1968 an der Uni Düsseldorf

Ein bisschen Bewegung

Im Rahmen eines interdisziplinären Lehrprojekts haben Studierende der Heinrich-Heine-Universität über zwei Semester lang erkundet, welche Einflüsse „1968“ und die bundesweite Protestwelle auf das Düsseldorfer Hochschulleben hatte. Uta Hinz und Chantal Marazia, die das Seminar gemeinsam mit Thomas Gerhards leiten, und die Studentin Lisa Hampel erzählen im Interview mit der TERZ von den Ergebnissen.

TERZ: An das runde Jubiläum von 1968 wird in diesem Jahr vielfältig erinnert. Was war das spezielle Erkenntnisinteresse Eures Seminars?

Uta Hinz: Wir haben bemerkt, dass „1968 in Düsseldorf“ ein nur wenig erforschtes Thema ist. Eine Ausnahme bildet da ein Aufsatz von Frank Sparing zu 1967/1968 an der Düsseldorfer Universität, der uns einen Zugang zum Thema verschaffte. Wir fanden es interessant, dass die Studierenden die Möglichkeit hatten, etwas zu entdecken, was vielleicht noch nicht aufgearbeitet ist.

Lisa Hampel: Zunächst ging es auch erst einmal darum zu schauen, welche Quellen wo und in welchem Umfang vorhanden sind. Wir Student*innen haben einerseits natürlich im Archiv der Universität gesucht, wo für unser Forschungsanliegen die meisten Quellen vorhanden waren. Einige von uns waren aber auch im Landesarchiv NRW, im Stadtarchiv, im Archiv der Kunstakademie, in der Universitäts- und Landesbibliothek, im Archiv für alternatives Schrifttum und im Archiv des Landtags.

TERZ: Wie ist denn die Quellenlage? Wie ist das Thema überliefert?

Uta Hinz: Da das Universitäts-Archiv erst sehr spät eingerichtet wurde und auch die Uni recht jung ist, gibt es im Archiv natürlich keinen so umfangreichen Fundus wie in den Archiven von alten Universitäten. In Düsseldorf musste vieles nachträglich gesammelt werden. Im Seminar wollten wir auch die Folgen von 1968 in den Blick nehmen, also auch die 1970er Jahre. Da gibt es eine ganz andere Quellenfülle, auch beispielsweise die Fachschaftszeitungen im Archiv für alternatives Schrifttum (afas).

Lisa Hampel: Ich habe bei meinen Auswertungen von Fachschaftszeitungen im afas gemerkt, dass im Laufe der 1970er Jahre mehr und mehr studentische Gruppen aktiv wurden. Es wurde deutlich, dass es eine Anlaufzeit brauchte, bis der Lehrstuhl eingerichtet wurde und sich die Studierenden organisierten. Erst ab Mitte der 1970er finden sich beispielsweise auch Heftchen, die Studierende angefertigt haben, um andere, auch jüngere Semester zu informieren.

Chantal Marazia: Ich würde zusammen­fassend sagen, dass die Quellenlage didaktisch gesprochen ideal ist – sie ist übersichtlich, aber doch so reich, dass es einiges zu forschen und zu entdecken gibt.

TERZ: Wie war denn die Situation 1968 an der Uni Düsseldorf?

Uta Hinz: Wir müssen uns vor Augen führen, dass die Universität zu jener Zeit sehr klein war: Es gab rund 1.300 Studierende, davon über 1.200 Medizinstudierende. Zudem war die Uni über verschiedene Gebäude in der Stadt verteilt, der Campus wurde noch gebaut. Etliche der großen Fächer der Philosophischen Fakultät begannen ihren Lehrbetrieb erst im Sommersemester 1969, sehr viele auch erst Anfang der 1970er Jahre.

Chantal Marazia: Weil die Uni zunächst praktisch eine rein medizinische war, überlegten wir auch in diese Richtung, um die These zu überprüfen, dass 1968 in Düsseldorf nicht viel los gewesen sei: Lag es z.B. auch daran, dass vor allem ältere Semester die Fakultät besuchten, solche Studierende also, die schon Familie und wenig Zeit für Protest hatten? Doch schon ein Blick in die Studentenzeitschrift „Pro-These 67“ macht deutlich, dass die Studentenbewegung an Düsseldorf nicht einfach vorbeigegangen ist.

Uta Hinz: In der „Pro-These“ finden wir viele kritische Themen, an denen sich die Generation abgearbeitet hat, wie Vietnam oder die Atom-Aufrüstung, aber auch weitere Artikel, in denen es um die ethische Verantwortung von Mediziner*innen geht.

TERZ: Wurde denn in Euren Forschungen ein Zusammenhang zwischen dem jeweiligen Fachbereich und dem Grad der Politisierung oder dem Willen zum Protest deutlich?

Chantal Marazia: Ich wäre mit einer solchen Verteilung der Rollen vorsichtig. Auf den ersten Blick sieht es zwar so aus. Aber wenn wir uns die Proteste in den 1970ern ansehen, waren die Mediziner*innen, die in der stereotypen Vorstellung eher konservativ sind, die Ersten, die gestreikt oder protestiert haben. Zudem ist es in Düsseldorf ja auch so gewesen, dass die anderen Fakultäten sich erst schrittweise entwickelt haben. Dadurch wurde das Entstehen von Protest abgebremst, schließlich ist für gemeinsamen Protest auch ein Gemeinschaftsgefühl notwendig, das erst wachsen musste.

Uta Hinz: Es braucht außerdem einen Ort, wo solche Manifestationen auftreten können. In Bonn beispielsweise liegt die Uni recht zentral und es existierte eine „Protesttradition“. In Düsseldorf sind die ersten Campus-Gebäude in den 1970ern bezogen worden. Erst dann gab es zentrale Orte, an denen Du beispielsweise Flugblätter verteilen konntest.

Chantal Marazia: Das schwarze Brett wurde dementsprechend sehr aktiv genutzt. Dort hat auch ein regelrechter „Plakatkrieg“ stattgefunden, der in der Ausstellung gut dokumentiert wird. Ohne solche gemeinsamen, zugänglichen Orte wird Protest erschwert.

TERZ: Welche Themen waren den aktiven Studierenden in Düsseldorf wichtig? Waren es die klassischen Themen der Zeit wie Vietnam, die Notstandsgesetze, die Erschießung Ohnesorgs oder das Attentat auf Dutschke?

Uta Hinz: Die Erschießung Benno Ohnesorgs war auf jeden Fall ein wichtiges Thema hier. Im Universitäts-Archiv gibt es dazu nur wenig Material, so dass die Presseberichterstattung konsultiert werden musste. Es existiert jedoch eine Stellungnahme des AStA, die kurz nach der Erschießung veröffentlicht wurde. Darin wird sehr zurückhaltend formuliert und appelliert, dass die Lage nicht eskalieren dürfe. Dennoch war die Betroffenheit groß, wie an anderen nordrhein-westfälischen Unis auch. In Düsseldorf wurde ein Schweigemarsch organisiert und am Berliner Bären ein Kranz niedergelegt. Hierfür wurde die Kooperation der Uni-Verwaltung gesucht, u.a. damit diese vorlesungsfrei gibt. Beim Attentat auf Dutschke war es anders – da tat sich der AStA schwer mit einer Stellungnahme. Ein Student unseres Seminars hat sich die „Düsseldorfer Nachrichten“ angeschaut, in denen das Attentat auf Dutschke klar verurteilt, eine politische Abgrenzung zum SDS dennoch für wichtig erachtet wurde. Die „großen“ 1968-Themen spiegeln sich also eher gedämpft wieder. Prominent ging es in Düsseldorf immer um Hochschulpolitik.

TERZ: Kamst Du, Lisa, zu ähnlichen Ergebnissen beim Studieren der Fachschaftszeitungen oder wurde da auch mal das große Ganze wie ein Systemwechsel angesprochen?

Lisa Hampel: Es ist davon abhängig, welche Gruppierungen wir uns ansehen. Die Fachschaften, die ich ab Mitte der 1970er studiert habe, beschäftigten sich hauptsächlich mit hochschulinternen, vor allem mit hochschulpolitischen Aspekten. Allerdings griffen auch manche Gruppen Internationales wie die Chile-Solidarität auf, sammelten Spenden für chilenische Kinder, organisierten einen Weihnachtsmarkt ...

Uta Hinz: Mehrere Studierende haben sich mit der Zeit ab 1976 und 1977 auseinandergesetzt, in der immer auch eine sozialpolitische Komponente mit in die Diskussion reinkommt. In den AStA-Infos wurde verstärkt die Bildungs- aber auch die Sozialpolitik aufgegriffen. Es kam zur Sprache, dass kaum Arbeiterkinder die Universität besuchten. Debattiert wurde ebenfalls, dass nach der großen Expansion der Universitäten die ersten Krisenanzeichen auftauchten und die Etats zurückgefahren wurden bei gleichzeitigem Anstieg der Studierendenzahlen. Ebenso wurde die drohende Arbeitslosigkeit von Akademiker*innen thematisiert.

Lisa Hampel: Auch die Fachschaftsblätter kritisierten, dass Stellen und Mittel gekürzt wurden und die Uni „aus allen Nähten platze“. Obwohl neue Gebäude gerade erst errichtet wurden, war schon von Raumnot die Rede. Implizit wurde in den Fachschaftszeitungen durchaus Systemkritik geübt. Auch wenn es hier von Fachschaft zu Fachschaft große Unterschiede gab und einige Studierende gegeneinander wetterten, herrschte ein gewisser antikapitalistischer Zeitgeist: Sie kritisierten, dass das Ziel der Uni sei, die Studierenden vollzupumpen, damit sie schnell Leistung bringen, aber nicht, dass sie lernen, frei zu denken oder gar zu protestieren.

TERZ: Gab es denn eine Orientierung an den Hochburgen studentischer Proteste wie Heidelberg, Frankfurt oder Berlin? Sahen sich die Düsseldorfer*innen in einer Generation der Studierendenbewegung?

Uta Hinz: Eine Verbindung wurde eher auf landespolitischer Ebene gesehen, und Bezüge wurden, wenn überhaupt, eher zu anderen nordrhein-westfälischen Universitäten hergestellt. Weil Düsseldorf Landeshauptstadt ist, gab es beispielsweise in den 1970ern etliche Demonstrationen, an denen auch Studierende von anderen Unis teilnahmen. Sie protestierten gegen das Hochschulrahmengesetz und das Landeshochschulgesetz, die neue Reglementierungen vorsahen. Die Proteste waren also immer bezogen auf Hochschulpolitik.

Chantal Marazia: Im Hinblick darauf, dass von 1968 oft als einer „globalen Revolution“ gesprochen wird, können wir für die Düsseldorfer Schüler*innen annehmen, dass sie zumindest nach den Brennpunkten der Bewegungen in den angrenzenden Ländern blickten. Zumindest warb der Deutsche Studentenreisedienst auch in der „Pro-These“ für Reisen nach Prag oder Paris.

TERZ: Eine Vernetzung innerhalb Düsseldorfs, mit anderen Akteur*innen außerhalb der Uni, fand ebenso wenig statt?

Uta Hinz: Natürlich hat man sich auf den Demonstrationen getroffen. Die Student*innen der Kunstakademie waren sehr aktiv, beispielsweise gab es am Tag nach dem Attentat auf Rudi Dutschke einen Marsch mit rund 200 Menschen, unter ihnen Joseph Beuys. Vom Comenius-Gymnasium in Oberkassel ist überliefert, dass aus Protest gegen die Notstandsgesetze einen ganzen Tag lang die Schule bestreikt und dort eine Art Teach-In veranstaltet wurde. Doch zur konkreten Vernetzung müsste systematischer und genauer geforscht werden. Es lohnte sich allein, die Presseberichterstattung auszuwerten. Es müsste zusätzlich die biografische Ebene fokussiert werden, denn oft handelt es sich ja um personelle Netzwerke. Unsere Forschungsergebnisse erwecken den Eindruck, dass es wenig zur Vernetzung kam – das scheint allerdings an unserem Material zu liegen.

TERZ: In welche Richtung gingen die Reaktionen der Hochschulleitung, der Bevölkerung oder der Lokalpresse?

Chantal Marazia: Das Wort „Reaktion“ passt genau! So wie die Student*innen agiert haben, so reagierte die Uni-Verwaltung oder die Bevölkerung – im gleichen Ton. Es war allen klar, dass Düsseldorf nicht Berlin ist. Es gab wenig Reibungen, und so wurde das Geschehen auch bewertet. Es gab also keine energischen Reaktionen, weil es keine starken Formen des Protests gab.

Uta Hinz: Das änderte sich 1977, als ein Streikkomitee gebildet und im Sommer- und Wintersemester gestreikt wurde. Die Reaktionen auf den Streik waren für Düsseldorfer Verhältnisse hart. So wurde etwa ein Raum beantragt, um eine demokratische Gegenhochschule zu machen. Weil der Raum nicht genehmigt wurde, haben zwei Studenten den Raum mit einer Eisenkette offengehalten. Es kam außerdem zu härteren Aufeinandertreffen zwischen einzelnen Dozenten und einzelnen Studierenden – es ist unklar, inwiefern es auch Handgreiflichkeiten gab. Die Uni stellte daraufhin Strafanzeigen gegen fünf Leute.

Lisa Hampel: Mir ist der Plakaterlass von 1974 in Erinnerung geblieben. Das war ein Dauerbrenner an der Düsseldorfer Uni, die forderte, dass Plakate nur noch mit vorheriger Genehmigung und dem Ausfüllen von Anträgen angebracht werden dürfen. Das führte natürlich bei den Studierenden zu Protesten! Sie sagten: Wir schütten die Verwaltung jetzt zu mit den Anträgen, damit die mal merken, was das für ein Quatsch ist!

Chantal Marazia: Aber das ist dennoch sehr weit von den Wasserwerfern in anderen Städten zu dieser Zeit entfernt! Das Highlight hier waren die Strafanzeigen wegen Hausfriedensbruch und Nötigung gegen vier oder fünf Leute, die dann auch wieder zurückgenommen wurden!

TERZ: Was war für Euch die größte Erkenntnis Eurer Forschungen?

Lisa Hampel: Im Hinblick auf die These, dass in Düsseldorf nicht viel los war, weil hier zunächst nur Mediziner*innen studiert haben, hat mich überrascht, wie viele äußerst linke Ansichten doch von einigen vertreten wurden.

Uta Hinz: Für mich ist es spannend, nach dem historischen Ort von „68“ zu fragen. In der Forschung sagen wir inzwischen, dass es kein plötzlicher Umbruch war, sondern sich über einen längeren Zeitraum anbahnte. Daher finde ich es interessant, die Nachwirkungen von 68 zu untersuchen, dazu gehört auch, wie das jeweilige Studium sich vor diesem Hintergrund gestaltete.

Chantal Marazia: Für mich war erstaunlich, mit welchem Enthusiasmus die Student*innen aus den verschiedenen Fachbereichen – auch aus der Medizin – an unser Seminar herangegangen sind. Auch wenn dieser Enthusiasmus sich erst im Laufe der Beschäftigung mit dem Thema entwickeln musste.

TERZ: Vielen Dank, dass Ihr Euch die Zeit für das spannende Interview genommen habt!


Ausstellung zum Forschungsprojekt „Uni: Normaler Lehrbetrieb“? – Studentischer Protest in Düsseldorf 1967–1977

17. Mai bis 22. Juli 2018 in der Universitäts- und Landesbibliothek Düsseldorf (Campus Heinrich-Heine-Universität), Eintritt ist frei!

Ausstellungseröffnung am 17. Mai, 16 h im Vortragsraum der ULB