Vom Berliner Kiez in die Dunkelkammer des FFT: Die „Chöre der Angekommenen“

„Wir machen eben keine afrikanischen Moves“

Die Karawane für die Rechte der Flüchtlinge und Migranten, die Besetzung des Berliner Oranienplatzes – was war da gleich noch mal? Die „Chöre der Angekommenen“ wissen es. Die aus dem Schwabinggrad Ballett und Arrivati gebildete Agitprop-Truppe arbeitet im Forum Freies Theater die jüngste Migrationsgeschichte Deutschlands in Form eines Lehrstücks über selbstorganisierten Protest auf – inklusive Tanz-Einlagen, Musik, Lo-Fi-Multimedia und Hörspiel-Reduktionismus. TERZ sprach mit Margarita Tsomou vom Schwabinggrad Ballett und bat La Toya Manly Spain von den Arrivatis um eine kurze Ergänzung.

Terz: Könnten Sie die Macher*innen der „Chöre der Angekommenen“, das Schwabinggrad Ballett und Arrivati, kurz vorstellen?

Margarita Tsomou: Das Schwabinggrad Ballett gibt es seit dem Jahr 2000 und versteht sich als interventionalistische Agitprop-Gruppe. Es besteht aus Künstler*innen und Aktivist*innen aus dem Umfeld des Hamburger Butt Clubs, in dem sich schon sehr lange verschiedene Initiativen aus Kunst und Politik treffen, und des Pudel Clubs. Aus dieser ganzen Hafenstraßen-Kultur in St. Pauli heraus ist das Ballett entstanden als offener Zusammenhang von Leuten mit verschiedenen Expertisen: Aktivist*innen, Journalist*innen, Pädagog*innen, Musiker*innen, Theatermacher*innen, Gewerkschaftler*innen. Am Anfang stand die Langeweile mit ritualisierten Protest-Formen, den Demos und den Flugblättern in Schwarz-weiß. Wir wollten mit einer anderen Ästhetik in gesellschaftliche Prozesse eingreifen und damit auch andere Möglichkeitsräume zu produzieren. Das muss man sich ein bisschen als ulkige Straßenkappelle mit Agitprop-Ästhetik vorstellen. Und so hat das Schwabinggrad Ballett seit 2000 als mobiles Polit-Einsatzkommando, wie wir uns nennen, in verschiedene Kämpfe eingegriffen: Heiligendamm, WTO-Gipfel, „Recht auf Stadt“, die Griechenland-Krise, die G20-Proteste ...
Als im Winter 2013 hunderte Geflüchtete des Libyen-Krieges aus Lampedusa die „St. Pauli Kirche“ besetzten, war es für uns ganz klar, dass man zusammenarbeitet. Weil man Nachbar ist, also nicht aus so einem Gutmensch-Impetus heraus. Wir haben dann Leute aus Lampedusa dazu eingeladen, mit uns zusammen ein Theaterstück zu machen. Weil wir aber schon eine Struktur hatten und sie nicht, war das keine Zusammenarbeit auf Augenhöhe.

La Toya Manly Spain: Und deshalb haben wir dann 2014 Arrivati gegründet, die „Angekommenen“ ...

TERZ: ... in bewusster Opposition zum Begriff „Geflüchtete“

La Toya Manly Spain: ... Ja, es geht ums Ankommen, den Mut zu haben, seinen angestammten Platz zu verlassen, und am neuen Ort zusammen mit anderen gegen Rassismus, Kolonialismus und Kapitalismus zu kämpfen – und für ein besseres Leben.

TERZ: Wer seid ihr genau?

La Toya Manly Spain: Wir bestehen aus Leuten von der Lampedusa-Bewegung und anderen, die für ein Bleiberecht streiten, sowie aus „People of Colour“-Künstler*innen und -Aktivist*innen. Arrivati hat drei Schwerpunkte. Erstens die Selbstorganisation und das Empowerment von Asyl-Suchenden, Papierlosen und anderen Rassifizierten. Wir sind nämlich nicht gerade glücklich mit der Politik Deutschlands den „Newcomern“ – und dabei besonders den „Schwarzafrikaner*innen“ und „Wirtschaftsflüchtlingen“ – gegenüber mit all den Schikanen und Kontrollen. Zweitens dann das Nutzen von Kunst als einem Werkzeug des Widerstands und drittens schließlich die Beratung von Migrant*innen.

TERZ: Das Thema „Migration“ wirft viele Stoffe ab. Warum habt ihr euch entschlossen, gerade die Auseinandersetzungen um das Geflüchteten-Camp am Berliner Oranienplatz von 2012/14 noch mal theatralisch aufzuarbeiten?

Margarita Tsomou: Er war der dahin größte selbstorganisierte Protest von Geflüchteten in Deutschland.

TERZ: Wie kam es noch mal dazu?

Margarita Tsomou: Nach dem Suizid eines Iraners in einer Würzburger Gemeinschaftsunterkunft hat sich eine Karawane von Geflüchteten nach Berlin aufgemacht. Der Oranienplatz wurde dann so ein Zentrum, aus dem heraus Kämpfe gegen Abschiebungen, die Residenzpflicht, das Lagersystem und für Aufenthaltsrechte geführt wurden. Darüber hinaus war er aber nicht nur Protest, sondern auch Lösung für die neu Angekommenen, die nicht wussten, wo sie hingehen sollten.

TERZ: Und da wolltet ihr hin?

Margarita Tsomou: Ja, wir machen immer wieder solche Interventionen in laufende Prozesse. Ursprünglich hatten wir vor, an verschiedenen, für die Bewegung wichtigen Orten zu performen, wie z. B. auch an der damals besetzten Gerhart-Hauptmann-Schule in Kreuzberg. Aber vom Moment der Einreichung des Förderantrags an bis zur endgültigen Ausführung der Performance-Aktion war die Schule schon geräumt, wie auch der Oranienplatz als Zentrum der Geflüchteten-Kämpfe. Da haben wir uns gefragt, was machen wir und gesagt: Dann nehmen wir das alles als Fall-Beispiel dafür, wie selbstorganisierte Proteste von Geflüchteten ablaufen und dafür, wie widersprüchlich politische Kämpfe sein können, dass es eben nicht immer nur die Guten und die Bösen gibt. Einige Leute wollten das Camp abbrechen, weil ihnen so eine Art Duldung angeboten wurde, und andere wollten das eben nicht. Da haben sich die Gruppen gespalten, und im Grunde ist das für uns so ein Lehrstück darüber, was in politischen Bewegungen passieren kann, wenn die Situation sich zuspitzt. Die Schwierigkeit zu wissen, wann man nachgibt und ein Angebot annimmt und wann nicht, die Frage des Verrats – all diese Sachen behandeln wir.

TERZ: Wie seid ihr darangegangen?

Margarita Tsomou: Wir haben alle Mitwirkenden, Geflüchtete, Nicht-Geflüchtete, Support*innen und Nachbar*innen zu der Besetzung befragt und haben daraus eine Art Hörspiel gemacht.

TERZ: In Berlin wolltet ihr das Stück an den Original-Schauplätzen aufführen, das wurde aber nicht erlaubt, und dann habt ihr eine Demonstration angemeldet und das Stück als Demonstration performt, ist das richtig?

Margarita Tsomou: Ja, nachdem der Oranienplatz geräumt wurde, wurde gesagt: Man darf da keine Veranstaltungen mehr drauf machen, nicht mal mehr auf das Gras treten. Das Theater „Hebbel am Ufer“ hat sich wirklich stark ins Zeug gelegt und mit der Bürokratie verhandelt, aber die haben abgeblockt. Sie wollten nicht mehr, dass da irgendwas passiert und dieser Ort am Ende nochmals besetzt wird. Da hatten wir dann ein bisschen das gleiche Schicksal wie die Geflüchteten selbst. Mobil sein war die einzige Möglichkeit, die wir hatten. Um das Theaterstück zu sehen, mussten die Leute mit uns eine Demonstration durch Kreuzberg machen.

TERZ: Wie wollt ihr das alles ins FFT bringen?

Margarita Tsomou: So wie in Berlin können wir es natürlich in Düsseldorf nicht machen, weil es da nicht passiert ist. Und deswegen werden wir Folgendes machen: Im FFT werden wir dieses Hörspiel abspielen in einem verdunkelten Theatersaal, und wir werden das dann unterbrechen. Das Schwabinggrad Ballett selbst wird nicht in diesem Raum sein, sondern in der Probebühne des FFT und von dort aus Musik machen und auch einzelne Szenen vorführen, die dann per Livestream in den dunklen Theaterraum projiziert werden. Das ist eine Lösung, die genau zu der Tatsache passt, dass wir nicht am Originalschauplatz sein können.

TERZ: Ihr scheint es euch nicht leicht zu machen mit dem Thema „Migration“, einerseits „No border“ – nehme ich einmal an – andererseits aber „Beyond welcome“ und jenseits von Friede, Freude, Eierkuchen. In einem Spex-Interview spricht Ted Gaier von den Diskussionen mit seinen migrantischen Mitbewohner*innen über Homosexualität, und später sagt er: „Wenn man das ernst meint mit den offenen Grenzen, dann müssen wir bereit sein, sehr viel an Andersartigkeit zu ertragen. Ist das Toleranz? Weiß ich nicht. Aber es ist auf alle Fälle etwas, das für alle Beteiligten auch unbequem sein kann.“ Mich überzeugt diese Position. Aber andererseits könnte man auch sagen: „Warum sollen wir uns das denn dann antun?“ Oder ist das die falsche Frage, weil wir es uns sowieso antun müssen und es nur darum geht, wie?

Margarita Tsomou: In unseren Breitengraden haben wir auch viele homophobe Leute, in unseren Breitengraden haben wir auch viele sexistische Leute, das haben wir mit „MeToo“ jetzt gerade gesehen. Als Frau, als queere Frau merke ich das auch in der deutschen Gesellschaft die ganze Zeit, da muss man jetzt nicht groß in die Ferne schweifen. Das gibt es in jeder Gesellschaft, und man muss sich in jeder Gesellschaft damit auseinandersetzen. Und zum anderen finde ich schon, dass es keinen Weg jenseits des Es-Sich-Antun-Müssens gibt. Es ist ja eben nicht so, dass da irgendwelche Eindringliche hierherkommen. Wir sind mit der Geschichte dieser Leute verbunden. Wir sind ihre Geschichte. Der Kolonialismus ist unsere Geschichte und ihre auch. Wir brauchen gar nicht so zu tun, als würde das nicht miteinander zusammenhängen. Europa hat schon so lange gewalttätige Politiken jenseits dieses Kontinents gefahren, und die Auswirkung davon ist jetzt einfach, dass die Leute auf der Flucht vor nicht mehr zu ertragenen Lebensverhältnissen sind und zu uns kommen. Das ist einfach ein Fakt, da können wir uns noch so sehr sträuben. Je mehr das Klima sich verändert, je mehr Kriege es gibt, desto weniger wird es aufhören mit Leuten, die nach Europa kommen. Es ist keine Frage der Entscheidung, ob wir das wollen oder nicht, sondern es ist einfach die Frage: Wie gehen wir damit um?

TERZ: Von den Phantasie-Kostümen in eurem Video war ich ziemlich angetan. Plötzlich war es nicht mehr ein Ensemble, das aus migrantischen und nicht-migrantischen Mitgliedern bestand, sondern etwas anderes, drittes. Oder was war die Idee dahinter?

Margarita Tsomou: Wir versuchen so weit wie möglich, neue Wahrnehmungsräume zu schaffen, mit den Kostümen, den Bewegungen oder der Musik Kunst herzustellen, die nicht so einfach einzuordnen ist, statt diesen Unterschied zwischen den Kulturen – meine Kultur, deine Kultur – noch mal zu reproduzieren. Man könnte sich vorstellen, wir machen jetzt alle so afrikanische Moves. Aber wir machen eben keine afrikanischen Moves, weil unter uns zum Beispiel Afro-Deutsche sind, die wollen nicht die ganze Zeit immer identifiziert werden mit irgendwas Afrikanischem, weil sie einfach keine Afrikaner*innen sind, sie sind Deutsche. Deshalb sehen wir mit unseren Bewegungen eher aus wie eine total komische abstrakte Armee aus Sun Ras Space-Träumen (Sun Ra war ein US-amerikanischer Jazz-Musiker, Anm. Terz) als wie eine Geflüchteten-Demo.
Bei der Musik ist es auch so, sie ist entstanden über Improvisation, und das Ergebnis davon ist ein bisschen Afro-Beat, ein bisschen Free Jazz, dann noch so ein bisschen komischer Soul Vibe und Indierock-Gitarren. In der Musik ist es ja noch viel mehr möglich, sich in Räumen zu bewegen, die nicht so einfach kategorisierbar sind. Musik-Räume oder generell Kultur-Räume sind ja viel größer als Nationen. In der Politik muss man immer „Ja“ oder „Nein“ sagen. In der Kunst aber ist es möglich, in Zwischenräumen Misch-Formen oder neue Vorstellungen zu kreieren, neue Musiken, neue Bilder, die zeigen, dass es möglich ist, zusammenzuarbeiten jenseits dieser ständigen Kategorien Geflüchteter/Deutscher, Mann/Frau, schwarz/weiß.

TERZ: Es war bei der Musik auch jetzt nicht das Konzept, ein paar afrikanische Elemente zu nehmen und ein paar westliche, das dann zu fusionieren und damit ein Symbol für ein gelungenes Miteinander zu schaffen?

Margarita Tsomou: Es geht ein bisschen darüber hinaus. Wir sind eben kein soziales Projekt, wir sind ein Projekt, das versucht, Neues zu schaffen, einen ganz neuen Sound zu machen, und ja, im Grunde ist es schon ein Symbol dafür, dass es möglich ist, gemeinsam Neues zu schaffen. Aber wir sind kein Multikulti-Projekt, mit ein bisschen davon und ein bisschen davon. Multikulti ist nicht das, was wir zeigen wollen. Wir wollen zeigen, dass wir eine klare politische Haltung haben und zwar jenseits von Haut und Status. Und diese klare Haltung soll sich in der Musik ausdrücken. Sie ist neu, und sie ist kämpferisch und eben nicht nur multikulturell: „Jeder darf seine Kultur machen“, sie setzt vielmehr auch ein Zeichen gegen Seehofer zum Beispiel. So verstehen wir uns.


Chöre der Angekommenen – Performance-Konzert
5. - 6. Oktober, 20.00 Uhr, FFT-Juta
https://fft-duesseldorf.de