¿Revolution! 1848, 1918, 1968 - Besuch einer Ausstellung

Unter dem Titel „¿Revolution! 1848, 1918, 1968“ widmet sich das Heinrich-Heine-Institut derzeit zwei gescheiterten Revolutionen und der ’68er Revolte. Notizen zu einer Schau, die noch bis zum 20. Mai zu sehen ist.

Das Plakat provoziert: Drei Farben – drei „Revolutionen“: Schwarz gedruckt ist ein Holzschnitt von 1848, der zwei Jugendliche auf einer Barrikade zeigt. In Rot ein Foto von einer Frau, die 1918 selbstbewusst einer Demonstration voranschreitet. 1968, in Gold, das sind hier vorwiegend Männer, die – Großporträts von Che Guevara mitführend – beinahe bieder eine Straße entlang ziehen.

„Schlaglichter auf Themenfelder, die alle drei Protestbewegungen und ihre Erscheinungsformen miteinander in Verbindung setzen“, sollen geworfen werden. Jenes „Trotz alledem“, das Ferdinand Freiligrath als deutsche Fassung von Robert Burns „A Man‘s a Man for A‘ That“ gedichtet und 1848 in Düsseldorf durch aktuelle Strophen ergänzt hatte, war in den Jahren um 1968 von vielen Liedermachern aufgegriffen worden, erläutert der Eingangstext. Karl Liebknechts letzter Artikel vor seiner Ermordung trug ebenfalls den Titel „Trotz alledem“. Wie eine Reliquie wird in einer Vitrine ein Briefumschlag aus dem Jahr 1855 präsentiert, den der ab 1851 erneut im Londonder Exil lebende Freiligrath mit seinem persönlichen „Trotz alledem“-Siegel verschlossen hatte.

Die Ausstellung gliedert sich in die Abschnitte „Klänge der Revolution“, „Rhetorik und Satire“, „Zeitgeschehen“, „Gewalt“, „Agitation auf Papier“ und „Wort als Waffe“. Sie folgt keiner Chronologie. Doch die Kontrast-ästhetik, die auf dem Plakat überzeugt, will in den zwei Ausstellungsräumen nicht wirklich funktionieren. Denn die Exponate der drei Revolten sind nicht pointiert zueinander ins Verhältnis gesetzt, sondern finden sich vermischt in den Vitrinen: Werkmanuskripte, Fotos, Bücher, Briefe, Druckgrafiken, garniert mit zwei historischen Pistolen und drei Pflastersteinen. An einer Wand Plakate und Maueranschläge. Vieles ist aus eigenem Bestand, ergänzt durch Stücke aus städtischen Archiven, der Universität sowie den Privatsammlungen von Dieter Süverkrüp und Michael Matzigkeit. Bei einem großen Teil handelt es sich außerdem um Leihgaben aus der umfangreichen Sammlung von Udo Achten. Lediglich durch einen schmalen farbigen Streifen am jeweiligen Textkärtchen ist erkennbar, ob ein Exponat von 1848, 1918 oder 1968 ist.

Am Eingang eine „Klangdusche“: Auf Knopfdruck sind „Revolutionslieder“ zu hören, an der Wand hängen bunte Plattencover alter Vinylschätzchen. Ich stutze: Was, bitteschön, haben „Born to be wild“, einst Titelsong des Kultfilms „Easy Rider“, und Iron Butterflys „In A Gadda Da Vida“ mit Revolution und Revolte zu tun? Letztere Platte lief auf jeder Kiffer*innenparty. Jugendkultur halt. So wie das Zerlegen von Konzertsälen zum Rock‘n‘Roll, gehörten Kiffen und der Traum vom Aussteigen zum Sound der 1970er Jahre.

In einer der mit „Gewalt“ betitelten Vitrinen sind Porträts von Robert Blum, Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht vereint, dazu das Foto des erschossenen Benno Ohnesorg. Der Sinn der Zusammenstellung erschließt sich nicht. Eine Rezensentin der Rheinischen Post versuchte sich an einer Interpretation: Diese Vitrine weise darauf hin, „dass derartige Rebellionen immer auch Gewalt beinhalten, damit auch Verletzte oder Tote“. Aha.

Nette Exponate, dürftig kuratiert

Ein Manko, das die ganze Ausstellung durchzieht: Bis auf den Titel des jeweiligen Ausstellungsabschnitts fehlt jeglicher Hinweis auf Kontexte oder eine These. Die Assoziationen laufen somit ins Unbestimmte, eine Verdichtung findet nicht statt. Unter den Exponaten stechen satirische Zeichnungen von George Grosz hervor, wie jene, die Reichsminister Gustav Noske als „Bluthund“ zeigt. Ausgestellt sind außerdem ein Foto von Matrosen, die 1918 den Marktplatz von Bremen verteidigten, sowie das Originalmanuskript der Ballade „Kobes I.“, in der Heinrich Heine dem Paulskirchenparlament rät, einen kölschen Narren zum gesamtdeutschen Karnevalskaiser zu krönen. Sogar ein Originalbrief von Ulrike Meinhof ist zu bestaunen. In einer Ecke des zweiten Raums flimmert ein Experimentalfilm, der 1968 von der Kölner Polizei beschlagnahmt wurde, dazu die Prozessakten und Fotos vom Protest gegen die Beschlagnahmung. Dies sind nur einige der Ausstellungsstücke, die mir jetzt spontan einfallen. Das Betrachten von Einzelexponaten ermüdet rasch. Frustriert verließ ich die beiden Räume. Beim Hinausgehen fiel mein Blick noch einmal auf den langen Text am Eingang. Da heißt es: „Beginnend in den USA mit den Anti-Vietnam-Demonstrationen, der Black Power Bewegung, dem Free-Speech-Movement in Berkeley und den Hippies in San Francisco schwappt die Bewegung schnell nach Deutschland über.“

Das ist aber nur die halbe Wahrheit. Bereits fünf Jahre zuvor rumorte es. April 1963 – wenige Monate bevor jenseits des Atlantiks beim „March on Washington“ Tausende und Abertausende „For Jobs and Freedom“ auf die Straße gingen – war es in Düsseldorf zu einem spektakulären Kräftemessen mit der Staatsmacht gekommen. Eine Delegation der deutschen Ostermärsche hatte sich nach England aufgemacht, eine Delegation von dort war in Düsseldorf-Lohausen gelandet. Auf dem Rollfeld umstellten Polizisten die Chartermaschine und hinderten die Delegation am Aussteigen. Erst als Demonstrant*innen die Kreuzung am Graf-Adolf-Platz besetzten und auch der Gewalt von Wasserwerfern nicht wichen, gab die Polizei schließlich ihre Blockadehaltung auf und ließ die Delegation aus Großbritannien zum Ostermarsch nach Dortmund weiterreisen. Die Anti-Vietnamkriegsbewegung in den USA wollte bewusst an diesen breiten Protest gegen die Atombewaffnung anknüpfen. Das Emblem, das Gerald Holtoms 1958 für die britische „Campaign for Nuclear Disarmament“ entwickelt hatte, wurde zum Signet des Anti-Vietnamkriegsprotests, nach 1968 jedoch bald als bloßes „Peacezeichen“ verharmlost. Dass die Ausstellungsmacher*innen weiter an dem von den Medien breit getretenen 68-Gründungsmythos stricken – mal sind die ’68er*innen an allem Schuld, mal wird deren Widerstand als Mutter aller Proteste gefeiert – ist mehr als ärgerlich.

Thomas Giese

Nachtrag:
Der „Revoluzz-o-mat“, der sich im ersten Raum in der hinteren Ecke befindet, sticht wohltuend aus der Schau heraus. Da erscheinen Statements auf dem Desktop, bei denen zwischen „Ich stimme zu“ oder „Ich stimme nicht zu“ zu wählen ist. Erst dann wird eingeblendet, ob das Statement von 1848, 1918 oder 1968 ist, und wer es gesagt hat, bzw. wenn „Ich stimme nicht zu“ gedrückt wurde, wer sich dagegen positioniert hatte. Eine spannende und didaktisch kluge Form von Geschichtsvermittlung.


Die Sonder-Ausstellung ist noch bis zum 20. Mai im Heinrich-Heine-Institut in der Bilker Straße 12-14 zu sehen.
Ab 16 h Happy Hour (Einritt frei), sonst 4 Euro.