Hinwendung als Abwendung

Zur Kritik der Marx-Renaissance in der politischen Bildungsarbeit

Weil sie die Marxsche Kritik der politischen Ökonomie des Kapitalismus forsch historisieren oder ignorieren, ist die geburtstagsbedingte Hinwendung etlicher Akteur*innen der politischen Bildungsarbeit zur Marxschen Theorie eine Abwendung.

Angesichts dieser modernen Form des Anti-Marx­ismus gilt es, die Aktualität der Marxschen Kapitalismuskritik darzulegen, indem das kräftezehrende und zugleich entbehrungsreiche Leben der Lohnabhängigen als systemische Notwendigkeit für das Gelingen der unternehmerischen Geldvermehrung auch im heutigen Marktwirtschaftssystem bestimmt wird (Henning 2017).

Entschärfungsbemühungen

Allgemein kann zur gegenwärtigen Marx-Renaissance festgehalten werden, dass die bildungspolitischen Akteur*innen nicht wie früher von vornherein auf Abwehr und Ausgrenzung setzen, sondern zumeist für ein bedingtes Geltenlassen der Marxschen Erkenntnisse votieren und so dem verdrängten Klassiker eine gewisse Anerkennung zukommen lassen. In der Konsequenz läuft die moderne Befassung mit Marx jedoch auf eine Entschärfung seiner Kritik an der kapitalistischen Produktionsweise oder gar auf die Eskamotierung des Kritikcharakters seiner Analyse hinaus. Somit ist die neueste Renaissance – was den Ertrag betrifft – letztlich nicht von den früheren Absagen und Widerlegungen verschieden. Neu ist der Weg, der zu diesem Resultat führt: Marx wird nun wortreich vereinnahmt statt bloß verdrängt. Er erscheint als ein zeitbedingter Diagnostiker, der dem heutigen Problematisieren von Wirtschaft und Gesellschaft vielfältige Anstöße geben könne, oder als Impulsgeber für eine humanistische Philosophie, die aber von den Traditionen des „Arbeiterbewegungsmarxismus“ himmelweit entfernt sei.

Exemplarisch führt das die Bundeszentrale für politische Bildung (bpb) in der Ausgabe Nr. 19-20 ihrer Zeitschrift „Aus Politik und Zeitgeschichte“ (APuZ) vor, wo die Ideologieproduzent*innen Sinn, Herrmann, Plumpe und Paech unter dem Titel „Das Kapital“ Leitlinien und Leitfragen für die staatstragende politische Bildungsarbeit formulieren. Aus dieser Reihe tanzt erfreulicherweise Dietmar Dath, der in seinem Artikel (S. 29-33) die Verwandlung der marxistischen Theorie in einen Glauben kritisiert und für ein intensives Studium des „Kapital“ plädiert, damit man sich gescheite Argumente gegen die warenproduzierende Marktwirtschaftsgesellschaft aneigne. Im feinsinnigen Aufsatz über Karl Marx als „Bildnis und Ikone“ der Historikerin Bouvier (S. 34-40), die von 2003 bis 2009 Leiterin des Karl-Marx-Hauses in Trier war, erfährt man zumindest en passant, und zwar in der Fußnote 01, was die sozialdemokratische Friedrich-Ebert-Stiftung mit ihrer Ausstellung zu Marx' 200. Geburtstag bezweckt. Vermittelt werden solle ein Bild, das Marx „vornehmlich im 19. Jahrhundert verortet und verständlich machen will, ohne zu ignorieren, was im 20. Jahrhundert geschehen ist und wofür Zusammenhänge mit seinen Ideen hergestellt wurden“. Die Jubiläumsaktion dient offensichtlich dem staatsbürgerkundlichen Ziel, Marx als einen historisch beschränkten Theoretiker des 19. Jahrhunderts vorzustellen, dessen Erkenntnisse für die heutige Gesellschaft irrelevant seien.

Der Philosophieprofessor Michael Quante hat für das APuZ-Heft den lesenswerten Eröffnungsbeitrag verfasst (S. 4-9), der zwar ein kenntnisreicher „Reiseführer“ durch das schwierige Gelände der Marxschen Ökonomiekritik ist, aber dennoch philosophierend in die Irre führt. Im Gegensatz zur historisierenden Marxrezeption, die das Denken von Marx „als ökonomische Theorie des 19. Jahrhunderts ins Museum der heute überholten Ideen“ stellen will, hält Quante am „marxschen Projekt einer Kritik der politischen Ökonomie“ fest. Denn sie sei eine „strukturelle Analyse der Funktionsweise“ des kapitalistischen Produ­zierens, die „als kritische Gesellschaftstheorie nach wie vor aktuell“ sei, weil der Kapitalismus – global gesehen – nichts von seinen „inhumanen Auswirkungen“ eingebüßt habe. Trotz seiner materialistischen Erkenntnisse erweist Quante sich schließlich als philosophischer Idealist, indem er Marx vorwirft, die „ethischen Normen und Werte“, die dessen Kritik der kapitalistischen Gesellschaftsformation zugrunde lägen, nicht offengelegt zu haben. Dabei konstatiert Quante am Anfang seines Beitrags im Widerspruch zu seinem idealistischen Vorwurf, dass es Marx nicht um „eine moralische Kritik des Kapitalismus“ gehe. Entgangen zu sein scheint dem philosophierenden Autor Karl Marx' materialistische Parteinahme für jene Menschen, die unmittelbar unterm Joch des kapitalistischen Profitmotivs stehen. Die Arbeitskraftbesitzer*innen sind es nämlich, die bei der Warenproduktion verdinglicht werden zu „variablem Kapital“, das vernutzt wird, um aus investiertem Unternehmergeld mehr Geld zu machen: Geld-Ware-Geld.

Widerlegungsstrapazen

Gar nicht lesenswert sind die APuZ-Elaborate der Ideologieproduzent*innen Werner Plumpe (S. 10-16), Ulrike Herrmann (S. 17-22), Hans-Werner Sinn (S. 23-28) und Niko Paech (S. 41-46), weil sie sich als Marx-Widerleger gebärden, obgleich es ihnen erheblich an Sachkenntnis mangelt.

Sinn und Paech missbrauchen Marx als Stichwortgeber für ihre eigenen Konzepte einer marktwirtschaftlichen Steuerung beziehungsweise einer „Postwachstums­ökonomik“. Plumpe, der ehemals ein strenggläubiger Marxist-Leninist gewesen ist, verfährt noch plumper. Er treibt eigenartige biographische Nachforschungen zur „Kapital“-Entstehungsgeschichte, die ihn zu dem Schluss gelangen lassen, dass hier ein tendenziell größenwahnsinniger Autor mit dem Anspruch einer Gesamterklärung angetreten und – wegen der Fehlkonzeption des Buches – gescheitert sei.

Am deutlichsten zeigt sich der Mangel an Sachkenntnis im Elaborat Ulrike Herrmanns, die als taz-Wirtschaftsredakteurin ihr Unwesen treibt. Spaß macht sie uns insbesondere mit ihrer These: Marx gehe von der Verelendung des Proletariats aus, die aber nicht eingetreten sei; stattdessen habe eine allgemeine Wohlstandsmehrung stattgefunden. Auf der Seite 19 illustriert sie ihre ulkige These folgendermaßen: „Für Kritiker ist es bis heute ein Spaß, dass Marx die totale Verarmung prognostizierte. So höhnte der Nobelpreisträger Paul Samuelson: ‚Man sehe sich die Arbeiter mit ihren Autos und Mikrowellenherden doch an – besonders verelendet sehen sie nicht aus‘. (...) Der Durchbruch zur modernen Wohlstandsgesellschaft begann erst kurz vor Marx’ Tod. Ab etwa 1880 stiegen die Reallöhne deutlich an, was vor allem den Gewerkschaften zu verdanken war. Es entwickelte sich eine neue Massenkaufkraft, die den Kapitalismus nochmals veränderte. Es entstand die Konsumgesellschaft. (...) Marx konnte noch nicht wissen, dass sich eine breite Mittelschicht entwickeln würde.“

Es ist einigermaßen erstaunlich, welche Ignoranz eine renommierte Wirtschaftsjournalistin wie Herrmann an den Tag legt – nicht nur im Blick auf Faktenlage und öffentlichen Diskussionsstand Anno Domini 2017, sondern auch hinsichtlich der Marxschen Theorie. Diese geht gerade nicht von einer beständigen Senkung der Arbeitslöhne oder einer analogen absoluten Armutstendenz aus. Michael Heinrich hat im Marx-Handbuch die einschlägige Theorie – das im 23. Kapitel des ersten Bandes entwickelte „Allgemeine Gesetz der kapitalistischen Akkumulation“ – resümiert, die „keineswegs auf eine absolute Verelendung der Arbeiterklasse“ abstelle, „sondern auf eine Verschlechterung der Lage, die unabhängig von der ‚Zahlung‘ ist“ (Quante/Schweikard 2016, S. 343). Ein Treppenwitz ist auch, dass Herrmann gegen Marx, den Mitbegründer der Gewerkschaftsbewegung, die Erkenntnis ins Feld führt, dass Gewerkschaften Lohnerhöhungen durchsetzen können. Hätte Herrmann das Buch von Thomas Piketty über das „Kapital im 21. Jahrhundert“, das sie beiläufig zitiert, wirklich studiert, wäre sie mit Samuelsons Hohn bezüglich der Marxschen Prognosen – die doch überhaupt nicht den Gehalt der Analyse ausmachen – anders umgegangen. Piketty hat mit einer Überfülle an Details gezeigt, dass die Sonderkonjunktur nach dem Zweiten Weltkrieg vom Mainstream der Wirtschaftswissenschaft systematisch zu einem idyllischen Gemälde allgemeiner, gleichmäßiger Wohlstandsmehrung verwandelt worden ist, demgegenüber die Marxsche Akkumulationstheorie empirisch im Recht sei. Der Beitrag über „Piketty und die neuere Armutsforschung“ im Sammelband von Schillo (2015, 191 ff.) hat das noch einmal minutiös aufgeschlüsselt, auch die marxistische Debatte über Verelendung rekapituliert und zugleich deren aktuelle öffentliche Thematisierung – von den Armutsberichten der Regierung bis zum fachlichen Diskurs in Erziehungs- oder Sozialwissenschaft – vorgestellt.

Politökonomische Alphabetisierung

Ein angemessenes Präsent zum 200. Marx-Geburtstag am 5. Mai wäre übrigens ein Paradigmenwechsel: Anstatt in allerlei Publikationen mit Vulgärökonomen darüber zu streiten, ob und inwiefern Marx doch recht hat, könnte in außerschulischen Bildungsstätten politökonomisches Grundlagenwissen à la Karl Marx vermittelt werden, damit in den hiesigen Produktionsstätten gescheit für die Überwindung der kapitalistischen Produktionsweise agitiert werden kann. Wie diese politökonomische Alphabetisierung geartet sein könnte, hat Thomas Maul unlängst in der Wochenzeitung Jungle World unterbreitet. Durch die Befassung mit den vier Springpunkten der Marxschen Kapitalismuskritik – erstens die Bestimmung der „abstrakten Arbeit“, zweitens die Lösung des „Geldrätsels“, drittens die Enthüllung des „Geheimnisses der Plusmacherei“ und viertens der Fetischbegriff – gelange man zu der aktivierenden Erkenntnis, dass die Lohnabhängigen, die ihr Arbeitskraftvermögen verkaufen müssen, um ihre Lebenshaltungskosten bezahlen zu können, für die Warenproduktion in Waren aus Fleisch und Blut verwandelt werden, um der kapitalistischen Plusmacherei zu dienen.

Franz Anger


Literatur

Beatrix Bouvier, Karl Marx: Bildnis und Ikone. In: Aus Politik und Zeitgeschichte (APuZ), Nr. 19-20, 2017, S. 34-40

Dietmar Dath, Hinschauen statt glauben – Ein Erfahrungsbericht aus der Langstrecken-Marxlektüre. In: Aus Politik und Zeitgeschichte (APuZ), Nr. 19-20, 2017, S. 29-33

Christoph Henning, Marx und die Folgen, Stuttgart 2017

Ulrike Herrmann, „Das Kapital“ und seine Bedeutung. In: Aus Politik und Zeitgeschichte (APuZ), Nr. 19-20, 2017, S. 17-22

Initiative zur Volksbildung und Aufklärung (I.V.A.) Bonn: Marx is back, Vol. 9, online: https://www.i-v-a.net/doku.php?id=texts17

Thomas Maul, Ricardos Hüte leben – Die Aktualität von Marx' „Kapital“. In: Jungle World, 06. 04. 2017

Niko Paech, Postwachstumsökonomik – Wachstumskritische Alternativen zu Karl Marx. In: Aus Politik und Zeitgeschichte (APuZ), Nr. 19-20, 2017, S. 41-46

Werner Plumpe, „Dies ewig unfertige Ding“ – „Das Kapital“ und seine Entstehungsgeschichte. In: Aus Politik und Zeitgeschichte (APuZ), Nr. 19-20, 2017, S. 10-16

Michael Quante, A Traveller’s Guide – Karl Marx’ Programm einer Kritik der politischen Ökonomie. In: Aus Politik und Zeitgeschichte (APuZ), Nr. 19-20, 2017, S. 4-9

Michael Quante/David P. Schweikard (Hg.), Marx-Handbuch. Leben – Werk – Wirkung. Stuttgart 2016

Johannes Schillo (Hg.), Zurück zum Original – Zur Aktualität der Marxschen Theorie. Hamburg 2015

Johannes Schillo, Marx ist wieder da! Zur Aktualität einer verdrängten Theorie. In: Auswege-Magazin, April 2017, online: http://magazin-auswege.de/data/2017/04/Schillo_Marx_ist_wieder_da.pdf.

Hans-Werner Sinn, Was uns Marx heute noch zu sagen hat. In: Aus Politik und Zeitgeschichte (APuZ), Nr. 19-20, 2017, S. 23-28