewegung“ bis in die sogenannte ‚Mitte‘ ansprechbar ist, um mit einer „Strategie der kleinen Schritte“ (S. 21 f.) die „ideologische Umorientierung der Eliten und ‚Leistungsträger‘ zu bewirken. Die Deutsche Stimme hingegen gibt sich als „Fundamentalopposition von rechts“. Sie folgt dabei als Partei-Organ der Programmatik und den „Machteroberungskonzepten“ der NPD, die die „Abwicklung“ des ‚Systems‘ zum Ziel haben (S. 23 ff.). Dabei stellt sich auch die DS – wie ihre Partei – bisweilen mehr oder weniger offen in eine „dominant nationalsozialistische Tradition“ (S. 7).

Schließlich sind es auch die unterschiedlichen Grund-Strukturen der Zeitungen, die einen Vergleich schwierig machen könnten, wenn die JF als vorgeblich Parteien-unabhängiges Blatt mit Hang zur Rückendeckung und zur intellektuellen Unterfütterung rechtspopulistischer (Partei-)Organisationen doch so viel breiter aufgestellt sein kann als das NPD-Organ. Allein die von der JF für ihre eigene Arbeit vielbeschworene Meinungsvielfalt, ihr „Binnenpluralismus“ auf der einen und der partei-offizielle Verlautbarungscharakter der DS auf der anderen Seite, sorgen für gewisse Vergleichshindernisse, wie Helmut Kellershohn einleitend einräumt.

Doch die Begriffsschärfe als große Stärke des gesamten Bandes, die auch die einzelnen Beiträge auszeichnet, federt diesen spontanen Eindruck von den sprichwörtlich unvergleichbaren „Äpfeln und Birnen“ deutlich ab. Als Beitrag zur „Erforschung der extremen Rechten“ hangelt sich das Buch nämlich gerade nicht an einer zwingend unscharfen Grenze entlang, wenn es darum geht, einen „verfassungsrechtlich relevanten Begriff des Rechtsextremismus“ vorauszusetzen, um überhaupt einen Vergleich der beiden Zeitungen anstellen zu können. Denn die Autor*innen blicken nicht darauf, wo Äußerungen so gerade eben noch oder so gerade eben nicht mehr demokratisch akzeptabel sind. Sie gehen vielmehr davon aus, dass Junge Freiheit und Deutsche Stimme sich in ihren Positionen durchaus verschränken und die jeweils „vertretenen Inhalte in ein[em] ideologische[n] Kontinuum“ (S. 6) zueinander stehen. Weniger akademisch gesprochen findet sich aus Perspektive der Autor*innen mehr Gemeinsames als Trennendes, was einen Vergleich nicht nur rechtfertigt, sondern auch bitter nötig macht: Beide Blätter folgen einem Rechtsaußen-Kurs. Beide sind im Verständnis der Autor*innen „rechtsextrem“, ganz gleich, ob der Verfassungsschutz sie für relevant hält oder nicht.

Bindende Klammer ist, so die Kernthese des Buches und seiner Einzelbeiträge, dass sowohl Junge Freiheit als auch Deutsche Stimme ein gewisses „Kernideologem“, eine Grundidee verfolgen: den völkischen Nationalismus mit all seinen Bestandteilen – von der völkisch/rassistischen Konstruktion einer Einheit von Volk und Nation und ihrer inneren und äußeren Feinde, über die Verherrlichung einer überlegenen „Volksgemeinschaft“ bis hin zur biopolitischen Perspektive auf den „gesunden Volkskörper“ mit seinen dazugehörigen Zugriffen auf Familien-, Geschlechter- und Bildungspolitik.

Same same but different

Mit ihren Darstellungen der unterschiedlichen „Lesarten des völkischen Nationalismus“ in den von 2006 bis 2009 erschienenen Ausgaben beider Zeitungen schauen die Autor*innen folglich ganz genau hin. Denn es geht ihnen, deren Beiträge im Umfeld der Arbeit des Duisburger Instituts für Sprach- und Sozialforschung entstanden sind, gerade um jene feinen Unterschiede der Ausdrucksformen dieses gemeinsamen Elementes – des völkischen Nationalismus mit all seinen Aspekten. So beschreiben sechs Beiträge eben jene Themenblöcke, die den völkischen Nationalismus nach ihrem Verständnis ausmachen, mit großer sprachlicher Tiefenschärfe, wenn sie die Artikel in der Jungen Freiheit und der Deutschen Stimme miteinander vergleichen. Mit der Betrachtung „Rechter Perspektiven einer ‚souveränen‘ deutschen Außenpolitik“ (Mark Haarfeldt) und der Darstellung rechter Kritik am Parlamentarismus (Giesbert Hunold und Helmut Kellershohn) und seinen „Systemparteien“ bzw. „Kartellparteien“, wie es in der Deutschen Stimme bzw. in der Jungen Freiheit so unterschiedlich heißt, sind dabei zwei wichtige Themenfelder ‚klassischen‘ Zuschnitts abgedeckt. Doch gerade die vier Beiträge zu den völkisch/rassistischen, familien- und bildungspolitischen Komponenten eines völkischen Nationalismus machen den Band lesenswert. Wo Michael Lausberg die Äußerungen zum Thema Migration in der JF und der DS in den Blick nimmt, ein bewusst falsch verstandenes „gender main­streaming“ zum Hassobjekt der Jungen Freiheit wird oder die Deutsche Stimme mit ihrem Ruf nach einer heteronormativen bürgerlichen Kernfamilie des „Vater-Mutter-Kind“ fast nebenbei eine Kapitalismus-Kritik von rechts einfließen lässt (wie Paul Bey und Laurin Walter in ihrem Beitrag zu Geschlechterdiskursen darstellen): immer wird anhand der intensiven Auswertung erschreckend deutlich, was die Leser*innen vielleicht schon ihrem Bauchgefühl nach ahnten – Nazis sind zugleich dumm und kühl berechnend, peinlich planlos und gefährlich zusammen, ganz gleich, ob sie sich Kameradschaft, NPD, oder schlicht „jungkonservativ“ nennen. Besonders augenscheinlich wird das bei den Beiträgen von Regina Wamper zum Antisemitismus sowie von Lenard Suermann zur Geschichtspolitik. Hier wie dort wird deutlich, wie sehr beide Blätter mit Nischen spielen, „Denkverbote“ konstatieren, sich als „Antisemiten“ in ihrem Recht auf Meinungsäußerung eingeschränkt sehen, ihre strafrechtliche Verfolgung wegen Holocaust-Leugnung und Volksverhetzung skandalisieren oder den „Hitlermythos“ durch weniger ‚inkriminierende‘ Ersatzikonen wie den ‚Widerstands-Märtyrer‘ Claus Schenk Graf von Stauffenberg umgehen – dabei zugleich aber nicht selten verblüffend ungeschickt den eigenen Standpunkt demaskieren.

Deutsche Stimmen aus Papier und Elfenbein?

Wo Regina Wamper einleitend Adorno zitiert, fällt schließlich nicht zuletzt ein schwerer Stein ins Wasser, wenn mensch sich fragt, ob und welche Bedeutung die Ergebnisse der Beiträge für den Alltag ‚da draußen‘, jenseits der akademischen Forschung, haben können. Was haben die Kopfgeburten aus der Jungen Freiheit und der Deutschen Stimme denn nun mit den aktuellen rassistischen, menschenverachtenden, xenophoben und brandgefährlichen Situationen an den Geflüchteten- und Migrant*innenunterkünften in Berlin Hellersdorf, Duisburg, hier und dort und überall, zu tun, die uns an die Pogrom-Stimmung der 1990er Jahre erinnern (TERZ 09.13)? Adorno schreibt 1962 „Zur Bekämpfung des Antisemitismus heute“ – übertragbar auch auf alle anderen Strukturen der Ungleichheit: „Das Tuscheln, das Gerücht […], die nicht ganz offen zutage liegende Meinung war von jeher das Medium, in dem soziale Unzufriedenheiten der verschiedensten Art, die in einer gesellschaftlichen Ordnung sich nicht ans Licht trauen, sich regen. Wer sich derart der Meinung, dem Gerücht zuwendet, wirkt von vornherein so, als ob er einer heimlichen, wahrhaften und durch die Oberflächenformen der Gesellschaft nur unterdrückten Gemeinschaft angehöre. Darauf spekuliert tatsächlich einer der wesentlichen Tricks von Antisemiten [und Rassist*innen, Sexist*innen …] heute: sich als Verfolgte darzustellen; sich zu gebärden, als wäre durch die öffentliche Meinung, die Äußerungen des Antisemitismus [und des Rassismus …] heute unmöglich macht, der Antisemit [der/die Rassist*in …] eigentlich der, gegen den der Stachel der Gesellschaft sich richtet, während im allgemeinen die Antisemiten [und Rassist*innen …] doch die sind, die den Stachel der Gesellschaft am grausamsten und erfolgreichsten handhaben.“ Auch mit Papier wird das Feld für Gewalt bestellt. Und selbst wenn der Band zu den „Lesarten des völkischen Nationalismus“ in der Deutschen Stimme und in der Jungen Freiheit nach der Lektüre in all seiner akademischen Präzision doch recht schwer lesbar ist, über weite Strecken in der Beschreibung der einzelnen Fundstellen in beiden Blättern verharrt und darüber hinaus reichende analytische Blicke etwa auf Motive, Kalkül oder auch Gegenstrategien fehlen: Zu zeigen, in welcher ausgeklügelten oder dummdreisten Manier die beiden Zeitungen von ganz rechtsaußen kalkuliert-absichtlich oder stumpf-zufällig Meinung machen, ist enorm wichtig, will mensch verstehen, aus welchem Material die Fackeln sind, mit denen da bis heute, wieder und immer noch gezündelt wird.

Wer ebenso tief in die Materie einsteigen will oder Informationen zu einzelnen Themen haben will, dem sei die Lektüre empfohlen:

Helmut Kellershohn (Hg.), Die „Deutsche Stimme“ der „Jungen Freiheit“. Lesarten des völkischen Nationalismus in zentralen Publikationen der extremen Rechten, Unrast 2013 (Edition DISS), 28 Euro.


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