Eitler Anschlag

Seit Januar beschäftigt sich das Landgericht Düsseldorf mit der Frage, wer vor nun knapp 18 Jahren den Anschlag am Düsseldorfer S-Bahnhof „Wehrhahn“ verübt hat. Angeklagt ist Ralf S.. Er bestreitet, etwas mit dem Anschlag zu tun zu haben.

Seit dem ersten Prozess-Tag, dem 25. Januar 2018 schreitet die 1. Große Strafkammer unter dem Vorsitz von Richter Rainer Drees die Indizienkette ab, auf der die Anklage gegen Ralf S. beruht. An bislang 19 Verhandlungstagen wurden Dutzende Zeuginnen und Zeugen gehört, darunter auch Menschen, die Ralf S. gut kannten: Ehemalige und aktuelle Beziehungs- und Sexpartnerinnen sowie Personen aus der Düsseldorfer Neonazi-Szene, die um 2000 herum zur Blase der „Kameradschaft Düsseldorf“ um Sven Skoda gehörten oder sich dort gerne gesehen hätten.

Auch Skoda selbst wurde vor Gericht gehört, gab am siebten Verhandlungstag im Zeugenstand an, Ralf S. die Tat nicht zuzutrauen. S. sei zu großsprecherisch, um einen Anschlag wie das Bomben-Attentat vom 27. Juli 2000 geplant, durchgeführt und die dann folgenden Ermittlungen gegen sich ausgehalten zu haben, ohne sich selbst zu verraten.

Dilemma Narzissmus

Aber genau das ist der Punkt: Hat Oberstaatsanwalt Ralf Herrenbrück doch genau solche Indizien gesammelt. Hinweise, die immer wieder zeigen, dass der Angeklagte kurz nach dem Anschlag etwa den „Kameraden“ aus der Neonaziszene gegenüber mehrfach Andeutungen machte, die zu seiner Tatausführung bzw. Tatbeteiligung passen: Dass er in den Verdacht geraten sei, gerade weil er sich mit Sprengstoff auskenne (am Telefon zu Sven Skoda). Dass das, was „ich da gemacht habe – gemacht haben soll“ doch kein Mord im juristischen Sinne sei (im Telefongespräch mit Nadin Freytag – Mitverantwortliche für das Neonazi-Fanzine „Freya“). Dass seine „Kameraden“ und Mitarbeiter in seinem Security-Dienst, die Neonazi-Leuchten Sven Sch. oder Christian „Bratwurst“ N. etwa, die Klappe zu halten hätten, wenn die Polizei sie befrage … . Im bisherigen Prozess-Verlauf haben Prozessbeteiligte, Zuschauer*innen und Pressevertreter*innen eine Vielzahl von Aspekten gehört, mit denen der Angeklagte sich als Täter also jeweils fast verraten hat.

Der erste Eindruck, den der psychologische Gutachter nach verschiedenen Begutachtungssitzungen und den Impressionen aus dem Geschehen im Gerichtsverfahren vom Angeklagten hat, ist ebenso verräterisch nah dran: Es könne gut sein, dass Ralf S. mit einer „malignen narzisstischen Störung“ durchs Leben gehe. Menschen, denen eine solche Persönlichkeitsstruktur zu eigen ist, haben ein Problem mit ihrem Selbstbewusstsein, streben nach Anerkennung. In ihrem Verhalten neigen sie dabei zu Bösartigkeit, wollen ihre Ziele um jeden Preis erreichen – auch wenn antisoziales Verhalten oder Gewalt dabei ihr Mittel zum Zweck der Selbsterhebung sind. Bösartiges tun und darüber reden ist allerdings im echten Leben nur schwer damit vereinbar, als unschuldig betrachtet werden zu können.

Fehlerhafte Tarnung

Im April ergänzten weitere Zeug*innen dieses Bild von der verräterischen Auffälligkeit aus anderer, unbeteiligter Perspektive. Zuletzt sagte etwa ein Zeuge aus, der am 27. Juli 2000 beobachtet hatte, wie Ralf S. um die Mittagszeit auf der Worringer Straße in Höhe der Kreuzung zur Gerresheimer Straße und immer ein Stück in Richtung der Straße „Am Wehrhahn“ auf und ab gegangen sei – in auffallend anderer Kleidung, als er sie bis dahin je an Ralf S. wahrgenommen hatte. Fast hätte er, der Zeuge, ihn gar nicht erkannt in seinen hellen Klamotten. Auch S.‘ Verhalten sei dermaßen auffallend ungewöhnlich gewesen an diesem Tag, dass der Zeuge seine Beobachtung nach dem Anschlag auch der Polizei mitteilen wollte. Das klappte aber nicht, wie der Zeuge jetzt aussagte, weil er keinen angemessenen Kontakt zu den Ermittler*innen hätte herstellen können. Schon damals sei ihm bewusst gewesen, dass die Polizei rassistische Angriffe und Gewalt von Neonazis nach seinem Dafürhalten nicht angemessen bearbeite, Opfer und Zeug*innen rassistischer und rechter Gewalt nicht vor Rache-Konfrontationen oder Einschüchterungsversuchen schütze.

Denn S. oder sein Neonazi-Umfeld hätte seine Zeugen-Aussage gut zurückverfolgen können – war der Zeuge doch damals Angestellter im Matratzen-Geschäft, das im Erdgeschoss genau jenes Gebäudes seinen Laden und die Gebäude-breiten Schaufenster hatte, in dessen erster Etage die Sprachschul-Dependance war. In eben jenem Gebäude, das dem Laden von Ralf S. auf der Gerresheimer Straße 51 genau gegenüberlag und vor dem im Herbst 1999 Schüler*innen der Sprachschule über Wochen bedroht worden waren von zwei Personen in martialischer Kleidung. Solche „Bilderbuchglatzen“, mit Springerstiefeln und weiteren Accessoires aus dem Kleiderschrank typischer Nazi-Skinheads, habe er vor dem Laden von Ralf S. gemeinsam mit dem jetzt Angeklagten wiederholt wahrgenommen, so der Zeuge heute.

Aus Angst um seine Sicherheit habe er sich mit detaillierten Schilderungen seiner Beobachtungen damals an die Presse und eben nicht in erster Linie an die Polizei gewandt. Dem EXPRESS habe er seinerzeit per Email und am Telefon berichtet, wie er Ralf S. am Tattag in der beschrieben hellen Kleidung gesehen habe: wie er vor dem Schaufenster des Matratzen-Geschäftes immer wieder auf und ab gegangen sei, dabei ständig telefoniert habe und ununterbrochen in Richtung der Gleise bzw. der Fußgängerbrücke des S-Bahnhofs „Wehrhahn“ geschaut habe. Äußerst nervös habe S. gewirkt, gab der Zeuge im April 2018, beinahe 18 Jahre nach dem Anschlag, dem Gericht, der Anklagebehörde und der Öffentlichkeit zur Kenntnis. Eine für die Anklage wichtige Information, die über all die Jahre nicht verwertbar war, weil ein wichtiger Zeuge kein Vertrauen in die Zeugenschutz-Arbeit der Polizei haben konnte.

Und S.? Nun, wer nervös ist, macht Fehler. Am Ende könnte dem Angeklagten auf die Füße fallen, dass niemand sich gleichzeitig großkotzig geben und unsichtbar sein kann.


Die nächsten Prozesstermine Ende April/Mai sind am:

23.04.,
27.04.,
30.04.,
03.05.,
04.05.,
08.05.,
11.05.,
14.05.,
17.05.,
28.05.

Die Verhandlung beginnt in der Regel um 9.30 Uhr. Der Prozess ist öffentlich, die Prozessbeobachtung ist möglich, Besucher*innen sollten einen gültigen Personalausweis oder Reisepass dabei haben.