Gut versorgt. Interview über die Arbeit von Hebammen

Es ist ein Frauenberuf!

Ab Januar 2020 wird der Hebammenberuf akademisiert. Mit dem dualen Studium sollen Hebammen besser für die gestiegenen Anforderungen des Berufs ausgebildet werden. Ob sich dadurch am allseits existierenden Hebammenmangel etwas ändert, bleibt offen. Die Terz sprach mit der Hebamme Anna Otto über die Arbeitsbedingungen und Situation von Hebammen in Düsseldorf.

TERZ: Warum sind Hebammen wichtig? Würdest Du sagen, sie sind unverzichtbar bei Schwangerschaft, Geburt, Vorsorge und Nachsorge?

Anna Otto: Ja. Wir leben in einer Gesellschaft, in der wir nicht mit unserer Großfamilie im gleichen Dorf leben. Daher kriegen wir oft nicht mehr im nahen Umfeld mit: wie merken wir, dass wir schwanger sind? Wie ist das mit einem kleinen Kind? Wie stillt eine Frau, wie oft sehe ich das in der Öffentlichkeit? Die allerwenigsten bekommen ihr Kind zuhause – die Geburt ist völlig von unserem eigentlichen Alltag separiert. Das Wochenbett ist also auch nicht so präsent: was passiert da und wie kann ich die Frau unterstützen? Da ist die Hebamme meiner Meinung nach – gerade in unseren heutigen Zeiten – unverzichtbar. Wir begleiten die Frauen von der Schwangerschaft bis zum Abstillen. Wir sind in diesem ganzen Prozess des Menschwerdens die Fachfrauen. Früher gab es natürlich auch schon Hebammen, als die Menschen noch anders zusammengelebt haben, aber da waren ihre Themen andere – das war pragmatischer. Ich bin keine Geschichtskanone, aber die Hebamme damals hat bestimmt nicht gesagt: und wenn Du Beikost einführen willst in 6 Monaten, dann ruf mich nochmal an!
Viele Frauen heute brauchen aber genau diese enge Betreuung. Vor allem diejenigen, die ihr erstes Kind bekommen, sind sehr dankbar.

TERZ: Die Hebammen sind in so vielen wesentlichen Bereichen der Sexualerziehung, Schwangerschaft und allem, was nach der Geburt kommt, unterwegs. Es kommen ständig Kinder zur Welt. Es ist trotzdem ein Beruf, der nicht so präsent ist, obwohl so viele Familien von Hebammen begleitet werden und ja auch eine Geburt im Krankenhaus ohne Hebamme nicht laufen kann.

Anna Otto: Die meisten denken bei einer Hebamme an die, die im Krankenhaus arbeitet. Unbekannt ist der Beruf nicht! Auch die Hebammenschulen sind immer voll, es ist schwer, einen Ausbildungsplatz zu bekommen, weil es viel zu viele Bewerbungen gibt. Um Nachwuchs haben die Schulen sich nie sorgen müssen. Das heißt nicht, dass wir genug Hebammen haben, vor allem hier in NRW.
Es ist ein Frauenberuf und es ist ein helfender Beruf, das sind oft die Berufe, die stiefmütterlich behandelt werden. Zudem gibt es so viele verschiedene Typen Hebammen, wie es verschiedene Typen Frauen gibt. Es gibt Hebammen, die eine viel pragmatischere Sicht haben und zum Beispiel auch keine Vor- und Nachsorge machen, die wirklich die reine Geburtshilfe machen. Sie kommen aus einer Generation, die noch sagt, dass sie „die Frau entbinden“. In dieser Generation wird auch häufig die Ansicht vertreten, dass die Ärzt*innen in der Klinik das Sagen haben. Das ist ein ganz anderer Blickwinkel als meiner beispielsweise, da ich sage: die Frau gebärt selbst und ich unterstütze sie dabei.

TERZ: Wie siehst Du den Beruf persönlich?

Anna Otto: Ich persönlich bin so drauf, dass ich es auch als Berufung sehe. Es ist ein Beruf, den ich mein Leben lang machen kann. Wenn ich andere reden höre: och, wenn ich endlich mal in Rente bin... Ich habe einen Beruf, den ich – wenn es mir gut geht – als alte Omi machen kann. Dann wird es immer noch Frauen geben, die den Rat zu schätzen wissen. Da verzichten viele vielleicht auch mal auf eine bessere Bezahlung, wenn sie wissen, dass sie lebenslang einen Job machen können, der ihnen Spaß macht. Als Hebamme bist Du bei einem einzigartigen Prozess dabei und wirst dafür bezahlt. Ich drehe mir den Beruf so, dass es finanziell reicht. Ich denke, dass es vielen Hebammen so geht. Du musst davon überzeugt sein, denn es ist ein Job, den Du in Dein Leben integrierst.

TERZ: Es muss verzahnt sein, denn Geburten richten sich nicht danach, ob Du gerade lieber Kaffee trinken gehen möchtest.

Anna Otto: Ja, Du hast Rufbereitschaft. Und für bessere Bezahlung müssten nicht nur die Hebammen, sondern auch die Frauen und eigentlich alle mit auf die Straße gehen. Für bessere Arbeitsbedingungen bzw. eine bessere Organisation der Arbeit in den Kliniken. Wie in der Pflege handelt es sich um einen Beruf, der sehr viel Energie, sehr viel Herzblut, sehr viel Mensch braucht, und wo dann vielleicht nicht mehr viel von der Energie übrig ist, um sich über bestimmte Dinge hinwegzusetzen oder sich noch in irgendeinem Verband zu engagieren. Wenn Du im Krankenhaus arbeitest – gerade im Schichtdienst – bist Du nach Feierabend bedient!

TERZ: Jetzt wird der Hebammenberuf ja bald akademisiert. Hebammen können dann auch in die Wissenschaft gehen. Eine Hoffnung ist, dass die Hebammen durch das Studium dann mehr auf Augenhöhe mit den Ärzt*innen seien, sich also etwas an dem Hierarchieverhältnis bessert.

Anna Otto: An sich finde ich es gut, dass der Trend dahin geht, dass auch Hebammen gefördert werden, wissenschaftliches Arbeiten zu lernen. Denn die Ärzt*innen schlagen Dir die Studien um die Ohren und haben Recht damit: Danach richten sich Leitlinien, danach richtet sich das Krankenhaus und danach muss sich dann auch die Hebamme letztendlich richten. Es ist natürlich gut, wenn auch die Hebamme weiß, wie man so eine Studie liest, auswertet, und was die aussagt. Dadurch können sich schon die Ebenen positiv verschieben, weil Ärzt*innen und Hebammen besser miteinander neue Standards in der Klinik erarbeiten können – vielleicht. Ärzt*innen mit ihrer Sicht, Hebammen mit ihrer Sicht, setzen sich zusammen, schauen: wie kommen wir überein?

TERZ: Gleichzeitig ändert sich dadurch noch nichts am Personalschlüssel in den Kliniken. Ich habe gelesen, dass eine Hebamme im Kreißsaal durchaus für 3 bis 5 Geburten gleichzeitig zuständig sein kann.

Anna Otto: Richtig. Ich habe meine eigene Utopie. Ich finde das Konzept von Geburtshaus oder Hausgeburt immer noch sehr gut – da ist eine 1:1 oder 1:2 Betreuung gegeben, mit vorheriger gynäkologischer Unterstützung. Besser kannst Du eine Frau nicht begleiten. Viele Frauen heute haben aber Angst vor Hausgeburten oder dem Geburtshaus und wählen die Klinik, weil sie denken, das sei sicherer – das stimmt aber nicht, das ist belegt. Eine optimale Lösung wäre daher, eine Art Geburtshaus auf dem Klinikcampus zu machen, das von Hebammen, den Fachfrauen, geführt wird. Die Ärzt*innen sind dann in der Nähe, kommen aber nur, wenn man sie wirklich braucht. Es ist ja heute schon so, dass die Hebamme die Geburt allein leiten darf, der/die Ärzt*in in der Regel nicht, er/sie muss eine Hebamme hinzuziehen.

TERZ: Welche Verbesserungen würdest Du Dir für Hebammen außerdem wünschen?

Anna Otto: In der Klinik brauchen wir bessere Bezahlung und mehr Hebammen. Geburt ist etwas Besonderes, das ist nicht planbar. Du kannst die Frauen, die in die Klinik kommen, nicht wegschicken, weil es gerade eng ist mit dem Personal. Wir brauchen einen guten Personalschlüssel, so dass jede Frau eine 1:1-Betreuung bekommt. Und wenn es schon Schichtdienst gibt, dann sollte halt immer eine Hebamme pro Frau zuständig sein. Du bist im Kreißsaal ja nicht nur für die Geburten, sondern auch für andere Frauen da, die ein CTG (Cardiotokografie, Anm. TERZ) oder Medikamente brauchen, eine Blutung haben... Jede Hebamme sollte in ihrer Schicht nur für einen dieser Jobs verantwortlich sein müssen.

TERZ: Hebammen sind in Kliniken heute auch für ganz andere Sachen zuständig, Bürokratiekram...

Anna Otto: Ja, Telefon, Türklingeln, Formalitäten regeln, in kleinen Kliniken putzen sie auch noch zwischendurch... das geht gar nicht!

TERZ: Arbeiten denn die meisten Hebammen nicht nur in der Klinik, sondern betreuen Frauen auch zuhause in Vor- und Nachsorge?

Anna Otto: Viele, die in der Klinik angestellt sind, machen noch Nachsorge. Vorsorge machen nicht so viele. Ältere angestellte Hebammen machen oft keine Vor- und Nachsorge mehr. Dann gibt es Hebammen, die nur Vor- und Nachsorge machen. Die wenigsten machen allerdings Hausgeburten.

TERZ: Es ist schon krass, dass versucht wird, etwas am Hebammenberuf durch die Akademisierung zu ändern. Es müsste sich ja auch in der Ausbildung von Ärzt*innen rtwas ändern, damit sie auf Augenhöhe mit den Hebammen arbeiten. Meine Gynäkologin hat das Wort Hebamme nie in den Mund genommen und mich gar nicht über die Möglichkeit informiert, von einer Hebamme betreut werden zu können.

Anna Otto: Das ist ein Wunsch von mir, dass Gynäkolog*innen und Hebammen endlich ganzheitlich Hand in Hand arbeiten. Viele Gynäkolog*innen haben Angst, dass Hebammen ihnen die Frauen wegnehmen und sie weniger Geld bekommen! Sie wollen nicht, dass auch Hebammen die Vorsorge machen. Dabei darf doch die Frau entscheiden, wer die Vorsorge macht! Die Ärzt*innen machen den Frauen manchmal Angst und nutzen ihren weißen Kittel aus. Und die Hebammen kuschen, weil sie froh sind, dass die Frauen überhaupt irgendwann zu ihnen kommen.

TERZ: Dabei sind die Arztpraxen ja voll!

Anna Otto: Genau. Der Traum wäre, dass die Ärzt*innen den Schwangeren sagen: Wenn bei Ihnen alles in Ordnung ist, machen Sie die Vorsorge bei der Hebamme, dann habe ich mehr Zeit für Pathologien. Auf dem Rücken der Frauen wird viel ausgetragen. Hebammen haben einen anderen Blick auf die Frauenkörper: Die Grenzen der Schulmedizin sind eng, aber es gibt auch die Möglichkeit, die Grenzen etwas auszuweiten, ohne den Menschen in Gefahr zu bringen. Die Hebammen betreuen ganz anders. Sie gehen zu der Fraue nach Hause, fragen die Frau: wie lebst Du, wie ist es privat? Sie können so die Frau umfassender einschätzen als die Gynäkologin beim kurzen Praxisbesuch. Ärzt*innen gucken anders, mit einer ganz anderen Brille und beraten entsprechend anders, die haben zu wenig Zeit.

TERZ: Wie ist denn die Situation in Düsseldorf?

Anna Otto: Lange nicht jede Frau, die von einer Hebamme betreut werden möchte, bekommt eine, selbst, wenn sie sich frühzeitig meldet. Hier in Düsseldorf haben wir eine sehr gute Geburtenrate. Die Düsseldorfer Hebammenzentrale gibt jede Woche eine Rundmail heraus, in der immer zig-Frauen gelistet sind, die keine Hebamme finden. Ich muss nahezu täglich Absagen machen bei Frauen, die mich anrufen. Das ist bei Kolleginnen nicht anders. Ich nehme 7 bis 8 Frauen im Monat an und komme teilweise gar nicht dazu, den Frauen abzusagen, weil ich dann noch mehr mit administrativem Kram beschäftigt bin – das kann ich nicht leisten. Es gibt viele Frauen in Düsseldorf, die sehr verzweifelt suchen und suchen.

TERZ: In den Kliniken ist es dann vermutlich genauso: zu wenig Hebammen?

Anna Otto: Ich kenne hier keine Klinik, die den super Personalschlüssel hätte. Selbst wenn sie es auf dem Papier stehen haben, steigen die Geburtenzahlen, und plötzlich ist der Krankenstand höher. Denn mehr Geburten bedeuten mehr Arbeit, bedeuten eine höhere Anfälligkeit für Erschöpfung, Infekte etc. Aber die Frauen klingeln trotzdem am Kreißsaal und möchten versorgt werden.

TERZ: Diese Arbeitsbedingungen und den hohen Krankenstand gibt es ja auch in anderen pflegenden Berufen.

Anna Otto: Ja. Die Pflege darf nicht teuer sein, soll effizient sein – das passt aber nicht damit zusammen, dass wir es mit Menschen zu tun haben.

TERZ: Auch in der Klinik kannst Du ja nicht einfach sagen: Ich habe jetzt Feierabend, obwohl gerade ein Notfall kommt oder eine Geburt im Gange ist.

Anna Otto: Überstunden hat fast jede Hebamme. Und Du hast eine so große Verantwortung. In der Ausbildung haben sie uns immer schon gesagt, dass Du als Hebamme mit einem Bein im Knast stehst. Das würde ich so nicht formulieren, denn wenn ich gewissenhaft arbeite, kann mir eigentlich nichts passieren. Doch Du bist kein Übermensch. Wenn Du drei Geburten gleichzeitig betreust, kannst Du vielleicht nicht so sicher und gut arbeiten, wie es nötig wäre. Geburtshilfe ist ein Stiefkind, das bringt wenig Geld für eine Klinik, erfordert aber ein enormes Maß an Arbeit und Herzblut. Dabei ist das so wichtig, auch für unsere Gesellschaft, dass die Frauen und die Kinder gesund aus den Geburten gehen. Das geht alle an, ob ich jetzt Kinder haben will, welche habe oder keine habe.

TERZ: Danke, dass Du Dir Zeit für unser Interview genommen hast.

Anna Otto: Gerne!

Kontakt:
Anna Otto betreut Frauen vor und nach der Geburt, gibt Geburtsvorbereitungs- und Rückbildungskurse.
Weitere Infos: https://kidsgo.de/va/hebammen/duesseldorf/anna-otto/20655
Mit der Hebammenzentrale Düsseldorf arbeiten rund 100 Hebammen zusammen. 2018 gab es in Düsseldorf 8.790 Geburten.