40 Jahre – ach was: 183 Jahre Kiefernstraße!

Die Kiefernstraße feiert ein rundes Jubiläum – 40 Jahre ist es her, dass im Sommer 1981 die ersten Nutzungsvereinbarungen mit dem Verein „Aktion Wohnungsnot“ ausgehandelt wurden. Die TERZ gratuliert recht herzlich und wirft gemeinsam mit den Macher*innen von kiefern.org einen bebilderten Blick zurück auf mindestens 183 Jahre bewegte Geschichte.

1910: Die Kiefernstraße ist bebaut

1898 wurde der „Düsseldorfer Spar- und Bauverein“ an der Flinger Straße als eingetragene Genossenschaft gegründet, um die damals bedrückenden Wohnverhältnisse und die soziale Lage der Arbeiter*innen durch solidarische Selbsthilfe nachhaltig zu verbessern. Aus dem Spar- und Bauverein wurde später die „Düsseldorfer Wohnungsgenossenschaft“ DWG, die auch heute noch viele der historischen Häuser u.a. an der Ruhrtalstraße verwaltet, und damit für bezahlbaren Wohnraum in Düsseldorf sorgt.

Schon fünfzig Jahre vor Gründung des Bauvereins zum Ende des 19. Jahrhunderts wurde die Düsseldorf-Elberfelder Bahn gebaut. Ihre Trasse lag ab 1838 auf der späteren Kiefernstraße, war gewissermaßen das Fundament für den Straßenverlauf. Ihren eigentlichen Namen gab es da aber gewiss noch nicht, lagen doch die Gleise bis in die 1880er Jahre dort. Erst nach ihrem Rückbau um die Jahrhundertwende wurde die Kiefernstraße als solche eingeweiht und dann bebaut. Mit dem „Spar- und Bauverein“ entstanden unter dem Architekten Fritz Hofmeister die Häuser No. 14, 16 und 18. Im Jahr 1910 steht dann die gesamte Kiefernstraße, bestückt mit Werkswohnungen der nahegelegenen Klöckner-Werke, die in der damals boomenden Stahlindustrie-Branche in Eisen und Draht machten.

1932: Denkt an die Kiefernstraße – der einzige Ausweg: Sozialismus

Keine 20 Jahre später setzte der Konzern viele seiner Arbeiter*innen auf die Straße, schmiss sie aus Betrieb und Wohnungen. Das Wort „Räumung“ ruft sicher sofort Bilder aus den 1980er Jahren wach, als täglich mit polizeilichen Zwangsmaßnahmen gegen die „Hausbesetzer“ zu rechnen war. Doch bereits vor knapp 90 Jahren waren der Kampf gegen kapitalistische Wohnungspolitik und Mieten-Ausbeutung ein entscheidendes Thema der Straße. Antworten gegen Wohnungsnot und Immobilienspekulationen waren Teil der Organisierung von Arbeiter*innen und sozialen Bewegungen.

Die kommunistische „Rote Kommune“, Wahlzeitung der KPD, berichtete am 4. November 1932 etwa davon, dass etliche Familien im Sommer 1932 von Zwangsräumungen bedroht waren. Konzernchef Peter Klöckner, der im Herbst des selben Jahres als Kandidat der rechts-katholischen Zentrumspartei für den Reichstag zur Wahl antreten wollte, warf die Zeitung vor, seine Arbeiter*innen zunächst zu entlassen und sie dann auch noch mit Strafgeldern und Zwangsräumungen zu belegen, wenn sie die Miete für die Werkswohnungen nicht mehr bezahlen konnten. Im August setzten sich die Bewohner*innen der Klöckner-Wohnungen zur Wehr. Als trotz aller beim Wohlfahrtsamt eingereichten Unterstützungsgesuche Möbelwagen und bewaffnete Polizei zur Zwangsräumung anrückten, sperrten sich die Mieter*innen. Vor der Metzgerei auf der Kiefernstraße verteilten einige Frauen den Schupos Ohrfeigen, einem Beamten riss ein Arbeiter die Schulterstücke von der Uniform – im Niederfallen während des Handgemenges. Gegen fünf Arbeiter*innen verhängte die Staatsanwaltschaft Zuchthausstrafen, die Direktion der Klöckner-Werke hatte für eine scharfe Anklage gesorgt, unterstützt von ihrem Juristen, den die „Rote Kommune“ als „Nazihäuptling“ beschrieb.

Ihren Artikel zur Wohnungsnot auf der Kiefernstraße schloss die KPD-Zeitung mit dem Überblick, dass am Oberlandesgericht in Düsseldorf rund 15.000 Räumungsklagen anhängig seien. „Immer frecher“ würden zugleich die „großen Hausbesitzer“, wenn sie „alle Hebel in Bewegung setzen [würden], um das Elend der werktätigen Mieter zu vergrößern.“ Doch mit einer neuen Gesellschaftsordnung stehe eine geeignete Antwort bereit – in geeinter Front des Proletariats.

1981: Kampf um den Erhalt der Straße

1975 wurde das Klöcknerwerk stillgelegt und die Wohnungen von der Stadt gekauft. Anfang der 1980er Jahre gab es in ganz Deutschland Widerstand gegen Wohnungsnot, Leerstand und Stadtzerstörung. Auch in Düsseldorf waren viele Häuser besetzt und es gab Demonstrationen gegen die Wohnungspolitik der Stadt und die Hausräumungen durch die Polizei (TERZ 6.2017).

Um den Druck vom Kessel zu nehmen, übergab die Stadtverwaltung im Sommer 1981 dem Verein „Aktion Wohnungsnot“ auf der Kiefernstraße in 4 Häusern 50 Wohnungen, die mit Nutzungsverträgen ausgestattet waren. Sie kündigte an, dies im September 1981 zu wiederholen. Als dies nicht eingehalten wurde, wurden im Herbst in 4 Häusern weitere 50 Wohnungen besetzt.

Die Stadt brach nach Verhandlungen den Kontakt zur Aktion Wohnungsnot ab. Der Verein löste sich nach und nach auf und eine Selbstorganisation über Hausversammlungen und Straßenplenen begann.

1986: 800 Polizisten in der Kiefernstraße

1986 war ein anstrengendes Jahr in der Geschichte der „Kiefern“. Nach der Festnahme von RAF-Mitglied Eva Haule und zwei Leuten aus Düsseldorf in einer Eisdiele in Rüsselsheim gab es Terrorvorwürfe gegen Bewohner*innen der Straße.

Konservative Politiker*innen sprachen im Landtag von „einer Spur des Terrorismus in der Kiefernstraße“ und verlangten eine umgehende Räumung, am besten der gesamten Straße.

Im August führten 800 Polizist*innen und 80 Staatsanwält*innen mit gepanzerten Fahrzeugen, Bussen und Mannschaftswagen über viele Stunden eine Razzia in den Häusern durch, riegelten die Straße hermetisch ab, brachen Wohnungen auf und suchten Beweismittel für Anschläge und Anschlagsplanungen. Gefunden wurde letztendlich nichts.

Den Ermittlungsbehörden, die ohne Beweise dastanden, half vor Gericht dann aber u. a. ein „Schriftgutachter“, der wegen seiner dubiosen Arbeitsweise aus seiner eigenen Berufsorganisation geworfen worden war.

Mit seiner Hilfe wurden angebliche Zusammenhänge konstruiert und einige Freund*innen wanderten für viele Jahre ins Gefängnis.

2021: Was bringt die Zukunft?

Für 60 Millionen Euro kaufte der Projektentwickler Cube Real Estate im September 2017 ein Areal zwischen der Erkrather Straße, der Kiefernstraße und dem B8-Center. Neben einem Hotelkomplex wurden 150 hochpreisige Mikroappartements geplant. Solche Projekte passen zwar nicht in den Stadtteil, erzielen aber bei einem Weiterverkauf an Investmentfonds oder Hotelketten hohe Renditen.

Mit Unterschriftenlisten, Flugblättern, Plakaten, Protestaktionen, mit Demonstrationen und mit noch mehr Diskussionen erstritten die Aktivist*innen eine Bürgerbeteiligung in der „Planwerkstatt 387“ und letztendlich eine Veränderung der Planung nach Wünschen und Bedürfnissen der Bewohner*innen, Mieter*innen und Nutzer*innen des Quartiers.

Am 28. März 2021 wurde die Planwerkstadt Düsseldorf e.V. als Verein gegründet, um zumindest den Versuch zu wagen, einen Teil des Geländes in Eigenregie mit dem „K22“ zu bebauen.

In diesem Zentrum soll es mit einem öffentlichen Wohnzimmer, mit Werk- und Seminarräumen möglich werden, zu lernen, solidarische Nachbarschaft zu leben, Erfahrungen zu teilen und an urbanen, gesellschaftlichen Transformationsprozessen mitzuarbeiten.

Die große Party fällt aus, es lebe die kleine Party! Wegen der Pandemie muss ein großes Geburtstagsstraßenfest leider ausfallen – dennoch werden Aktionen im kleinen, aber feinen Rahmen stattfinden. Ab dem 21. August bis zum 5. September wird das Jubiläum mit Ausstellungen, Rundgängen, Wandmalaktionen, Filmen, Projektionen, Spontankonzerten und Dokumentationen zur Geschichte der Straße und ihrer Bewohner*innen begangen. Für Details steht ein jeweils aktuelles Programm zur Verfügung unter: https://kiefern.org

Für die Bereitstellung der Fotos, vieler Texte zur Geschichte der Kiefern­straße und für einen schönen Abend im Park danken wir den Macher*innen von kiefern.org – Eure Rückblicke und Ausblicke sind großartig, Eure Homepage ist eine Fundgrube an Erinnerungen und Geschichte(n)! Danke und „Happy Birthday“ zu einem von vielen Geburtstagen der Kiefernstraße – old but beautiful!


Ausstellung und Rundgänge: 183 Jahre Kiefernstraße – „Von der Eisenbahntrasse zum staatlich anerkannten Unruheherd“

Im Rahmen des #kieferngoes40 Jubiläum vom 21. August bis 5. September 2021 und des Straßenfestes des Kulturzentrums zakk am 5. September 2021 gibt es eine Ausstellung und einen Rundgang zu der alten und neuen Geschichte der Kiefernstraße. Diese Führung dauert ca. 1 Stunde und findet unter der Leitung von Kaspar Michels von der Initiative „FlingerPfad“ statt. Die Spurensuche versucht, an 10 verschiedenen Terminen eine 183 Jahre alte Industriegeschichte sichtbar zu machen, die den Stadtteil bis heute prägt. Eine Anmeldung ist notwendig!
Im August und September 2021 sollte es unter den dann gültigen Corona Regeln und mit begrenzter Teilnehmer*innen-Zahl möglich sein, sich auf diese Spurensuche zu begeben.

Treffpunkt zum Beginn der Führung ist jeweils an der Fichtenstraße, Hausnummer 2:

27. August 2021 16:00 Uhr
28. August 2021 14:00 Uhr und 16:00 Uhr
29. August 2021 14:00 Uhr und 16:00 Uhr
03. September 2021 16:00 Uhr
04. September 2021 14:00 Uhr und 16:00 Uhr
05. September 2021 14:00 Uhr und 16:00 Uhr
kostenlos anmelden unter: stadtteilfuehrung[at]zakk[dot]de


Mittagstisch & Brausebad, Kulturbuerau und nix Besonderes

„Kiefernstraße romantisch“? Das wäre wohl die oft wiederholte Erzählung von der Straße als Begegnungsort. Manche würden es „Kitsch“ nennen, andere ergänzen, dass es auch Stress und Auseinandersetzungen gab und gibt „auf der Straße“. Warum sollte es auch anders sein?

Festgehalten werden in der Erinnerung für gewöhnlich ja die besonderen Momente. Parties und Konzerte im AK 47, Straßenfeste vom Bauwagenplatz bis zur Fichtenstraße. Polizeigewalt, Razzien und Widerstand, jede Bullenwanne, die sich die Reifen an der doppelten Bordsteinkante plattfuhr. Plena-Highlights und Vertragsverhandlungen mit der Stadt.

Für all dies - und noch für mehr - ist die Homepage https://kiefern.org eine Fundgrube. Hier finden wir etwa die Bildergalerie zum dokumentarischen Fotoprojekt „24 Std“ von René Bonsink. Am 9. Mai 1985 machte er das erste Porträt eines Passanten. Punkt 12 Uhr. Ein Lachender, die Hände in den Taschen. Um 12 Uhr, vierundzwanzig Stunden später, schließt ein Foto von der regennassen Straße die Serie ab - ein leerer Bürgersteig. Dazwischen im Minutentakt Menschen, Fahrräder, Haustiere und Arbeitskoffer, Straßenkehr-Karren und Schlaghosen, Iros und Geschwister, Trinkerinnen und Schulkinder. Ein Mensch auf dem Weg zur Arbeit, ein Mensch auf dem Weg nach Hause. Paare und Passant*innen.

2015 wurde die Fotoserie ausgestellt im Kulturbuereau K4 - auf der Kiefernstraße in der Hausnummer 4. Wo Ricardas Büdchen war, ein Lebensmittelladen, die Speisenwirtschaft der Familie Allekotte - mit Frühstücksstube und Brausebad. Das Nach- und Gleichzeitige der Bilder und des Ortes, der bis heute ein Treffpunkt und ein Platz ist, an dem das Selbermachen jedes Zögern überspringt, sind für sich ein kleines Denkmal. Unkompliziert und in der kleinen Geste, als Fingerzeig auf die Vergangenheit, die manchmal auch einfach nix Besonderes ist.

Wer sich in die Zeitgeschichte der Straße versenken mag, wird mit der Homepage kiefern.org ein wachsendes Gedächtnis und Archiv zur Seite haben. Und die 80er klopfen an und fragen, was es morgen zu erleben gibt.