Katzenklo gratis

Meine Küche ist eine von zig Millionen. In Deutschland. Zumindest insoweit, als dass in ihr der Papiermüll-Korb steht, in den für gewöhnlich unnützes Wissen mehr oder weniger unbesehen wandert. Mein Briefkasten ist einer von 41 Millionen. In Deutschland. Zumindest insoweit, als dass in ihm am 21. September 2013 eine von zig Millionen Sonderausgaben der BILD-Zeitung landete, mit der der Springer-Konzern mich unaufgefordert daran erinnern wollte, am folgenden Tag meine Wähler*innen-Stimme zur Urne zu tragen. Bundestagswahl 2013: „Danke, BILD-Zeitung, ohne Dich hätte ich das glatt vergessen!“

Geht mensch wie das Statistische Bundesamt davon aus, dass es in der Bundesrepublik etwas mehr als 40,7 Millionen private Haushalte gibt (Stand 2012), ließe sich die Lektion in politischer Bildung, die uns das Fischeinwickelpapier aus Hamburg kostenfrei – „unabhängig“ und „überparteilich“, wie es sich selbst sieht – frei Haus liefert, durchaus als ‚totale Mobilmachung‘ bezeichnen. Das macht mich neugierig. So zottele ich den bunten Fetzen nach einer ersten, ebenso spontanen wie traditionellen Ekelattacke nochmal aus der Papiertonne. Denn am Ende will ich ja doch wissen, für welche der Parteien ich denn da als Wahlvieh abgefrühstückt werden soll. Und vor allem: wie billig die Tricks und Kniffe – „unabhängig“ und „überparteilich“ – sind, mit denen mir da – „unabhängig“ und „überparteilich“ – wer an’s Wähler*innen-Herz gelegt wird. Und schon der erste Blick auf das speckige Papier macht’s deutlich: da wird alles aufgefahren, was als Idol, als kühler Kopf, als Identifikationsobjekt oder leuchtendes Beispiel in Sachen Bürger*innen-Pflicht taugen könnte. Der Fußball-Smarty Philipp Lahm, nur ein Beispiel von vielen, plaudert als Experte zu Fragen bundesdeutscher Parteiprogramme erfrischend über Bundes-Angie in der Männerdusche, und wie dolle er sich freut, „dass wir bei der Wahl alle mitentscheiden können“. Unweigerlich schweifen meine Gedanken zu den kleinen Fäusten, die Merkel ganz aufgeregt und unbefangen schüttelt, wenn die Fußball-Nationalmannschaft in der Ukraine ein Tor schießt. Wie schön, dass Politik so einfach ist. Hingehen, Kreuzchen machen, auf die Sieger tippen, Fäustchen schütteln. Doch wer sind die Sieger?

Das „verraten“ uns die „33 Erstwähler“, die Intimes über ihr künftiges „Mein erstes Mal“ preisgeben. Wählen ist Sex mit der Demokratie? Oder doch eher nur zu ertragen, wenn mensch einen Bierhumpen in der Hand hat – wie uns die Titelseite in Bierlaune mit Slogans wie „Prost Wahlzeit“ und „Wer nicht wählt, wird Wirt“ nahelegt. „Man kann gar nicht so viel saufen, wie man kotzen möchte“, ist dann wohl doch eher der nächste Leser*innen-Gedanke, geborgt von Max Liebermann, dessen Kraftausdruck zum Stand des deutschen Faschismus im Januar 1933 sich beim Blättern in der Sonderausgabe aufdrängt – zumal wenn mensch sich genauer anschaut, welche Bilder von taufrischen Erstwähler*innen und ihren parteipolitischen Vorlieben für ihr „erstes Mal“ das Blatt uns hier präsentiert. Da ist zum Beispiel Fönwelle Justus, der vom Wal-O-Mat zwar die FDP empfohlen bekam, sich dann aber doch für die CDU entscheidet: Denn Wählen sei schon wichtig, „damit Antidemokraten wie die NPD keine Chance haben“. Fähnrich Mathias, im Tarnkostüm der Bundeswehr, will auf jeden Fall mitentscheiden, wer ihn „gegebenenfalls in den Auslandseinsatz“ schickt – und BILD kommentiert raunend, dass der 20-jährige als Uniformierter auf deutschem Boden neutral zu sein habe und nicht „für einzelne Parteien werben“ dürfe. Welche Partei war nochmal grundsätzlich gegen jeden Kriegseinsatz deutscher Truppen? Ach, das ist bestimmt die, die „Erbse“, „[a]rbeitsloser Punk“ aus Hamburg – was sonst –, wählen will, weil sie „die besten Argumente“ hat. Schade, dass „Erbse“ auf der Doppelseite der oder die Einzige ist, der diese Wahl trifft – ganz repräsentativ, versteht sich. Da sich wohl kaum Eine*r als Erstwähler*in „mit einem arbeitslosen Schnorrer identifizieren“ will – wie die Wochenzeitung „der Freitag“ in ihrem Online-Kommentar zur BILD-Propaganda schreibt – ist so viel Repräsentativität wohl ungefährlich. Zur Sicherheit ist „Erbse“ ja auch am unteren Bildrand in der linken Ecke – wo sonst – abgebildet.

Das alles klingt trotz aller merkwürdig gleichzeitigen plump-verborgenen Abgedroschenheit schon fast komisch. Doch „der Freitag“ hat recht, wenn er, ganz ohne Lachen, resümiert: „Das ist [...] Propaganda der übelsten Art.“ Besonders deutlich wird das auf Seite 20, wenn uns erklärt wird, warum das Wahlrecht ein so kostbares Gut ist, das wir nicht verschleudern dürfen. Denn hier erzählen uns „drei Helden der friedlichen DDR-Revolution von 1989, warum sie für das freie Wahlrecht kämpfen. UND WARUM WIR ES AUCH HEUTE UNBEDINGT WAHRNEHMEN SOLLTEN“ (Hervorhebung im Original). Vielleicht kann ich auch ohne Saufen kotzen? Am frühen Morgen? Hier in meiner Küche in Oberbilk? Oder halte ich es da doch besser wie „Erbse“ und gucke mal nach Argumenten? Das haben am 22. September ebendort wohl 12,2% der Wähler*innen gemacht, als sie, stur und unbelehrbar wie sie in Oberbilk oder Flingern Süd (13,7%) nun mal sind, die Partei wählten, die sich als „einstige DDR-Einheitspartei SED“ per Etiketten-Tausch in „PDS umbenannt“ hätte und noch 1990 nur „im Osten“ beim Wahlvolk „an[gekommen]“ sei – wie Oberbilker*innen hätten wissen können, wenn sie nur die kostenlose BILD-Zeitung aufmerksamer gelesen hätten. Prost Wahlzeit? Obwohl das Gratis-„Scheißblatt“, wie ein*e „Freitag“-Kommentator*in schreibt, zum „Einpacken von sauren Heringen oder Sauerkraut [...] aus hygienischen Gründen“ abzulehnen sei: Katzenstreu macht sich nach Gebrauch in dem dicken, bunten Papier wunderbar – offenbar auch in Oberbilk und Flingern Süd. Also doch nicht Saufen, schade.