Kommission empfiehlt 12 Straßen-Umbenennungen

Schlechte Adressen

In Düsseldorf tragen viele Straßen unehrenhafte Namen. Zwölf besonders unehrenhafte zu tilgen, empfahl jetzt eine Kommission. Entscheiden muss allerdings der Stadtrat. Und ob dieser dem Rat folgen wird, ist zweifelhaft. Die Diskussion ist auf jeden Fall im Gange.

Auf Anregung der Partei „Die Linke“ im Kulturausschuss wurden die Mahn- und Gedenkstätte und das Stadtarchiv Düsseldorf zusammen mit einem wissenschaftlichen Beirat am 8. März 2018 beauftragt, die Straßennamen in Düsseldorf zu untersuchen und anstößige herauszufiltern. Im Sommer 2018 nahm der Beirat dann seine Arbeit auf. Etwa 3.500 Straßen, Wege und Plätze gibt es in Düsseldorf. Davon wurden 650 näher untersucht, die dem Kriterium entsprachen, dass der Namensgeber nach 1870 verstarb bzw. das Ereignis nach 1870 stattfand. Der Schwerpunkt der Untersuchungen sollte auf den Bereichen Kolonialismus, Militarismus, Nationalsozialismus und Antisemitismus liegen. In einer ersten Überprüfung wurde zunächst festgestellt, ob und wenn ja, welche Berührungspunkte diese Personen mit den oben genannten Bereichen hatten. Auf 99 Personen traf dies zu. Zu 79 von ihnen gab der Beirat Gutachten in Auftrag. Alle anderen Straßenbezeichnungen waren dem Gremium zufolge unverdächtig beziehungsweise so unzureichend dokumentiert, dass eine vertiefte Recherche unverhältnismäßig gewesen wäre. Die 79 übrig gebliebenen Namen wurden schließlich in drei Kategorien unterteilt:

Kategorie A:

schwer belastet/nicht haltbar
Hier schlägt der wissenschaftliche Beirat eine Umbenennung vor. Die Gesamtbiographie lässt sich in diesen Fällen mit einer Ehrung – und das ist eine Straßenbenennung – nicht vereinbaren.

Kategorie B:

teilweise belastet/diskussionswürdig
Die Lebensläufe der hier eingestuften Persönlichkeiten bzw. Namen geben Anlass zu Kritik und sind durchaus diskussionswürdig. Alles in allem sprach nach jetzigem Kenntnisstand allerdings die Gesamtlebensleistung der Personen für eine Beibehaltung des Straßennamens.

Kategorie C:

unbelastet
Die Straßennamen der Kategorie C werden vom Beirat nicht für eine Umbenennung vorgeschlagen. Die dahinter stehenden Persönlichkeiten sind entweder wenig oder gar unbelastet. Gleichwohl gibt es auch in dieser Kategorie Straßenbenennungen, die heute keine Mehrheit mehr finden würden.

Am 23. Januar wurde das Ergebnis der Öffentlichkeit präsentiert. Immerhin schlägt der Beirat 12 Straßennamen zur Umbenennung vor, dennoch ist das Ergebnis unbefriedigend. Insbesondere bei der Kategorie C, auf die 43 Namen entfallen (Kategorie B: 24) kann man einige Namen nun wirklich nicht als unbelastet bezeichnen. Die Bismarckstraße, der Bismarckweg und die Kanzlerstraße beziehen sich auf Otto von Bismarck, der ein elender Nationalist und Schöpfer der Sozialistengesetze gegen die Arbeiterbewegung war. Aber auch zwei weitere Wehrmachts-Militärs (Erich Hoepner und Erwin von Witzleben) sind keinesfalls unbelastet, auch wenn sie im Umfeld des militärischen Umsturzversuchs vom 20. Juli 1944 tätig waren und dafür hingerichtet wurden. Insbesondere die Militärs im Widerstand traten für einen Separatfrieden mit dem Westen ein, um gegen die Sowjetunion vorzugehen. Und auch davon, dass sie den Holocaust beenden wollten, ist nichts bekannt. Hoepner hatte im Vorfeld des „Russlandfeldzuges“ aus seiner Gesinnung keinen Hehl gemacht. Aus einem Befehl an die Wehrmacht „zur bevorstehenden Kampfführung im Osten“: „Es ist der alte Kampf der Germanen gegen das Slawentum, die Verteidigung europäischer Kultur gegen moskowitisch-asiatische Überschwemmung, die Abwehr des jüdischen Bolschewismus. Dieser Kampf muß die Zertrümmerung des heutigen Rußland zum Ziele haben und deshalb mit unerhörter Härte geführt werden. Jede Kampfhandlung muß in Anlage und Durchführung von dem eisernen Willen zur erbarmungslosen, völligen Vernichtung des Feindes geleitet sein. Insbesondere gibt es keine Schonung für die Träger des heutigen russisch-bolschewistischen Systems.“

Die Hohenzollernstraße taucht in der Aufstellung gar nicht erst auf, obwohl die Hohenzollern den letzten Kaiser stellten und die Welt in den Ersten Weltkrieg führten. Große Teile der Familie unterstützten frühzeitig Hitler. Kronprinz Wilhelm, der Sohn des letzten Kaisers Wilhelm II., nannte Adolf Hitler im April 1933 sogar einen „genialen Führer“, dem man Zeit für „gewisse Aufräumarbeiten“ lassen müsse. Und solch eine „nette“ Familie taucht nicht in dieser Liste auf. Das wirft dann doch einige Fragen auf.

Immerhin wird vorgeschlagen, alle Straßen mit Kolonialismusbezug umzubenennen, sowie alle mit klarem Antisemitismus-Bezug und solche, die Namen von überzeugten Nazis tragen. Und es gab auch einige Überraschungen wie z. B. die Porschestraße. Natürlich stürzte sich die Presse vor allem auf diesen Namen und stellte die Umbennung in Frage. Wie kann man den Namensgeber solch schöner Autos in den Dreck ziehen? Es ist ein Musterbeispiel für die Verdrängung nationalsozialistischer Geschichte aus dem kollektiven Gedächtnis. Ja, Porsche das sind nicht nur teure Autos, das sind auch Autos, die sind nach dem Gründer einer Firma benannt sind, die ihre Wurzeln im Nationalsozialismus hat. Ferdinand Porsche war im Nationalsozialismus aber vor allem mit Volkswagen verbunden, wie der Beirat betont. „Unter seiner Leitung wurden ab 1940 tausende Zwangsarbeiter eingesetzt, darunter Kriegsgefangene und KZ-Insassen, die zwischenzeitlich mehr als 70 % der Stammbelegschaft ausmachten (...) Für seine Verdienste um die Kriegsindustrie wurde dem Techniker 1942 ehrenhalber der Rang eines SS-Oberführers zugestanden; 1944 honorierte das NS-Regime dessen Initiative zur Beschäftigung von Zwangsarbeitern in unterirdischen Fertigungsstätten mit dem Totenkopfring des Reichsführers SS“, heißt es in dem entsprechenden Gutachten.

Ob der Stadtrat am Ende der Empfehlung des Beirates folgt, die Porsche-Straße und elf weitere umzubenennen, darf bezweifelt werden. Wahrscheinlich muss ihm erheblicher öffentlicher Druck auf die Sprünge helfen.

Die gesamte Studie (300 Seiten) findet sich als pdf unter: https://www.duesseldorf.de/stadtarchiv/aktuell/ausstellung1.html

Kategorie A (Umbenennung)

• Pfitznerstraße
Hans Erich Pfitzner (1869-1949), deutscher Komponist, Dirigent und Autor

• Petersstraße
Dr. Carl Peters (1856-1918), deutscher Kolonialpolitiker und Afrikaforscher

• Wissmannstraße
Hermann von Wissmann (1853-1905), deutscher Offizier, Kolonialbeamter und Afrikaforscher; Reichskommissar

• Porschestraße
Ferdinand Porsche (1875-1951), deutscher, österreichischer und tschechoslowakischer Automobilkonstrukteur und Unternehmer

• Münchhausenweg
Börries Freiherr von Münchhausen (1874-1945), deutscher Lyriker; Senator der Deutschen Akademie der Dichtung

• Lüderitzstraße
Franz Adolf Eduard von Lüderitz (1834-1886), deutscher Kaufmann; Kolonialist

• Woermannstraße
Adolph Woermann (1847-1911), deutscher Kaufmann und Großreeder; Kolonialist

• Leutweinstraße
Theodor Leutwein (1849-1921), deutscher Kolonialpolitiker; Kommandeur der Kaiserlichen Schutztruppe und Gouverneur von Deutsch-Südwestafrika

• Schlieffenstraße
Alfred Graf von Schlieffen (1833-1913), preußischer Generalfeldmarschall

• Wilhelm-Schmidtbonn-Straße
Wilhelm Schmidt(bonn) (1876-1952), deutscher Schriftsteller und Dramatiker

• Heinz-Ingenstau-Straße
Heinz Ingenstau (1910-1971), deutscher Jurist; Stadtdirektor von Düsseldorf

• Hans-Christoph-Seebohm-Straße
Hans-Christoph Seebohm (1903-1967), deutscher Politiker und Ingenieur; Bundesminister Verkehr und Vizekanzler der BRD

Kategorie B (diskussionswürdig)

Kategorie C (unkritisch / überholt)