Duisburg-Neumühl

Der rassistische Mob macht wieder mobil

Wieder einmal brach sich in Duisburg ein rassistischer Wahn Bahn, wieder einmal wurden bei Facebook hundertfach Vernichtungsphantasien geäußert, wieder einmal wurde der Stadtteil Neumühl seinem Ruf, eine Hochburg der Rassist*innen zu sein, gerecht. Wir haben die jüngsten Ausfälle im Internet beobachtet und die Bürger*innenversammlung am 19.09.2014 im Agnesheim besucht.

Die Neumühler*innen sind seit Tagen in Rage – wieder einmal. Grund: Die Ankündigung der Stadt Duisburg, nun doch im ehemaligen St. Barbara-Hospital eine Landeseinrichtung für Asylbewerber*innen einzurichten. Ein ähnliches Vorhaben war im vergangenen Jahr schnell wieder aufgegeben worden, nachdem es zu xenophoben Protesten gekommen war. Im Zuge der Stimmungsmache konnte PRO NRW damals bis zu 250 Anwohner*innen mobilisieren. Durch die vielen wild geschwenkten Deutschlandfahnen und die von Klatschen untermalten Sprechchöre erinnerte die Stimmung damals zeitweise an die in einem Fußballstadion. Dutzende Personen skandierten unter anderem Parolen wie „Kein Asyl in Neumühl“ und übertrafen die Redner von PRO NRW in Sachen Radikalität deutlich. In der Folge gelang es PRO NRW, dutzende Neumühler*innen in die Parteiarbeit einzubinden. Allein 15 Stadtratskandidat*innen von PRO NRW wohnen in Neumühl, wo PRO NRW mit fast zehn Prozent der Stimmen drittstärkste Kraft bei der Kommunalwahl wurde.

Nun, da das Barbara-Hospital doch als Notunterkunft genutzt werden soll, wie die Stadtverwaltung Mitte September verkündete, waren die Hetzer*innen wieder da – auch im Internet. Wie unter anderem die WAZ berichtete, machte seit dem 18.09.2014 bei Facebook das Gerücht die Runde, dass zwei vermeintliche Romni versucht hätten, ein Kind zu entführen. Die Vorstellung, „Zigeuner“ würden Kinder rauben, ist ein klassisches antiziganistisches Motiv, wie etwa der Politikwissenschaftler Markus End feststellt. Der Artikel der WAZ stellte zwar die Falschmeldung der Entführung richtig da, erwähnte aber leider nicht, was auf die antiziganistische Phantasie folgte. Innerhalb weniger Stunden wurde zum Beispiel ein entsprechender Beitrag des Users Feron Christian-mille über 4000 mal geteilt. Der User kommentierte seinen Beitrag mit den Worten „Diese Missgeburten haben heute in Neumuhl versucht ein kind zu entführen… Haltet bitte die augen offen!!!! Dreckspack!!!!“. In hunderten Kommentaren äußerten Facebook-User*innen daraufhin massive Gewalt- und Vernichtungsdrohungen.

Die Informationsveranstaltung am 19.09.2014

Wie nicht anders zu erwarten, kam es auch bei n Bürger*innenformationsveranstaltung anlässlich der Einrichtung einer Aufnahmestelle für Asylbewerber*innen im ehemaligen St. Barbara-Hospital zu rassistischen Äußerungen und Übergriffen auf vermeintliche Kritiker*innen. Der Saal der Veranstaltung wurde dem Ansturm der interessierten Bürger*innen nicht gerecht. Nur ca. 180 Personen durften hinein, mindestens 100 weitere verblieben vor dem Saal. Anwesend waren auch mehrere Vertreter*innen von PRO NRW, der NPD und der Identitären Bewegung – welche vor der Halle Schilder mit Begriffen wie „Seelenlos“ und „Heimatlos“ hoch hielten. Diese Schilder hielten auch die NPD-Ratsherrin Melanie Händelkes (heimatlos) und der Kölner Bezirksvertreter Tony-Xaver Fiedler (seelenlos) von PRO KÖLN (siehe Foto).

Mindestens die Hälfte der Besucher*innen im Saal brachte ihre Ablehnung der Aufnahmestelle für Asylbewerber*innen deutlich zum Ausdruck, viele davon waren hochgradig aggressiv – mehrmals wurden die Vertreter*innen der Stadt niedergebrüllt. Oberbürgermeister Link und Sozialdezernent Spaniel versuchten zwar zaghaft, der rassistische Stimmung im Stadtteil entgegenzutreten, äußerten aber zugleich auch Verständnis für Ressentiments gegen Roma. Ein junger Mann im Look der autonomen Nationalisten stellte sich als angeblicher Vater des gestern vermeintlich beinahe von Romni entführten Kindes vor, andere Redner*innen argumentierten ebenfalls vor allem mit der Sorge um das Wohl ihrer Kinder, sollten Asylsuchende in den Stadtteil kommen.

Vor der Tür schaukelte sich die Stimmung indes immer weiter hoch, unter anderem forderte eine ältere Frau lautstark, statt der etablierten Parteien „einen neuen Hitler zu wählen“. Auch eine Rede des Duisburger PRO-NRW-Funktionärs und -Ratsherrn Mario Malonn wurde mit frenetischem Applaus bedacht. Als einige Anwesende sich daraufhin kritisch äußerten, gab es massive Drohungen. Auch wurde der Versuch unternommen, sie mit Schlägen und Tritten zu attackieren. Die Angegriffenen mussten daraufhin zu ihrem Schutz vom Sicherheitsdienst in den Vorraum des Saals gebracht werden. Erst nach einer Stunde konnten sie von der Polizei aus dem Stadtteil eskortiert werden, vorher vermochte diese ihre physische Unversehrtheit nicht zu gewährleisten. Im Zuge dieses Vorfalls wurde die Versammlung – kurz vor ihrem regulären Ende – abgebrochen. Teile des Mobs versuchten im Anschluss, die Eingangstüre einzutreten, um an die in Sicherheit gebrachten Kritiker*innen zu gelangen. Zudem wurden auch mehrere Fotograf*innen bedroht, sie mussten ebenfalls von der Polizei in Sicherheit gebracht werden. Die überforderten Polizeikräfte riefen mehrmals Verstärkung.

Neumühl reiht sich in die Reihe deutscher Orte ein, wo Anwohner*innen – flankiert von Rechts­populist*innen und Neonazis – gegen geflüchtete Menschen hetzen. In Duisburg kommt noch eine allgegenwärtige antiziganistische Stimmung hinzu, die in den vergangenen zwei Jahren auch von Behörden und Politik in der Stadt befeuert wurde. Das Eskalationspotenzial des Neumühler Mobs ist groß. Die Asylsuchenden, die schon in wenigen Wochen den Duisburger*innen in Neumühl ausgesetzt sein werden, haben auch deshalb Unterstützung dringend nötig.

Initiative gegen Duisburger Zustände
Text von: http://gduz.blogsport.de


Demo in Neumühl am 27.9.

Am 27.9. fand eine Demonstation gegen die Duisburger Verhältnisse statt. Unter dem Motto „Schicht im Schacht. Rassist*innen auf die Pelle rücken!“ nahmen etwa 200 Menschen teil. Das waren möglicherweise viele, gemessen an der kurzen Mobilisierungszeit, aber viel zu wenige angesichts der Lage. Die Atmosphäre in Neumühl war gespenstisch. Dutzende Anwohner*innen machten durch ihr Verhalten am Rande der Demo deutlich, dass die Kritik an der rassistischen Hetzstimmung so unerwünscht wie angebracht ist. Sogar eine kleine Gegenkundgebung zur Demo hatte sich zusammengefunden, auf der neben selbstgebastelten Schildern und hasserfüllten Gesichtern auch Hitlergrüße zu sehen waren. Es lässt sich nicht beschönigen: Duisburg-Neumühl ist ein Pulverfass, das jederzeit explodieren kann.