Auslöser übersehen

Ende März 2018 ging der „Wehrhahn-Prozess“ nach 14 Verhandlungstagen in die Osterpause. Zum Stand der Beweisaufnahme und zur Kritik an den Ermittlungen der „EK Acker“

Am Landgericht Düsseldorf hat der „Wehrhahn-Prozess“ in bisher 14 Verhandlungstagen ein Bild davon zeichnen können, wie der Anschlag am Düsseldorfer S-Bahnhof Wehrhahn im Sommer 2000 abgelaufen sein könnte. Auf der Anklagebank sitzt als einziger der Tat verdächtige Angeklagte weiterhin Ralf S.. Ihm wird vorgeworfen, am 27. Juli 2000 um 15:03 Uhr eine Rohrbombe gezündet zu haben, die am Geländer des Fußgänger-Zuweges zu den Bahnsteigen des S-Bahnhofes angebracht war.

Die selbstgebaute Rohrbombe war so präpariert, dass sie größtmöglichen Schaden anrichten sollte. Die Splitterwirkung war kalkuliert, die Metallteile verletzten 10 Menschen zum Teil lebensgefährlich. Eine Person aus der Gruppe der 12 Betroffenen war schwanger. Sie wurde von den Splittern am Bauch so schwer verletzt, dass das Ungeborene nicht gerettet werden konnte.

Die Oberstaatsanwaltschaft geht davon aus, dass der Angeklagte nicht ahnen konnte, dass das von ihm in den Rohrbombenkörper eingefüllte TNT nicht wie geplant die volle Sprengkraft entfalten würde. Der Sprengstoff war verunreinigt. Darum wirft die Anklage Ralf S. vor, dass er 12 Menschen zu ermorden versucht habe.

Was wir wissen können

Weiter liegt nahe: Der Angeklagte habe die Opfer gezielt ausgewählt. Er habe die Personengruppen von Sprachschüler*innen, die im Umfeld des Tatortes an mehreren Standorten einer Erwachsenenbildungseinrichtung Deutschunterricht nahmen, ausspioniert und sich Kenntnisse über ihren Tagesablauf verschafft.

Der Tatort war für den Sprengstoff-Anschlag optimal ausgewählt: Die Gruppe der Passant*innen musste durch das Nadelöhr des Eingangsbereiches zum Fußgängerüberweg zu den Bahnsteigen gehen. Das Eingangsgebäude selbst würde die Sprengwirkung der dahinter deponierten Bombe so abschirmen, dass nur die Gruppe selbst, nicht aber weitere Passant*innen auf der zurückliegenden Ackerstraße getroffen würden. Die Fußgängerbrücke war darüber hinaus von mehreren Punkten aus der Umgebung aus einsehbar. Im Prozessverlauf wurde bislang wiederholt von einer Zeuginnen-Aussage berichtet, nach der eine Tatzeugin zum Zeitpunkt der Explosion eine Person gesehen haben will, die auf einem Stromkasten an der Gerresheimer Straße (etwa gegenüber der Elisabethkirche) gesessen hat, mit Blick über die Mauer in Richtung S-Bahnhof-Zugang.

Der Mann sei nach der Explosion die Gerresheimer Straße in Richtung Worringer Straße hinuntergegangen, weg vom Tatort. Ein ungewöhnliches Verhalten. Denn angesichts der Explosion wäre eher zu erwarten gewesen, dass sich Zeuginnen und Zeugen der Explosion neugierig zum Tatort hin, statt von ihm weg orientieren würden.

Mit Hilfe der Zeugin fertigte die Polizei damals ein Phantombild. Es zeigt einen Mann, der ein Basecap trägt. Doreen Sch., damals Beziehungspartnerin von Ralf S., sagte zu diesem Phantombild gegenüber der Polizei nach 2014 aus, dass es ihrem damaligen Freund sehr ähnele. Auch habe er – wie die Person auf dem Phantombild – in der Regel ein Käppi getragen, mitunter auch ein rotes. So, wie die Zeugin am Tatort den Mann auf dem Stromkasten beschrieben hatte.

Die Bombe soll mit einer Fernzündung zur Explosion gebracht worden sein. Im Prozess wurde mehrfach darauf hingewiesen, dass bei der zweiten Hausdurchsuchung beim Verdächtigen Ralf S. in einem Schrank in dessen Wohnung die Betriebszeichnung eines Sprengzünders der Marke „Dynamit Nobel“ gefunden worden ist. Der Sprengmittelexperte des LKA bestätigte vor Gericht, dass ein solcher Sprengzünder, ausgelöst zum Beispiel durch eine handelsübliche Fernsteuerung, wie sie auch bei ferngesteuerten Spielzeugen zum Einsatz kommt, in der Bombe verbaut worden sein kann.

Bundeswehr-Know How

Dass Ralf S. die Kenntnisse, die technischen Fertigkeiten sowie die notwendige Ausrüstung besessen oder über sie verfügt hat, ist im Prozess bislang weder bestätigt noch ausgeschlossen worden. Zwei Bundeswehroffiziere, die S. aus seiner Zeit als Soldat kennen, machten am 6. Prozesstag (16.02.2018) abweichende Aussagen. Hatte Andreas B., damals stellvertretender Zugführer, 2000 bei der Polizei noch ausgesagt, dass Ralf S. über Sprengmittel-Kenntnisse und Fertigkeiten zum Umgang mit Sprengfallen verfüge, ruderte er als Zeuge im Gerichtsprozess nun zurück. Naheliegend scheint es, dass der bis heute aktive Bundeswehroffizier nun darum ringt, kein schlechtes Licht auf die Bundeswehr fallen zu lassen. Als Ort, an dem Attentäter eine technische Ausbildung für ihre Taten bekommen können, steht die Bundeswehr in der Geschichte rechten Terrors nicht erst seit der Entdeckung des extrem rechten Bundeswehrsoldaten Franco A. und seiner Anschlagspläne nicht gut da. Die Liste von Neonazis, die in der Bundeswehr das Töten lernten, ist lang (Gundolf Köhler, Odfried Hepp, Uwe Mundlos, ...). Sollte Ralf S. in der Bundeswehr dazu befähigt worden sein, die Bombe zu bauen, wäre er einer mehr in dieser Reihe: rechte Täter aus Hass, ausgebildet bei der Bundeswehr.

Initialgebendes Motiv

Seit der Zeuginnen-Aussage einer der ehemaligen Sprachlehrerinnen, die im Herbst/Winter 1999/2000 in den Seminarräumen an der Gerresheimer Straße 54 – also gegenüber dem Militaria-Laden von Ralf S. – unterrichtete, wissen wir außerdem, aus welchem Grund Ralf S. die späteren Opfer gezielt ausgewählt haben könnte. Die ehemalige Lehrerin schilderte am 08.03.2018 vor Gericht, dass die Sprachschüler*innen, die am dortigen Standort der Sprachschule zum Unterricht gingen, deutlich als Osteuropäer*innen zu erkennen gewesen seien. Schließlich hätten sie auf der Straße Russisch miteinander gesprochen. Die Zeugin schilderte außerdem, wie vor dieser Sprachschul-Filiale im Herbst 1999 zwei als Neonazis erkennbare Männer mit einem oder mehreren Hunden die Teilnehmer*innen des Unterrichts der Sprachlehrerin über Wochen bedroht hätten. Die beiden Männer hätten vor oder im Eingangsbereich auf die Schüler*innen gewartet, diese hätten an ihnen vorbeigehen müssen.

Diese Bedrohungssituation hat die zweite Ermittlungskommission „EK Furche“ nach 2014 als initial motivgebende Situation gewertet. Denn im Herbst 1999 hätten die Sprachschüler*innen in der Gerresheimer Straße 54 den Neonazis, die im gegenüberliegenden Laden von Ralf S. ein und aus gingen, zu verstehen gegeben, dass sie sich die Bedrohung nicht gefallen lassen würden. Sie hatten mit einer Gruppenaktion signalisiert, dass sie sich wehren würden, sich selbst am Fenster der Unterrichtsräume in der 1. Etage aufgebaut und Gegenwehr angezeigt. Die Bedrohungen hätten dann aufgehört, berichtete die Zeugin vor Gericht. Dies alles hatte sie aber auch bereits im November 2000 in ihrer Aussage bei der Polizei zu Protokoll gegeben. Heute stellt sich zu diesem Aspekt im Ermittlungsverfahren gegen Ralf S. eine wichtige Frage: Warum hat die Polizei, die damalige „EK Acker“, diesen Hinweis im Jahr 2000 nicht ernst genommen? Wie kann es sein, dass die Beamtinnen und Beamten damals den Zusammenhang nicht erkannt haben wollen: Im Herbst 1999 gibt es gegenüber des Ladens des später Tatverdächtigen eine Bedrohungssituation. Bedroht werden Menschen, die zur späteren Opfergruppe gehören. Gerade ein Ralf S., aus dessen Laden die bedrohenden Neonazis im Oktober 1999 gekommen waren, kann gewusst haben, dass es sich bei den Sprachschüler*innen um „jüdische Kontingentflüchtlinge“ gehandelt haben kann.

Als Mitglied der „Deutschen Volksunion“ kann er mitbekommen haben, wie die extrem rechte Partei in ihrer Parteizeitung „Deutsche Volkszeitung“ damals die übelste Hetze gegen jüdische Einwanderer*innen aus den Ländern der ehemaligen Sowjetunion abspulte.

Fehler benennen

Die Ermittler*innen der EK Furche nahmen die Bedrohung von Herbst 1999 als wichtigen Anhaltspunkt dafür, dass Ralf S. nach dieser ‚Niederlage‘ den Plan zum Anschlag auf den S-Bahnhof Wehrhahn entwickelt und ins Werk gesetzt haben könnte. Die Polizei-Ermittler*innen der EK Acker sowie die Staatsanwaltschaft haben diesen Zusammenhang hingegen damals offenkundig nicht gesehen.

Düsseldorfer Antifaschistinnen und Antifaschisten haben nun auf dieses Versagen der Ermittler*innen hingewiesen und in einer Pressemitteilung nach den Verantwortlichkeiten gefragt. Ob Ralf S. schon 2000/2001 als dringend Tatverdächtiger hätte dingfest gemacht werden können, wenn die EK Acker aufmerksamer gearbeitet hätte, bleibt Spekulation. Aber es ist naheliegend, dass die Ermittlungen hätten anders verlaufen können.

Stattdessen ist Ralf S. erst 2016 verhaftet worden. Die auf der Hand liegenden Zusammenhänge zwischen der Bedrohung von 1999 gegenüber dem Laden von Ralf S. und dem Anschlag vom 27. Juli 2000 lagen da schon mindestens 14 Jahre unbewertet in der alten Spurenakte.

Vor Gericht machten Udo Moll und sein Kollege N. am 22.03.2018 in ihren Zeugenaussagen den Kolleg*innen von damals schwere Vorwürfe in genau diesem Punkt. Moll sagte, dass es sich ihm nicht erschließe, warum die Beamt*innen damals den Sachverhalt vor der Sprachschule vom Herbst 1999 zwar aufgeschrieben, ihm aber nicht die nötige Bedeutung beigemessen hätten.

Im aktuellen Prozessverlauf sprechen die bisher betrachteten Indizien nicht absolut zwingend für die Täterschaft des Angeklagten. Sie sprechen aber noch weniger dagegen. Um so wichtiger ist es, auch etwaige Fehler und Fehleinschätzungen von Ermittlungsbehörden (oder der Bundeswehr) offen zu thematisieren. Denn genau diese Fehleinschätzungen können das Bild von der Täterpersönlichkeit, von den Motiven oder den Tatausführungsdetails noch einmal schärfen. Wer sie zu vertuschen oder zu verschweigen versucht, raubt der Beweisführung der Anklage ansonsten mitunter wichtige Argumente. Und das kann niemand ernsthaft wollen.


Die nächsten Prozesstermine sind:
04.04., 05.04., 16.04., 18.04., 19.04., 24.04., 27.04. und 30.04.2018.
Die Verhandlungstage beginnen in der Regel (Ausnahmen sind möglich!) um 09:30 Uhr.

Aktuelle Infos sowie eine ausführliche Dokumentation der Prozesstage findet Ihr auf der Homepage https://mobile-beratung-nrw.de/wehrhahn-prozess.

Einen guten Überblick über den bisherigen Prozessverlauf gibt außerdem die unabhängige Recherche- und Dokumentations-Initiative NSU-Watch NRW in einem Podcast-Beitrag unter: https://nsu-watch.info/2018/03/nsu-watch-aufklaeren-einmischen-3-der-nsu-prozess-und-der-wehrhahn-prozess.