Der Erniedrigte soll dankbar sein

Das Düsseldorfer Schauspielhaus bringt in der aktuellen Spielzeit William Shakespeares „Kaufmann von Venedig“ auf die Bühne des „Central“. Ensemble und Regie zeigen, wie ein vieldeutiges Theaterstück mehr sein kann als kulturelle Gymnastik. Eine Theaterempfehlung

„Könnt Ihr mir helfen? Wollt Ihr mir gefällig sein?“ Mit diesen Worten bittet der Edelmann Bassanio den Pfandleiher Shylock um Geld. Er pumpt ihn um 3.000 Dukaten an, bittet um einen Kredit mit Laufzeit von drei Monaten. Bassanio braucht das Geld, um im fernen Belmont die jüngst verwaiste, adelige Erbin Portia zu freien. Er will zu ihr reisen und sie für sich gewinnen, sie, die schon der halben Welt von Freiern einen Korb gab, weil sie es sich leisten kann. Denn Portia ist reich. Und sie ist schön. So reich und schön, dass ihr Vater noch vor seinem Tod verfügt hat, dass seine Tochter nur heiraten kann, wer ein Rätsel löst. Portia ist also mehr als sie selbst. Sie ist eine Trophäe.

Bassanio, der Lebemann, glaubt, Portia zu verehren, ehrt aber vor allem wohl ihr Vermögen, das ihm und seiner vergnügungsbewussten Entourage gut zupasskommen würde. Denn er selbst, Bassanio, hat nichts. Keine Rücklagen, keine reiche Familie, keine Einkünfte. Dennoch großspurig aufzutreten ist für Bassanio jedoch das kleinste Problem. Er kann es sich leisten. Denn er hat einen Freund – Antonio, den reichen Kaufmann von Venedig. Bassanio ist also weniger als er selbst. Er ist ein Ausgehaltener, ein Verehrter.

Seinen Verehrer, den Kaufmann Antonio, kann Bassanio überzeugen, für ihn bei Shylock, dem Pfandleiher von Venedig zu bürgen. Denn Antonio liebt den Jüngeren, begehrt ihn, glaubt, ihn durch die finanzielle Abhängigkeit zu binden, sich selbst als freigebigen wie treuen Freund unentbehrlich zu machen für die Zeit, in der Bassanio in seiner Schuld steht. Antonio weiß, wie es sich anfühlt, wenn andere von ihm abhängig sind. Denn er ist: „Der Kaufmann von Venedig“. Er ist Kapitalist. Ein Besitzender, der sich alles kaufen kann. Zuneigung zum Beispiel. Sein Geld gibt ihm Macht. Liebe indes muss er sich leisten. So ist der reiche Antonio nie er selbst. Er ist einsam und unglücklich liebend.

Der professionelle Leihgeber Shylock schließlich tut, was er immer tut, wenn er um „Hilfe“ gebeten wird. Er wiegt ab, wie schwergewichtig der Bürge ist. Er misst ihn nicht daran, was er ist. Er misst ihn daran, was er hat. Wie Antonio ist Shylock ein gewiefter Kaufmann. Wie der Kaufmann kennt Shylock die Unwägbarkeiten, mit denen ein Kapitalist umgehen können muss: Wer etwas gewinnen will, muss etwas riskieren. Am Ende jedoch wird Shylock alles verlieren. Denn weder Spekulationen noch Pech kann er sich leisten. Shylock ist also immer nur genau er selbst, wird immer als exakt er selbst gesehen. Shylock ist Jude.

Wer weiß, was Hass kostet?

Die Konstellation ist vielsagend. Dreien liegt die Welt zu Füßen; einer muss sie sich mit Gewalt nehmen, wenn er sie haben will. Der Preis, den er dafür zu zahlen haben wird, ist hoch. Das Stück nimmt seinen Lauf:

Für den Kredit verlangt Shylock keinen Zins. Denn dass Antonio für dessen geliebten Bassanio bürgt, gibt dem Verleiher ein viel kostbareres Kapital in die Hand, als es ein Zinssatz jemals sein könnte: Die Macht, sich selbst zu erheben. Denn der Jude Shylock mag den Kaufmann nicht – Antonio macht ihm das Geschäft kaputt. Auch der Kaufmann von Venedig verleiht ab und an Geld – an Bassanio zum Beispiel, der bei Antonio bereits ordentlich in der Kreide steht, jedoch zinsfrei die Rückzahlung immer wieder verschiebt.

Doch Antonio ist nicht nur Shylocks Konkurrent. Er ist auch dessen Peiniger. Wie andere Christen demütigt Antonio den Juden täglich, verspottet ihn öffentlich, greift ihn an, verhöhnt ihn. Nun aber, da Antonio etwas von Shylock will, wittert dieser die Gelegenheit, dem Christen zurückzugeben, was er an ihm so hasst – den Hass.

Shylock: „Nun kommt Ihr zu mir und Ihr sprecht: ‚Shylock wir wünschen Gelder‘. So sprecht Ihr, der Ihr mir den Auswurf auf den Bart geleert, und mich getreten habt, wie Ihr von der Schwelle den fremden Hund stoßt; Geld ist Euer Begehren. Wie sollt ich sprechen nun? Sollt ich nicht sprechen: ‚Hat ein Hund Geld? Ist's möglich, daß ein Spitz dreitausend Dukaten leihn kann?‘ Oder soll ich mich bücken und in eines Schuldners Ton demütig wispernd, mit verhaltnem Odem, so sprechen: ‚Schöner Herr, am letzten Mittwoch spiet Ihr mich an; Ihr tratet mich den Tag; Ein andermal hießt Ihr mich einen Hund; Für diese Höflichkeiten will ich Euch die und die Gelder leihn.‘“

Shylocks Zynismus weiß Antonio jedoch zu parieren, wie es nur jemand kann, der im Überlegensein Übung hat: Er, Antonio würde ihn, den Juden, jederzeit wieder einen Hund nennen, ihn wieder mit Füßen treten, ihn wieder bespucken. Wenn Shylock ihm das Geld leihe, leihe er es nicht einem Freund. Nein, er leihe es dem Feind, ihm, Antonio.

Shylock schlägt ein, unter einer Bedingung: Wenn Bassanio das Geld nicht binnen dreier Monate zurückzahlt, steht ihm – so fordert Shylock – ein Pfund Fleisch aus der Brust des Kaufmanns zu. Fleisch, das Shylock Antonio persönlich dem Herzen am nächsten aus dem Leib schneiden wird, wenn die Christen dem Juden die 3.000 Dukaten säumig bleiben. Antonios Fleisch ist mehr als ein Pfand – es herauszuschneiden sieht Shylock auch als seine Rache an für alle Demütigungen, Peinigungen und alle Gewalt, die ihm von Antonio dem Judenhasser, von den Christen, angetan wurden.

Wer darf ungestraft hassen?

Es kommt, wie es kommen muss. Bassanio kann zwar die reiche Portia in Belmont erfolgreich freien, er vergisst bei ihr am Hofe jedoch die Frist zur Rückzahlung der 3.000 Dukaten. Erst als ein Brief von Antonio aus Venedig eintrifft, dass die Rückzahlung an Shylock aussteht, reist Bassanio zurück in die Lagunen-Stadt. Im Gepäck das Vermögen seiner neuen Ehefrau Portia, die dem säumigen Schuldner Bassanio das bei Shylock geliehene Geld wie erwartet zur Rückzahlung zur Verfügung gestellt hat. Als Bassanio in Venedig eintrifft, ist es jedoch zu spät. Shylock fordert sein Pfand – das Fleisch aus Antonios Brust.

Hier gießt Shakespeare die Entwicklung seines Stückes in den berühmt gewordenen Monolog, mit dem Shylock den Christen alle Verlogenheit ihrer doppelten moralischen Standards vor die Füße schmeißt: „Er hat mich beschimpft“, erinnert sich Shylock daran, wie er erniedrigt wurde, bevor und obwohl man ihn um Hilfe bitten musste: „Er hat meinen Verlust belacht, meinen Gewinn bespottet, mein Volk geschmäht [...]. Aus welchem Grund?“ Die Frage ist suggestiv. Shylock weiß die Antwort selbst: Weil er ein Jude ist.

Shylock weiß zugleich längst, wo sich Christen und Juden ihrem Menschsein nach ähnlich sind, wo es keine Unterschiede gibt: „Hat nicht ein Jude Augen? Hat nicht ein Jude Hände, Gliedmaßen, Werkzeuge, Sinne, Neigungen, Leidenschaften? Mit derselben Speise genährt, mit denselben Waffen verletzt, denselben Krankheiten unterworfen, mit denselben Mitteln geheilt, gewärmt und gekältet von eben dem Winter und Sommer als ein Christ? Wenn ihr uns stecht, bluten wir nicht? Wenn ihr uns kitzelt, lachen wir nicht? Wenn ihr uns vergiftet, sterben wir nicht?“

Aber einen Unterschied zwischen Christen und Juden, den gibt es doch. Den diktiert die Mehrheit, die Welt der christlichen „Kaufmänner“: Aus Hass leihen, das darf der Jude. Sich aber wehren, sich selbst ermächtigen, wenn er gedemütigt wird, das darf der Jude nicht. Erst recht wo es um Genugtuung geht, steht ihm kein Ausgleich zu. Wo Shylock fragt: „Und wenn ihr uns beleidigt, sollen wir uns nicht rächen?“ lautet die Antwort der Christen: Nein. Denn, so Antonio im Finale des Stückes: Wo der Jude auch allen Grund hätte, Rache zu üben, „so muss der Jude gnädig sein.“

Shylock besteht auf seiner Forderung, verlangt das Fleisch Antonios. Doch durch einen Trick der Christen wird Shylock um sein Pfand gebracht. Es stehe ihm nicht zu, heißt es plötzlich. Wo Antonio gerade noch mit entblößter Brust und angstverzerrter Miene beinahe schon Shylocks Messer spürte, kreischt die ganze Christen-Mehrheit nun selbstverliebt und triumphierend auf, als ihr klar wird, dass sie Shylock doch noch einmal über den Tisch gezogen hat. Shylock ist der Betrogene, geht leer aus, ist wieder der Verlachte. Die Christen haben ihm den Hut vom Kopf gerissen, die Kippa wird ihm auch noch abgenommen, sein Hals liegt auf der Kante des Bühnenrandes wie auf dem Schafott. Die Christen tanzen – feiern ihre Cleverness, am Ende der allzu dreisten Forderung des Juden ausgewichen zu sein. Shylock wird nicht bekommen, was sie mit ihm vereinbart hatten.

Hassen darf, wer Gründe hat?

Roger Vontobel, der seit dieser Spielzeit Hausregisseur am Schauspielhaus Düsseldorf ist, hat ‚seinem‘ „Kaufmann von Venedig“ eben genau diese Differenziertheit gegeben. Das Stück, das in seiner Aufführungsgeschichte seit der ersten Aufführung um 1600 immer mal wieder und besonders gerne von den Nationalsozialisten an NS-deutschen Bühnen als antisemitisches Schauspiel par excellence inszeniert worden ist, ist bei Vontobel mehr als vielschichtig. Es bietet nämlich gerade nicht jene entgegengesetzte Interpretation an, die nach 1945 so häufig mit Shakespeares „Kaufmann“ auf die Bühne gebracht worden ist: Oft, lesen wir in den Feuilletons, wird „Der Kaufmann von Venedig“ heute voller Mitleid für den Juden inszeniert. Shylock scheint als Figur des übervorteilten Juden das Opfer, der über den Tisch Gezogene, der Beleidigte zu sein, für den es Partei zu ergreifen gilt. Genau das funktioniert aber in Düsseldorf bei der hiesigen Inszenierung nicht. Es ist nicht möglich, sich hinter Shylock zu stellen – weder in Mitleid, noch in kämpferisch solidarischer Sympathie. Für diese kaum zu benennende Umwucht, die es unmöglich macht, sich hier oder dort ‚anzufreunden‘ mit einer der Figuren, sorgen auch die hervorragenden Schauspieler*innen. Sie alle hauchen den Figuren Heißblut, Hass, Leidenschaft, Verachtung, Zorn, Hintertriebenheit, Geldgier, Heimtücke, Verzweiflung und Überheblichkeit ein – ganz gleich, ob es Antonio der „Kaufmann“ ist (ein großartiger Andreas Grothgar, der in seinem präzisen Sprechen und mit seiner klaren Stimme die Unverfrorenheit Antonios auf den Punkt bringt), Portia (Minna Wündrich, die Portia in ihren Wendungen großartig herausspielt) oder Shylock, gespielt von Burghart Klaußner, der ihn kraftvoll, zerbrechlich, selbstermächtigt und zertreten zugleich zeichnet. Bis in die Nebenfiguren hinein ist die Besetzung stark – geprägt von der Bruchhaftigkeit der Figuren in der Interpretation der Regie: Nichts ist einfach, dort wo Hass und Verachtung regieren. Noch weniger einfach wird es, wo eine der Seiten ein Privileg darauf hat, zu hassen und zu verachten, ohne dafür moralisch zur Rechenschaft gezogen oder belastet zu werden. Dort, wo die andere Seite jedoch immer dann sofort als boshaft und hintertrieben wahrgenommen wird, wenn sie auch nur an Rache denkt für all das, was ihr angetan wurde.

Die Waagschale, mit der Recht und Moral gemessen werden, ist in Vontobels „Kaufmann“ auf das Beste geeicht. Vontobel zwingt die Zuschauer*innen, sich zu entscheiden. Wie sie den Juden wahrnehmen, wie sie die Christen wahrnehmen – das ist keine Frage der Bewertung ihres Handelns. Das ist eine Frage des Urteils darüber, wie sie sich rechtfertigen und wie einnehmend sie sein können. Wer den Diskurs beherrscht, hat die Moral auf seiner Seite. Hier schenkt Vontobel dem Publikum nichts. Er präsentiert keine Gewichtung, entscheidet nicht für mich, ob ich den Juden nun mit Abneigung betrachte, weil er (wenn auch zu Recht) eiskalt und unnachgiebig nach Rache sinnt. Oder ob ich den Kaufmann Antonio und seinen Klüngel missbilligen soll, weil sie tun, was sie immer tun: Verachten, erniedrigen beleidigen.

Lehren über den Hass?

Es geht nicht um den Juden in Shakespearse Stück. Der „Kaufmann von Venedig“, der Titelgeber von William Shakespeares Drama, hieß schon „The merchant of Venice“ – und eben nicht „Shylock, der Jude“ –, als es vermutlich kurz vor Ende des 16. Jahrhunderts in London uraufgeführt wurde. Es geht um den „Kaufmann“, der Kapitalist ist, Antisemit und Rassist. Um einen Mann, eine Struktur eigentlich, die all das Kapital der Privilegiertheit in sich vereint. Hier ist Shakespeares Stück das Kind seiner Entstehungszeit – des elisabethanischen England, der Zeit, als Juden und Jüdinnen dort nur im Verborgenen ihre Religion pflegen konnten. Sie waren nicht geduldet als jüdische Bürger*innen der britischen Insel. Konversion oder Auswanderung waren die Alternative, vor die das Königreich sie stellte. Sie, die in überwiegender Zahl gerade erst aus Spanien, aus Granada und Umgebung nach England gekommen waren, weil sie aus Europas Süden vertrieben wurden, verließen die Insel schnell wieder. Bis zu 20.000 Menschen gingen, manche indes blieben, pflegten versteckt ihre Religion und durften unter Umständen bleiben, auch wenn sie entdeckt wurden – sofern sie nützlich waren. Wie Rodrigo Lopez. Seit 1586 war er der Leibarzt der Königin Elisabeth I. Lopez, der Jude aus Portugal, konnte sich aber allein deshalb an dieser Stelle etablieren, weil er Elisabeths Geheimdienstchef Francis Walsingham zu Diensten, also: nützlich war. Kaum starb Walsingham, der den Juden brauchte und schützte, waren Lopez‘ Stunden jedoch gezählt: Als Jude, dem bald der Vorwurf gemacht wurde, die Königin heimtückisch mit Giftmord bedroht zu haben, aber mit 50.000 Kronen Bestechungsgeld in Schach gehalten worden zu sein, wird er hingerichtet. Es wird behauptet, er sei Teil eines Terrorplans der spanischen Krone gegen das Königshaus England. Die Hinrichtung ist ein Schauspiel. Als Lopez‘ Körper ertränkt und gevierteilt wird, grölt das Volk.

In dieser Zeit schreibt William Shakespeare den „Kaufmann von Venedig“. Wir wissen nicht, ob er ein antisemitisches Stück für eine antisemitische Gesellschaft geschrieben hat. Oder ob er nicht doch eher ein Stück über den Hass gegen Juden auf die Bühne gebracht hat, mit dem er einer Gesellschaft, die Juden und Jüdinnen ausgrenzte, einen Spiegel vorhielt. Ein Stück über den Juden Shylock, dem das Recht zu Hassen verwehrt wurde, weil ihm nicht einmal in dieser Gefühlsregung, in dieser Menschlichkeit erlaubt wird, ein Mensch zu sein wie jede*r andere.

Gerade in dieser Offenheit liegt das Stück von jeher und bis heute in den Händen derer, die es inszenieren. Sie haben die große Aufgabe, in ihrer Darstellung, mit den richtigen Schauspieler*innen und ihrem Spiel zu erzählen und Wege zu weisen, wo Shakespeares Text uneindeutig bleibt. Wer als Zuschauer*in dabei an die Hand genommen werden muss, den oder die wird Vontobels „Kaufmann von Venedig“ enttäuschen. Kritiker*innen der Düsseldorfer Aufführung haben dem Regisseur bereits vorgeworfen, keine „Haltung“ auf die Bühne zu bringen. Wer es aber wichtig und mehr als nur kulturell reizvoll findet, sich im Theater eine eigene Meinung zu bilden, wird bei Vontobel und dem Düsseldorfer „Kaufmann von Venedig“ fündig. Denn nichts ist weniger schwarz und weiß, als das Nachdenken über Gerechtigkeit.

Die nächsten Aufführungen sind am Donnerstag, den 5.4.2018 sowie Donnerstag, den 12.04.2018 (jeweils um 19.30 Uhr). Weitere Aufführungen sind für Mai und Juni geplant, informieren könnt Ihr Euch auf der Homepage des Düsseldorfer Schauspielhauses unter: https://dhaus.de.