Der König kann gehen – Ende Gelände!

Selbst wenn sich Rolf Martin Schmitz, RWE-Vorstandschef aus Mönchengladbach, die Rockschöße so richtig aufreißen und seine PR-Abteilung voll auf Kuschelkurs trimmen sollte, dürfte der Drops gelutscht sein: In den letzten Monaten hat der Großkonzern, der mit 17.000 Mitarbeiter*innen der größte Braunkohle-Verstromer Europas ist, sich den Ruf ruiniert, wie schon lange nicht mehr.

Obwohl die Kohlekommission der Bundesregierung, eingesetzt im Juni 2018, zusammengekommen zuletzt am 24.10.2018 sogar vor Ort im Rheinischen Braunkohlerevier, bereits seit Monaten den klar beschlossenen Ausstieg aus der Braunkohlegewinnung und -Verstromung in seinen Details zu planen begonnen hat, hält RWE deren Empfehlungen offenkundig für so irrelevant, dass der Konzern trotz des bevorstehenden grundsätzlichen Endes der Braunkohleförderung an der Rodung des Hambacher Forstes festhält. Als wär’s vollkommen selbstverständlich, auf die letzte Husche noch platt zu machen, was im Großen und Ganzen nach der schon fast vollständigen Verwertung des rheinischen Braunkohlereviers eigentlich kaum noch ins Gewicht fällt, so klein wie der verbleibende Bereich am Rande der Mondlandschaft um Buir und Wanlo heute noch ist. Aber wo ein Großkonzern seine Hand draufgelegt hat, da wird er auch schwerlich davon ablassen, seine Besitz- und Verwertungsansprüche durchsetzen zu wollen.

Anfang Oktober hat das Oberverwaltungsgericht in Münster jetzt aber den Rodungsstopp verfügt – es darf so lange kein Baum gefällt werden im Hambacher Forst, bis der laufende Klageweg des Umweltverbandes BUND gegen den Großkonzern nicht abgeschlossen ist. Und das kann dauern.

In der Zwischenzeit wird RWE aber sicher nicht untätig bleiben und alles daran setzen, sich nur keine Blöße zu geben – als europäischer Marktführer, als vermeintlich fürsorglicher Arbeitgeber, als Big Player der Industrie, als Heilsbringer in Licht- und Kraft-Fragen, von dem alles abhängt. Sogar die Wahlerfolge von seinen am Lobby-Band des Strom-Riesen rumbaumelnden Unterstützer*innen aus den hiesigen relevanten Ministerien von „Innen“ bis „Wirtschaft“ und „Finanzen“.

Plattform für Plattmacher

Und die Düsseldorfer Rheinische Post bietet ihre Samstagsausgabe als passende Plattform für das große Schmierentheater kostenlos und ohne Not als ganz große Bühne an, praktisch ohne jede kritische Nachfrage. So kann Konzern-Boss Rolf Martin Schmitz im RP-Interview vom 13. Oktober 2018 spalten und auseinanderbringen, wie ihm das Bonzen-Herz gerade so schlägt.

Fleißig wiegelt der Frühaufsteher Schmitz (wow, schon um 8 Uhr morgens in der Redaktion, wie berichtenswert, liebe RP!) die Arbeitnehmer*innen im rheinischen RWE-Standort gegen die Umweltaktivist*innen und die Protestierenden im Hambacher Forst auf, und gibt Kunde, dass die Arbeiter*innen die Verantwortung für etwaige Stellenkürzungen sehr genau zu taxieren wüssten. Die, die RWE blockierten, das seien die, die für Arbeitslosigkeit und Not der geschassten Arbeiter*innen aus Grube und Veredelung im Kraftwerk verantwortlich zeichneten. Sie, die Umweltaktivist*innen, seien die wahren RWE-Zerstörer*innen. Das möchte Schmitz uns glauben machen. Und dabei gehe es noch nicht einmal allein nur um die RWE-Mitarbeitenden, betont Schmitz mit dem Kalkül des Konzernbosses. Nein, auch die hiesige stromnutzende Industrie, die ohne die Kohleverstromung aus dem rheinischen Revier die Lichter ausmachen müsse, werde, so suggeriert Schmitz, Schwierigkeiten haben, Ausfälle durch Strommangel nicht auf die Schultern ihrer Arbeitnehmer*innen abzuladen – Kündigungen, Kurzarbeit, all dies ginge dann, so liest sich das Interview, auf die Kappe der RWE-Gegner*innen. Wenn die große Pleite dann wegen all der Proteste da sei, sei völlig klar: die Ökos, die sind schuld.

Was für eine dreckige Volte! Weiß Schmitz doch ganz genau, dass der sicher geplante Kohleausstieg in jedem Fall Arbeitsplätze kostet, und das nicht zu knapp. Anstatt sich nach lösungsorientierten Ausstiegsszenarien umzusehen, die es jeder und jedem Mitarbeiter*in von RWE am Standort erlauben, sich erfolgreich neu aufzustellen am Arbeitsmarkt, lenkt der Konzernchef von sich und seinesgleichen ab. Er hat einen praktischen Sündenbock gefunden. Einen Sündenbock dafür, dass er lange Versäumtes (ein Konzept alternativer Beschäftigungsmöglichkeiten zu entwickeln und schrittweise und dem künftigen Prozess des Ausstiegs aus der Kohleverstromung angemessen umzusetzen etwa) bis heute einfach liegen lässt und so tut, als wär’ das alles nicht sein business, dieses lästige Zeug von wegen Verantwortung für die Mitarbeitenden und sowas. Und der Eindruck kommt ja auch nicht von ungefähr. Denn die „Reich mir die Hand“-Politik aus NRW und Bund hat den Energie-Konzernen lange genug Zucker in den Arsch geblasen, Ewigkeits-Aufgaben und -Kosten für Bergbauschäden (und nicht zuletzt für Atommüll-Lagerung) aus der Verantwortung der Strom-Riesen genommen, dass der Gewöhnungseffekt nicht größer sein könnte. Wenn ein Wirtschaftsunternehmen in einer standortentwicklungspolitisch so mächtigen Sparte einmal gelernt hat, wie ihr die Wahlerfolg-lechzenden Politiker*innen die Aktentasche hinterher tragen, wird es sich kaum jemals auf die eigene Verantwortung für Mensch und Umwelt besinnen. Dafür gibt’s ja Leute wie NRW-Innenminister Herbert Reul, der die Räumung des Hambacher Forstes dann zur innenpolitischen Aufgabe macht und husch ein paar Gründe erfindet, von denen alle (echt, alle!) wissen, dass sie bloße Scheinargumente, ja peinliche Ausreden sind.

Und Schmitz? Der hat im Interview mit der Rheinischen Post gleich zu Beginn sogar die Stirn zu erzählen, dass der Hambacher Forst auch dann „nicht mehr zu retten“ sei, wenn RWE „die Bagger stoppen“ würde. Schließlich brauche man das Erdvolumen unter den Bäumen, um die unweit klaffende Abbruchkante aufzuschütten. Wollte man die Erde von andernorts her transportieren, so bräuchte man „eine LKW-Reihe, die gut 25 Mal um die Erde reicht.“ Das, so Schmitz, „hätte mit Klimaschutz nichts mehr zu tun.“ Und die Fledermäuse, um deren Lebensraumerhalt der BUND gegen RWE geklagt hatte, die gäbe es vermutlich nun, „nachdem so viele Menschen“ durch den Wald „durchgelaufen“ seien, ohnehin im Hambacher Forst nicht mehr.

Wirklich, Herr Schmitz? Das ist Ihr Stil? Glauben Sie, dass sie nur großkotzig genug auftreten müssen, damit die Geldströme aus Ausfall-ausgleichenden Fördertöpfen aus Bundes- und Länderhaushalten schon wie Milch und Honig in die Taschen des Aktien-Konzernes fließen? Wo ein Reul vielleicht so doof ist, die breite Brust von RWE noch ehrfurchteinflößend zu finden. Die Menschen im Land haben aber, anders als der Innenminister schon längst kapiert, wo der Bagger im Dreck liegt. So schreibt ein aufmerksamer Leser des RP-Interviews in aller Schönheit: So wie Herr Schmitz verhalte sich nur einer, der sich „für den König von Deutschland hält“. Zwischen seinen Konzern, seine Aufgabe als Manager und seine dicke Hose passe, ließe sich der Leserkommentar zusammenfassen, nurmehr allein ein simples „ICH, ICH, ICH.“ Aber: „Aufwachen, zuhören und Augen auf – Herr Rolf Martin Schmitz! CO2 ist der KLIMAKILLER Nummer 1. Dummerweise entsteht ein erheblicher Teil davon durch die Kohleverstromung. Aber das wissen Sie ja! Jahrhundert-Sommer 2018, Dürre, Ernteausfälle, Unwetter, Gletscherschmelze ... klingelt da nichts bei Ihnen? Ein stupides ‚Weiter so‘ wird es nicht geben (können). So langsam dämmert es unserer Gesellschaft, das viel mehr auf dem Spiel steht als das Wohl eines (austauschbaren) RWE-Vorstands.“ Gleiches gilt auch für einen Minister. Und für noch einen. Und noch eine. Eure Hybris wird Euch nicht mehr lange tragen – Hochmut kommt vor dem Fall. Ende Gelände!

Till Jakob