Perspektiven auf den Brandanschlag

Im Herbst letzten Jahres war die Ausstellung „Das will doch keiner wissen“ über den Solinger Brandanschlag von 1993 in der Solinger Volkshochschule zu sehen. Noch ist unklar, ob und wann die Ausstellung nach Düsseldorf kommt – die TERZ sprach daher mit Canan, die die Ausstellung mitinitiiert hat, über die Beweggründe und Ergebnisse des Projekts.

TERZ: Wie kam es zu der Idee, eine Ausstellung im Zusammenhang mit dem 25-jährigen Gedenken an den Solinger Brandanschlag zu machen?

Canan: Wir haben uns bei einem Vorbereitungskreis des Solinger Appells kennengelernt, in dem sich verschiedene linke Gruppen trafen, um im Frühjahr 2018 Erinnerungsveranstaltungen zum Brandanschlag zu organisieren. Die Pläne dazu standen schon ziemlich fest. Eine Person schlug eine Ausstellung vor, mit ihr habe ich mich zusammengeschlossen. Wir haben zunächst zu dritt die Konzeption der Ausstellung besprochen, danach kam eine vierte Person hinzu. Zwei von uns sind türkeistämmig und ich bin auch aus Solingen. Yagmur und ich hatten beide die Geschichten unserer Familien im Hinterkopf. Ich erinnerte mich zum Beispiel, dass meine Mutter mal sagte, dass sie seit dem Brandanschlag in Solingen Angst vor Feuer hat. Im Hotel möchte sie deswegen immer weiter unten wohnen – falls Feuer ausbricht.

TERZ: Ihr habt daraufhin Interviews mit Menschen geführt, die zwar nicht beim Brandanschlag verletzt worden sind oder Angehörige verloren haben, auf deren Leben der Anschlag aber trotzdem einen unmittelbaren Einfluss hatte. War diese Perspektive eine Lücke bisher?

Canan: Ja, allein, weil es unsere Perspektiven sind! Wir zwei mit Rassismuserfahrung kennen das Thema „Solingen“ aus der eigenen Familie und der Community und wissen, dass es sehr wichtig und prägend für türkeistämmige Menschen ist.

TERZ: War es schwer, Interviewpartner*innen zu finden? Gab es Leute, die ihr überzeugen musstet, weil sie Scheu hatten über das Thema zu reden?

Canan: Diejenigen, die ich aus meinem Kreis angefragt habe, hatten keine Scheu. Ich habe auch eine Frauengruppe befragt, die zunächst sehr überrascht war über das Interesse, aber sehr offen für die Idee. In meiner Familie wird „Solingen“ mit Trauer assoziiert. Ich habe meine beiden Eltern interviewt, die danach sehr niedergeschlagen waren. Bei einigen politisch aktiven Interviewpartner*innen gab es am Anfang einige skeptische Fragen – aber danach erzählten auch sie, wie sie Solingen erlebt haben. Keine*r hat sich dem Interview verweigert. Wir haben versucht, Menschen aus ganz unterschiedlichen Kreisen für das Interview zu gewinnen. Denn der Anschlag vereint alle, wie unterschiedlich sie auch sind, in ihren Rassismuserfahrungen.

TERZ: Hattest du auch manchmal das Gefühl, dass die Leute zum Teil darauf gewartet haben, ihre Perspektive endlich schildern zu können?

Canan: Eher im Gegenteil. Als ich zum Beispiel meiner Mutter davon erzählt habe, dass ich sie interviewen möchte, war ihre erste Reaktion: Das will doch keiner wissen! Und so haben wir dann auch unsere Ausstellung benannt.

TERZ: Wieso hat sie das denn gedacht?

Canan: Sie hat gedacht, dass das keine*n interessiert. Sie war auch nach dem Interview noch der festen Überzeugung, dass es keine*n interessieren würde, wie sie sich in der Zeit nach dem Brandanschlag gefühlt hatte. Das ist bei ihr einfach drin gewesen. Bei der Ausstellungseröffnung war sie dann verwundert, dass Leute kamen, um zu hören, was sie zu sagen hat.

TERZ: Das ist ja krass!

Canan: Ja. Ich habe sie im Interview gefragt, warum das ihre erste Reaktion war. Sie meinte, dass es nie jemanden interessiert hatte und deswegen auch jetzt niemanden interessieren würde. An erster Stelle wurde natürlich immer die Familie Genç, die Überlebenden und Hinterbliebenen befragt und es wurden Gedenkveranstaltungen für die Familie gemacht. Das ist auch gut so. Nur hörte diese Unterstützung bei der Familie auf. Das haben die Menschen, die wir befragt haben immer genau beobachtet, eben weil sie sich von diesem Ereignis so betroffen fühlten. Was das mit allen anderen Menschen gemacht hat, dass der Anschlag auch ihr Leben maßgeblich geprägt hat, stand nicht im Vordergrund. Sie haben wohl nicht gedacht, dass auch sie sich als Betroffene zu den Anschlägen der Zeit öffentlich äußern dürften.

TERZ: Solingen war ja kein singuläres Ereignis. Es war nicht der erste Brandanschlag, sondern Teil einer regelrechten Serie. Haben viele damals gedacht, dass sie potenziell jeden Tag Opfer von Brandanschlägen werden können?

Canan: Mehrere Interviewpartner*innen haben erzählt, dass sie damals oft darüber nachgedacht haben, in die Türkei zurückzukehren. Auch meine Mutter war kurz davor – das habe ich erst in unserem Interview erfahren! Sie hatte sich aber gegen eine Rückkehr in die Türkei entschieden, weil ihr das bessere deutsche Gesundheitssystem wichtig war.

TERZ: Haben sich die Menschen denn nach dem Brandanschlag zusammengeschlossen, um über ihre Ängste und die Bedrohungsszenarien zu sprechen?

Canan: Einige Gruppen der türkischen Linken beschäftigten sich intensiv mit diesen Themen und schlossen Bündnisse, etwa mit den Autonomen. Und natürlich wurde viel in der türkischen und kurdischen Community darüber gesprochen. Eine interviewte Person hat z.B. berichtet, dass sie sich mit anderen darüber ausgetauscht hat, ob sie sich eine Brandleiter kaufen soll – diese Leiter wurde sogar im türkischen Fernsehen beworben.

TERZ: Ihr habt auch Leute interviewt, die ihr kennt. Hat das dazu geführt, dass das nochmal einen anderen Blick auf die Ereignisse gegeben hat oder auf die Personen? Du hast auch Sachen von deiner Mutter erfahren, von denen du gar nicht wusstest, dass sie so gefühlt hat.

Canan: Wir haben in den Familien vorher auch über Solingen geredet, aber nie so persönlich: man redet zwar über die Taten, aber nicht darüber, wie sehr man Angst hatte oder wie es eine*n verändert. Ich fand es daher schade, dass ich solche Dinge erst jetzt erfahren habe.

TERZ: Wie haben die Interviewpartner*innen sich geäußert zu ihrem Verhältnis zu Deutschland, der Gesellschaft und Politik? Hat sich das nach den Brandanschlägen verändert? Konnten sie wieder Vertrauen fassen, dass sie hier unversehrt leben können?

Canan: Eher nicht. Das Vertrauen war weg nach dem Solinger Anschlag. Einige Interviewpartner*innen haben gesagt, dass es ein Schockmoment war und man sich daran gewöhnte, dass alles irgendwie so weiterging. Über den NSU haben wir auch gesprochen. Das war für viele nochmal ein richtiger Schlag in die Magengrube, weil das Vertrauen nie richtig wiederaufgebaut wurde und als sie Solingen mehr oder weniger verarbeitet hatten, kam die Aufdeckung des NSU hinzu. Eine Person erzählte allerdings, dass sie sich nach dem Brandanschlag politisiert hat, weil sie was ändern wollte.

TERZ: Wurde in den Interviews auch thematisiert, dass sich die Zivilgesellschaft oder Nachbarschaften in Solingen danach verändert haben? In der Berichterstattung über Solingen wird ja oft darauf hingewiesen, dass es bei einer Kundgebung nach dem Anschlag ein großes Chaos und Konfrontationen zwischen kurdischen und türkischen Linken, türkischen Rechten, deutschen Autonomen und deutschen Rechten gab. Haben Eure Gesprächspartner*innen diese Auseinandersetzungen nach dem Anschlag zur Sprache gebracht?

Canan: Die Demos wurden von allen Interview­partner*innen erwähnt. Die Politischen haben erzählt, dass es Diskussionen gab, zum Beispiel ob man die türkische Flagge zeigen sollte oder nicht. Es gab Diskussionen innerhalb der türkischen Linken zur Frage des Zusammenhalts – es ist ja eine türkische Familie gewesen, die beim Anschlag ums Leben kam. Uns ist aufgefallen, dass die politisch Aktiven generell eher inhaltlich oder politisch geantwortet haben und selten auf die emotionale Ebene gegangen sind. Ich vermute, weil sie sich selbst so am besten helfen konnten, indem sie die Geschehnisse für sich einbetten. Diejenigen, die nicht so politisch sind, haben sehr emotional über das berichtet, was sie durchgemacht haben. Nichtpolitische türkische Menschen haben eher erzählt, wie schlimm diese Ausschreitungen bei der Demo für sie waren. Eine Person sagte, sie wollte Frieden haben und es ruhen lassen. Sie fragte sich, wie es weitergehen sollte in den nächsten Generationen, wenn sich alle gegenseitig bekriegten. Wieder andere haben erzählt, wie die türkischen Faschisten versucht hatten, die türkischen Jugendlichen für sich zu gewinnen. Die jungen Menschen fanden die türkischen Faschisten zum Teil gut, weil sie den Nazis „auf die Fresse gegeben haben“. Sie dachten, dass die türkischen Faschisten sich wenigstens richtig wehrten gegen den Rassismus und Flagge zeigten. Es war ein großes Problem, dass die Faschisten dadurch viele junge Leute für sich gewonnen haben.

TERZ: Ist der Brandanschlag bei den späteren Generationen noch präsent? Wird er weiter erinnert und mit Bedrohungsszenarien in Verbindung gebracht?

Canan: Der Brandanschlag ist ein Thema, das jedem/jeder bewusst ist. Obwohl ich selbst zum Beispiel erst vier Jahre alt war, als es passiert ist, kenne ich das Thema gut. Als ich eine Zeit lang woanders gewohnt habe und auf die Frage, wo ich herkomme mit „Solingen“ geantwortet habe, habe ich gemerkt, dass Menschen, die selbst Rassismuserfahrungen haben, damit den Anschlag assoziieren. Während weiße Deutsche sagen: Solingen – da kommen doch die Messer her. Also, es sind ganz andere Erinnerungen! Es findet eine ganz andere Assoziation statt, wenn die Menschen „Solingen“ hören.

TERZ: Wie wurde Eure Ausstellung denn angenommen? Gab es auch Stimmen, die sagten: Jetzt reicht‘s auch mal mit der ganzen Erinnerung?

Canan: Eigentlich war genau das Gegenteil der Fall, nämlich, dass die Leute sagten: Das wussten wir gar nicht! Sie waren schockiert und haben nicht damit gerechnet, dass der Anschlag eine solche Tragweite für die Menschen hatte, wie es in den Interviews geschildert wird. Beim Projekt als Ganzem hat mich die positive Resonanz überrascht. Es scheint ein Bedürfnis da zu sein, zu hören, was den Menschen widerfahren ist.

TERZ: In der Ausstellung konnten die Besucher*innen direkt die Interviews anhören. Was wolltet ihr mit der Ausstellung erreichen?

Canan: Genau, die Besucher*innen konnten sich die Interviews unmittelbar anhören. Wir haben außerdem ein Video gezeigt, in dem Menschen befragt wurden, wie sie den Brandanschlag an dem Tag selbst erlebt haben. Jede*r wusste noch ganz genau was er/sie an dem Tag gemacht hatte! Wir hatten zwei Ziele, die wir mit der Ausstellung erreichen wollten: einerseits wollten wir türkeistämmige Menschen, Menschen die auch Rassismuserfahrungen machen, empowern. Wenn sie sich in der Ausstellung Geschichten anhören, und dann denken: ach, diese Geschichten kenne ich, das habe ich auch schon erlebt! Zweitens sollen diese Geschichten, die nur innerhalb der Community bekannt sind, in die gesellschaftliche Mitte getragen werden und dort dann Zuhörer*innen finden. Einerseits ist eben das Empowerment für die Betroffenen, weil es sich um Erinnerungen handelt, die nie berücksichtigt wurden und andererseits findet dabei ein Perspektivwechsel statt. Wir wollen natürlich, dass der Diskurs sich ändert und dass über diese Perspektiven nachgedacht wird. Was bedeutet Rassismus eigentlich? Was bedeutet es, wenn so ein Anschlag passiert? Er hat für so viele Menschen das Leben geändert und maßgeblich geprägt. Unser Ziel war es, Narrative zu ändern. Und natürlich auch unsere Denk- und Handlungsstrukturen, u.a. in der aktuellen politischen Praxis. Was diesen Punkt angeht, war auch unsere Arbeit an der Ausstellung eine harte Probe: Wir waren eine gemischte Gruppe aus zwei Mitgliedern mit türkischem Hintergrund und zwei Personen, die den Zugang zu diesem Thema über eine deutsche linke Perspektive fanden. Auch wenn es das Ziel war, diese Aufgabe gemeinsam, mit allen unseren Perspektiven zu bewältigen, war es nicht immer einfach, trotz der Unterschiede in unseren Perspektive gemeinsame Entscheidungen zu treffen.

TERZ: Vielen Dank für das Gespräch!