Schlachtfeld der Deutungshoheiten

Zwei australische Wissenschaftler fassen in einem schmalen Buch die Vorwärts- und Rückwärtsrollen der globalen Queer-Bewegungen zusammen. Sie stellen fest: kaum etwas polarisiert so stark wie Einstellungen zu Sexualität.

2018 wird die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte 70 Jahre alt. Dass auch sexuelle Selbstbestimmung ein universelles Menschenrecht sein könnte, stand bei den damaligen Aushandlungen nicht zur Debatte. Erst in den 1990er Jahren wurden Aspekte der Sexualität explizit in die Diskussionen einbezogen. Damals wie heute senden die Menschenrechte ein wesentliches Signal für die Anerkennung homosexueller und queerer Lebensweisen. Sie sind globales Verständigungsmittel und Diskussionsgrundlage für politische Forderungen. Dennoch, so Dennis Altmann und Jonathan Symons, bieten sie in lokalen Kontexten nur bedingt Schutz vor rechtlicher, politischer und physischer Verfolgung. Die beiden Autoren proklamieren in ihrer Analyse „Queer Wars. Erfolge und Bedrohungen einer globalen Bewegung“, dass das Ins-Spiel-Bringen von Universalismen wie den Menschenrechten mitunter sogar einen gegenteiligen Effekt haben kann. So gehe der Versuch, sexuelle Selbstbestimmung in autoritären Regimes unbedingt durchzusetzen, aller Erfahrung nach auf Kosten der Sicherheit und Unversehrtheit der betroffenen Personen und Organisationen vor Ort.

Globalisierung der Homophobie

Altmann und Symons zeichnen in ihrem kurzweiligen Buch insbesondere rechtliche Errungenschaften von der Straffreiheit homosexueller Lebensformen bis zur Ehe für alle nach. In einer bemerkenswert globalen und postkolonialen Perspektive haben die beiden australischen Wissenschaftler dabei die auf eine schreckliche Weise faszinierenden Rollbacks im Blick: Trotz zeitgleicher Liberalisierung nimmt vielerorts die Repression zu, auch die Homophobie globalisiert sich! Altmann und Symons sprechen dabei oft von „politischer Homophobie“, die von politischen oder religiösen Führungsschichten strategisch eingesetzt wird, um ihre Macht zu konsolidieren. In Russland beispielsweise wird homophobe Rhetorik auch dazu genutzt, eine Alternative zu „westlichen“ Moralvorstellungen zu entwerfen. Putin und den Gottergebenen ist dabei besonders wichtig, sich auf die „eigene“ nationale Tradition zu besinnen. Ähnliche Strategien, bei denen es darum geht, sich mit Hilfe der Krücke Homophobie vom Westen abzugrenzen, werden überall auf dem Globus gefahren. Frappierend ist, wie stark die Abwehr von Homosexualität mit der Angst vor Entmännlichung verknüpft zu sein scheint. Männlichkeit, so das homophobe Schreckensszenario, werde unterminiert, die „natürlichen“ Familiengefüge zerstört, Krankheiten verbreitet, der Staat dem Untergang geweiht. Auch wenn der Aspekt aufgrund des globalhistorischen rechtlichen Fokus bei den Autoren leider nur angerissen wird, ist er keinesfalls vernachlässigenswert: heterosexuelle Männlichkeit ist offenbar nach wie vor ein mit allen Mitteln zu verteidigendes Gut, das mit Repression, Folter und Mord durchzusetzen versucht wird.

Eine Glaubensfrage

Schnell wird deutlich, warum die Autoren den so drastischen Titel „Queer Wars“ für ihr Buch gewählt haben: Die unterschiedlichen Einstellungen zu Sexualität – und in der Folge der Umgang mit Minderheiten – hinterlassen tiefe Gräben zwischen Staaten, innerhalb eines Staates oder auch innerhalb einer Community. Das Gewinnende an der Analyse der beiden Wissenschaftler ist hierbei, dass sie Staaten mit hohem Grad der (augenscheinlichen) Liberalisierung nicht gegen solche mit hohem Grad der Repression ausspielen. Sie kritisieren vehement Länder wie Uganda, in denen sich Homosexuelle in ständiger Lebensgefahr befinden. Ohne Kulturrelativismus zu betreiben, fächern sie jedoch auch die Komplexitäten auf: Westliche LGBTIQ-Aktivist*innen und Staatsoberhäupter nutzen „Freiheit und Demokratie“ als Motive, um nicht westlichen Ländern und Menschengruppen ihre Liberalisierungsagenda aufzudrücken. In nicht-westlichen Ländern werden solche als „paternalistische Zivilisierungsmission“ verstanden. Die Autoren machen immer wieder auf das koloniale Erbe vieler nicht-westlicher Länder aufmerksam und referieren die Ängste der Akteur*innen vor Ort, die befürchten, durch einen neuerlichen kulturellen Imperialismus ihre lokalen Identitäten einzubüßen. In westlichen Ländern betreiben homosexuelle und queere Bewegungen eine starke Identitätspolitik. Das „Coming-Out“ ist bei diesen Identitätsentwürfen ein zentrales Moment, die Zugehörigkeit zu einer Community mit gleichen Identitätsbegriffen erscheint wesentlich. In vielen nicht-westlichen Ländern hingegen ist das Coming-Out keine Option – es geht ums bloße Überleben. Angesichts dessen prangern die Autoren die Arroganz mancher westlicher Aktivist*innen und queerer Kampagnen an, die die Realitäten der Betroffenen vor Ort ignorieren. Der Appell ist deutlich: Es gibt viele Wege zur Befreiung! Der Kampf gegen Homophobie muss nicht immer in die Ehe für alle münden, der Weg der individuellen Emanzipation muss nicht über ein klassisches Coming Out erfolgen. Wo bei westlichen Aktivist*innen mit den Worten „national“ und „Tradition“ gleich das innere Martinshorn losschrillt, berufen sich viele nicht-westliche Aktivist*innen gerade auf lokale Traditionen, etwa auf die Hijra (transgender in Südasien), in denen queere Elemente ihren Ausdruck finden. Pikanterweise setzen einige nicht-westliche Aktivist*innen im Ringen um Anerkennung sogar die Strategie ein, Homophobie als westlichen Import zu klassifizieren, durch welchen die vormals sexuelle Vielfältigkeit ihrer indigenen Kultur verschüttet wurde.

Befreiung durch den Markt

Die Analyse von Symons und Altmann macht einerseits Hoffnung: Die Entwicklung der queeren Bewegung seit den 1970er Jahren erscheint als eine Erfolgsgeschichte. Andererseits stimmen die diagnostizierten Zusammenschlüsse konservativer und repressiver Kräfte, die überall auf der Welt mit allen Mitteln versuchen, Sexualität in eine eindimensionale Richtung zu regulieren, mehr als nachdenklich. Oftmals erscheinen Kämpfe um Befreiung und Liberalisierung als ein einziges Taktieren: mit sexueller Freiheit wird Politik gemacht, im Kleinen und im Großen, das hat manchmal erpresserische Züge. Die Wissenschaftler berichten von Beispielen aus der Entwicklungspolitik, in denen Hilfsgelder nur unter bestimmten Bedingungen an die Nehmerländer fließen. (Projekte im Kampf gegen AIDS eignen sich nach Einschätzung der Autoren allerdings wiederrum gut, um die Akzeptanz von sexuellen Minderheiten zu fördern.)

Die „Erfolgsgeschichte“ hinterlässt in Sachen „Kapitalismus“ außerdem einen bitteren Beigeschmack: die Autoren erzählen (leider arg unkritisch) davon, dass die queere Bewegung immer auch Märkte schuf und über die Kommerzialisierung – und gleichzeitige Entpolitisierung – gesellschaftlich anerkannter wurde, queere Lebensweisen also durch die Integration in ein alltagskapitalistisches Zahnrad stückweise normalisiert wurden. Das ist gut für die einzelnen Protagonist*innen! Eine Wanderausstellung zeigt derzeit beispielsweise, dass es für Banken, nicht gerade unbelastete Häuser wie Bayer oder E.ON sowie Consulting-Firmen völlig selbstverständlich ist, LGBTIQ-Anliegen zu unterstützen: Sie beteiligen sich an „WE ARE PART OF CULTURE“, einer Ausstellung, die gleichgeschlechtliches Begehren sichtbarmachen, die Protagonist*innen aus der Opfer-Ecke rausholen möchte und vom 6. bis 18. März im Düsseldorfer Hauptbahnhof zu sehen ist. Wenn die Alternative zu Ignoranz, Diskriminierung und Verfolgung nun leider Kapitalismus und Allianz mit Marktplayern ist, bitteschön. Zudem, das ist klar, sind homosexuell und queer lebende Menschen immer noch heftigen Alltagsdiskriminierungen ausgesetzt. Die Frage, warum der Kampf um Gerechtigkeit ab einem bestimmten Punkt denn eigentlich so oft vom Markt einverleibt wird, sollte aber doch erlaubt sein.


Dennis Altman, Jonathan Symons: Queer Wars. Erfolge und Bedrohungen einer globalen Bewegung. 2017, 160 Seiten, ca. 18,– Euro