TERZ 01.26 – NOISE OF ART
Die Ausstellung im K21 der Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen präsentiert menschliches Zusammenleben auf vielschichtige und außergewöhnliche Art.
Bereits im Schwanenspiegel-Park wird ein besonderes Kunstwerk sichtbar, das die in NRW lebende kurdische Künstlerin Havîn Al-Sîndy mit ihren Händen erbaut hat: eine Hütte aus Lehmziegeln, die an ihr Elternhaus in der Autonomen Region Kurdistan im Irak erinnern soll. Das Häuschen enthält einen Raum, den Al-Sîndy so nachgebaut hat, wie ihr Bruder sich daran erinnert. Am Eingang des Ständehauses findet sich ein weiteres Werk von Al-Sîndy, ein Tor aus Lehm, das ebenfalls früher in Kurdistan im Nordirak stand. Haus und Tor stellen gemeinsam eine Skulptur dar. Die kleine kurdische Schrift auf dem Tor bedeutet: „Hier sind alle willkommen.” Später in der Ausstellung finden wir noch weitere Werke der Künstlerin, zwei große Nieren, auch sie hauptsächlich aus Lehm, aber mit einem Geräusche produzierenden Innenleben und filigranen, kabelartigen Anhängseln, die an Blutgefäße und Harnleiter echter Nieren erinnern.
Es lohnt, sich einer Führung durch die Ausstellung anzuschließen. Denn es ist nicht immer so einfach, den Sinn hinter den äußerst vielseitigen Exponaten und Installationen zu erkennen. Die Geschichten, die sie erzählen, sind es auf jeden Fall wert, ergründet zu werden. Insgesamt gibt es viel zu lernen und zu entdecken, Bekanntes und bisher Unbekanntes begegnet, berührt und fasziniert die Besucher*innen.
Die Ausstellung nimmt auch den Boden, auf dem das Museum steht – geografisch wie historisch – in den Blick. Ausgehend von der Vergangenheit des Hauses, das früher ein Parlament war, der Landtag von NRW, bis dieser 1988 in den Bau am Rheinknie umzog. Hier entschieden Volksvertreter*innen, wie man Land und Ressourcen nutzt und teilt. Darum geht es hier, um Wohnen, Besitzen, Bewahren und Teilen. Um Zerstören und Aufbauen.
Land, Kohle, Wald, Häuser, Wasser, Energie und Geld, Krieg, Vertreibung, Flucht und die Zerstörung der Natur werden thematisiert, ebenso wie Wiederaufbau, Regenerieren und Weitermachen. Gezeigt werden die Macht des Staates und die Macht von Kollektiven, die eigene Ressourcen aufbauen und pflegen. Die Werke führen nach Brasilien, Peru, Kongo, Japan, China, Vietnam, Sri Lanka, in den Nahen Osten und zurück nach Düsseldorf.
34 internationale Künstler*innen und Kollektive präsentieren unterschiedliche Formen der Verwaltung von Ressourcen – von indigenen Wirtschaftsweisen über kollektives Eigentum bis hin zu utopischen Blockchain-Projekten.
Kolja Reichert, der leitende Kurator für das Düsseldorfer Landesmuseum K21, hat in jahrelanger akribischer Arbeit ein vielfältiges Projekt entwickelt. Eine „disparate Versammlung von Perspektiven“, wie er es formuliert. Eigentlich ist es fast nicht möglich, alles, was hier präsentiert wird, bei einem einzigen Besuch zu erfassen, vom Souterrain bis unter die gläserne Dachkuppel des Ständehauses verteilen sich die Arbeiten, manche sind raumfüllend. Alleine den auf eine 20 Meter lange Leinwand gemalten Ausschnitt von Pieter Bruegels Werk „Triumph des Todes“ kann mensch lange und intensiv betrachten. Alex Wissel bemalte die Leinwand für ein Bühnenbild des Schauspiels Köln. Das Monsterbild dominiert die offene Gestaltung des K21 wie eine allgegenwärtige Düsternis, von jeder Etage der Arkadengänge aus betrachtbar, immer wieder aus einer anderen Perspektive. Die dystopische Wüstenei, die Bruegel 1562 auf die Leinwand brachte, geprägt von Kriegserlebnissen und Pestausbrüchen, ist bevölkert von Skeletten, die mit grausamen Waffen Menschen jagen und töten. Abstruse Apparaturen, Kriegsgeräte zu Land wie zu Wasser, zeigen Zerstörung und Untergang.
Neben der oben schon erwähnten Havîn Al-Sîndy sind unter anderem Arbeiten und Projekte von Maria Thereza Alves (die brasilianische Künstlerin pflanzte vor dem Museum einen Kornelkirschen-Baum), Asche Lützerathi (otherhosted by Sybling – JP Raether & Sarah Friend), Joseph Beuys, AA Bronson, Johannes Büttner, Cercle d‘Art des Travailleurs de Plantation Congolaise (Künstler*innenbund Kongolesischer Plantagenarbeiter*innen, CATPC), Liu Chuang, Mierle Laderman-Ukeles, Ai Weiwei, Andreas Gursky, Christopher Kulendran Thomas und Alex Wissel zu sehen.
Was findet mensch hier alles? Einen auf die Wand im Souterrain projizierten Wald in Sri Lanka, der nach einem blutigen Bürgerkrieg zwischen dem Staat und tamilischen Freiheitskämpfer*innen gesperrt wurde. Christopher Kulendran Thomas, dessen Familie vor der Gewalt fliehen musste, hat mit KI rekonstruiert, was zerstört wurde. Seine beeindruckende Videoinstallation „The Finesse“ wird von Influencerin Kim Kardashian kommentiert, mit einer ebenfalls künstlich generierten, also gefälschten Stellungnahme: „Nichts kann dich beschützen, wenn das Narrativ gegen dich ist.“
Von Wald und dessen Zerstörung handelt auch die Fotografie, die Andreas Gursky 2023 bei der Räumung des Protest-Camps in Lützerath machte. Die Baumhäuser der Aktivisti sind ebenso wie die Bäume längst Geschichte, die sich kürzlich im Sündenwäldchen bei Kerpen wiederholte.
Chris Reinecke protestierte 1968 gegen Mietwucher – auch so eine never ending story –und erklärte den Hofgarten zum Gemüsegarten. Nebenan veranschaulichen frühere Bilderserien des heute 87-Jährigen Fotografen Boris Mikhailov die bittere Armut in der Ukraine nach der Lösung von der Sowjetunion, wo inzwischen, seit dem im Februar 2022 von Russland begonnenen Krieg, neben Armut noch ganz andere Probleme herrschen.
Kurioses gerade zur Schokolade-lastigen Advents- und Weihnachtszeit (die im Januar bis Ostern pausiert) bieten die markanten afrikanischen Skulpturen, die nach Schokolade duften und aus Kakaomasse hergestellt wurden. Die Lehm-Entwürfe stammen vom Künstlerbund Kongolesischer Plantagenarbeiter (CATPC), einem 2014 gegründeten Kollektiv, das in diesen Zeiten von Schuldanerkennung und Sühne allenthalben medienwirksam eingeladen wird. Von Honoraren und Verkaufserlösen kauften die Autodidakt*innen bereits 400 Hektar Land zurück, Schauplätze von Ausbeutung und Monokultur unter anderem durch den Anbau von Kakao (was den Bezug zum Material Noise of Art
Schamanin Grace Ndiritu, eine Engländerin mit kenianischen Wurzeln, glaubt, dass Museen im Sterben liegen, sie sollten zu Orten kollektiver Besinnung gemacht werden. Deshalb sollte mensch sich die Schuhe ausziehen und in einem „Protest Room“ eine aufsässige Meditation versuchen. Auf einem Laufsteg werden zudem Kostüme eines „Pflanzentheaters für Pflanzenleute“ gezeigt, die in einem Workshop in Schottland entstanden und zu einer lustigen Demo führten.
Auch die „Mutter der Social-Practice-Kunst“, Mierle Laderman Ukeles, wird mit etlichen Fotos präsentiert, die sie bei ihren Shakehand-Aktionen in New York zeigen. Sie schüttelt Care-Arbeitenden wie Müllwerker*innen, Straßenreiniger*innen die Hand, sie würdigt die Arbeiter*innen, die mit ihrem Einsatz das tägliche Leben aller überhaupt erst ermöglichen.
„Bettfrieden“ stellen zwei Figuren aus Stein und Erde in Menschenform dar, vom Japaner Shimabuku auf weiße Laken platziert – mit einem kleinen Hinweis auf die Aktionen von John Lennon und Yoko Ono, die 1969 mit einem „Bed-In“ für den Weltfrieden warben. Die Originale konnten wir im Frühjahr 2025 im K20 betrachten, das Yoko Ono die Ausstellung „Music of the Mind” widmete. Endlich erreichen wir die Kuppel des K21 und finden hier den Teil eines Werkes vor, das im Original sogar noch viel umfangreicher ist. Acht große weiße Paneele des in New York lebenden Schweizers Ugo Rondinone sind hier zu bestaunen, bestückt mit unzähligen Werkzeugen und Alltagsgegenständen, von Auswandernde aus dem 19. Jahrhundert, als Hommage an seine aus Italien stammenden bäuerlichen Vorfahren. Er vergoldete die Gebrauchsgegenstände und arrangierte sie auf den Paneelen als Kostbarkeiten. „Das Alphabet meiner Mütter und Väter“ nannte er seine Arbeit, daher 26 Paneele, hier ist jedoch nur Platz für acht. Kostbar waren die Gegenstände einmal, essentiell zum Leben und nur schwer zu ersetzen, lange bevor die Wegwerfgesellschaft Einzug hielt.
„Grund und Boden – Wie wir miteinander leben.“ Zu sehen bis 19. April 2026 im K21 Düsseldorf, Ständehausstr. 1. Geöffnet Di.-So. 11 bis 18 Uhr. Eintritt: 14 Euro, frei für Jugendliche bis 18 Jahre. An der Kasse erhältlich ist eine Karte, die durch Haus und Park führt und verständliche, erklärende Texte enthält.
Aufgrund eines Zuschusses der Deutschen Postcode Lotterie ist der Eintritt an jedem Freitagnachmittag von 15 bis 18 Uhr für alle frei.
Christine
Aktionstage:
#2: Wohnen, 07.02.26, 11-18 Uhr
#3: Pflanzen, 18.04.26, 11-18 Uhr
https://kunstsammlung.de
Quellen: Ddorf-Aktuell - Internetzeitung Düsseldorf https://ddorf-aktuell.de , K21