Dem guten Namen verpflichtet: Der Heinrich Heine Salon

Es war die Erfindung von zwei Buchhändlerinnen: Christa Domke und Ida Münstermann kamen 1984 in der damaligen Heinrich Heine Buchhandlung an der Ackerstraße auf die Idee, literarische Matineen mit Musik und Frühstück anzubieten. Vieles hat sich seither verändert, aber das Konzept funktioniert immer noch bestens.

Alles begann in einer Kantine. Die ersten Matineen der Heinrich Heine Buchhandlung fanden in der Kantine des benachbarten Brücken-Verlags statt, der auf den Import von Büchern aus der DDR spezialisiert war. 120 Menschen fanden dort maximal Platz. Christa Domke erinnert sich an die Anfänge:

Die erste Veranstaltung fand 1984 anlässlich des 100. Geburtstages von Lion Feuchtwanger statt. Der Publizist Mathias Jung stellte Leben und Werk des Autors vor, die Texte lasen die Buchhändler­innen und weitere Literaturfreundinnen. Im Lauf der Jahre brachten wir viel Weltliteratur auf die „Bühne“ der Kantine des Brücken–Verlages, ob Maxim Gorki, Ephraim Lessing oder Dostojewski, sogar den Roman des Düsseldorfer Malers Adolf Uzarski „Möppi - Memoiren eines Hundes“ haben wir vorgestellt.

Als 1989 im November die Mauer fiel, dauerte es nur wenige Wochen, bis Buchhandlung und Verlag in Konkurs gingen. Wir saßen im Laden, die Regale waren leergeräumt und mit schwarzen Tüchern verhängt. Neben Ida und mir waren da: Jochen Rzaza, Peter Berkessel, Günter Domke, Udo Achten, das Ehepaar Fammler, Beatrix Wilms von der Buchhandlung BiBaBuZe und der Schauspieler Peter Thomas Heydrich. Von unseren Lieferanten und Kund*innen hatten wir uns verabschiedet, und es stand die Frage im Raum: Wie geht es weiter? Schnell war klar: um Veranstaltungen wie die Matineen zu organisieren, benötigten wir keine Buchhandlung. Wir verfügten über die Adressen der Besucher*innen und wurden unterstützt von MitstreiterInnen, die weiterhin Leben und Werk von Autorinnen und Autoren vorstellen wollten. Über die Jahre hatten wir mit dem zakk als Mitveranstalter von Lesungen gute Erfahrungen gemacht. Somit lag es auf der Hand, wo die Matineen künftig fortgeführt werden konnten.

Und was macht der Deutsche, wenn mehr als sieben zusammen sitzen? Er gründet einen Verein. Und der soll wie heißen? Heinrich Heine - schließlich fühlten wir uns seinem Namen verpflichtet, denn so hieß ja auch die Buchhandlung. Eine Heine-Gesellschaft gab es bereits, auch ein Institut. Peter Thomas Heydrich hatte die Idee: „Salon, da könnten wir eine gute Tradition fortsetzen.“ Im April 1990 wurden wir ins Vereinsregister eingetragen und somit waren wir der Heinrich Heine Salon e.V.

Im März 1990 fand die letzte Matinee in der Kantine des Brücken-Verlages statt. „Lerne lachen, ohne zu weinen“ – Kurt Tucholsky vorgestellt von Peter Thomas Heydrich.

Die Kantine des Brücken-Verlags war brechend voll, die Leute saßen sogar auf den Fensterbänken. Das Frühstückbuffet war geplündert, es war 11 Uhr, und Ida und ich wurden langsam doch sehr nervös, weil der entscheidende Mann fehlte. Nach einigen hektischen Telefonaten war klar: Heydrich konnte nicht kommen, weil er auf dem Weg zu uns in einen Autounfall verwickelt worden war. Etwas Schlimmeres kann einem Veranstalter nicht passieren. Was also tun? Nachdem wir die schlechte Nachricht dem geduldig wartenden Publikum überbracht hatten, stand eine ältere Besucherin, Mathilde Beckers aus Garath (damals Anfang 80), auf und erklärte, dass die Besucher*innen ja auch mal selbst das Programm gestalten könnten. Dann begann sie, aus dem Kopf ein mehrstrophiges Gedicht von Erich Weinert zu rezitieren. Es war einfach unglaublich! Und auch andere Gäste trugen das eine und das andere vor, es war ein bunter Reigen, Spaß gemacht hat es uns allen.

Im Oktober 1990 war die Premiere im zakk: Fritz Hollstein präsentierte Christian Morgenstern, Peter Berkessel folgte mit Balzac. Im Februar 1991 zwangen uns die politischen Umstände dazu, ein anderes Programm als geplant in aller Eile quasi aus dem literarischen Boden zu stampfen. „Matinee gegen den Krieg“ nannten wir die Veranstaltung schlicht, denn im Irak brannten die Ölfelder, und der 1. Golfkrieg verunsicherte nicht nur die massenhaft demonstrierenden Schüler*innen und Studierenden. Wir trommelten unsere Aktivist*innen zusammen, alle brachten reichlich kopierte Literatur mit. Wir besprachen die Auswahl der Texte, Helga Mangold und Olaf Cless rundeten das Programm musikalisch ab. Über 200 Besucher*innen kamen an diesem Sonntagvormittag ins zakk zu unserer Matinee.

Soweit Christas Erinnerungen – und so ging es weiter: Jedes Jahr zwischen sechs und acht Matineen, dazu Lesungen, immer in Kooperation mit der Buchhandlung BiBaBuZe und dem zakk. Immer mit Frühstück und vor allem immer mit Musik. Und immer mit einem politischen Ansatz: Antifaschistische Autor*innen wurden vorgestellt, auch solche, die ins Exil getrieben worden sind wie Anna Seghers, Nelly Sachs oder Peter Weiss. Dazu Schriftsteller*innen der jüngeren Generation wie Christa Wolf oder Heiner Müller.

Einige wichtige Künstler*innen aus der DDR waren persönlich zu Gast im Heinrich Heine Salon, wie etwa die Schauspielerin Käthe Reichel, die noch mit Bertolt Brecht gearbeitet hatte oder Peter Sodann, der aus seinen Memoiren las, als er gerade Kandidat für den Posten des Bundespräsidenten war.

Im Lauf der Jahre haben wir auch viele Themenveranstaltungen entwickelt, berichtet Christa Domke, angefangen mit „Traumreisen“. Diese führten mit Goethe nach Italien und mit Heine durch den Harz. Das Thema „Geld“ haben wir literarisch beleuchtet, uns 1994 einen Sonntagvormittag dem Blues gewidmet. Eine Matinee nannten wir „Der Geist aus der Flasche“ – so hieß im April 1997 eine Matinee über die tiefen Freuden gehaltvoller Getränke; denn nicht wenige Schriftsteller*innen haben getrunken. Auch gab es Matineen zu den Themen „Widerstand gegen den Krieg“, „Deserteure, die heimlichen Kriegshelden“, und zur Bücherverbrennung 1965 in Düsseldorf.

Dieses unrühmliche Ereignis hatte der Journalist und fiftyfifty-Kolumnist Olaf Cless aufgearbeitet, der unter anderen auch Georg Werth, Peter Maiwald und Dieter Forte vorgestellt hatte. Vor kurzem präsentierte er eine Matinee über Diderots Enzyklopädie: „Alphabet der Aufklärung“. Wie so oft stand er dabei mit Ingrid und Dieter Süverkrüp auf der Bühne, dessen Bilder auch in einer Matinee gewürdigt, und auf humorvolle Weise zum Sprechen gebracht wurden.

Der Heinrich Heine Salon hat das Glück, dass ihm nicht nur das Publikum, sondern auch ein Kreis von wichtigen Mitstreiter*innen über Jahre die Treue hält. Dazu gehören der Philosoph Werner Jocks, der sich zuletzt mit Bertolt Brecht beschäftigte, und Wulf Metzmacher, der spezielle Düsseldorfer Persönlichkeiten vorstellte wie Herbert Eulenberg oder Hermann Harry Schmitz. Achim Zielesny ist nicht nur als Revisor eine Stütze des Vereins, sondern der Professor für Bio- und Chemoinformatik brachte auch das Thema „Gene und Gesellschaft“ auf die Bühne des zakk.

Ingeborg Nödingers Matinee über die scharfsinnig-witzige Autorin Irmgard Keun wurde wegen großen Erfolgs schon zwei Mal wiederholt, auch Clara Zetkin und Simone de Beauvoir kamen mehrfach zu Ehren. Diese und andere starke Frauen wurden von Florence Hervé präsentiert, die auch ihre Bücher, zuletzt „Wasserfrauen“, im Salon vorstellte.

Zu den langjährigen Mitwirkenden kommen immer wieder frische Kräfte, etwa die Schweizerin Martina Kuoni, die Matineen über Robert Walser und Frank Wedekind moderierte, oder Verena und Mathias Meis, die mit ihrem multimedialen Einsatz u.a. zu Thomas Bernhard und „Floh de Cologne“ bestachen.

Ein Star des Heinrich-Heine-Salons ist Rolf Becker. Der Schauspieler begeisterte zuletzt mit einem Heine-Programm die Besucher*innen im zakk – im Dezember 2018 wird er mit seiner Rezitation die literarischen Qualitäten von Karl Marx herauskitzeln. Unvergessen ist seine Rezitation von Mikis Theodorakis im Juni 2015, als er gemeinsam mit dem Musiker Gerhart Folkerts und der Sängerin Julia Schilinksi auf der Bühne des vollbesetzten zakks stand. Überhaupt ist die Musik ein wichtiger Bestandteil unserer Matineen: regelmäßig wirkt Rainald Schückens mit Klarinette oder Altsaxophon mit, ebenso die Schlagzeuger Mickey Neher und Peter Thoms.

Dann gibt es noch die Mitstreiter, ohne die der Heinrich-Heine-Salon nicht existieren könnte: Christine Brinkmann, Heike Billhardt sowie die Techniker und „Frühstücksköche“ vom zakk, die Freunde von BiBaBuZe, einer Buchhandlung, die nicht einfach Bestseller abverkauft, sondern Wert legt auf ein erlesenes und handverlesenes Sortiment. Und so versteht sich auch der Heinrich-Heine-Salon: nicht um trendige Promis geht es uns, sondern um Autor*innen, die sich mit ihrem Werk den unheilvollen Entwicklungen entgegenstemmten und - stemmen.

2018 werden zwei engagierte Persönlichkeiten vorgestellt, die unter dem Faschismus zu leiden hatten und den antifaschistischen Kräften eine Stimme gaben: Im März geht es um die italienische Schriftstellerin Natalia Ginzburg, vorgestellt von der Kulturjournalistin Eva Pfister in Kooperation mit der VVN-BdA und mit „Wir Frauen“. Und im Juni wird Werner Jocks den Autor Klaus Mann präsentieren, der in der Exilliteratur eine große Rolle spielte und das Leben in der Emigration auch zum Thema in seinen Büchern machte. Ein letzter großer Dank gilt der Unterstützung unserer fast 100 Mitglieder und dem Kulturamt Düsseldorf, das uns jedes Jahr einen Zuschuss gewährt.

Der Heinrich Heine Salon e.V.


Die Matineen des Heine-Salons finden jeweils am Sonntag um 11 Uhr im zakk statt. Einlass 10.45 Uhr, Eintritt 10.-/5.- (Düsselpass) inklusive Frühstück.

Weitere Informationen – auch bei Interesse an einer Mitgliedschaft – auf der Homepage: http://heinrich-heine-salon.de