Solidarität trotz Salatschwemme

Die Solidarische Landwirtschaft praktiziert das, was eigentlich selbstverständlich sein sollte: Gemüseproduzent*innen erhalten einen sicheren Lohn für ihre Arbeit. Katharina von der Düsseldorfer Solidarischen Landwirtschaft spricht mit der TERZ über Gemüseanbau, der nicht nur biologisch, sondern auch regional, saisonal und kollektiv ist.

Terz: Ihr habt euch letztes Jahr zusammengefunden und schon in diesem Jahr losgelegt mit der Gemüseproduktion.

Katharina: Ja, letztes Jahr im Dezember hatten wir die Gründungsversammlung und gleich die erste Bieterrunde. Dabei ging es darum, Ernteanteile zu ersteigern. Du hast also geschaut, wie viel Geld Du für deinen Ernteanteil ausgeben kannst und den geboten. Der Durchschnitt sollte so bei 100 Euro liegen. Die gibst Du dann monatlich an die Solidarische Landwirtschaft (Solawi). Im Januar hatten wir dann die zweite Bieterrunde, wo wir dann 38 Anteile losgeworden sind, und genug Geld hatten, um zu wirtschaften und loszulegen.

Und das ist dann so ein Fixpreis oder davon abhängig, was ich tatsächlich gemüsemäßig nehme?

Das ist ein ganzes Jahr lang der gleiche monatliche Betrag, also Du zahlst zum Beispiel auch, wenn Du im Januar, Februar noch gar kein frisches Gemüse bekommst oder wenn es Ernteausfälle gibt. Wir hatten so einen Kohlpilz, da ist zum Teil die Kohlernte ausgefallen. All das wird durch die Solawi getragen, unser Gärtner, den wir angestellt haben, hat dadurch ein sicheres Einkommen. Von dem Geld werden außerdem die Feldpacht, die Gerätschaften, die Jungpflanzen, das Wasser und die Miete im „Leben findet Stadt“ bezahlt. Dort haben wir unsere Treffen und lagern das Gemüse.

Ihr helft aber auch mit oder erledigt alles der Gärtner?

Eigentlich ist unser Ziel, dass jede Person so 4 bis 5 Stunden pro Monat mithilft. Aber jetzt in unserem ersten Jahr haben wir natürlich viel mehr mitgeholfen. Wir haben bestimmte Bereiche, wo sich jede*r einbringen kann: ernten, das Gemüse nach Düsseldorf transportieren, Buchhaltung, Öffentlichkeitsarbeit, eine Gruppe hat sich lange mit der Rechtsform, eine andere mit der internen Kommunikation beschäftigt ... Ach, und dann haben wir natürlich eine Feier-AG, für unsere Feste.

Wie kommt denn das Gemüse vom Feld zu Dir nach Hause?

Jede Woche fahren 3, 4 Leute zum Feld nach Büttgen und ernten. Wir haben dort ein Feld vom Bauer Hannen, der den Lammertzhof betreibt, gepachtet. Das ist ziemlich groß, es sind 4.250 m2 und gibt bestimmt für rund 80 Personen Gemüse. Im Sommer haben wir auch echt Überschuss produziert, den wir dann gut einmachen können, für den Winter. Jedenfalls bringen andere Menschen die Wochenernte dann nach Düsseldorf, wo sie dann zu verschiedenen Abholpunkten gebracht wird. Dort holen sich die Leute ihr Gemüse schließlich ab.

Kann ich denn sagen: Kohlrabi mag ich nicht haben, dafür aber mehr Kartoffeln?

Nee. Also, der Gärtner weiß recht genau, wie viel in jeder Woche geerntet werden kann, und danach teilen wir auf. Jede*r bekommt das Gleiche. Wenn Du keinen Mangold magst, kannst Du den ja weitergeben an Freund*innen. Wir hatten dieses Jahr zum Beispiel eine richtige Salatschwemme. Ich hatte dann in einer Woche drei Salatköpfe und dazu noch Feldsalat. Zeitweise komme ich mit meiner Familie nicht hinterher mit dem Essen. Natürlich wäre ich da zeitweise gern freier in der Entscheidung, was und wie viel ich nehme. Aber so ist das halt – der logistische Aufwand wäre bei mehr Wahlfreiheit ein ganz anderer.

Kommt es da zu Konflikten? Wie ist denn eure Gruppe überhaupt zusammengesetzt? Haben da alle den Anspruch, eine Alternative zur kapitalistischen Nahrungsmittelproduktion mitzugestalten?

Es gibt bestimmt Frustrationen. Wir sind generell alle irgendwie an biologischem Essen und seiner Produktion interessiert. Und daran, dass die Person, die es produziert, Planungssicherheit hat. Aber darüber hinaus sind die Motive sehr unterschiedlich. Bei den einen ist es Begeisterung fürs Gärtnern, für junge Familien ist es auch wichtig, dass die Kinder wissen, wo ihr Essen herkommt. Einer von uns hat mal gesagt, wir sind ein Drittel Hipster, ein Drittel Althippies und ein Drittel Normalos. Das trifft es möglicherweise. Es sind WGs, Singles, Pärchen und Familien dabei. Die unterschiedlichen Altersgruppen und Fähigkeiten sind halt auch wichtig! Wenn wir alle Sozialarbeiter*innen wären, kämen wir bei vielen Dingen nicht vorwärts.

So eine Mischung schützt ja vielleicht auch davor, dass ein Projekt an seinen politischen Ansprüchen scheitert. Wie sieht denn das Commitment aus? Gibt es viele, die nur mal kurz reinschnuppern und dann keine Lust mehr haben?

Nach einem Erntejahr kannst Du ohne Angabe von Gründen aussteigen. Innerhalb des Jahres kannst Du erst gehen, wenn Du eine*n Nachfolger*in gefunden hast. Du verpflichtest dich quasi für ein Erntejahr unserer Solidargemeinschaft. Bei uns sind alle sehr begeistert dabei. Einige haben aber gemerkt, dass sie es zeitlich nicht schaffen. Und falls sich finanziell was bei Dir ändern sollte, kannst Du bei der Bieterrunde im nächsten Jahr sagen: Ich bin arbeitslos, ich kann die 100 Euro im Monat nicht mehr zahlen. Dann überlegen wir uns, welcher Betrag in Frage kommt und wie wir das gemeinsam stemmen.

Wie ist denn die Perspektive, bis wann habt ihr das Feld gepachtet?

Wir bleiben ein weiteres Jahr auf dem Feld, das steht fest. Wir haben uns dort auch häuslich mit einem Bauwagen eingerichtet. Es gab natürlich Diskussionen, ein Feld in Düsseldorf zu finden. Aber Büttgen ist nicht weit weg, und die Nähe zum Lammertzhof ist toll. Der Bauer Hannen unterstützt uns auch, hilft beim Pflügen, gibt uns seine Komposttoilette. Wir fühlen uns dort sehr, sehr wohl! Ansonsten hatten wir ja dieses Jahr viel mit uns selbst, mit der Organisierung zu tun. Nächstes Jahr werden wir vielleicht mehr Workshops machen, uns verstärkt in das Solawi-Deutschland-Netzwerk einbringen. Vor kurzem haben wir zwei Planungstage gemacht, in denen wir auch mehr darüber geredet haben, wer wir sind und was wir wollen, also über die große Idee, die dahintersteckt. Es geht aber immer auch ums Gemüse. Nach der Salatschwemme haben wir gesagt: weniger Salat. Dafür vielleicht mal Chili oder Koriander. Ich lerne auch immer neue Sachen kennen: Stielmus und Palmkohl zum Beispiel.

Das ist der nette Nebeneffekt, dass Du mit Gemüsearten konfrontiert wirst, die es im Supermarkt gar nicht gibt.

Ja, Du musst Sachen ausprobieren, die du immer ignoriert hast, weil Du dachtest: sieht komisch aus, heißt komisch, nehm‘ ich nicht.

Hier trefft ihr die Solawi Düsseldorf, neue Gesichter sind willkommen:
8.11. um 19 Uhr:
Info-Abend im Modigliani
13.11. um 19 Uhr:
offene Vollversammlung im
„Leben findet Stadt“, Uedesheimer Str. 2, 40223 Düsseldorf

https://solawi-duesseldorf.de

Das Konzept:

Die solidarische Landwirtschaft verkürzt die Lieferkette enorm, da sie auf einem direkten Verhältnis zwischen Landwirt*in und Verbraucher*in basiert. Auf diese Weise sind die Produzent*innen nicht von schwankenden Weltmarktpreisen abhängig. Das solidarische Modell ist wesentlich nachhaltiger und umweltfreundlicher: Es wird in der Regel bedarfsorientiert und biodynamisch angebaut, und die Wege zu den Verbraucher*innen sind kurz, so dass weder Plastik für die Verpackung der Nahrungsmittel noch Flugzeug, LKW oder Schiff für ihren Transport verwendet werden müssen.