„Was die nächste Zeit bringen wird, sind Kämpfe“

Im November vor 100 Jahren schien es: Eine andere Welt ist möglich. Daran glaubte auch Ewald Ochel. Fast 30 Jahre nach den revolutionären Ereignissen schrieb er seine Erinnerungen an die bewegten Monate nach dem 9. November 1918 auf. Die Memoiren des Revolutionärs, der im Winter 1918/1919 in Düsseldorf die Welt vom Kopf auf die Füße stellen wollte, sind jetzt als Buch erschienen.

Das hundertjährige Jubiläum der Novemberrevolution ist recht geräuschlos vorüber gegangen. Wenn überhaupt, wurde die Revolution als Geburtsstunde der parlamentarischen Demokratie in Deutschland gefeiert – das emblematische Bild: der Sozialdemokrat Philipp Scheidemann ruft am Balkon des Reichstags die demokratische Republik aus. Dass an diesem 9. November 1918 Karl Liebknecht auch eine sozialistische Republik ausrief, daran wird hierzulande kaum erinnert. Auch wird wenig über den Pakt der SPD mit Reichswehr und Freikorps gesprochen, die zwischen Dezember 1918 und Mai 1919 jede revolutionäre Bewegung im Deutschen Reich im Blut ersticken sollten, was mindestens 1.600 Todesopfer kostete.

In diese Lücke stoßen die jetzt von dem Historiker Joachim Schröder publizierten Erinnerungen des Düsseldorfer Revolutionärs Ewald Ochel. Ochel, geboren 1875 und gelernter Steinmetz, engagiert sich früh in der Sozialdemokratie. Als der Krieg 1914 ausbricht, gehören Ochel und viele Genoss*innen zu den Kriegsgegner*innen in der Partei und sympathisieren mit Karl Liebknecht. Wegen pazifistischer Propaganda fährt Ochel für einige Wochen in der „Ulmer Höh“ ein. Kurz darauf wird er, bereits 41 Jahre alt, einberufen, doch er entzieht sich dem Kriegsdienst durch Flucht in die Niederlande. Hier taucht er in die Szene der deutschen Deserteure ein, sucht und findet Gleichgesinnte. Mit anderen desertierten Sozialisten geben sie eine eigene Zeitung („Der Kampf“) heraus, um weitere Anhänger um sich zu scharen. Zu ihnen stößt auch Wilhelm Pieck, der sich ebenfalls dem Militärdienst durch Flucht nach Holland entzogen hatte. Nach Ausbruch der Revolution 1918 stürzen sie sich in die revolutionären Turbulenzen in Deutschland.

Revolution in Düsseldorf und München

Ochel wird einer der Wortführer der radikalen Linken in Düsseldorf. Während der kurzlebigen „Spartakusherrschaft“ im Januar/Februar 1919 gehört er dem „revolutionären Vollzugsrat“ an. Als das Freikorps Lichtschlag (Volksmund: „Totschlag“) einrückt, entkommt Ochel nach München. Dort trifft er auf alte Bekannte, darunter Eugen Leviné, den künftigen Anführer der Räterepublik. Ochel reist als wortgewaltiger Propagandist durch die Gegend und wird Mitglied der kommunistischen Räteregierung. Als auch diese niedergeschlagen wird, entkommt Ochel zunächst mit Glück der mordlustigen Soldateska. Am Ende wird er aber doch noch verhaftet. Er wird zu einer Haftstrafe verurteilt, die er in mehreren Fes­tungshaftanstalten absitzt, gemeinsam mit bekannten Revolutionären wie Ernst Toller oder Erich Mühsam. Immer in der Furcht, die Wachsoldaten könnten doch noch „kurzen Prozess“ machen. Nach Ablauf seiner Haftstrafe nutzt die bayerische Regierung das schon damals bekannte Instrument der „Schutzhaft“, um ihn auch ohne Urteil bis auf weiteres festhalten zu können. Gemeinsam mit vier Zellengenossen gelingt Ochel dann aber die Flucht und die Rückkehr nach Düsseldorf, wo soeben die Franzosen einmarschiert sind. Die deutsche Polizei kann ihm deshalb nicht gefährlich werden. Hier enden Ochels Erinnerungen.

KPO-SPD-KPD

Der Erzählstil des Autors ist lebendig und temperamentvoll. Er verfasste seine Erinnerungen Ende der 1940er Jahre – sie gelangten ins SED-Parteiarchiv, heute befinden sie sich im Bundesarchiv. Ochel ist nicht gerade bescheiden und gelegentlich erscheint seine Rolle wichtiger, als sie womöglich gewesen ist. Seine Erinnerungen sind parteiisch und bilden eine Sichtweise ab, die vielen heutigen Leser*innen fremd sein mag, doch sie wurde seinerzeit in dieser Stadt von vielen geteilt. Den Erinnerungen ist ein Dokumentenanhang beigegeben, in einer biographischen Notiz erfahren die Leser*innen, wie Ochels Leben weiterging: Er wurde zu einer Führungsfigur der Düsseldorfer KPD, Journalist der KPD-Zeitung des Bezirks Niederrhein „Die Freiheit“, Stadtverordneter und bis 1929 Vorsitzender der KPD-Stadtratsfraktion. Danach trat er wegen der stalinistischen Linie seiner Partei wieder zur SPD über und war nicht mehr politisch aktiv – zu seinem Glück, denn ansonsten hätte ihn die Gestapo 1933 sicher verhaftet. Er war nur kurzzeitig in Haft, weil er sich zu vehement für seinen Sohn Peter eingesetzt hatte (der in Haft saß, weil ihm und seinen Genossen unterstellt wurde, einen Gestapospitzel ausgeschaltet zu haben). Nach dem Krieg setzte sich Ochel für eine Vereinigung von SPD und KPD ein, kehrte dann wieder zur KPD zurück. Er starb 1957.

„Was die nächste Zeit bringen wird, sind Kämpfe.“

Erinner­ungen eines Revolutionärs (1914-1921)
Herausgegeben und mit einer biografischen Notiz versehen von Joachim Schröder
Berlin: Metropol 2018 24 Euro