Die Wissmannstraße und ihre Geschichte

Eine schlechte Adresse

Seit einiger Zeit gerät das koloniale Erbe Düsseldorfs wieder zunehmend in den Blick. Dafür sorgten unter anderem Forschungen der Heinrich-Heine-Universität, Schüler*innen der Hulda-Pankok-Gesamtschule und eine Unterbilker Anwohner*innen-Initiative, die mit Verweis auf die Kolonial-Verbrechen des Namenspatrons der Wissmannstraße eine Umbenennung fordert. Die TERZ nimmt das zum Anlass, sich in lockerer Folge mit der lokalen Kolonialgeschichte zu beschäftigen.

Die Großmutter von Mnyaka Sururu Mboro hat die deutsche Kolonialpolitik in Afrika noch selbst miterlebt. Und sie berichtete ihrem Enkel davon. So erzählte sie ihm etwa von den Gräueltaten Carl Peters’, den damals alle nur „die blutige Hand“ nannten. Aber darin erschöpften sich ihre Erinnerungen an deutsche Schergen nicht, „denn es gab noch einen anderen hier am Kilimandscharo, der genauso brutal gewesen ist (...). Das war Hermann von Wissmann“, so der heute in Berlin lebende Mboro zur taz. „Ich habe es daher gar nicht glauben können, als ich erfahren habe, dass es in Berlin Straßen zu Ehren dieser beiden brutalen Verbrecher gibt“, sagt er.

In Düsseldorf gibt es die auch. Und wie sich Mnyaka Sururu Mboro in der Hauptstadt für eine Umbenennung einsetzt, so tun das hier in Sachen „Wissmannstraße“ eine Unterbilker Initiative und Schüler*innen der Hulda-Pankok-Gesamtschule. Mitte September haben Geschichtswissenschaftler*innen der Heinrich-Heine-Universität das Thema aufgegriffen und zu einer Geschichtswerkstatt und Informationsveranstaltung ins Leo-Statz-Berufskolleg eingeladen. Der Empfang für die beiden Historikerinnen Stefanie Michels und Caroline Authaler gestaltete sich jedoch einigermaßen kühl. Auch dem Bezirksbürgermeister Walter Schmidt (CDU), der den Beschluss der Bezirksvertretung erläuterte, statt für eine Namensstreichung für eine Stele oder Tafel mit Inserts zum Treiben Wissmanns im ehemaligen „Deutsch-Ostafrika“ zu optieren, schlug Groll entgegen. Wer da jedoch Wutbürger*innen am Werk wähnte, die bestenfalls den bürokratischen Aufwand bei einer Adress-Änderung fürchteten und es schlechtestenfalls mit den Kolonialisten hielten, sah sich allerdings getäuscht. Es ging diesen Anwohner*innen schlicht alles nicht weit genug! Den Forscherinnen warfen sie Verharmlosungen vor und der Bezirksvertretung politisches Versagen bei der Umbenennungsfrage. Zusätzliche Informationen zu Wissmanns Wüten in der Region, die heute Tansania, Burundi, Ruanda und Teile Mozambiques umfasst, brauchten sie ebenfalls nicht – sie wussten eher schon zu viel.

Die „Hottentotten-Wahlen“

Andere Anlieger*innen – wie ich – waren hingegen über zusätzlichen Input ganz dankbar. Ein Workshop an dem Nachmittag beschäftigte sich etwa mit den genaueren Umständen, unter denen die Straße 1908 zu ihrem Namen kam. Ursprünglich hieß sie nämlich Kaulbach-Straße, benannt nach einem Maler. Aber der Künstler wurde ein Opfer der innenpolitischen Auseinandersetzungen, die zu der Zeit um die deutsche Kolonialpolitik tobten. Die Aufstände in „Deutsch-Südwestafrika“ erforderten immer mehr militärische Ressourcen, weshalb die damalige Reichsregierung im August 1906 einen Nachtragshaushalt beantragte. Dem verweigerte die SPD allerdings ihre Zustimmung. So musste Reichskanzler Bernhard Prinz von Bülow den Reichstag auflösen und Neuwahlen ausrufen. Weil diese ganz im Zeichen der Kontroverse um die deutschen „Schutzgebiete“ standen, hießen sie bald „Hottentotten-Wahlen“.

Dabei ging es auch in Düsseldorf hoch her. Die liberale Sammlungsbewegung „Vereinigung der Mittelparteien“ präsentierte auf Wahlveranstaltungen Kämpfer aus „Deutsch-Südwestafrika“, die eindringlich mehr Unterstützung für ihren Krieg gegen „blutrünstige Bestien, die erbarmungslos weiße Frauen und Kinder abschlachteten“ einforderten. Sogar das Wort „Untermenschen“ fiel damals schon, wie Peter Hüttenberger festhält.1 Zudem beteuerten die liberalen Politiker*innen, die Kolonien würden „reichen Ertrag versprechen“. Auch um SPD-Wähler*innen buhlten sie. „Arbeiter, wenn ihr wollt, dass Deutschland nicht an Einfluss in der Welt verliert ... “ – mit Rede-Formeln wie dieser beabsichtigten die „Mittelparteien“ Bündnispartner*innen für ihren Kampf um den „Platz an der Sonne“ zu gewinnen. Das „Arbeitsplatz“-Argument brachten sie selbstredend ebenfalls in Anschlag. Ein Übriges tat in der Kampagne der industrie-finanzierte „Reichsverband gegen die Sozialdemokratie“.

In Düsseldorf setzte sich trotzdem die Zentrumspartei mit 20.380 Stimmen durch, die es in den Kolonien nicht ganz so wüst treiben wollte. Knapp dahinter folgte die SPD, während die Liberalen nur auf 7.855 Stimmen kamen. Ein so gutes Ergebnis gelang der Sozialdemokratie landesweit allerdings nicht; sie verlor viele Sitze. In der Partei stärkte das den nationalen und kolonialistischen Flügel um Gustav Noske, der dann schließlich 1914 mit der Zustimmung der SPD zu den Kriegskrediten ganz die Oberhand gewann.

„Deutschlands größter Afrikaner“

Rosa Luxemburg machte in dem Wahlkampf eine „Pogrom-Atmosphäre“ aus. Peter Hüttenberger urteilt aus heutiger Perspektive ähnlich: „Eine tiefe Verwirrung der politischen Sprache und der Begriffe breitete sich aus, die sich in den folgenden Jahren, zumal im Rahmen der Kriegspropaganda, wie ein verheerender Flächenbrand auswirken und so den Nährboden für einen völkischen Chauvinismus abgeben sollte.“ Und aus diesem Nährboden spross dann auch die Umbenennung der Kaulbachstraße in Wissmannstraße. Zu einer Zeit, da sich die Kolonial-Truppen in schwere Kämpfe verwickelt sahen, in deren Folge rund 50.000 Afrikaner*innen ihr Leben verloren, wollten interessierte Kreise mit Wissmann an einen Menschen erinnern, der gegen Aufständische in „Deutsch-Ostafrika“ von 1888 bis 1890 erfolgreich zu Felde gezogen war und deshalb als „Deutschlands größter Afrikaner“ galt.

Seine große Stunde schlug, als sich die Unternehmer-Schar der „Deutsch-Ostafrikanischen Gesellschaft“ mit ihrem bewaffneten Arm nicht mehr allein gegen die Einheimischen zur Wehr setzen konnte und Hilfe vom Deutschen Reich erbat. Bismarck beorderte Wissmann mit der knappen Direktive „Siegen Sie!“ in die Kolonie, die ihm bedeutete: Es sollen dazu alle Mittel recht sein. Und die so genannte Wissmann-Truppe wusste ihre Freiheit zu nutzen. Sie verfolgte eine Strategie der verbrannten Erde und entvölkerte ganze Landstriche. Tausende Menschen fielen ihr zum Opfer. Sogar altgedienten Kolonial-Offizieren ging das zu weit. Als „äußerst grausam“ schilderten sie das Vorgehen Wissmanns. Und im Reichstag kritisierte der liberale Abgeordnete Eugen Richter: „Wir lasen neulich, dass Herr Wissmann schon 700 Araber und Aufständische, wie sie genannt werden, hätte erschießen lassen, wir hören, dass bald dieses, bald jenes Dorf in Flammen aufgeht. Seine Truppen ziehen sengend und brennend umher, und die Aufständischen tun dergleichen, und das Ganze nennt man in der Sprache der vorjährigen Thron-Rede ‚Kultur und Gesittung nach Afrika tragen!’“

1890 hatte das Morden ein Ende – und ebenso eine Kolonialpolitik, die nach Art einer Public-Private-Partnership organisiert war. Hatte bis dahin die „Deutsch-Ostafrikanische Gesellschaft“, ausgestattet mit einem kaiserlichen Schutzbrief, frei schalten und walten können, übernahm nun das Deutsche Reich die Kontrolle. Es erklärte die Region offiziell zu einem Schutzgebiet und die Wissmann-Truppe zur „Kaiserlichen Schutztruppe für Deutsch-Ostafrika“. Wissmann selber hoffte, den neu ausgeschriebenen Posten des Kolonialgouverneurs zu ergattern. Den bekam der selbsternannte „Afrika-Forscher“ allerdings erst 1895 und hatte ihn auch nicht lange inne. Immerhin reichte es aber dafür, ein paar fatale Weichenstellungen vorzunehmen. So führte er etwa eine „Hüttensteuer“ ein. Damit wollte der Statthalter des Deutschen Reiches den Afrikaner*innen „durch die Auferlegung einer Pflicht auch äußerlich die Tatsache unserer Herrschaft“ verdeutlichen. Diese Maßnahme trug im Juli 1905, fünf Wochen nach Wissmanns Tod, wesentlich zum Ausbruch einer zweiten und noch einmal blutigeren militärischen Auseinandersetzung in „Deutsch-Ostafrika“ bei: dem Maji-Maji-Krieg. Er kostete mehr Opfer als die Erhebungen in „Deutsch-Südwestafrika“.

Für diese „Verdienste“ erhielt Wissmann viele Ehrungen. Der Kaiser erhob ihn den Adelsstand, Straßen erhielten seinen Namen, Denkmäler entstanden, und im „Kolonialgedenkjahr“ 1934 brachten die Nazis eine Briefmarke mit seinem Konterfei heraus. Auch das Jahr 1945 läutete da keine Zäsur ein. Als der spätere „Stern“-Journalist Kai Hermann („Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“) das damals auf dem Campus der Hamburger Universität stehende Wissmann-Denkmal 1961 zum Anlass nahm, einen nach eigenem Bekunden „sehr vorsichtigen Artikel“ über den Kolonial-Krieger zu schreiben, drohte er von der Hochschule zu fliegen. Erst allmählich änderte sich in der Bundesrepublik die Haltung zu dieser Epoche der Geschichte. 1967 stießen Hamburger Studierende Hermann von Wissmann vom Sockel, und mit der Student*innenbewegung kam schließlich auch eine Diskussion über die Straßennamen in Gang.

Einige Städte beließen es nicht bei Worten und schritten bereits zur Tat. Aber selbst bei Linken stößt das nicht auf ungeteilte Zustimmung. Einige meinen, die Namen ständen für eine Tradition, die Deutschland ohnehin noch nicht abgeschüttelt hat. Sie also beizubehalten, wäre ehrlicher, als Symbolpolitik mit korrekteren Namenspatron*innen zu treiben. Andere wenden sich gegen nachträgliche politische Korrekturen. Mnyaka Sururu Mboro lässt Vorbehalte dieser Art nicht gelten: „Uns wird oft vorgeworfen, dass wir die Geschichte auslöschen wollen. Aber ganz im Gegenteil: Wir sind gegen Umbenennungen, bei denen die Bezüge zur Kolonialzeit verschwinden.“ Er macht sich deshalb für eine Maji-Maji-Allee stark. Die Schüler*innen der Hulda-Pankok-Gesamtschule plädierten indessen für eine Boateng-Straße. Eine gute Lösung fand auch Hannover. Die niedersächsische Landeshauptstadt behielt den Namen bei, änderte aber das Signifikat und sprach die Ehrung einfach dem Kommunisten Hermann Wissmann zu.

In Düsseldorf könnte es trotz des Beschlusses der Bezirksvertretung doch noch zu einer anderen Entscheidung kommen. Die Mahn- und Gedenkstätte und das Stadtarchiv haben von der Politik nämlich den Auftrag erhalten, eine Generalrevision Düsseldorfer Straßennamen vorzunehmen. Ihr Bericht dürfte Wissmann das Überleben im Düsseldorfer Stadtbild nicht eben erleichtern, und einige andere historische Persönlichkeiten müssen sich vielleicht auch darauf einstellen, auf dem Müllhaufen der Geschichte zu landen. Kandidaten dafür wären zum Beispiel Wissmanns koloniale Mitstreiter Carl Peters, Adolf Lüderitz, Adolph Woermann und Theodor Leutwein, welche Urdenbach unsicher machen und sich schon seit 2011 einer Umbenennungsinitiative gegenübersehen. Selbst solche Adressen, die eigentlich über jeden Zweifel erhaben scheinen wie etwa die Friedenstraße, haben es in sich (siehe TERZ 05/98).

Und vergangen ist die Kolonialzeit auch noch nicht. Tansania erwägt gerade, Deutschland mit einer Entschädigungsklage wegen der Kolonialverbrechen zu konfrontieren und wartete nur den Ausgang eines Verfahrens vor einem New Yorker Gericht ab, das Namibia in der gleichen Sache angestrengt hat.

JAN

1 Peter Hüttenberger: Die Industrie- und Verwaltungsstadt, in: Düsseldorf – Geschichte von den Ursprüngen bis zur Gegenwart, Band 3