Alle müssen fallen! Oder doch nicht?

Endlich Bewegung am Kriegs-Denkmal Reeser Platz?

Am 17. November hatte die Stadt zu einem Werkstattverfahren eingeladen. Etwa 80 Interessierte diskutierten mit Historiker*innen, Künstler*innen und Politiker*innen über eine mögliche Umgestaltung des nationalistischen und militaristischen Denkmals am Reeser Platz. Diskussionen um dieses Denkmal gibt es schon lange.

Im Mai 2016 hatte die zuständige Bezirksvertretung auf Antrag des mittlerweile verstorbenen Frank Werkmeister von der Partei „Die Linke“ entschieden, dass zum bestehenden Kriegsdenkmal ein Gegenentwurf entstehen soll. Übertragen wurde die Aufgabe der Kunstkommission der Stadt Düsseldorf. Zwei Jahre hat es gedauert, bis jetzt endlich ein erster Schritt gegangen wird. Mit einem mehrstündigen Werkstattverfahren sollte die Diskussion eröffnet werden, um Kriterien für einen Planungswettbewerb zu entwickeln. Es kamen ganz unterschiedlich Interessierte. Neben Anwohner*innen und Politiker*innen hauptsächlich aus der Bezirksvertretung, fanden sich Geschichtsinteressierte und Gegner*innen des bestehenden Denkmals ein. In mehreren Vorträgen u.a. von Dr. Peter Henkel von der Mahn- und Gedenkstätte wurde zuerst auf die Geschichte des Denkmals bis 1945 eingegangen. Leider fehlte der Hinweis, dass die Stadt bis in die 1980er Jahre dort jährlich den Totensonntag beging, begleitet von Naziorganisationen bis hin zu Anhängern der Waffen-SS. Erst nach massiven Protesten von linken Gruppen und Auseinandersetzungen mit der Polizei (die Rheinische Post schrieb damals von „bierflaschenschwenkenden Punktrupps") wurden die Festlichkeiten an einen anderen Ort verlegt.

Insbesondere der Vortrag von Jörg-Thomas Alvermann zu aktuellen Gegenentwürfen von Kriegsdenkmälern zeigte auf, dass dies keine leichte Aufgabe ist. Vom gleichen Bildhauer des Denkmals am Reeser Platz gibt es auch in Hamburg ein Kriegsdenkmal. Seit den 1980er Jahren wird versucht, dort dem Kriegsdenkmal etwas entgegenzusetzen. Dies ist bisher grandios gescheitert. Die zwei bestehenden sowie das gerade in Bau befindliche „Gegen“-Denkmal stellt dem eigentlichen Denkmal absolut nichts entgegen. Es belässt es weiterhin in seiner eigentlichen Form und macht es weiterhin möglich, dass dort Nazis aufmarschieren. Genau das darf hier in Düsseldorf nicht passieren. Auch hier fanden in der Vergangenheit immer wieder Aufmärsche von Nazis statt. Bauliche Maßnahmen helfen da nicht – dem steht der Denkmalschutz im Weg, zumindest nach Aussage der Unteren Denkmalschutzbehörde, denn seit 2002 stehen das Denkmal und der Platz davor unter Denkmalschutz. Da zeigten sich an diesem Nachmittag schon die ersten Widerstände für eine Umgestaltung. Die kamen auch von vereinzelten Anwohner*innen, die partout gar nichts verändern möchten. Von einigen wurde auch betont, dass das Gedenken an die toten Soldaten gewahrt werden muss. Darauf drang auch die wissenschaftliche Mitarbeiterin des Historischen Seminars der Uni in einem, sagen wir mal nett ausgedrückt, verstörenden Vortrag. Da bedarf es wohl noch ein wenig Nachhilfe.

Das Denkmal am Reeser Platz wurde am 8. und 9. Juli 1939 mit viel Nazi-Prominenz, darunter dem berüchtigten Gauleiter Florian, eingeweiht. Es ist dem seit 1866 in Düsseldorf stationierten 39.  Regiment des Staates Preußen, kurz 39er, gewidmet. Das Denkmal hatte schon zwei Vorläufer. Das erste Denkmal wurde 1893 im Aaper Wald errichtet und im Zuge des 1. Weltkrieges für die Waffenproduktion eingeschmolzen. Das zweite wurde von der Stadt Düsseldorf 1928 vor der Tonhalle errichtet. Dies wurde von den Nazis jedoch abgelehnt. Der antisemitische General des Ersten Weltkrieges Erich Ludendorff, war ab 1913 Kommandeur des 39er Regiments. In weiten nationalistischen Kreisen der Weimarer Zeit wurde er quasi-religiös verehrt. Er sah im Denkmal eine „grauenvolle Verhöhnung soldatischen Heldentums. Die beiden liegenden Rohlinge im feldgrauen Rock waren plumpe, niederrassische Halbtiere, geeignet, den Soldaten des alten Heeres und Soldatentum und Heldenverehrung an der Westgrenze des Reiches im Sinne jüdischer Weltanschauung herabzusetzen.“ Es gab Demonstrationen gegen das vom ehemaligen Soldaten Jupp Rübsam gestaltete Denkmal und sogar einen Sprengstoffanschlag. Obwohl es eindeutig kein antimilitaristisches Denkmal war und die Kameradschaft unter Soldaten darstellte, war es den Militaristen und Nazis nicht arisch und kämpferisch genug. Die Nazis rissen es daraufhin 1933 ab. Die übrig gebliebenen Reste davon sind bis heute neben der Tonhalle zu sehen.

Die Grundsteinlegung des dritten Denkmals fand am „Volkstrauertag“ 1936 statt. Bis heute hält sich die Mär und wurde so auch auf dem Werkstattverfahren von einigen Personen vertreten, dass es sich um ein Denkmal für die Gefallenen des 39er Regiments handelt. Schon die Einweihung zeigte deutlich, dass es um etwas anderes ging. Zwei Monate vor dem Überfall der Wehrmacht auf Polen und dem Beginn des zweiten Weltkrieges wurde dem deutschen Nationalismus und Militarismus gehuldigt. Das Denkmal steht gen Westen ausgerichtet, gegen den Erzfeind Frankreich. Dieser Revisionismus zeigt sich auch in der Ausarbeitung in kaum steigerbarer Deutlichkeit. Aus der in der Mitte befindlichen symbolischen Gruft steigen links und rechts in einem Relief tote Soldaten des Ersten Weltkriegs aus ihrer Gruft heraus – bewaffnet in Reih und Glied, bereit mit ungebrochenem Kampfwillen in den Zweiten Weltkrieg zu marschieren. Folgerichtig meißelten die Nazis die Namen eroberter Städte in Ost und West ein. Es ist damit deutlich ein Täterdenkmal. Selbst Schülerinnen und Schüler einer benachbarten Schule erkannten dies, wie ihre Vorschläge beim Werkstattverfahren zeigten. Darunter ein überaus sympathischer des Inhalts, aus dem Gelände einfach einen Parkplatz zu machen. Das würde dem einstimmigen Stadtratsbeschluss aus dem Jahre 1946 gerecht, das kriegsverherrlichende Denkmal auf dem Reeser Platz zu beseitigen, was bekanntlich bis heute nicht ausgeführt wurde. Die Mehrheit der Anwesenden möchte das Denkmal jedoch erhalten, doch es wurde klar, das eine dringende Veränderung stattfinden muss. Das wird nur mit einer Gestaltung funktionieren, die den Inhalt des Denkmals bricht. Wie notwendig dies ist, zeigte sich direkt am Tag nach dem Werkstattverfahren, als in der Gruft ein Kranz des „Freundeskreis der Kameradschaft der ehemaligen 39er“ lag. Damit muss Schluss sein. Wie es jetzt weitergeht, ist weitestgehend unklar. Wenn es aber jedoch wiederum Jahre dauert, bis erneut etwas passiert, muss man wohl selbst Hand anlegen.