Ein Hoch auf den gelben Schein

Auch die Bettlägerigkeit will produktiv genutzt sein: Empfehlungen aus der Terz-Apotheke bei Schnupfen, Kopf- und Gliederschmerzen.

Eine Vorliebe für Bücher kann bedenkliche Wendungen nehmen. Zum einen wäre da das Platzproblem. Bücher, die nicht mehr in die Regale passen, werden gestapelt. Das geht eine Weile gut, dann ist irgendwann Obacht geboten: die so entstandenen Türme können einstürzen, scharfkantige Hardcover-Ecken empfindliche Körperteile treffen. In der Regel werden diese Türme außerdem nur langsam abgetragen oder wachsen im Gegenteil sogar kontinuierlich weiter an. Zum anderen kann sich durchaus ein psychologisches Problem entwickeln. Die Endlichkeit menschlicher Existenz wird angesichts der Stapel und Türme ständig leidvoll vor Augen geführt: Niemals wirst Du in Deiner Lebenszeit all das lesen können, was Du zu lesen begehrst! Entweder hast Du keine Zeit, keinen Bock oder bist zu müde, Du geknechtetes Wesen! Ein Glücksfall für diese Pein ist die jährliche Grippe- und Erkältungswelle. Ein, zwei Wochen Krankschreibung bewirken wahre Wunder: hat sich das Matschhirn soweit in der neuen Situation akklimatisiert, kann behutsam Lektüre nachgeholt werden. Freund*innen, Familienmitglieder, Polit-Kompagnons wollen eine*n eh nicht sehen, weil sie ihrerseits die fiese Sache eben erst überstanden haben oder sich in der irrsinnigen Vorstellung einrichten, dieses Jahr ungeschoren davonzukommen. So kann jedenfalls ohne schlechtes Gewissen und ohne bessere Alternative stunden-, ja tagelang gelesen werden!! Am besten mit gut verdaulichen Romanen beginnen!

Tag 3 nach Ausbruch: sanft starten

„Exit West“ von Moshin Hamid zum Beispiel liest sich auch mit benebeltem Geist und laufender Nase locker runter. Zwei junge Menschen, Nadia und Saeed, lernen sich in einem Land, das kurz vor einem Krieg steht, kennen und beschließen dann, als der Krieg richtig ausbricht, gemeinsam das Weite zu suchen. Es geht also um aktuelle bzw. zeitlose Themen wie Flucht, Migration, Ankunft in fremden Ländern, die eine*n nicht willkommen heißen. Moshin Hamid erzählt das ohne größere Dramaturgie, nüchtern platziert er seine beiden Charaktere in Situationen, in denen dann das Eine kausal auf das Nächste folgt. Dabei hat er die simple, aber schöne Fantasie gehabt, Nadia und Saeed einfach durch „Türen“ gehen zu lassen, die sie in eine andere Welt, vielleicht in eine bessere?, führen. Ohne fiktive und poetische Spielereien kommt hingegen „Außer Sich“ von Sasha Marianna Salzmann daher. Hierfür sollte der Höhepunkt der Grippe schon überschritten sein, weil die Geschichte nicht stringent erzählt ist, sondern mit allerlei Einschüben, Rückblenden und Ortswechseln jongliert. Es geht um Alissa, die ihre bessere Hälfte, ihren (fast) spurlos verschwundenen Zwillingsbruder Anton in Istanbul sucht. Die beiden kommen aus einer jüdischen russischen Familie, deren Geschichte ebenfalls im Buch erzählt wird. Tja, sehr spannend! Aber vielleicht ein bisschen zu vollgepackt mit Identitäts- und Geschlechtskonfusion, trüben Generationenkonflikten (der Vater hat natürlich ein Alkoholproblem, Gewalt, Antisemitismus, Enttäuschungen und Perspektivlosigkeit des nachsowjetischen Lebens sind auch mit dabei ...). Ein Tapetenwechsel muss es deswegen nach „Außer sich“ unbedingt sein: die Glieder sind bereit, sich erstmalig aus der Horizontalen zu begeben! Zwar ist es draußen weiterhin eisig, aber die Sonne scheint und dieses Vitamin D, von dem jetzt immer alle reden, soll ja so gut sein für ... Dinge. Eine kleine Runde durch den Volksgarten drehen – es geht bergauf.

Tag 5: leichte Steigerungen

Im Anschluss kann nun ein (fast) Fünfhunderter erklommen werden: „Sand“ von Wolfgang Herrndorf, der ja mit „Tschick“ recht bekannt wurde, jedoch immer stärker unter seinem Hirntumor litt und sich deshalb 2013 für den Freitod entschied. Die Story ist undurchsichtig: wir befinden uns in der Wüste und in wüstennahen Städten in einem nordafrikanischen Staat; ein Mann hat aus irgendwelchen Gründen einen demolierten Kopf und sein Gedächtnis verloren; in einer Hippie-Kiff-Kommune werden Leute erschossen, irgendwelche anderen Leute suchen 007-mäßig einen Gegenstand, bei dem bis zuletzt nicht richtig klar wird, warum Agent*innen aller Länder hinter ihm her sind ... sehr unterhaltsam. Das einzige, was wirklich nervt, sind die Wiederholungen rassistischer Klischees. Auch wenn Herrndorf das in literarischer Absicht einsetzt, vielleicht sogar um das Grausame solch rassistischer Äußerungen hervorzubringen, ist es einfach nur ätzend, Beschimpfungen gegen „den Araber“ so wiederholt lesen zu müssen. Der Rückfall lässt nicht auf sich warten. War es das Vitamin D oder das Gewicht von „Sand“, das den erneuten Schwächezustand provoziert hat? Nun muss wieder etwas leicht Konsumierbares eingeschoben werden. Was mit Bildern! Ein Graphic Novel! In „Fun Home - eine Familie von Gezeichneten“ bebildert Alison Bechdel ihr Heranwachsen in einer neurotischen Familie, die nebenberuflich in Sachen Bestattungen (deswegen „Fun Home“) unterwegs ist. Bechdel zeichnet sehr witzig (oft aber auch tragisch) auf, wie sie irgendwann auf dem College merkt, dass sie lesbisch ist und nach ihrem Coming-Out von ihrer Mutter erfährt, dass ihr (mit ihrer Mutter verheirateter) Vater wohl schwul ist. Weil ihr Vater kurz darauf stirbt – vermutlich Selbstmord – rekapituliert Bechdel die Beziehung zu ihrem Vater in weiten Abschweifungen zu Literatur und Kunst – ganze Inhaltsangaben finden sich da zu den Werken in Sprech- und Gedankenblasen der Zeichnungen. Sehr praktisch, muss man diese Bücher schon mal nicht mehr selbst lesen.

Tag 8: Abgeklungen und auskuriert

Das erneute Grippetief scheint überwunden, die End-Gegnerin kann ins Auge gefasst werden: Margaret Atwood. Nicht, dass „A Handmaid’s Tale“ (auf Deutsch so unglücklich: „Der Report der Magd“) besonders anspruchsvoll wäre – die Sprache ist simpel, die Story im Grunde auch – aber die 1985 veröffentlichte Dystopie macht so richtig schlechte Laune. Atwood begann die Arbeit an ihrem Roman 1984 in Westdeutschland, auf einer gemieteten Schreibmaschine. Die unmittelbare Umgebung damals prägte offensichtlich ihren Roman: die Mauer, ihre Besuche in der Tschechoslowakei und in Ostberlin, wo sie eine Atmosphäre der Repression und des Überwacht-Werdens verspürte. Zusätzlich, das verriet sie in der New York Times, sei sie, die im Zweiten Weltkrieg heranwuchs, sich stets bewusst, dass bisherige Ordnungen und Errungenschaften über Nacht verschwinden können. Auch das fließe in ihre Werke mit ein. In „A Handmaid’s Tale“ geht es um ein solches Verschwinden von individueller Freiheit und demokratischen Rechten. Wegen einer toxischen Umwelt sind die meisten Männer zeugungsunfähig. Sie langweiligen sich und errichten die ultimative patriarchale Theokratie. Die wenigen Frauen, die noch gesunde Kinder zur Welt bringen können, werden als Gebärmaschinen in den Häusern der „Commander“ gehalten. Dafür büßen sie auch ihre Namen ein, die zugunsten einer patronymen Besitzbezeichnung getilgt werden: Lebt eine Frau im Hause des Commanders Fred, heisst sie „Offred“, lebt sie später im Hause des Commanders Warren „Ofwarren“. Liebesbeziehungen gibt es nicht mehr, Bücher und Musik sowieso nicht. Männer und Frauen konzentrieren sich ganz auf’s Frömmeln, Heucheln und Nicht-Auffallen. Packendes Buch. Aber so deprimierend. Da ist die Grippe-Überlebende, die die letzten Tage so von der Außenwelt isoliert war, glücklich, sich endlich wieder ihrer doch vergleichsweise ganz okayen Realität zuzuwenden! Sogar das sehr reale Gewäsch „unseres“ neuen Heimatministers wird tiefenentspannt mit der Schulter weggezuckt. Nicht das Schlechteste, so eine Grippe.


Moshin Hamid: Exit West. 2017, 224 S.

Sasha Marianna Salzmann: Außer Sich. 2017, 366 S.

Alison Bechdel: Fun Home - Eine Familie von Gezeichneten. 2008, 240 S.

Wolfgang Herrndorf: Sand. 2013, 480 S.

Margaret Atwood: A Handmaid’s Tale. 1985, 324 S.