Global statt national

Wie entsteht ein Kanon? Warum hängen welche Kunstwerke im Museum? Und wo ist eigentlich Europa? Eine Ausstellung im K20 hinterfragt den westlichen Standpunkt.

Im Foyer der Ausstellung „Mikrogeschichten einer ex-zentrischen Moderne“ ist eine große Weltkarte an der Wand angebracht. Hier liegt Europa nicht, wie wir es von „unseren“ Kartenausschnitten gewohnt sind, in der Mitte, sondern außerhalb des Zentrums. Das provoziert gleich zu Anfang eine Irritation und ist das Programm der Ausstellung im K20: die Perspektive zu verschieben und zu schauen, welche Künstler*innen der Moderne dann in den Blick geraten. Eingebettet ist die Ausstellung in ein bundesweites Forschungsprojekt, in dem verschiedene Kunsthäuser drei Jahre lang auch die Genese ihrer eigenen Sammlungen kritisch beleuchtet haben. In Bezug auf die 1961 gegründete Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen wurde dabei die Fixierung auf europäische und nordamerikanische Avantgarde und die Abwesenheit von Frauen deutlich. Für die Mitte November eröffnete Ausstellung wurde nun das Haus umgeräumt – oder, wie eine Kunstkritikerin im Deutschlandfunk bemerkte: der „Pollock ein bisschen zur Seite geschoben“. An den Wänden hängen sich jetzt Künstler und Künstlerinnen – das Geschlechterverhältnis ist unaufdringlich ausgeglichen – aus Japan, Georgien, Brasilien, Mexiko, Indien, Nigeria oder Libanon gegenüber. Die Kuratorinnen trieben die Arbeiten durch langwierige Recherche auf und holten sie nach Düsseldorf, auch um sie in Bezug zu setzen zu Werken aus der K20-Sammlung von europäischen Künstler*innen. Denn eines zeigt die Ausstellung deutlich: die Künstler*innen inspirierten sich über Ländergrenzen und Ozeane hinweg gegenseitig, auch wenn die Kanonisierung diesen globalen Charakter auf westliches Maß zurechtstutzte. Emigration während der Weltkriege, Reisen oder Freundschaften befeuerten den intellektuellen und künstlerischen Austausch.

Internationale Avantgarde

Die Kunst der Moderne entzieht sich Festlegungen, ist fantasievoll und verzerrt alltägliche Wahrnehmungsmuster, die Bilder der Ausstellung sind dementsprechend höchstgradig variationsreich. Wären die Werke nicht im Kontext dieser speziellen Auseinandersetzung mit eurozentristischer Sammlungstätigkeit gezeigt worden, sondern hingen sie einfach so in der ständigen Ausstellung des K20 – für eine*n nur mäßig in Kunstdingen bewanderte*n Museumsbesucher*in hätten sie sich unauffällig in das Ensemble eingepasst. Das bedeutet nicht, dass die Künstler*innen nicht je etwas ganz Eigenes – Motive, Formen und Farben – erschufen. Die Werke der 1886 geborenen brasilianischen Künstlerin Tarsila do Amaral zum Beispiel sind teils knallig und komisch: ein Bild zeigt den Eiffelturm inmitten einer südamerikanischen Szenerie. Die Künstlerin thematisierte in ihren Werken den Eurozentrismus der Kunst und kehrte dessen Einverleibungsversuche um. In Museen wird Kunst oft relativ kontextlos gezeigt: die Bilder hängen an der Wand und sollen für sich sprechen. In der Düsseldorfer Ausstellung werden hingegen tatsächlich, wie schon der Titel ankündigt, „Mikrogeschichten“ erzählt, und zwar nicht nur an der Wand. In Vitrinen sind originale (aber leider auch viele schlecht reproduzierte) Korrespondenzen, Flugblätter, Fotografien und Publikationen ausgestellt. So lesen wir etwa einen Brief von Stefan Zweig an den jüdisch-litauischen Maler Lasar Segall, der wie Zweig auch, allerdings schon vor dem Nationalsozialismus, nach Brasilien ging. Der Brief wird in den Kontext von Segalls Bild „Emigrantenschiff“ gestellt: darauf sind von oben – als hinge der/die Betrachtende im Mast – zig Geflüchtete an Deck zu sehen. Damals waren es die Europäer*innen, die in anderen Ländern Zuflucht suchten, unter ihnen viele Künstler*innen, die ihre Erfahrungen in ihren Werken verarbeiteten. Wir erfahren, wie international und fortschrittlich künstlerische Kreise damals gedacht haben: in einem Schreiben von 1922 wird die erste Internationale Kunstausstellung in Düsseldorf angekündigt, organisiert vom Jungen Rheinland. Und wir lesen Flugblätter französischer Surrealisten, die zum Boykott einer 1931 eröffneten Ausstellung aufriefen, die die Kolonialmacht Frankreichs demonstrieren sollte und im Stile der damaligen „Völkerschauen“ gehalten war. Wenn Museen sich derzeit bemühen, demokratischer zu werden, so sind auch solche Kontextualisierungen, das Einbetten von Werken in Zeitgeschichte, ein probates Mittel, den Banaus*innen unter uns den Zugang zu erleichtern und ein Verständnis für die Bedingungen zu vermitteln, unter denen Kunst entsteht und zugänglich gemacht wird.

Den Blick weiten

Die Ausstellung endet mit der Station „Zaria“. Hier wird die Kunstszene Nigerias zwischen der Unabhängigkeit von der britischen Kolonialherrschaft 1960 bis zum Biafrakrieg 1967 bebildert, insbesondere mit Werken von Uche Okeke. Auch die nigerianischen Künstler*innen bauten Netzwerke zu ihren Kolleg*innen in anderen afrikanischen Ländern und Nord- und Südamerika, aber auch zu Exilant*innen in Europa auf. In dieser Station wird ganz besonders deutlich, wie eingeengt der eigene Blick auf Kunst und Künstler*innen zuweilen ist: dass es auch über Europa hinaus eine rege Kunstszene gegeben hat und gibt, ist keine Erkenntnis von riesigem Neuigkeitswert, das Erstaunen darüber aber dennoch ein Effekt der Ausstellung.

Leider ziemlich umständlich werden die „Mikrogeschichten einer ex-zentrischen Moderne“ eingebettet in einen „Prolog“ und „Epilog“. Letzterer versucht zu ergründen, warum der Sammlungsaufbau von Museen derart auf Europa und Nordamerika fokussiert war – so die Idee, aber bis auf den Erklärtext an der Wand ist diese Spurensuche für die gemeinen Besucher*innen mies bis gar nicht verständlich. Der Prolog hingegen integriert die kleine Schau „Paul Klee. Eine Sammlung auf Reisen“. Die Geschichte der Sammlung ist eng mit deutscher Geschichte verwoben. Klees Werke galten im Nationalsozialismus als entartet, er wurde schon 1933 von der Düsseldorfer Kunstakademie, wo er Professor war, geschmissen und emigrierte daraufhin. Auch als politisches Zeichen erwarb Werner Schmalenbach, der in den 1960er Jahren die Kunstsammlung NRW maßgeblich aufbaute, zahlreiche Werke Klees. Diese Klee-Sammlung wurde von 1966 bis 1985 auf „politische“ Weltreise geschickt. Mit der allerersten Station: Israel. Neben Klees Bildern werden zahlreiche Kontextmaterialien gezeigt. Wir können die Versuche, eine freundschaftliche Annäherung zwischen Deutschland und Israel zu etablieren, anhand der Korrespondenzen im Vorfeld der Ausstellung nachvollziehen. Wir sehen aber auch einen Ausschnitt aus dem deutschen Fernsehen zur Klee-Ausstellung in Singapur 1982, wo die Ausstellung „Nachhilfe in Sachen Kultur“ leisten sollte – mehr westliche Arroganz geht wohl kaum. Dass die Klee-Sammlung auf Reisen ging, war ein schönes Symbol. Die genannten Reisestationen zeigen aber ebenso, dass die Werke Klees noch nach dem Nationalsozialismus politisch aufgeladen und genutzt wurden. Der Grat zwischen einer auch politischen Kontextualisierung von Kunst und einer Instrumentalisierung für politische Zwecke ist schmal.

Übrigens sind spannende Original-Filmaufnahmen der 1937 in München gezeigten Schau „Entartete Kunst“ (die de facto eine einzige Raubkunst-Schau war) zu sehen. Was haben die vielen Besucher*innen der Ausstellung damals gedacht oder empfunden? Das ist den Aufnahmen nicht zu entnehmen – die meisten Gesichter wirken weder erstaunt noch aufgebracht, sondern teilnahmslos.

„Mikrogeschichten einer ex-zentrischen Moderne“ und „Paul Klee. Eine Sammlung auf Reisen“ sind beide im K20 am Grabbeplatz zu sehen bis zum 10. März 2019. Eintritt: regulär 12 Euro, jeden 1. Mittwoch im Monat von 18-22 Uhr Eintritt frei.