Nicht nur Arbeit, sondern das ganze Leben

Die Düsseldorfer FAU im Interview

Im letzten Jahr feierte das V6, das Düsseldorfer Ladenlokal der Freien Arbeiter*innen-Union, seinen fünfjährigen Geburtstag. Im Interview mit der TERZ erzählen Aljoscha und D. von den Entwicklungen und Perspektiven des kleinen, aber feinen Ladens auf der Volmerswerther Straße und der Arbeit in einer unabhängigen Basisgewerkschaft.

TERZ: Warum habt Ihr damals eigentlich ein Ladenlokal für die Freie Arbeiter*innen-Union (FAU) in Düsseldorf gesucht? Es gibt ja doch ein paar einschlägige Orte, wo Ihr Euch hättet treffen können.

Aljoscha: Früher haben wir das so gemacht. Ursprünglich haben wir uns im Modigliani getroffen, und als ein paar Anarchisten das Café Zapata auf der Witzelstraße aufgemacht hatten, auch dort, eine Zeit lang im Solaris. Das war gut, aber da sind wir auch untergegangen. Mit einem eigenen Raum wirst Du eher als eigenständige Gruppe wahrgenommen, in unserem Falle als Anarchosyndikalist*innen und Gewerkschaft. Uns war es wichtig, den Raum selbst gestalten zu können, denn viele Kolleg*innen, Arbeiter*innen, die nicht aus der Szene kommen, haben eine Hemmschwelle, Autonome Zentren oder ähnliche Orte zu betreten. Jede*r soll jederzeit reinkommen können.
Das V6 gibt es nun seit 2014 - am Anfang hätten wir gar nicht gedacht, dass wir das über 5 Jahre schaffen.

TERZ: Hattet ihr denn in Düsseldorf den Bedarf gesehen, dass es einen solchen Ort braucht?

D: Für uns war nie die Frage, ob die Leute Beratung brauchen oder Probleme auf der Arbeit haben, denn das ist überall der Fall. Die Leute sind heutzutage oft total isoliert auf der Arbeit. Wir haben bemerkt, dass die Menschen meistens nicht nur dieses eine Problem haben, sondern dann zum Beispiel auch die Miete nicht bezahlen können. Eine gewerkschaftliche Beratung ist auch eine psychologische. Viele Menschen brauchen Unterstützung dabei, ihre Würde zurückzubekommen, die sie jeden Tag auf der Arbeit verlieren.

Aljoscha: Das ist ganz wichtig, dass die Menschen merken, dass sie sich wehren und aus ihrer Ohnmacht herauskommen können.

TERZ: Wie ist die FAU-Szene in der Stadt und in der Region?

D.: Ich komme aus Spanien und kam erst zur FAU, als es das V6 schon gab. Mit anderen Spanier*innen hatten wir dort eine Gruppe – Marea Granate – und manche traten dann auch in die FAU ein. Durch das V6 kamen also einige Menschen zur FAU. Inzwischen haben wir in der Region auch Sektionen gegründet, in Mönchengladbach und Krefeld.

Aljoscha: Eine FAU-Szene gibt es nicht, wir kommen alle aus ganz unterschiedlichen sozialen und kulturellen Zusammenhängen. Wenn die Leute zu uns kommen, haben sie Probleme auf der Arbeit, wenn etwas nicht stimmt mit der Lohnabrechnung, wenn eine Frau entlassen wird, weil sie schwanger ist und so weiter. Und dann ist unsere Frage: Bist Du bereit, etwas mit uns gemeinsam zu unternehmen? Da kommt das Erbe des Anarchosyndikalismus dazu, d. h., wir organisieren uns auf eine ganz bestimmte Art und Weise, mit föderalen Strukturen, basisdemokratisch. Dazu müssen die Leute bereit sein, aber kein politisches Bekenntnis ablegen oder ein Programm unterschreiben.

D: Wir sind keine Beratungsfirma und keine Caritas. Wir sind eine Organisation, in der wir alle Mitarbeiter*innen sind.

TERZ: Wie ist denn Verortung in Düsseldorf? Seid ihr bei Streiks oder Arbeitskämpfen aktiv, die von anderen Organisationen oder Gewerkschaften geführt werden?

Aljoscha: Von außen mit der Fahne in schon bestehende Abeitskämpfe zu gehen, in die keine*r von uns involviert ist, das ist lächerlich, das machen wir nicht. Unser Ziel ist aber die kollektive Aktion. Wenn Einzelne zu uns kommen und ein scheinbar isoliertes Problem haben, ist die gewerkschaftliche Erstberatung nicht, wie beim DGB, zu erklären, wie sie allein damit fertig werden, sondern wir fragen: Wer arbeitet mit Dir? Sind die anderen in einer ähnlichen Situation? Kannst Du mit denen reden? Wollen sie vielleicht mit uns gemeinsam eine Strategie entwickeln, so dass wir uns kollektiv wehren? Häufig hören wir dann allerdings: Ja, aber die Kolleg*innen wollen sich nicht wehren, die haben Angst.

D: Es passiert oft, dass die Leute, die zu uns kommen, nicht für bessere Arbeitsbedingungen in einem Scheißjob kämpfen möchten, sondern eher gleich einen neuen Job suchen. Es kann zu Konflikten kommen, wenn Du Dich auf der Arbeit organisierst und wehrst, das führt zu Repressionen, unter denen die Menschen dann täglich leiden. Wir merken auch deswegen, dass diejenigen Bewegungen erfolgreicher sind, die außerhalb der Arbeit stattfinden, zum Beispiel die feministische Bewegung.

TERZ: In jüngeren Generationen fehlt vielleicht manchmal auch ein gewerkschaftliches Bewusstsein. Heute geht es ja viel um Identität, wie etwa in queerfeministischen Milieus. Die Identitätskategorie „Arbeiter*in“ ist aus der Mode, weil die Arbeitsverhältnisse sich stark geändert haben.

D: Die großen Gewerkschaften kümmern sich trotzdem nur um Arbeitsprobleme. Unsere anarchosyndikalistische Perspektive ist etwas anders: unser Ziel ist, die Gesellschaft zu ändern, es gibt für uns keine Trennung zwischen Arbeit und Politik. „Syndikat“ meint Schutzorganisation, aber für uns eben nicht nur, dass wir unsere Arbeitsplätze schützen.

Aljoscha: In Deutschland gibt es diese Ideologie der Gewerkschaften, dass man nur für ökonomische, aber nicht für politische Dinge streiken dürfe.

TERZ: Was habt ihr denn für den diesjährigen Frauenkampftag geplant?

D: Wie im letzten Jahr haben wir zwei Ideen für das V6: das Ladenlokal möchten wir für die Streikenden und für die Betreuung von Kindern zur Verfügung stellen. Der Gedanke dahinter ist, dass die Männer sich mit ihren Kindern mit anderen Männern dort treffen und austauschen können, während die Frauen auf der Demo sind.

Aljoscha: Wir hatten in den letzten Wochen Nachfragen von anderen linken Gruppen, ob wir denn die Kinderbetreuung in diesem Jahr wieder anbieten würden. Das wurde falsch verstanden: die Idee ist nicht, dass wir die Kinder betreuen, sondern, dass die Männer ihre eigenen Kinder betreuen, aber die Gelegenheit haben, untereinander diese Situation, aber auch das Thema Care-Arbeit und ihre Rolle zu diskutieren. Es ist heute immer noch völlig normal, auch bei vielen Linken, dass die Männer zu Plena oder Demos gehen und die Frau mit dem Kind mitkommt, aber früher geht, oder erst gar nicht mitkommt.

TERZ: Im Februar war Monika Kupczyk bei Euch zu Gast und hat von der „24-Stunden-Polin“ berichtet, von polnischen Frauen, die in Deutschland Alte und Kranke pflegen und neben Isolation und prekären Arbeitsbedingungen mit allen möglichen anderen Widrigkeiten konfrontiert sind. Habt ihr hier in Düsseldorf Kontakt zu polnischen Pflegerinnen? Kommen sie auch zu Euch in die Beratung?

D: Wir haben Kontakt zu vielen, die im Pflegesektor arbeiten, da die Arbeitsbedingungen dort schlecht sind und immer schlechter werden. Aber zu den Migrantinnen, die Care-Arbeit in privaten Haushalten leisten, haben wir noch keinen Kontakt, die leben in Parallelwelten. Die Unterschiede in der Gesellschaft werden immer größer.

Aljoscha: Wir zäumen jetzt das Pferd von hinten auf. Niemand von uns kann Polnisch, und wir wissen nicht, ob es zum Beispiel in Düsseldorf momentan Treffpunkte für polnische Pflegerinnen gibt. Wir möchten mit Hilfe von Monika erst einmal ein paar Sachen ins Polnische übersetzen und schauen, ob wir in den nächsten Monaten oder Jahren einen Kontakt bekommen.

TERZ: Was möchtet ihr den TERZ-Leser*innen noch mit auf den Weg geben?

D: Organisiert Euch! Egal wo, aber am liebsten in der FAU!

Aljoscha: Alle Dinge sind miteinander verwoben, wir wollen die Arbeit nicht getrennt vom restlichen Leben betrachten. Für uns ist die Gewerkschaft der Hebel, mit dem wir auch den Mietenkampf organisieren können. Wir haben die Fantasie, nicht mehr zu fragen: Was hält uns eigentlich davon ab, zu streiken, bis die Häuser denen gehören, die drin wohnen?

TERZ: Vielen Dank für das Interview!

FAUD-Lokal „V6“
Volmerswerther Straße 6
https://duesseldorf.fau.org