Emanzipation und Enttäuschung – Revolution im November 1918

Jahrestage werfen ihre Schatten voraus. Oder Schlaglichter. Manchmal als Ausstellungen oder Symposien. Und natürlich mit Büchern und Texten. Von Zeitgeschichte und den Perspektiven der Lebenden

„100 Jahre ...“, „75 Jahre ...“, „50 Jahre ...“. Erinnern geht eigentlich jeden Tag. Egal, wie lang das Erinnerte schon vorbei ist. Trotzdem hat Erinnern bei – vorzugsweise runden – Jubiläen oder Jahrestagen Konjunktur. Dabei ist in der Geschichtswissenschaft alles Vergangene, was noch Fleisch am Knochen hat „Zeitgeschichte“. Solange es noch Zeitzeug*innen gibt, Menschen, die über Erlebtes und zu Erinnerndes selbst schreiben, Beteiligte oder teilnehmende Beobachter*innen dessen waren, was sie analysieren oder mit Leser*innen, Besucher*innen oder Zuhörer*innen teilen möchten, sagen wir, dass wir ein „Stück Zeitgeschichte“ vor uns haben.

Das Feld rollt sich dabei natürlich stetig von hinten auf. Und jene, denen es wichtig ist zu wissen, zu welcher Epoche sie sich gerade Gedanken machen, müssen ständig schauen, ob die Objekte ihres historischen Interesses denn vielleicht bereits tot sind oder im Gegenteil: auch heute noch selbst Subjekt ihrer eigenen Geschichte sein könnten..

Zeitgeschichtliche Perspektiven

Mitunter ist Zeitgeschichte gerade darum reizvoll. Denn die Inhalte unserer historischen Betrachtung – zumeist ja irgendwas mit Menschen, zu oft leider noch: mit großen Männern – können sich immer noch einmischen, sagen, was ihnen an der Darstellung ihrer Geschichte nicht passt. Sie können Perspektiven ergänzen, Schuld zuweisen und Verantwortliche benennen, sich selbstkritisch sehen oder über andere meckern. Das ist spannend und bereichernd besonders dann, wenn Geschichtsbilder von dem, was erst vorgestern war, kontrovers sind und wir uns darüber austauschen können. Besonders plastisch war und ist das auch zuletzt in Düsseldorf, wo es etwa zu „den 68ern“ gleich mehrere Ausstellungen zu sehen und verschiedenste Perspektiven anzuhören und wahrzunehmen gibt in diesem jetzt schon älter werdenden 2018, fünfzig Jahre später also.

„Was war gut? Was hätte man besser machen können?“ – das sind Fragen, die sich in diesen Rückschauen noch stellen lassen können. Dann kann Geschichte auch nach vorne gehen, kann hilfreich sein, in der Gegenwart an die gestern erfolgreichen Entwicklunge und Überlegungen anzuknüpfen oder den gleichen Fehler nicht ein zweites Mal zu machen. Darum ist etwa der zeithistorische Blick auf die Sozialen Bewegungen der vergangenen Jahrzehnte so wichtig. Schließlich können wir ‚die Alten‘ fragen: Nach ihrer Meinung, nach alten Flugblättern, nach Plena-Protokollen, nach den Debatten von damals, den Zerwürfnissen, den Kompromissen und den Sternstunden.

Für weiter Zurückliegendes geht das nicht. Obwohl wir uns das so manches Mal wünschen würden. Gerade in Zeiten, in denen die Gegenwart nur allzu oft mit der Vergangenheit verglichen wird. Zuletzt wollte das Fernsehmagazin „Monitor“ etwa von Sozialwissenschaftlern wie Samuel Salzborn oder Oliver Nachtwey erklärt wissen, ob „AfD“ und „Volksverhetzung“, „Pegida“ und „Chemnitz“ nicht vielleicht so etwas ähnliches wie „Weimar“ seien – als gegen Ende der ersten deutschen Republik die historischen Nazis erst die Straße, dann die Köpfe und schließlich die Parlamente erobern wollten. Und das auch taten.

Verdammt lang her

Heute können wir kaum noch eine derjenigen fragen, die sich damals als Antifaschist*innen verstanden, protestierten, Widerstand leisteten. Überhaupt keine*n von denen können wir heute noch um Auskunft bitten die nur wenige Jahre zuvor, nach Ende des Ersten Weltkrieges 1918 für ihre Ideale hin zu einer aktiv, einer revolutionär veränderten Gesellschaft gestritten hatten. 1918 ist zu verdammt lang her, als dass wir uns als Antifas, als Sozialist*innen, als Kommunist*innen, Internationalist*innen, Arbeits-, Frauen-, Freiheits-Kämpfer*innen noch an die Altvorderen wenden könnten, um sie nach ihren Plänen, ihren Strategien, ihren Enttäuschungen, ihren Erfolgen und ihren (geplatzten) Träumen fragen zu können. Leider. Vielleicht wären wir dann schon ein ganzes Stück weiter.

Den Versuch, verschiedene Perspektiven wenigstens einzufangen, macht aber ein kleine Broschüre, herausgegeben von Bernd Hüttner und Axel Weipert – beide (Gründungs-)Mitglieder im Gesprächskreis Geschichte der Rosa-Luxemburg-Stiftung. Ihr Band heißt mit Bedacht „Emanzipation und Enttäuschung“. Denn die acht Autorinnen und Autoren, jüngere und ältere, schauen sich die Ereignisse und Folgen der Novemberrevolution 1918/19 aus verschiedenen – auch ernüchternden Blickwinkeln an. Dabei werfen sie nicht zuletzt auch ein Licht auf eine zumeist nur für Expert*innen hell erleuchtete Geschichte: die der Akteur*innen der revolutionären Entwicklungen, die den Beginn der Weimarer Republik in eine in der Tat revolutionär neue Richtung lenkten – so neu, dass die wenigsten mitkamen, mitkommen konnten angesichts anderer, konservativer(er), bremsender, reformistischer oder auch rückwärtsgewandter Politik-Angebote, die leichter verdaulich waren für eine Gesellschaft nach Ende eines Millionen Opfer schweren, selbst angezettelten und verlorenen Krieges.

Von 1918 lernen

Die Beiträge von „Emanzipation und Enttäuschung“ fördern nun nichts zu Tage, was nicht schon hier und da erforscht oder beschrieben worden wäre. Aber das gemeinsame ‚Dach‘, genau auszuloten, was gut gelaufen ist, was enttäuschend war an der Revolution von vor 100 Jahren macht neue Perspektiven auf. Die Texte schärfen damit vielleicht noch einmal den Blick dafür, welche Konsequenzen Veränderungen mitbringen und wie damit umzugehen ist, Veränderungen auch leben und aushalten zu können – gegen jeden Widerstand von Kirche, Kapital und Patriarchat, gegen die Hegemonie-Ansprüche von Großmächten oder die Diskurshoheits-Allüren eitler Ideengeber*innen. Wie können sich Veränderungen auf die Beine stellen lassen gerade trotz aller und mit allen Schwierigkeiten, die wir haben, wenn wir mit all unseren meistens im Detail ja doch unterschiedlichen politischen Zielen, mit unseren verschiedenen Idealen von einer freien Gesellschaft ohne Angst und Ausbeutung, zusammenarbeiten wollen und sollten? Wenn wir Bündnisse schmieden, wo es viel Trennendes gibt? Wenn wir das Ziel nicht aus den Augen verlieren wollen?

So seien die Texte der Broschüre mit ihrem Blick auf die Revolution 1918/19 allen Träumer*innen und Realist*innen zur Lektüre empfohlen. Der Rückblick kann – auch ohne die revolutionären Subjekte von damals heute noch einmal fragen zu können, leider – für die Gegenwart hilfreich sein. Egal, wie lange es her ist.

Der Band „Emanzipation und Enttäuschung. Perspektiven auf die Novemberrevolution 1918/19“ kann auf der Homepage https://rosalux.de/publikation/id/39298/ kostenlos bestellt oder als PDF-Datei heruntergeladen werden.