Cana Bilir-Meier stellt im Kai 10 aus

Mein Name ist Ausländer

Die Künstlerin Cana Bilir-Meier, die sich auch als Aktivistin bezeichnet, arbeitet sich in ihren Werken an der türkisch-deutschen Migrationsgeschichte ab.

„Wenn sie sagt, sie sei unheimlich glücklich, heißt das, dass sie heimlich unglücklich ist, weil sie kein Heim hat“, das sind Zeilen aus einem Gedicht von Semra Ertan, einer Tante Cana Bilir-Meiers. Mit diesem Auszug lässt die Künstlerin ihren Kurzfilm „Semra Ertan“ beginnen. Als 16-Jährige kam Semra 1972 nach Deutschland. Ihre Eltern lebten da schon länger in Kiel und hatten entschieden, ihre Tochter nachzuholen. Sie arbeitete später als Bau-Zeichnerin sowie als Dolmetscherin und schrieb in ihrer Freizeit Gedichte.

In dem einleitenden Poem gelang ihr das Kunststück, Deutsch als Fremdsprache so auseinanderzunehmen, dass gerade diese ihre Fremdheit ausdrücken konnte, dabei bewusst oder unbewusst auf den Spuren von Freud wandelnd, der über „Das Unheimliche“ eine ganze Abhandlung geschrieben hatte. In „Mein Name ist Ausländer“ schlug sie dann noch drastischere Töne an. Und irgendwann wurden aus den Worten Taten. 1982 verbrannte Semra Ertan sich öffentlich, um ein Fanal gegen die Ausländer*innen-Feindlichkeit zu setzen. Dieses Ziel erreichte sie auch. Die Selbsttötung machte Schlagzeilen. Alle großen Medien berichteten, und die türkische Tageszeitung Milliyet druckte auf ihrer Titelseite einen zweisprachigen Aufruf, der die bundesdeutsche Politik aufforderte, endlich etwas gegen den grassierenden Rassismus im Lande zu tun. Langzeit-Wirkungen zeigten sich ebenfalls. Günter Wallraff widmete 1985 sein Buch „Ganz unten“ unter anderem Semra Ertan, und den Komponisten Enjott Schneider regte ihr Schicksal zu einem Werk an. Ins kollektive Gedächtnis ist Semra Ertan schließlich aber doch nicht eingegangen, jedenfalls nicht in meines.

Cana Bilir-Meier macht aus all dem das Gegenteil von einem Biopic: ein Requiem, das aus lauter Fragmenten besteht. „Ich wollte einen Film machen, der selbst auch wie ein Gedicht ist“, sagt die Regisseurin. Sie nutzt nur Fetzen damaliger Fernsehberichte und Schlagzeilen-Ausrisse, um die Ereignisse heraufbeschwören zu können, ohne die Medien-Routinen mitzuschleppen. Dazu kommen noch ein paar alte Fotos, Sparkassen-Bücher, Mietverträge, Postkarten aus Ertans Heimatstadt Mersin und weitere Hinterlassenschaften, alles rhythmisiert durch Schwarzblenden und die Musik Enjott Schneiders. Und natürlich die Gedichtszeilen, wobei „Mein Name ist Ausländer“ nicht nur Deutschland, sondern auch die Türkei anklagt: „Mein Land hat uns ins Ausland verkauft wie Stiefkinder.“ Liebes-Lyrik hat aber in dem Film ebenfalls Platz, als eine reine Krankheit zum Tode wollte Bilir-Meier das Leben ihrer Tante offenbar nicht darstellen.

Bei ihren Arbeiten geht Cana Bilir-Meier oft von ihrem familiären Umfeld aus. So etwa in ihrem Beitrag für das Tribunal „NSU-Komplex auflösen“, das Mitte Mai letzten Jahres in Köln stattfand. Das Video „Bestes Gericht“ hat einen eher losen Bezug zum Thema, der dann aber wiederum gar nicht so lose ist. Von „NSU“, „Anklage“, „Prozess“ kam Bilir-Meier auf „Richter Alexander Hold“, die Gerichtssendung von Sat1, bei der ihre Cousine Lale Yilmaz oft als Darstellerin mitwirkte. „Nicht ohne mein Kopftuch“ war bei der Besetzung stets die Divise. Yilmaz verkörperte wahlweise das zur Zwangsheirat verschleppte Mädchen, die Raumpflegerin oder andere Stereotypen. Wenn es hoch kam, durfte sie mal eine von ihrem deutschen Ehemann geschlagene Frau spielen. In dem Film sieht Bilir-Meier sich die Sendungen mit ihrer Cousine zusammen alle noch einmal an, was bei den beiden für große Erheiterung sorgt, eigentlich aber gar nicht so witzig ist. Der Kontrast zwischen der realen Lale Yilmaz und ihren Kopftuch-Performances sagt nämlich so einiges über das „rassifizierte Repräsentationsregime“ (Stuart Hall), dessen sich bundesdeutsche Medien gerne bedienen.

Für „Grammatikheft“ schaut sich die Künstlerin mit ihrer Mutter zusammen noch mal deren Hefte aus einem Deutsch-Kurs von 1970 an und trägt Zühal Bilir-Meiers jetzige Anmerkungen dazu nach. Zu den Reisen nach Italien etwa, von denen sie schrieb, wenn Beispielsätze zu bestimmten grammatikalischen Regeln gefragt waren, sagt sie heute: „Italien war eine Utopie, sehr, sehr weit. Wir sind in Kiel, Reise nach Italien nur eine Übung“. Andere Sätze hingegen wie „Ich bin ein Passagier in meiner Existenz“, zusammen mit einem mexikanischen Mitschüler gebildet, waren ernst gemeint und haben immer noch Bedeutung für die Frau. Sie erinnert sich im Ganzen gern an den Deutsch-Unterricht und die netten Lehrer*innen zurück, allerdings kommen gleichzeitig auch nicht so schöne Erinnerungen an die Zeit damals wieder hoch. Ein „seltsames Gefühl mit Knoten im Hals“ beschleicht die Mutter, wenn sie daran zurückdenkt, wie sie immer neue Visa nach Bonn schicken und dann im Kieler Ausländer*innen-Amt Aufenthaltsgenehmigungen beantragen musste.

Allein mit diesen drei Werken schafft Cana Bilir-Meier es, ebenso kurze wie intensive Einblicke in die türkisch-deutsche Migrationsgeschichte zu geben. Zunehmend findet ihre Arbeit auch Beachtung. Das könnte die Münchnerin allerdings in die Rolle einer Klassensprecherin für Migrationshintergründler*innen drängen, und es ist zu hoffen, dass sie darauf gegebenenfalls eine Antwort finden wird.

Jan

Cana Bilir-Meier
Kai 10, Kaistr. 10
noch bis zum 20. Januar