Ein Besuch bei Madonna e.V.

Die Arbeit des Vereins Madonna e.V. ist in doppelter Hinsicht einzigartig: Der Verein zur Förderung der beruflichen und kulturellen Bildung von Sexarbeiterinnen ist zum einen die einzige Einrichtung der Prostituierten-Selbsthilfe in NRW. Und zum anderen betreibt Madonna e.V. bundesweit das einzige Archiv und Dokumentationszentrum, das sich auf das Thema Sexarbeit spezialisiert hat.

Wer die Beratungsstelle und das Archiv besuchen möchte, muss sich auf den Weg nach Bochum machen. Im sogenannten „Bordellviertel“ finden sich die Räumlichkeiten von Madonna e.V. in einem Hinterhof. Der Eingangsbereich ist versteckt und anonym gehalten, keine Besucherin soll sich bloßgestellt fühlen. Die Beratungsstelle ist recht großzügig, acht Mitarbeiterinnen kommen hier in mehreren Büros unter und es gibt einen großen Gruppenraum. Den Flur entlang zeigen Fotos Szenen aus dem Alltag von Sexarbeiterinnen im Viertel. Ins Auge fallen auch zwei große Glasvasen, je mit „nein“ und „ja“ beschriftet, davor fragt ein Schild: „Ist Prostitution eine Möglichkeit der sexuellen Selbstbestimmung?“ Jeder Gast kann nun per Einwurf eines kleinen Zettelchens abstimmen. Die „ja“ Vase ist bisher die vollere.

Das dürfte an diesem Ort kaum verwundern, natürlich würden auch die Mitarbeiterinnen diese Frage mit einem eindeutigen „Ja“ beantworten. Seit 1991 existiert der Verein der Prostituierten-Selbsthilfe, in dem sich Sexarbeiterinnen und Sozialarbeiterinnen zusammen geschlossen haben. Die Beratungsstelle wurde 1992 eröffnet, und war von Teilen der Hurenbewegung der 1980er Jahre als reine Selbsthilfe von Huren für Huren erdacht und geplant worden. Mit den Jahren entwickelte Madonna e.V. spezifische Angebote, die den Bedürfnissen der Frauen entspringen. So gibt es neben klassischer sozialarbeiterischer Beratung zu Schulden- oder Mietfragen auch Gesundheitsberatung oder Ein- und Ausstiegsberatung. Während die Ausstiegsberatung recht frühzeitig und bis heute vom Land gefördert wird, bleibt die Einstiegsberatung allein Sache von Madonna e.V.

Das Prostitutionsgesetz von 2002 wird von Madonna e.V. als unzulänglich bewertet. Es hatte allerdings es den Vorteil, das Prostitution nun offiziell als Erwerbsarbeit eingestuft ist und zumindest rechtlich, wenn auch noch lange nicht gesellschaftlich, vom Stigma der Sittenwidrigkeit befreit wurde. Das ermöglicht einen offensiven Umgang mit dem Beruf und ist ein klarer Rahmen für Frauen, die sich in diesem Bereich selbstständig machen müssen. Allerdings erfordert das auch von den Frauen neue Kompetenzen: Madonna e.V. bietet dazu passende Hilfe, wie etwa zum Schreiben von Rechnungen, Gestalten von Homepages oder Ausfüllen einer Umsatzsteuervoranmeldung.

Die Beraterinnen bei Madonna e.V. haben alle Hände voll zu tun: ca. 400 Frauen sind mit Madonna in Kontakt, Tendenz steigend, die Terminkalender sind voll und die finanziellen Mittel chronisch knapp.

Das trifft auch auf das Archiv der Beratungsstelle zu, das unter anderem von Dorothee Schmidt mit großer Hingabe aufgebaut worden ist und nun einen ganz besonderen, in Deutschland einzigartigen Bestand aufweist. Der Verein dokumentiert hier natürlich seine Arbeit, aber auch die Vereinszeitschriften, Infomaterialien und Veröffentlichungen anderer Prostituiertenselbsthilfegruppen sind hier zu finden, genauso wie Archivalien der deutschen Hurenbewegung, wie z.B. Plakate und Fotos von Demonstrationen. Ganz wichtig für die alltägliche Beratungsarbeit ist die Sammlung an Gerichtsurteilen, in denen es in der Regel um Konflikte zwischen Freier und Sexarbeiterin geht. Ergänzt wird der Bestand durch wissenschaftliche Arbeiten vom Uni-Referat bis zur Doktorarbeit und einer Fachbibliothek, die von der kulturgeschichtlichen Betrachtung der Prostitution über Erfahrungsberichte und Biografien einzelner Sexarbeiterinnen reicht. Obwohl ein Großteil der Arbeit ehrenamtlich erbracht wurde, ist der Professionalisierungsgrad hoch. Seit 2017 beteiligt sich das Madonna-Archiv und Dokumentationszentrum „SEXARBEIT“ am Projekt „Deutsches Digitales Frauenarchiv“ des i.d.a. Dachverbandes um zukünftig auch ausgewählte Exponate über einen Metakatalog online für jede*n zugänglich zu machen.